Boys don´t cry

20.08.2010 um 23:38 Uhr

Burn-out nervt weiter

von: Ryan

Oh man - die ganze Geschichte dauert echt lange. Ich mehr als nur die Schnauze voll. Immer wenn ich denke, es wird wieder besser, alles läuft gut, kommt irgend ein neues, dummes Symptom dazu. Im Moment bin ich stolzer Besitzer einer Angst- und Panikstörung ... super. Vor nen paar Monaten hatten das andere. Ich hab sie nicht drum beneidet, aber ich konnte es auch nur erahnen, was das für nen Betroffenen bedeutet - aber jetzt bin ich mittendrin statt nur dabei.

Arbeiten geht im Moment ganz gut. Ich nehm nen homöipathisches Zeug, was ganz gut hilft. Normaler Weise glaub ich an sowas nicht und hab Heilpraktiker für Scharlatane gehalten, aber es wirkt. Ich weiss nicht wie, aber es wirkt. Es nimmt wenigstens die Unruhe in mir drin. Ja und ich kann arbeiten. Darüber bin ich sehr froh, auch wenn ich mich jeden Tag dazu durchringen muss loszugehen, trotz schweissnasser Hände und Herzklopfen, aber wenn ich erstmal da bin, ist die meiste Zeit alles gut. Ich bin wieder gerne Krankenpfleger. Mich nervt kaum was an, ich mag es mit den Patienten zu reden. Eine Kollegin sagte heute sogar zu mir, sie fände es toll, dass ich ruhiger bin in den letzten Wochen, als ich es sonst immer war. Vorher war ich sehr hektisch, hastig, hab schnell und unüberdacht über alles geschimpft, was mir im ersten Augenblick falsch vorkam - und das ist jetzt anders. Das sehe ich als Fortschritt.

Was mich grade extrem nervt sind diese Ängste. Depressionen hab ich im Moment Gott sei Dank keine. Ich bin echt gut drauf, stimmungsmässig. Ich bin auch wieder normal müde, nicht so unendlich erschöpft wie zwischendurch, nicht erschöpft, so dass ich katatonisch nur auf dem Sofa liege und so ausgelaugt bin um die Fernbedienung zu drücken. Nein, normal müde und kaputt, aushaltbar, völlig normal und gut.

Aber nochmal zu den Ängsten. es ist obernervig. Ich hatte immer schon Höhenangst. Ich fürchte mich vor Wolkenkratzer (wer baut so nen Mist? wir sind doch keine Vögel, ich finde hohe Gebäude nur unheimlich, nicht beeindruckend) und ich grusele mich davor ein Flugzeug zu besteigen. Mit viel Überwindung und Händchenhalten kann ich aber fliegen, ich kann an Wolkenkratzern vorbeilaufen ohne nen Herzanfall zu kriegen, ich vermeide zwar immer noch den Fernsehturm zu besteigen, aber ich hatte 2 Jahre ne Wohnung im 6 Stock. Also alles im Rahmen. Jetzt nicht mehr. Ich hab plötzlich Phobien vor den dämlichsten Dingen - Dinge, die ich seit 20 Jahren täglich tue. Und vor denen ich noch NIE Angst hatte. Die mir nicht mal unheimlich waren oder ich auf die Idee gekommen wäre, mich zu fürchten.

Zum Beispiel: ich komme aus einem Stadteil in Hamburg, in dem ein mittlegroßes Kaufhaus steht. Mit Rolltreppen. ich hab echt viel zeit in diesem Kaufhaus verbracht. Anlaufpunkt Nummer 1 um zu shoppen. 4 Stockwerke, Rolltreppen. 10.000 mal mindestens Rolltreppe gefahren ohne das ich mir irgendwas dabei gedacht hätte. Jetzt hab ich Panik vor den Rolltreppen. Vor 2 Wochen stand ich da im zweiten Stockwerk und war so steif vor Angst, dass ich nicht wusste, wie ich jemals wieder ins Erdgeschoss kommen sollte. Und Fahrstühle sind aus ähnlichen Gründen auch grade relativ problematisch - und ich arbeite im 4. Stock bei uns im Krankenhaus. Das Treppenhaus geht eigentlich auch nicht, weil das ganze Treppenhaus verglast ist mit freier Sicht ("freier Fall") - aber das geht noch. Ich kann sowas auch nicht meiden - ich versuche sogar mit Absicht einmal pro Schicht das Treppenhaus wenigstens eine Etage runterzugehen, um mir selbst zu beweisen, dass es geht, auch wenn ich das Flattern krieg. Es geht, ich kann es, es passiert mir nix - und die Angst wird weniger, je öfter ich das mache.

Ganz abgenervt war ich als ich Angst vor meinem eigenen Treppenhaus kriege - wir wohnen im 2. Stock eines Altbauhauses, also Wendeltreppe. Vor solchen Treppen (wahrscheinlich durch die Höhenangst) hatte ich eh schon immer Panik, aber unsere ging eigentlich immer total gut, no problemo - und nachdem ich merkte, ich krieg Panik vor meinem Treppenhaus, bin ich die doofe Treppe aber jeden Tag 10 Mal hoch und runter gelaufen, um mir ganz schnell diese Angst wieder abzugewöhnen. Hat auch geklappt. Das wäre ja auch noch schöner. Mir kommt´s so vor als würde mein Gehirn "Gespenster" in Form von Ängsten erfinden.

Aber was mich richtig annervt: Ich hab plötzlich Angst vorm U-Bahn fahren. Ich weiss nicht wieso. Dadurch, dass ich auch keinen Führerschein hab, ist das mein Fortbewegungsmittel Nummer 1 gewesen. 20 Jahre lang. Ich hab ganze Bücher verschlungen, weil ich zeitweise echt langeU-Bahn-Fahrten hatte - in meinem Adressbuch, steht bei all meinen Freunden, die passende Haltestelle unter dem Strassennamen. Ich versteh das nicht. Ich steh in der U-Bahn, die Türen gehen zu, die U-Bahn rollt los --- und ich hyperventilliere und springe fluchtartig bei der nächsten Haltestelle aus dem Wagon. Das ist doch scheisse!

Ich bin heute Abend besonders frustriert. Ich hab ne neue Freundin (nein, Steffi ist immer noch die Liebe meines Lebens, es ist alles okay), aber ich hab mich mit der Azubine, mit der ich soviel gechattet hab - und dachte ich wäre verknallt - richtig angefreundet. Nur zur Entwarnung, ich hab sie richtig kennen gelernt, sie ist nen toller Kumpel, wir leihen uns gegenseitig Bücher aus, die wir toll finden und sind uns sehr ähnlich. Aber sämtliche särtlichen oder anderweitig ähnlichen Gefühle haben sich vom Acker gemacht, nachdem ich gemerkt hab, was für nen geiler Kumpel sie ist. Sie ist toll, wir telefonieren und schreiben uns Nachrichten täglich, aber sie ist kein sexuelles Wesen mehr, seitdem ich sie richtig kennen gelernt hab. So okay, nennen wir sie der einfachheithalber mal "Puschi" (mein Spitzname für sie) - und nennen wir ihren besten Freund (schwul, hab ich auch schon kennengelernt, auch kein sexuelles Wesen für mich, aber cool drauf) mal "Uschi". Uschi und Puschel haben mich heute Abend angeheitert angerufen, sie wollen sich mit mir treffen. Sie mögen mich beide so, ob wir zu dritt einen drauf machen wollen. Und ich - ein Bündel voll Unsicherheiten, und müde von der Frühschicht und Schlafmangel - hab mal gleich prophylaktisch abgesagt - und mich ne halbe Stunde später drüber geärgert, weil ich ne Cola später doch nicht soooo müde war, wie ich dachte - und wollte beide überraschen. Steff muss eh bis Mitternacht arbeiten, also bin ich Strohwitwer, hab Langeweile - okay, warum nicht, also wollte ich nachkommen. Hab mich fertig gemacht, das Haus verlassen - und dann ging das Theater los.

Wie komm ich zu der Kneipe ohne die Bahn zu benutzen? Mit U-Bahn: 30 Minuten-Wegzeit, mit Bus und diverse Male umsteigen und Wartezeiten: 50 Minuten .... okay ... schon mal ärgerlich. Und dann: Bus verpasst, der nur alle halbe Stunde fährt, weil ich vor lauter Grübeln und Aufregung mich in meiner eigenen Nachbarschaft verlaufen hab ... boah. Also am Schlüpper reissen und schnell zur Bahn, um die Zeit aufzuholen. 4 Minuten Wartezeit am Bahnsteig  ... Zeit um zu überlegen an welcher Haltestelle man rausspringen kann, wenn´s schief geht ... Zeit um sich die Panikattacke auszumalen, in grellen, schreienden Farben ... gut, Ende vom Lied: ich bin gar nicht erst eingestiegen und hab den Heimweg angetreten. Also keine Überraschung für Puschi und Uschi, nur Ärger für Ryan. 

Und so läuft die Geschichte im Groben im Moment dauernd ab. Innerer Stress pur. Und es nervt - unendlich. Und ich fühle mich bekloppt - ver-rückt. Manchmal hab ich so neurotische Gedanken, dass es mir Leute ansehen können, dass ich nicht alle beisammen hab. Naja, vielleicht jetzt noch nicht, aber irgendwann vielleicht. Steffi sagt, ich rede Quatsch. So ne "Krise" (sie nennt das so) hat fast jeder mal und das geht auch wieder weg. Und ansonsten würde ich mich ja auch nicht auffällig benehmen. Aber mir selbst fällt ja jede "Auffälligkeit" auf, sei sie noch so klein, weil ich ja den ganzen Tag mit mir zusammen bin. Ist das verständlich?

Oder besser: ich hab mein Mojo verloren. Eine Mischung aus meine Selbstsicherheit, der tiefen Überzeugung, dass mir nicht passieren kann und meiner inneren Ruhe. Meine Ausgeglichenheit. Mir fehlt eben was - mein Mojo. Wie könnte ich meine Krankheit nennen? Hypomojorititis. Ein entzündlicher Infekt, der hervorgerufen wird, durch das Fehlen von Mojo. Ich will eigentlich nur normal sein, ich will Bahnfahren können, um mit Puschi und Uschi aufm Kiez nen Bier trinken zu können, um an die Elbe zu fahren wenn ich möchte, um meine Freunde zu besuchen, die südlich der Elbe wohnen, um nicht stundenlang mir das Hirn zu zermattern wie ich die Bahn umgehen kann mit Bussen. Ich sollte morgen nur Bahnfahren, den ganzen Tag, egal wie oft die Panik hab, solange bis sie weg ist ... oder übermorgen ... oder ich warte bis die Angst von alleine weggeht ... oder ich bleibe in meiner Schockstarre ... 

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierentaschenlampe schreibt am 20.08.2010 um 23:49 Uhr:Ob es von allein weggeht irgendwann weiß ich nicht. Aber dieses Warten darauf nimmt dir Zeit und Lebensqualität. Es gibt sehr gute Therapien um Angststörungen zu behandeln. Warum packst du es nicht gleich an?
  2. zitierenRyan schreibt am 22.08.2010 um 01:27 Uhr:Ich bin bereits seit 5 Monaten in Therapie ...

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