***Roman1-Königin meines Herzens.***

30.06.2006 um 00:57 Uhr

Kapitel 3

von: Alessia

Donnerstag war für Dottie der schönste Tag der Woche, denn dann hatte sie den Nachmittag frei und traf sich immer mit Mike im Park.
 Die Sonne schien, als sie um zwei Uhr glücklich und zufrieden zu ihrem Rendezvous eilte. Ihre Welt war in Ordnung. Der vergangene Abend war für sie nichts weiter als ein wunderbarer Traum. Aus diesem Grunde hatte sie Jack überredet, Mr. Holsson das versprochene Frühstück zu servieren.
 Sie betrat das kleine Wäldchen und blinzelte, um sich an das plötzliche Halbdunkel zu gewöhnen. Dann stellte sie fest, dass sie nicht allein war. Ein Mann lehnte an einem Baumstamm. Er trug eine Hose und ein Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln. Zunächst bemerkte er sie nicht, so dass sie ihn unbemerkt mustern konnte. Seine Arme waren muskulös, und sein Oberkörper unter dem dünnen Hemd wirkte schlank, aber kräftig. Unwillkürlich dachte sie zurück an seinen flüchtigen Kuss. Er hatte diese starken Arme nicht um sie gelegt, doch hinter der Sanftheit seiner Lippen hatte sie eine gewisse Spannung, ein Drängen gespürt, das sie auf magische Weise anzog.
 Ein Sonnenstrahl, der durch die Bäume fiel, tauchte ihn in ein goldenes Licht und ließ ihn wie eine Erscheinung wirken, die sich jeden Augenblick in Luft auflösen würde.
 Unvermittelt hob er den Kopf in ihre Richtung. Doch obwohl sein Blick auf sie fixiert war, schien er nicht sie, sondern jemand anders zu sehen. Der Eindruck war so stark, dass sie unwillkürlich über ihre Schulter schaute. Doch dann lächelte er, und sie wusste, dass sein Blick ihr galt.
 "Hat Ihnen das Frühstück geschmeckt?" erkundigte sie sich, während sie sich ihm näherte. "Sie haben nicht alles gegessen."
 "Es war ausgezeichnet, aber mehr, als ich für gewöhnlich zu mir nehme. Der Tee war sehr stark."
 "Hier in dieser Gegend ist Tee kein Tee, wenn der Löffel nicht darin steht."
 "Das habe ich gemerkt."
 "Sehen Sie sich die Gegend an?"
 "Nein. Ich habe auf Sie gewartet", antwortete er ernst.
 "Wollen Sie sich wegen irgendwas beschweren?"
 "Nein. Ich muss mit Ihnen reden. Gestern Abend ..."
 "Es war ein wunderschöner Abend, aber es war eben gestern. Heute bin ich wieder ich selbst."
 "Und wer waren Sie gestern?"
 "Ich weiß nicht. Jemand, der mir vorher nie begegnet ist." Sie blickte in seine Augen und sah ein beunruhigendes Verständnis in ihnen. Es schien, als wüsste er im Voraus, was sie sagen wollte, noch bevor sie es dachte. "Wer immer es war, ich bin froh, dass sie weg ist und mich meinen Weg gehen lässt."
 "War sie es, die mich geküsst hat?"
 "Das war nicht sie. Das waren Sie. Ach, ich weiß gar nichts mehr."
 "Ich bin auch etwas verwirrt", gestand er, und schon beugte er sich zu ihr und senkte den Mund auf ihre Lippen. Er wusste, dass es gefährlich war, aber aus irgendeinem Grunde hatte seine Vernunft ihn verlassen.
 Instinktiv hob Dottie eine Hand, um ihn fortzuschieben, doch die Hand landete auf seiner Schulter. Sie fühlte sich beinahe hypnotisiert von ihm, geradezu willenlos. Sie hatte nicht gewusst, dass die Lippen eines Mannes so sanft und doch so unwiderstehlich sein konnten. Irgendwie hatte sie das Gefühl, ihn mit ihrem ganzen Sein, nicht nur mit dem Mund zu küssen. Zumindest reagierte ihr ganzer Körper, bis hin zu den prickelnden Zehenspitzen.
 Irgendwie erweiterte sich ihr Bewusstsein, ließ sie von fernen Horizonten, stürmischen Meeren, endlos blauen Himmeln träumen. Es gab so viel Ungeahntes zu erleben, so viel Neues zu erforschen, das weit hinausging über die enge, kleine Welt, die sie und Mike miteinander teilten.
 Mike!
 Dieses eine Wort wirkte wie ein kalter Guss. Entsetzt über sich selbst wich sie abrupt zurück, befreite sich aus seinen Armen und lief tiefer in das Wäldchen.
 "Dottie!" rief Randolph und folgte ihr. "Bitte, warten Sie. Es tut mir Leid. Ich wollte Sie nicht beleidigen."
 Sie drehte sich zu ihm um und lachte zittrig. "Das haben Sie nicht. Aber es ist so ... so töricht."
 "Der Frühling erweckt törichte Gefühle", erklärte er hastig. "Ich habe mich hinreißen lassen."
 "Ich muss jetzt gehen", entgegnete sie und eilte ohne einen Blick zurück weiter, zu Mike und der sicheren, behaglichen Welt mit ihm.
 Sie fand ihn auf einer Bank jenseits des Wäldchens sitzen und ein Sandwich essen. Er wurde aus seinen zufriedenen Tagträumen gerissen, als sie neben ihn sank und die Arme um seinen Nacken schlang.
 "Vorsicht, Dot", warnte er, "du bekleckerst uns mit Erdnussbutter."
 Sie küsste ihn so stürmisch wie nie zuvor. Überrascht legte er das Sandwich beiseite und schloss sie in die Arme.
 "Was ist denn mit dir los?" fragte er argwöhnisch, als sie seine Lippen schließlich freigab.
 "Ich bin einfach berauscht vom Frühling", erwiderte sie. "Und mir war nach dem wundervollsten Kuss der Welt zu Mute."
 "Und du dachtest, dass ich ihn dir geben kann?"
 "Natürlich. Wer sonst? Du bist doch der, den ich liebe", erklärte sie nachdrücklich.
 Randolph, wenige Schritte entfernt hinter einem Baumstamm verborgen, lauschte mit angehaltenem Atem. Ihre nächsten Worte jagten ihm einen gewaltigen Schrecken ein.
 "Mike, wann setzen wir endlich den Hochzeitstermin fest?"
 "Wann du willst. Aber ich dachte, wir wollten bis nach der Anzahlung für die Werkstatt warten."
 "Ich habe es mir anders überlegt. Ich will dich an die Angel legen, bevor Bren dich in ihre Klauen kriegt."
 "Ach, du weißt doch, dass ich dich liebe, Dot, genau wie du mich."
 "Ja, natürlich." Ihre Stimme klang plötzlich atemlos. "Aber lass uns kein Risiko eingehen. Man weiß nie, was alles passieren kann."
 "Na gut. Wie du meinst."
 "Nicht, wie ich meine. Es sollte so sein, wie wir beide meinen." Verzagt hakte sie nach: "Willst du mich denn nicht heiraten?"
 "Natürlich will ich. Ich habe deinen Antrag doch angenommen, oder? Schon gut, schlag mich nicht!"
 Hinter dem Baumstamm hörte Randolph Balgerei und Gelächter, das plötzlich abrupt verstummte. Das Schweigen hielt wesentlich länger an, als ihm lieb war.
 "Wohin fahren wir auf Hochzeitsreise?" fragte Mike schließlich.
 "Wie wäre es mit einer Kreuzfahrt durch die Karibik?"
 "O ja, das würde mir gefallen."
 "Die Kosten spielen keine Rolle", verkündete Dottie großspurig. "Nehmen wir die kleine zu viertausend oder die große zu siebentausend?"
 "Die große natürlich. Für uns kommt nur das Beste infrage."
 "Also die Luxusklasse."
 "Jeder Wunsch wird uns von den Augen abgelesen."
 "Und wir werden von goldenen Tellern essen", schwärmte Dottie. "Oder wäre dir ein Monat auf Hawaii lieber?"
 "Ist das da, wo die Männer von Mädchen in verführerischen Baströckchen und mit Girlanden um den Hals empfangen werden?"
 "Dann lassen wir Hawaii lieber."
 Mike lachte. "Wenn du die Kreuzfahrt vergisst, können wir uns Onkel Joes Wohnwagen ausleihen."
 "Das wäre herrlich", meinte Dottie.
 Der billige Wohnwagen schien sie ebenso zu begeistern wie die Luxuskreuzfahrt, die nur in ihrer lebhaften Fantasie existierte. Randolph bewunderte ihre Lebensfreude. Doch leider musste er ihre Tagträume zerstören. Es war an der Zeit, sie zur Pflicht zu rufen. Er trat hinter dem Baum hervor. Ein Zweig knackte unter seinen Füßen.
 Dottie blickte erschrocken auf. "Verfolgen Sie mich?" fragte sie entrüstet.
 Randolph, der überaus praktisch und ernsthaft veranlagte Mensch, hatte plötzlich eine Inspiration. "Ja. Ich verfolge Sie beide. Ich musste sichergehen, dass Sie für den Preis geeignet sind. Ein Aufenthalt in einem Luxushotel als Gäste der Tourismusbehörde von Ellurien."
 Dottie runzelte die Stirn. "Ellurien?"
 "Ja. Wir wollen es als exklusives Urlaubsland fördern. Bisher wurde das versäumt, und aus diesem Grunde reisen nur wenige Leute zu uns. Aber wir haben viel zu bieten. Wundervolle Landschaft, großartige Kunst, Geschichte ..."
 "Disneyland?" fragte Mike.
 "Nein", musste Randolph zugeben. "Wir haben kein Disneyland. Aber wir haben den See Bellanon mit herrlichen Stränden. Ich glaube, es wird Ihnen beiden gefallen."
 "Uns beiden?" hakte sie verwundert nach.
 "Es ist meine Aufgabe, ein junges Paar zu finden, das unsere Gastfreundschaft genießt und uns sagen kann, was Ellurien braucht, um andere junge Leute anzuziehen. Ihnen wird alles geboten, was Sie sich erträumen. Sie werden von goldenen Tellern speisen, und Ihnen wird jeder Wunsch von den Augen abgelesen."
 "Das ist zu schön, um wahr zu sein", meinte Mike.
 "Genau", pflichtete Dottie ihm bei. "Im wahren Leben wird einem so etwas nicht auf einem silbernen Tablett serviert. Die Sache muss einen Haken haben."
 "Aber einen Harem will er bestimmt nicht aufstocken, Dot", gab Mike zu bedenken. "Dann würde er mich nicht auch einladen."
 "Das kannst du nicht wissen. Vielleicht deckt er nur alle Aspekte ab."
 "Wie?"
 "Schon gut", meinte sie hastig.
 Um Randolphs Lippen zuckte es. Er hatte sofort begriffen, worauf sie anspielte, während Mike immer noch angestrengt über ihre Bemerkung nachdachte.
 "Ich versichere Ihnen, dass alles mit rechten Dingen zugeht", sagte Randolph. "Möchten Sie nicht einen kostenlosen Urlaub, ein großzügiges Taschengeld, eine neue Garderobe?"
 Dottie seufzte sehnsüchtig bei dem Gedanken an neue Kleidung. "Es könnte unserer Hochzeitsreise werden", sagte sie schließlich.
 "Nein", entgegnete Randolph hastig, "dazu ist keine Zeit mehr."
 "Aber wenn wir uns eine Sondergenehmigung holen ..."
 "Ich muss Ihnen etwas gestehen, Miss Hebden. Sie beide fungieren als Ersatz. Das Paar, das eigentlich den Preis gewonnen hat, musste in letzter Minute absagen. Die Feierlichkeiten sind alle arrangiert. Wenn ich heute Abend nach Ellurien zurückkehre, muss ich Sie mitbringen. Sonst verliere ich meinen Job."
 "Heute Abend? Aber was ist mit unseren Jobs?" hakte sie entsetzt nach.
 "Ich werde alles mit Ihren Arbeitgebern regeln. Die Tourismusbehörde von Ellurien wird auf eigene Kosten Aushilfen für Sie stellen, zu äußerst großzügigen Bedingungen. Ihre Arbeitgeber werden dabei nur gewinnen."
 "Aber wir haben keine Pässe", gab Dottie zu bedenken.
 "Sie werden mit Diplomatenpässen reisen."
 "Ein kostenloser Urlaub", sinnierte Mike. "Zu schade, dass es nicht unsere Hochzeitsreise sein kann."
 "Aber das kann es werden", entgegnete sie triumphierend. "Wir können in Ellurien heiraten. Das wäre eine wundervolle Publicity für das Land." Sie strahlte Randolph an. "Das würde Ihnen doch gefallen, oder?"
 "Natürlich", bestätigte er mit hohler Stimme. Sein Gewissen quälte ihn, doch er hatte keine andere Wahl. Er musste Dottie um jeden Preis nach Ellurien bringen, damit sein Land nicht in Harolds Gewalt fiel.
 "Wir könnten sofort heiraten", murmelte Dottie vor sich hin. "Aber das ist alles Unsinn. Solche Dinge passieren nicht. Wir müssen realistisch bleiben."
 "Man kann auch zu realistisch sein", widersprach Randolph. "Sie müssen die Chancen ergreifen, die das Leben Ihnen bietet. Denken Sie doch nur mal daran, wie sehr Brenda sich ärgern wird, wenn sie davon erfährt! Natürlich wird es dann zu spät sein."
 "Oh, ich würde zu gern ihr Gesicht dabei sehen", rief Dottie aus. Übermütig sprang sie auf. "Gehen wir, Mike." Sie zog ihn von der Bank hoch und umarmte ihn so stürmisch, dass Randolph diskret den Blick abwandte.

"Wo sind denn die anderen Passagiere?" fragte Dottie verwundert, als sie an Bord des kleinen, luxuriös ausgestatteten Flugzeugs gingen.
 "Sie sind Ehrengäste von Ellurien", teilte Randolph ihr mit. "Dieses ist ein Sonderflug."
 Es handelte sich um das königliche Flugzeug, das auf seinen Befehl zum Abflug gewartet hatte.
 Dottie warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. Irgendetwas stimmte an der ganzen Sache nicht, und ihr wurde von Minute zu Minute unbehaglicher zu Mute. Doch nach dem Start blickte sie entzückt aus dem Fenster auf das Meer und dann auf die Küste von Frankreich.
 "He, schau dir das an", flüsterte sie Mike zu. Als sie keine Antwort erhielt, drehte sie sich um und stellte fest, dass er weg war.
 "Er ist im Cockpit", erklärte Randolph und setzte sich neben sie. "Da er sich für technische Dinge interessiert, hat der Kapitän ihn eingeladen."
 "Das haben Sie arrangiert", vermutete Dottie.
 "Ja. Ich muss mit Ihnen reden, und zwar allein. Es ist sehr wichtig", eröffnete er, verstummte dann jedoch.
 "So wichtig, dass Sie keine Worte finden?"
 "Genau. Was ich Ihnen zu sagen habe ist so außergewöhnlich, dass Sie es nicht glauben werden."
 "Wenn ich es sowieso nicht glaube, ist es doch egal, wie Sie es sagen", argumentierte sie.
 "Oh, es ist keineswegs egal. Sehr viel hängt davon ab. Sie könnten mir vorwerfen, dass ..."
 "Ich habe Ihnen jetzt schon mehrere Dinge vorzuwerfen."
 "Bitte hören Sie mich an, bevor Sie mich verurteilen."
 Als sie nichts erwiderte, holte er ein Exemplar der Zeitschrift "Königliche Geheimnisse" hervor und drückte es ihr in die Hand. "Lesen Sie Seite acht."
 Sie schlug das Magazin auf und erblickte ein großes Foto mit der Überschrift Der entthronte Prinz Randolph. Zunächst traute sie ihren Augen nicht. Es konnte unmöglich der Mann sein, der ihr gegenübersaß. Doch die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen, und allmählich begriff sie. "Aber ... aber Sie sind doch Mr. Holsson."
 "Ich fürchte, der existiert nicht. Ich bin - ich war - Kronprinz Randolph von Ellurien. Dann stellte sich heraus, dass mein Vater nicht rechtsgültig mit meiner Mutter verheiratet war. Kurz gesagt, ich bin unehelich geboren und kann daher nicht Thronfolger werden."
 "Aber was hat das alles mit mir zu tun?"
 "Sagen wir mal, dass Sie Ihrem Großvater Unrecht getan haben. Seine Geschichten waren nicht erfunden. Sie sind ein direkter Abkömmling des Königshauses von Ellurien."
 "Oh, bitte, verschonen Sie mich mit solchem Unsinn. Sie wollen mich nur aufziehen. Sie sind von der Fernsehsendung ,Versteckte Kamera` oder so."
 "Dorothea, ich will Sie nicht aufziehen. Die Angelegenheit ist sehr ernst. Ihre königliche Abstammung reicht über hundert Jahre zurück, bis zu Herzog Egbert, dem Bruder des damaligen Königs. Er heiratete eine englische Lady und zog mit ihr nach England. Sie hatten eine Tochter, Dorothea, die einen Mann namens Augustus Hebden heiratete, und Sie sind deren Ur-Ur-Urenkelin."
 "Dann heißen wir eben beide Dorothea. Das ist nur ein Zufall."
 "Der Name taucht in jeder Generation auf. Er kommt in der Königsfamilie von Ellurien ebenso häufig vor wie in Ihrer."
 "Na ja, meine Großtante hieß auch so. Aber woher wissen Sie das?"
 "Weil ich Nachforschungen angestellt habe."
 "Aber wenn ich von einem Herzog abstamme, wieso führe ich dann ein schäbiges Lokal?"
 "Egbert war ein Verschwender. Er brachte das Geld seiner Frau durch und ebenso das seines Schwiegersohnes. Danach ging es abwärts mit diesem Zweig der Familie. Und Sie führen das schäbige Lokal nicht mehr. Jetzt sind Sie Ihre Königlich Hoheit, Prinzessin Dorothea, Thronerbin von Ellurien und meine Cousine fünften Grades."
 "Wir sind verwandt?"
 "Sehr entfernt."
 Forschend starrte sie ihn an. "Sie haben das alles inszeniert!"
 "Um Sie nach Ellurien zu bringen. Erwarten Sie nicht, dass ich mich entschuldige. Ohne Sie wäre Harold von Korburg der nächste Anwärter, und wenn er den Thron besteigt, bedeutet es das Ende für mein Land. Ellurien ist sehr reich an Bodenschätzen, und Harold ist gierig. Er würde den Grund und Boden verhökern und nichts für das Volk übrig lassen. Sie müssen einfach die Königin werden. Alles andere ist undenkbar."
 "Für Sie vielleicht. Wer hat Ihnen das Recht gegeben, mich zu kidnappen?"
 "Ich habe Sie nicht ..."
 "O doch! Sie haben mich mit einem Sack voller Lügen in dieses Flugzeug gelockt."
 "Das stimmt allerdings", gestand Randolph ein. "Weil die Lage so verzweifelt ist, Dorothea."
 "Nennen Sie mich nicht so. Ich heiße Dottie."
 "Nicht mehr. Seit zehn Minuten befinden wir uns im Luftraum von Ellurien, und in diesem Land sind Sie Prinzessin Dorothea."
 "Dann hören Sie mir mal gut zu. Prinzessin Dorothea verlangt, den britischen Konsul zu sprechen."
 "Der Befehl Eurer Königlichen Hoheit wird befolgt, sobald wir gelandet sind. Übrigens habe ich elegantere Kleidung an Bord bringen lassen. Darf ich vorschlagen, dass Sie sich für Ihren ersten Auftritt vor Ihrem Volk ziemlich kleiden?"
 Dottie blickte ihn störrisch an. "Sie haben Nerven! Ich lasse mir doch von Ihnen nicht vorschreiben, was ich anziehe! Ich trete als Dottie Hebden auf, weil ich das bin. Und wenn das nicht gut genug für Sie ist, dann schicken Sie mich gleich wieder nach Hause. Das ist mir nur recht."
 Ein Steward erschien. "Sir", sagte er zu Randolph, "der Kapitän lässt ausrichten, dass wir in wenigen Augenblicken landen werden."
 Randolph dankte ihm und drängte Dottie, sobald sie wieder allein waren. Es bleibt nicht viel Zeit. Bitte ziehen Sie das Kleid an. Ihr Volk erwartet, dass Sie Ihrer Position gemäß aussehen."
 "Sie wollen also sagen, dass ich jetzt nicht so aussehe."
 "Allerdings nicht", bestätigte er und unterdrückte ein Seufzen angesichts ihrer knappen Shorts.
 "Gut. Dann machen die Leute sich wenigstens nicht die Hoffnung, dass ich bleibe."
 "Aber Dottie - Dorothea ..."
 "Dottie reicht." Als er verzweifelt seufzte, erklärte sie: "Es würde nicht klappen, wirklich nicht. Ich kann das nicht. Anderen Leuten Befehle erteilen ..."
 "Ist das die Frau, die Autorität verlangt?"
 "In einem schäbigen Lokal ja, aber nicht im wahren Leben."
 Bevor Randolph etwas entgegnen konnte, kehrte Mike aus dem Cockpit zurück und begann aufgeregt zu berichten, was er alles gesehen hatte.
 "Später, Darling", unterbrach sie ihn sanft. "Ich muss dir erst mal sagen, was dieser Witzbold im Schilde führt." In knappen Zügen weihte sie ihn ein, wobei ihr ironischer Ton andeutete, dass nur ein Verrückter ein Wort davon glauben konnte. "Wir werden gleich landen und von allen möglichen Leuten empfangen."
 "Und was sollen wir jetzt tun?" fragte Mike.
 Sie legte eine Hand an seine Wange. "Du sagst am Besten gar nichts. Überlass mir das Reden", schlug sie vor und fing Randolphs sarkastischen Blick auf.

Zu Dotties Erleichterung verlief die Ankunft ruhig. Das Flugzeug landete in einem entlegenen Winkel des Flughafens. Eine Gangway wurde herangerollt. Hand in Hand mit Mike folgte sie Randolph zu einer wartenden Limousine.
 Die Dämmerung war bereits angebrochen, und sie konnten durch die getönten Scheiben nur wenig sehen. Zwanzig Minuten später jedoch bot sich ihnen ein atemberaubender Anblick.
 "Das ist der Königspalast", verkündete Randolph.
 Das klassisch elegante Gebäude war beinahe eine Viertelmeile lang und über eine Prachtstraße mit reich verzierten Fontänen zu erreichen. Zwei geschwungene Treppen führten zum Portal hinauf. Gesichter hinter sämtlichen erleuchteten Fenstern verrieten Dottie, dass ihre Ankunft bereits mit Spannung erwartet wurde. Zu ihrer Erleichterung fuhr die Limousine zu einem Seiteneingang. Ein Lakai öffnete ihr den Schlag und verbeugte sich - vor ihr, Dottie Hebden! Verstohlen kniff sie sich in den Arm, um sich zu überzeugen, dass sie nicht träumte.
 Sie ließ sich von Randolph in den Palast führen. Nach einigen Metern fiel ihr auf, dass etwas nicht stimmte. "Wo ist Mike?"
 "Mein Berater kümmert sich um ihn. Ich gebe Ihnen mein Wort, dass er nicht zu Schaden kommen wird."
 "Hauptsache, er ist gleich morgen früh zum Rückflug zur Stelle", verlangte sie entschieden.
 Er führte sie zu einem kleinen Fahrstuhl. "Das ist der schnellste Weg zu den Prunkgemächern."
 Der Lift hielt in einem kleinen Korridor mit drei Eichentüren. Randolph öffnete die erste. "Das ist der Hintereingang zu Ihrer Suite."
 Die luxuriösen Räume verschlugen ihr förmlich den Atem. Alles sah königlich aus - der formelle Empfangsraum, das Badezimmer, das Ankleidezimmer und das Schlafzimmer, das durch sein hohes Kuppeldach wie eine kleine Kathedrale aussah.
 "Ich wette, es ist furchtbar schwer, dieses Zimmer anständig zu heizen", bemerkte sie kritisch.
 "Meine Mutter sagte immer dasselbe", pflichtete er ihr bei. "Deswegen werden Sie sich über das Himmelbett freuen. Die Gardinen halten die Zugluft ab. Jetzt erlauben Sie mir, Ihnen Ihre Zofe Bertha vorzustellen."
 Eine kräftige, junge Frau mit fröhlichem Gesicht trat vor und vollführte einen Hofknicks. Fasziniert und verwirrt befolgte Dottie das Gebot des guten Benehmens und knickste ebenfalls.
 "Das hätte ich nicht tun sollen, oder?" flüsterte sie, als Bertha sie entgeistert anstarrte.
 "Schon gut", erwiderte Randolph.
 "Können Sie sie nicht wegschicken?"
 "Ihre Königliche Hoheit gestattet Ihnen zu gehen", sagte er, und Bertha verschwand.
 "Glauben Sie mir jetzt endlich, dass es nicht klappt?" fragte Dottie verzweifelt. "Wann kann ich den britischen Konsul sehen?"
 "Gar nicht."
 "Aha! Ich wusste es doch. Sie haben mich reingelegt."
 "Ihre Königliche Hoheit kann sich nicht mit einem bloßen Konsul abgeben. Der britische Ambassadeur wird Ihnen aufwarten."
 Aus irgendeinem Grund begann sie genau in diesem Moment zu glauben, dass alles wirklich passierte. Ihre letzten Zweifel schwanden dahin, als die hoch gewachsene, vornehme Gestalt von Sir Ambrose Philips den Raum betrat und sich vor ihr verbeugte. Er trug einen eleganten Abendanzug mit funkelnden Orden und Auszeichnungen.
 "Ich bitte um Verzeihung, dass ich nicht früher kommen konnte", erklärte er. "Ich war bei einem Dinner."
 "Es tut mir Leid, dass ich Sie davon abhalte", murmelte sie und wurde sich plötzlich ihrer Shorts peinlich bewusst.
 "Im Gegenteil. Es ist mir eine Ehre, Eurer Königlichen Hoheit meine Aufwartung machen zu dürfen."
 "Ich lasse Sie jetzt allein", warf Randolph ein und zog sich diskret zurück.
 Sobald sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, fragte Dottie: "Was geht hier vor? Wissen Sie es?"
 "Randolph hat mich in die Situation eingeweiht", gestand der Botschafter ein. "Ich brauche wohl kaum zu betonen, wie glücklich die Regierung sich schätzt, dass die Thronfolgerin von Ellurien aus dem Vereinigten Königreich stammt. Das Einvernehmen zwischen unseren beiden Ländern ..."
 "Reden Sie bitte in normalem Englisch", warf sie ein.
 Er legte sein hochtrabendes Gebaren ab. "Ellurien ist ein bedeutendes Land, sowohl durch seine Lage wie durch seinen Reichtum. Es hatte wichtige Bodenschätze wie Erdöl. Wir haben Bergwerkskonzessionen, die für die Produktion in unserem Lande lebenswichtig sind. Aber Harold von Korburg würde die Verträge zerreißen und an den Meistbietenden verkaufen. Er muss daran gehindert werden, und Sie sind die Person, die das zu tun vermag."
 "Sagt wer? Es gibt doch bestimmt noch andere Erben."
 "Mag sein, aber bisher wurden keine gefunden. Wenn Sie gehen, übernimmt Harold sofort den Thron."
 "Ich wette, dass ich nicht einfach gehen kann."
 "Sie sind völlig frei. Aber wenn Sie gehen, wird Ihr Land darunter leiden."
 "Welches Land?"
 "Beide."
 "Und wenn ich eine Weile bleibe?"
 "Dann würde die britische Regierung Sie angemessen belohnen."
 "Genug, um eine Autowerkstatt zu kaufen?"
 "Ich bin sicher, dass das kein Problem wäre."
 Dottie atmete tief durch. Sie fühlte sich wie am Rand eines Abgrunds. Gäbe es doch nur jemanden, der ihr eine helfende Hand reichen könnte! Aber der Einzige, der ihr einfiel, war Randolph, und ihm konnte sie nicht länger vertrauen.
 "Na ja", meinte sie mit einem zittrigen Lachen, "ich wollte früher mal Schauspielerin werden. Es kann nicht viel schwerer sein."