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10.05.2013 um 00:40 Uhr

Obdachlos

von: Paulinchen   Kategorie: Tagebuch

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich dachte, ob du das könntest? Könntest Du in einer solchen Situation die Tür weisen?

Ich kann mich gut erinnern, als Dany ihren damaligen Freund die Tür wies. Es war ungefähr die gleiche Situation wie beim Miststück. Er war auch alkoholkrank, unbelehrbar. Sie schmiss ihn raus, und es war vorbei. Er wusste nicht wohin, egal. Bei ihr kam er nicht mehr rein. Als Sozialarbeiter anriefen, lehnte sie ab. Das Thema war für sie erledigt. Ich bewunderte das fast. Kann man das so einfach?

Nie soll man nie sagen. Nie weiß man, was einen noch so erwartet. Wer denkt, dass passiert mir nicht, muss vielleicht irgendwann man einsehen, es passiert doch. Unglück haben doch nur die Anderen. Krankheit trifft nur die Anderen.

Das ist vermessen und betrifft doch uns alle.

Ich weiß nicht, aber wir leben in einer Gesellschaft, in der es den Meisten relativ egal ist, wie es Anderen geht. Solange es einen nicht selbst betrifft, ist das egal.

Oft hört man, das kann man doch nicht tun. Das können DIE doch nicht tun. Da wird Familien mit Kindern der Strom abgestellt, egal. Das Wasser, egal. Ja, es ist traurig, aber was will man machen, schließlich haben die doch nicht bezahlt. Die Versorgungsunternehmen müssen doch im Interesse der zahlenden Kunden handeln. Es kann einem natürlich nicht passieren, dass man selbst mal in die Lage kommt, nicht zahlen zu können.

Es geht schneller als man denkt.

Lange Rede, kurzer Sinn. Das Miststück ist jetzt obdachlos.

Letzte Woche nächtigte er noch bei irgendeinem Kumpel, betrank sich, es war egal, was der Bruder zwischenzeitlich in der Wohnung trieb. Er räumte den Rest raus. Tags darauf, das Miststück hat sich mehrfach bei der Polizei erkundigt, ob er denn seinen Bruder in die Wohnung lassen muss. Natürlich muss er nicht. So handelte er am Freitag dann wohl auch. Er ließ ihn vor der Tür, der Bruder holte einen Schlüsseldienst, die Polizei. Es wurde das Schloss gewechselt. Ihm wurde die Tür gewiesen, er musste die alten Schlüssel abgeben. Die anderen Mieter wurden informiert, dass er nicht mehr ins Haus darf. Klar sagte die Polizei: „Das dürfen Sie eigentlich nicht. Wenn die Wohnung erst zum 31. Mai gekündigt ist, können Sie Ihren Brüder nicht heute schon aus der Wohnung werden.“ Das war es dann auch. Er macht das trotzdem und gut.

Aus der Sicht des Bruders ist das auch nachvollziehbar. Das Miststück hat auf Zeit gespielt und nicht unternommen. Sie haben sich gegenseitig darin übertroffen, das Mobiliar unter die Leute zu bringen oder wegzuwerfen. Was der Eine nicht kaputt machte, machte halt der Andere. Die Wohnung ist nun wahrscheinlich geräumt, alles, aber auch alles steht auf dem Sperrmüll. Um viele der Möbelstücke ist es wirklich schade. Es haben sich keine neuen Nutzer gefunden bzw. hat das Miststück denn das eine oder andere Stück noch zerstört, damit es sein Bruder nicht bekommen konnte.

Er stand auf der Straße. Es war ihm wohl gar nicht bewusst, was dort passierte. Er sagte am Wochenende zu mir, irgendwann würde es sein Bruder schon bedauern, da würde die Einsicht schon kommen. Warum? Ich habe da meine Zweifel.

An diesem bewussten Freitag telefonierten wir zwar, aber ich ließ ihm klar wissen, ich habe keine Lust, ihn rein zu lassen. Und natürlich hatte er getrunken, mehr als genug. War er die Woche davor nicht trocken? Bestand nicht da die feste Absicht, nie mehr Alkohol? Er hätte noch so viel zu tun und möchte sich nicht mehr selbst „einschließen“.

Er nächtigte diese Nacht dann wieder bei einem Kumpel, der mir nicht bekannt ist. Im gleichen Hause wohnt auch die Dame, die ich zu seinem Geburtstag kennen lernte.

Am Samstag rief mich dann mein ehemaliger Nachbar an. Da er schwul ist, nenne ich ihn dem Klischee entsprechend mal Detlef. Er hat das Miststück gesehen, der sähe furchtbar aus. Er hat ganz  viele Wunden auf dem Kopf, die auch ärztlich versorgt wurden, die noch bluten. Er kann kaum laufen. Er sieht aus, als ob ihn jemand jämmerlich verprügelt hätte. Das bestritt er aber.

Wie dem auch sei. Ich rief ihn an, er kam vorbei und war das Wochenende hier. Er sah wirklich so aus, als ob er jämmerlich verprügelt wurde. Er hatte, ich bin kein Mediziner, bestimmt eine Gehirnerschütterung. Er hatte Schmerzen. Überall am Kopf, auf dem Kopf, an den Händen  Risswunden (?), von einem Sturz mit dem Fahrrad Wunden am Knie- Es war ihm schlecht, Schmerzen am Halswirbel.

Er sei bei dem Kumpel die Steintreppe runter gefallen. Das hat ihm der Arzt wohl nicht wirklich geglaubt, Detlef und ich auch nicht. Die Dame rief an, sie bestätigte dann, dass er wohl eine Steintreppe runter gefallen sei. Das war nachts, gegen morgen bekamen der Kumpel und sie das mit und riefen den Notarzt. Im Krankenhaus bleiben wollte das Miststück natürlich nicht!

Noch einmal könne er aber bei dem Kumpel nicht übernachten.

Am Montag musste ich zur Arbeit. Und er musste gehen. Ich habe ihm nicht erlaubt, hier zu bleiben. Er hat auch nicht gefragt, ging wohl aber davon aus, dass ich es ihm nicht verwehren würde. Meine Gründe dafür habe ich. Detlef hat sogar gesagt (sicher nur zu mir), ich müsse mich nicht rechtfertigen. Das ist Selbstschutz. Ich hätte auch genug für ihn getan.

Es gibt hier in der Nähe ein so genanntes Nachbarschaftszentrum. Dort kann man sich u. a. in Notlagen beraten lassen. Dort war das Miststück, denn ich hatte die Telefonnummer auf meinem Display und dort zurück gerufen. Die Dame, ich erreichte sie erst am Dienstag, wollte wissen, ob ich eine Bleibe für das Miststück habe. Ansonsten bliebe nur das Obdachlosenheim (Wolfgangsstift).

Dort ist er nun. Am Dienstag hat er sich polizeilich umgemeldet, Detlef hat ihn zufällig in der Stadt getroffen. Auch Nessi hat ihn gesehen, denn in der Nähe ist der Friseur, bei dem Nessi nebenbei arbeitet. Wir haben telefoniert. Es geht ihm nicht gut. Sein Bruder (!) hat ihm Klamotten gebracht. Er möchte, dass ich ihn besuche oder umgedreht. Ich lehne beides ab. Endstation?

Heute hat er mir gesagt, er möchte unbedingt zum Entzug. Man staune. Er hat sogar Polizei, Notruf und die Station angerufen, aber niemand wollte ihn dort hinbringen. Warum auch? Das sind ja keine Taxiunternehmen. Das Geld ist alle, man ahnte es. Am Ende des Geldes ist soviel Monat über, das kennen wir ja (fast) alle.

Es ist traurig. Mir ist das nicht einerlei. Aber was hätte ich machen sollen? Wenn ich darüber nachdenke, dass es wahrscheinlich gar keine Lösung gibt, weil das Geld für Wohnung, Kaution, Möbel gar nicht zur Verfügung steht, wird mir angst und bange.

Ist ihm die Situation nun bewusst? Nun ja, er versteht auf jeden Fall nicht, dass ich ihm nicht mehr geholfen habe. Ich war nicht bereit, ihn auf zu suchen, nicht bereit ihn auf zu nehmen. Das waren seine Worte, wenn auch nicht zu mir.

Und wenn man es wörtlich nimmt, hat er ja Recht.

Am Dienstag hatte ich dann unverhofften Besuch. Bea, meine holländische Bekannte, rief an und kam auf ein Glas Wein vorbei. Sie verabschiedete sich aber schnell wieder. Weswegen darüber kann ich nur Mutmaßungen anstellen. Sie hat einen Teil dieser ganzen Telefonate, mit Nessi, mit Detlef mit bekommen. Ich habe ihr dann den Sachverhalt erklärt. Im Übrigen kann sie gar nicht nachvollziehen, wie ich hier in der kleinen Wohnung lebe, was ich dort den ganzen Tag mache. Das wäre ihr nichts.

Ich bin gespannt, ob ich wieder von ihr höre.

Als Randnotiz: Mein Blutdruck war trotz Medikamente zu hoch. Ich war beim Arzt wegen der Befunde der Darmspiegelung. Diese haben dann eine Entzündung ergeben, das wusste ich ja schon. Ich erhielt einen Krankenschein. Es wurde noch eine Untersuchung vorgenommen, den Befund gibt es dann nächste Woche. Die Maßnahme des Jobcenters wurde beendet, da ich ja länger als sechs Wochen arbeitsunfähig bin. Ich war 1,5 Tage auf „Arbeit“ und bin nicht böse darüber, dass es vorbei ist. Das Geld hätte ich allerdings gut gebrauchen können. Mein Staubsauger gab den Geist auf, das Miststück hat erst einen entsorgt. Aber ob das wenige Geld den Aufwand, die Nerven rechtfertigen würde, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Außerdem erfuhr ich aus der Zeitung, dass die Kirche geschlossen sei. Man hat anscheinend niemanden gefunden, der es machen wollte. Ich sollte ja bekanntlich nicht! Den Verantwortlichen Kirchenvorstand traf ich dann zufällig vor dem Hort, der mir das bestätigte, aber zwischenzeitlich sei alles in Sack und Tüten. Ich stand ja leider nicht zur Verfügung. Kann man so sehen!

Weiterhin: Das Miststück war natürlich nicht beim Anwalt wegen seines Bruders. 

 

 


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