Stimmung: Erstarrt
Musik: -
(c) Michael Werner Nickel/pixelio
Soeben las ich in der neuen EMMA zwei Artikel über die Massenvergewaltigungen der letzten Kriegstage 1944/1945, unter deren Folgen die Opfer zum Teil noch heute leiden. Da die Deutschen als 'Volk der Täter' galten, wurden diese Traumatisierungen lange Zeit tabuisiert. Chantal Louis berichtet über das 'Lebenstagebuch'-Projekt, das den betroffenen Frauen dabei helfen soll, ihr Lebenstrauma zu verarbeiten. Außerdem wurde ein gekürzter Auszug aus einem Buch von Ingo von Münch abgedruckt ('Frau, komm!' Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/1945). Beide Artikel waren erschütternd.
"Jede der Frauen wurde durchschnittlich 17 mal vergewaltigt. 'Das ist aber eben nur der Durchschnitt. Eine Frau zum Beispiel fiel ihren Vergewaltigern 70 mal zum Opfer.' Die jüngste Vergewaltigte war sieben Jahre alt." (Das vererbte Trauma, EMMA 02/2010)
"Für den von ihr gedrehten Film, der die Grundlage für das spätere Buch 'BeFreier und Befreite' bildet, hatte eine Marline von Werner ihrer Vergewaltigung geschildert. Dazu Helke Sanders: 'Jedes Mal bin ich wieder neu ergriffen von Marline von Werner, die beschreibt, wie der junge russische Vergewaltiger auf ihr einschläft und sie erkennt, dass er noch ein Kind ist und sie dann beginnt, ihn zu streicheln.'" (Verdiente Strafe für die Frauen der Täter?, EMMA 02/2010)
"Andrzej Szczypiorski, der polnisch-jüdische Schriftsteller, der nach dem Aufstand in Wahrschau 1944 in ein KZ deportiert worden war, erzählt in seinem 'Selbstportrait mit Frau' (...): 'Als der Franzose fertig war, begann der Holländer. Und als der Holländer fertig war, begann der Ukrainer. Und als der Ukrainer fertig war, begann der Pole. Und dann der zweite Pole. Und dann der Zigeuner. Und dann wieder ein Zigeuner. Und dann die anderen und noch andere und noch andere. Und am Ende, als die Frau aufgehört hatte zu atmen und ihr Körper mit dumpfem Gepolter aus der Kate gefallen war, nahmen die anderen die zweite Frau, die zunächst schrie und weinte, bettelte und fluchte, vielleicht sogar zu ihnen betete, als hätte damals irgendwer auf der Welt an Gott geglaubt und an die steinernen Tafeln, und das dauerte lange, bis alle außer mir und einem sterbenden alten Juden, der immerzu weinte, ihren Samen abgegeben hatten. - Die zweite Frau überlebte, sie lag später schweigend unter dem Fenster, das Mondlicht auf ihrem Gesicht wie der Verband auf einer Wunde, ihre Augen weit geöffnet und blind, die arme Deutsche, die arme deutsche Frau der letzten Kriegstage, der arme Mensch." (Verdiente Strafe für die Frauen der Täter?, EMMA 02/2010)