Boys don´t cry

05.08.2010 um 01:15 Uhr

Burn-Out nervt

von: Ryan

Ich hab lange nicht mehr geschrieben. Ich mag mich nicht gerne mit mir selbst beschäftigen. Ich knabbere sehr an meinem Burn-Out-Syndrom. Es ist schwer und es dauert für mich schon viel zu lange an. Ich bin ungeduldigt, ich will wieder so sein wie vorher, aber das wird wohl nicht mehr so sein.

Ich bin nicht mehr depressiv. Ich kriege viele Sachen auf die Reihe, die ich in meinem schlimmsten Zeiten nicht auf die Reihe gekriegt habe. Aber ich bin noch lange von einem normalen Leben entfernt - oder besser: von meinem innerlichen Frieden. Ich kann fröhlich sein, ich kann lachen. Ich kann Freunde treffen. Ich kann viel, aber noch nicht alles. Ich arbeite seit dieser Woche wieder und es ging. Ich musste mich sehr überwinden, hab gekämpft, aber ich hab die Schichten durchgehalten.

Im Moment hab ich sehr zu kämpfen mit Angst. Ich hättte nie gedacht, dass ich jemals an sowas wie ne Angst- und Panikstörung dran kommen würde, ich kannte sowas bis vor 6 Monaten nicht mal. Aber im Moment ist es schlimm. Ich versuche mir einzureden, dass ich alles kann, was ich will. Das ich alles schaffen kann. Ich versuche krampfhaft keine Angst vor der Angst zu haben, aber dann kommt die Panik doch in Momenten, in denen ich nicht damit rechne. Es ist als ob mir plötzlich der Boden unter den Füssen weggezogen wird. Und ich falle. Unaufhaltsam. Unaushaltbares Herzklopfen, schweissnasse Hände, Atemnot. Ich bin unendlich unruhig, Todesangst. Aus dem nichts. Beim Frühstück in meinem Wohnung, in der U-Bahn, auf der Arbeit, wenn ich mit ner Kollegin rede. Nicht witzig, überhaupt nicht witzig.

Es muss für andere Menschen komisch aussehen, wenn ich sowas hab. Ich versuche es zu unterdrücken, meistens gelingt es mir. Sobald ich nen Anflug von Angst spüre, versuche ich mich abzulenken, irgendwohin zu gehen, mich zu bewegen, Stresshormone abzubauen. Hauptsache keiner kriegt mit wie bekloppt ich wirklich bin. Ich hab mittlerweile auch Angst in Situationen, in denen ich sonst nie Angst hatte. Ich kann nicht mehr Autofahren. Neulich auf der Autobahn mit Steffi. Ich kannte die Strecke, alles okay, wir hatten Zeit, ich hab auf 140 beschleunigt und hatte von einer Sekunde zur nächsten so starke Panik, dass ich nur hastig auf den Standstreifen gefahren bin, aus dem Auto geflüchtet bin und mich vor Angst übergeben hab. Ich hab Minuten lang gebraucht bevor ich überhaupt wieder ins Auto einsteigen konnte. Selber fahren geht im Moment gar nicht. Steffi durfte dann mit 100km/h die ganze Strecke zurück schleichen, weil ich bei schneller Fahrt sofort wieder Panik kriegte.

Ich hab sie heute gefragt, ob ich zum Psychiater sollte und mir Tabletten verschreiben lassen sollte - gegen die Angst. Sie weiss es nicht. Sie arbeitet in der psychiatrischen Notaufnahme. Sie arbeitet mit Menschen, die noch viel bekloppter sind als ich - aber mit mir ist sie nur überfordert. Sie weiss nicht was sie tun soll. Sie weiss nicht mal, ob sie es gut findet, dass ich Tabletten nehmen sollte oder nicht. Sie tut mir leid. Sie ist bestimmt ne tolle Psychiatrie-Krankenschwester, aber zuhause ist sie nur meine Freundin und kann mir nicht helfen.

Mein Therapeut hat es mir so erklärt: Mein Über-Ich - also meine perfektionsstrebende Seite ist zu groß geworden und unterdrückt meine emotionale, sensible Seite. Dadurch kriegt diese Panik und denkt, sie muss sterben. Sie kann sich nur äußern, indem sie mir diese anstrengenden Symptome beschert. Weil ich alle Erwartungen erfüllen will, die so mein Umfeld an mich stellt und es jedem recht machen will, versuche ich so perfekt wie möglich zu sein. Dabei habe ich in meinem Unterbewusstsein so eine hohe Perfektion für mich selbst erreicht, dass ich daran innerlich zerbreche. Und an die kein anderer Mensch mehr dran kommt. Dementsprechend werte ich alle Menschen in meiner Umgebung ab. Klar, dass sie nicht so sein können wie ich. Aber dementsprechend einsam bin ich innerlich. Und keine Mensch ist in der Lage mein destruktives Spiel zu durchschauen und mich zu retten. Das ist die Kurzfassung der Grund meiner Erkrankung.

Erkrankung ... haha ... komisches Wort. Ich hätte letztes Jahr noch laut gelacht, wenn mir jemand prophezeit hätte, dass ich dieses Jahr psychisch krank sein würde. Und jetzt bin ich total angeknackst. Und es ist schweine anstrengend. Es ist so anstrengend. Ich will nicht mehr krank sein, ich will meinen inneren Frieden zurück haben. Ich will keine Angst in unangemessenen Momenten haben. Ich will nicht mehr zur Therapie.

Therapie ist auch nen gutes Stichwort. Wenn mir jemand von seiner Therapie erzählt hat, dann hörte sich das oft so an, als ob man da mal hin geht, sich allen Müll von der Seele redet und sich danach unendlich besser fühlt. Und die meisten Leute mögen es in Therapie zu sein, weil sie da mal endlich ihren seelischen Schrott entsorgen können. Ich mag meine Therapie nicht. Ich hab davor immer Panik, bin super angespannt - obwohl ich den Therapeuten sympathisch finde. Und danach fühle ich mich zwar manchmal entspannter, aber es gibt mindestens genauso viele Tage, an denen ich danach Stunden lang heule und mich schlimmer als vorher fühle. Ich finde Therapie nur anstrengend und furchtbar. Aber langfristig gesehen, sehe ich Erfolge. Wenn ich wieder glücklich sein will, muss ich jetzt anfangen meine Leichen zu begraben. Und es ist schmerzhaft und ich muss dadurch. Damit es später alles gut sein kann. Ja, ich bin zuversichtlich.

Ja arbeiten tue ich auch wieder. Ich hab in diesem Jahr noch nicht viel gearbeitet. Ich war extrem lange krankgeschrieben. Nicht weil ich nicht wollte. Ich kann nicht heulen auf Arbeit. Das geht einfach nicht. Ich hab teilweise vor den Schichten angefangen zu heulen und hab mich erst 6 Stunden später wieder beruhigt. Oder ich war richtig körperlich krank. Ich hab dieses Jahr schon 7 Mandelentzündungen gehabt plus eine Lungenentzündung. Mein Immungsystem ist im Arsch, weil ich so nen Stress in mir hab. Ich bin anfällig für jedes Bakterium, dass an mir vorbei schwebt. Ich nehm Vitaminpräperate, die helfen ganz gut, sind aber sauteuer. Zudem kommt, dass ich 3 Monate beurlaubt war - unentgeldlich, und damit meine Ersparnisse ziemlich aufgebraucht sind.

Warum mache ich den sowas? Ganz einfach: meine Geschäftsleitung hat es mir "nahe gelegt". Mir erzählt, mein Team würde ja auch unter meinen Krankheitsausfällen leiden, sie würden wen anderes in der Zeit beschäftigen können auf meiner Stelle ... jaja ... hab ich geglaubt. Also hab ich mich beurlaben lassen, unentgeldlich. Wen hat mein Team gekriegt für den Zeitraum? Niemanden. Witzig. Und zu allem Überfluss, dachte ich: "Ach, das Thema regel ich mal ohne die Mitarbeitervertretung, sonst wird der Geschäftsführer nur noch böser auf mich als so schon" Ha, Fehler. Im letzten Gespräch wurde mir nahe gelegt, mich in den nächsten 3 Jahren nicht nochmal krank zu melden, auch nicht für einen Tag, sonst wüssten sie nicht ob sie auf mich als Mitarbeiter nicht verzichten könnten ... boooaaaah ... Gespräche mit der Geschäftsführung nur noch mit der Mitarbeitervertretung. Die haben jetzt Krieg mit mir.

Ne andere Kollegin von mir - und beste Freundin - musste grade an der Bandscheibe operiert werden - war auch 6 Woche krank geschrieben. Gleicher Text im Sinne: "Noch mal so ne Fehlzeit und Sie sind gekündigt!" Also quält sie sich mit dicken Rückenschmerzen zur Arbeit und darf eigentlich noch gar nicht schwer heben, aber das ist ja allen egal. Und das dritte Beispiel: junge Kollegin von ner anderen Station - ich mag sie sehr gerne, ist auch ne Freundin von mir - Knoten in der Brust. Verdacht auf Brustkrebs. Hat sich bestättigt, sie macht Chemo. Sie kann aber nicht unentgeldlich in Urlaub, weil Geld fehlt. Und unsere Geschäftsführung: "Natürlich, seien Sie solange krank wie Sie brauchen, kein Problem! Wir finden Alternativen! Werden Sie erstmal richtig gesund und dann schauen wir was WIR für Sie tun können! Wir zahlen alles!"

Ich will mich jetzt nicht mit ner Krebskranken vergleichen, aber wir sassen neulich zusammen, wir drei, also die Brustkebst-Kollegin, die Bandscheiben-Kollegin und ich und die Erstere sagte ganz zynisch: "Man muss wohl erst Krebs haben bevor unsere Geschäftsführung nett ist!" Und es ist ja so. Jetzt mal abgesehen von dem Schweregrad der Krankheit, egal ob psychisch oder physisch: krank ist krank. Aber das kommt nicht an.

Psychische Erkrankungen sind scheisse. Ist zumindest mein Fazit was ich bislang ziehen konnte. Aber ich hab was rausgefunden. Wenn Menschen - egal ob Kollegen, die sowas auch mal durchhatten - die fühlen sich plötzlich total verbunden mit einem. Aktuelles Beispiel: Mein Schwiegervater, als Steffis Vater. Der hat auch grade so ne Art Burn-Out. Viel innerlicher Stress mit physischen Symptomen. War auch im Krankenhaus zum Herzinfarktausschluss. Sehr ähnliche Symptome wie ich. Sehr unruhigt innerlich. Und wir waren im Juli 1 Woche bei Steffis Eltern. Und ich war der einzige, mit dem er wirklich intensiv über sich selbst geredet hat. Steffi sagt: "Er füllt sich sehr tief zu dir verbunden, weil du nachvollziehen kannst, wie es ihm geht." Das ging mir sehr nahe.

Ich hab das Gefühl, als würde ich versuchen eine Aufgabe zu bewältigen, die ich nie haben wollte.  Aber es ist meine Aufgabe und ich muss da durch. Es ist schwer und schmerzhaft - aber niemand hat gesagt, dass es einfach werden würde. Im Moment bin ich dankbar für jeden Moment, in dem ich mich gut fühle und merke, dass ich ganz bei mir sein kann. Ich bin dankbar, dass ich arbeiten kann, auch wenn ich davor stundenlang schweissnasse Hände habe und zweifle ob ich die Schicht durchstehe, aber wenn ich erstmal drin bin, hab ich wieder Spaß an meinem Job. Ich glaube, das ist viel wert und ich bin dankbar. Ich bin im Moment für viele Kleinigkeiten dankbar. Für viele Selbstverständlichkeiten. Ich denke, ich werde das durchstehen. Und gesunder daraus gehen als ich reingegangen bin. Davon bin ich überzeugt.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenangelmagia schreibt am 05.08.2010 um 01:23 Uhr:Das ist gut, dass du davon überzeugt bist.
    Es ist definitiv kein leichter Weg, da hast du Recht.
    Doch du schaffst das.

    Ich wünsch dir alles Liebe und die Kraft das durchzustehen.

    Liebe Grüße an dich.

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