Stimmung: Hin und her gerissen
Zwei Seelen wohnen, ach!, in meiner Brust. Die eine ist meine Schwesternseele, die andere die der Geliebten. Seit gestern ist es offiziell: Mein Liebster wird in acht Tagen zu mir kommen und dann voraussichtlich den größten Teil des Sommers hier verbringen. Nach all den Wochen des Sehnens und Wartens freue ich mich natürlich riesig, ihn bald wieder in die Arme schließen zu dürfen, und die Aussicht auf eine längere Zeit des Miteinanders bedeutet mir sehr viel. Doch alles hat seinen Preis und es gibt einen Wermutstropfen in diesem heiteren Glück: Meine Schwester, die ein Zimmer bei mir hat, wird sich in den kommenden Wochen wohl wieder verstärkt zu meinen Eltern zurückziehen. Es ist ihr einfach zu eng, wenn drei Menschen sich in unserer Wohnung drängen, und sie fühlt sich unbehaglich, wenn mein Freund längere Zeit da ist. Ich kann es ihr nicht verdenken. Auch ich wäre sicher nicht begeistert, wenn sie wochenlang eine dritte Person bei uns einquartieren würde - obgleich ich mehr Gefallen an gemeinschaftlichem Miteinander finde als sie. Doch unsere Wohnung ist nicht allzu groß und es gibt kaum Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen. Die Räume sind ziemlich hellhörig, so dass es schwer ist, sich wirklich zurückzuziehen.
Nun wäre das alles kein allzu großes Problem, wenn die Dinge so lägen wie immer. Meine Schwester war in all den Monaten meist nur zwei oder drei Tage in der Woche in München, fühlte sich hier nie wirklich heimisch und kam fast nur her, wenn sie berufliche Verpflichtungen hatte. Doch in letzter Zeit gerät einiges bei ihr in Bewegung. Heute Abend sagte sie mir, dass sie zum ersten Mal, seit wir beide in dieser Wohnung wohnen, wirklich Lust hätte, auch einmal für längere Zeit hier zu sein, und ihr gerade sehr nach einem gemeinsamen "Schwesternsommer" wäre. Auch ich spüre die große Harmonie, die zwischen uns beiden herrscht, und freue mich sehr darüber. Doch der Besuch meines Freundes lässt sich nun einmal nicht verschieben (abgesehen davon, dass ich das auch auf keinen Fall wollen würde).
Da stehe ich nun mit meinen beiden Seelen. Ich stecke nicht wirklich in einem Entscheidungsdilemma, denn die Entscheidung ist klar: Da ich so wenig Gelegenheit habe, meinen Liebsten zu sehen, sind mir die Tage, an denen wir zusammensein können, natürlich besonders kostbar und ich will nicht darauf verzichten. Das versteht meine Schwester und sie hat nicht einen Augenblick deswegen gemurrt oder mir Vorhaltungen gemacht. Eine nachhaltige Trübung unseres positiven Verhältnisses ist derzeit nicht zu befürchten. Aber leicht ist es nicht für sie, das spüre ich ganz deutlich. Es tut mir so leid, dass ich sie quasi jedes Mal, wenn mein Liebster zu Besuch komme, aus unserer Wohnung verjage, und obwohl ihr einsiedlerisches, eigenbrötlerisches Wesen sicher seinen Teil dazu beiträgt, fällt es mir doch jedes Mal schwer, mit dieser Zwickmühle konfrontiert zu werden.
Nun hoffe ich natürlich, dass ich nicht vollends zwischen Schwarz und Weiß wählen muss, dass sich Lösungen finden lassen und es Kompromisse geben wird, mit denen alles Beteiligten gut leben können. Allerdings ist mir klar, dass das nicht einfach wird.