Boys don´t cry

10.04.2013 um 17:48 Uhr

Der Chef macht sich unbeliebt

von: Ryan

Nachdem ich wieder arbeite, passieren wieder mehr Arbeitsdinge als Privatdinge. Kurz zu den Privatdingen: Die Tätowierung heilt, der Arm schwillt langsam ab und Steffi redet jetzt auch den ganzen Tag davon, dass sie auch eine Tätowierung haben möchte. Aber natürlich was kleines, nicht so wie ihr Verlobter, der sich den ganzen Arm zutacken lässt. Besonders schmerzhaft ist der ganze Kram an der Innenseite des Oberarms. Da hat sich auch ein riesiger blauer Fleck gebildet, aber so langsam ist alles wieder erträglich - wenn sich nicht grade eine demente Dame an meinem Arm festkrallt.

Jetzt kommen wir zur Arbeit. Zuerst das Positive: Arbeitsaufwand hält sich im Rahmen. Dadurch, dass wir eine kleine Station sind, kann ich meine Pause einhalten. Und nachdem jemand einen Tobsuchtsanfall hatte (nicht ich, sondern jemand, der wirklich viel zu sagen hat), haben die anderen Stationen aufgehört ihre "speziellen" Patienten bei uns zu parken. Die Argumentation war die knappe Besetzung unserer Station. Ich wurde sogar aufgefordert bei der Pflegedienstleitung zu petzen, nachdem ich mit einer Station Patienten tauschen musste, und einen voll-fixierten, aggressiven dementen Mann bekommen hab. Das war ein großes Abenteuer den mit ´ner 17 Jahre alten Praktikantin zu versorgen - und einfach nicht zumutbar. Zwei Stunden später hatte ich den dahin verlegt, wo der eigentlich hingehörte: In eine geschlossene Psychiatrie. Das gab natürlich riesen Anschiss an die Station, die den kaltschnäuzig zu mir verlegt hat (Besetzung 3 Examinierte, 5 Azubis und 3 Praktikanten) mit der Begründung, sie seien überfordert (meine Besetzung: 1 Examinierter, eine Praktikantin) - und die beiden Ärzte, die dem zugestimmt hatten, bzw. diesen Patienten versäumt hatten in eine Psychiatrie zu verlegen. 

Aufgrund solcher Ereignisse frage ich mich immer wieder: Ignoranz oder Dummheit? Könnte auch ein Mix aus beidem sein. Aber genau das bestimmt grade meinen Alltag. 

Noch ´ne Situation: Ich als Chef sollte ja neutral sein meinen Mitarbeiterinnen gegenüber, aber da ich die Hälfte nicht gut kenne, hab ich mir jetzt Dienste verschafft, dass ich mit jeder einzelnen mal zusammen gearbeitet habe. Ich hab nämlich langsam das Gefühl, dass ich zwei Mistbienen im Team hab, die zudem auch nicht die Hellsten sind. Folgende Situation: Wir sind fertig mit der Übergabe, Spätdienst und Frühdienst sind noch auf Station, die Mädels unterhalten sich über private Sachen im Dienstzimmer - ich geh nochmal rum, um bei einem Patienten ein Kontroll-EKG zu schreiben. Beim EKG-Schreiben kriegt der Patient Kammerflimmern - natürlich muss man dann sofort anfangen zu reanimieren. Ich drück auf den Herzalarmknopf - und nichts passiert. Keiner kommt. Selbst als das Reanimationsteam von der Intensivstation am Dienstzimmer mit Defibrillator am Dienstzimmer vorbeirannte, wollen meine Kolleginnen nichts bemerkt haben. "Hier hat nichts geklingelt" - "Ich dachte, es sei Fehlalarm" Danach haben meine Kolleginnen rausgefunden wie heftig ich ausrasten kann. Und ich hab mit dem Oberarzt ´ne neue Regel aufgestellt: Wer Herzalarm ignoriert, bekommt ohne wenn und aber sofort eine Abmahnung, sowohl Pflege als auch Ärzte (unser Stationsarzt stand nämlich auch seelenruhig, kaffeeschlürfend daneben und hat sich nicht bewegt). Und um den ganzen die Krone aufzusetzen, sind meine beiden Examinierten rauchen gegangen während ich auf der Intensivstation noch den Patienten reanimiert habe - und haben die Praktikantin und die Auszubildende alleine auf der Station gelassen. Noch so ein Grund für eine Abmahnung. 

So, jetzt frag ich mich als Chef, was mache ich mit zwei Mädels, die in der ersten Stunde der Schicht es bereits schaffen so zu arbeiten, dass ich sie zweimal abmahnen müsste? Das kann heiter werden. Und natürlich musste ich zwei Stunden länger bleiben, weil die ärztliche Direktion und die Pflegedienstleitung die Situation nachbesprechen musste. Und ich habe gleich meine komplette Station inklusive mir selbst zur Reanimationsfortbildung angemeldet.

Oder noch so ´ne Kiste: Unsere Auszubildenen sagt, sie möchte nicht zu einem männlichen Patienten, weil der ihr auf den Hintern gehauen hätte. Sagt meine Mentorin: "Stell dich nicht so an, du gehst da trotzdem hin." Sie selbst meidet natürlich den Patienten mit der Begründung: "Oh mein Freund ist da so eifersüchtig, wenn ich sowas zuhause erzähle, dass mich ein Patienten angrabscht, rastet er aus." Dumme Ausrede - und völlig falsch gehandelt. Erstens schicke ich keine Azubis dahin, wo ich nicht hingehen will, zum zweiten kann man sexuelle Belästigung nicht dulden, zum dritten wurde das versucht zu "vertuschen", so alla: "Sag Ryan nichts, das kommt mal vor, dass ein Patienten sowas macht. Stell dich nicht so an." Und das von der Mentorin, die sich um die Azubis kümmern soll!

Kaum hatte ich davon Wind bekommen, hab ich den Patienten vor die Tür gesetzt mit Hausverbot. Oder so ´ne Situation, dass die Auszubildende massiv von einer Angehörigen angeschrien wird - und die Schwester läuft schulterzuckend einfach weiter und tut als würde sie das nichts angehen. Kein Sicherheitsdienst angerufen, nicht eingeschritten, nichts - einfach ignoriert. 

Oder der Satz: "Das kann ich nicht, ich mach das nicht!" ist grade sehr beliebt. Die Nachtschwester musste vom Arzt aufgefordert werden einen ZVK frei zuspritzen. Sie "Kann ich nicht" und liest ihr Buch weiter. Was macht man bei wenn man was nicht kann? Man fragt jemanden, der es kann, ob der es einem zeigt. Oder wir hatten am WE eine Schwangere mit vorzeitigen Wehen, weil die Gyn voll war. Die Kollegen sollten CTG schreiben (da misst man die Wehen mit und den Herzschlag des Babys). Antwort: "Kann ich nicht, ich weiss auch nicht wo das Gerät steht" anstatt sich mal drum zu kümmern, dass ´ne Kollegin von der Gyn es einem zeigt! Ignoranz und Dummheit ... mehr sag ich dazu nicht. Oder meine neue "Lieblingskollegin" hat gestern einen Überwachungspatienten abgelehnt, weil der einen Perfusor laufen hatte ... das sei "Intensivkram" meinte sie. Und ich wundere mich, warum meine Überwachungsbetten dauernd leer sind. "Für sowas haben wir keine Zeit", aber von der Praktikantin höre ich, dass sie eine Stunde Pause gemacht haben und sie dann noch über ´ne Stunde mit ihrem Freund telefoniert hat. Für nächsten Monat hab ich allen nochmal ´ne Geräteeinweisung reingedrückt ... dieses "Ich kann das nicht" in Bezug auf Medizintechnik will ich nie wieder hören, vor allem nicht von Leuten, die schon seit 5 Jahren examiniert sind.

Jetzt könnte man meinen, der Ryan kriegt bald ein Magengeschwür und schlafen tut er auch nicht gut. Ganz im Gegenteil. Mir gehts richtig gut. Ich schlafe wie ein Baby, trinke kaum noch Alkohol, lese viele gute Bücher und rede eigentlich nicht mehr als eine halbe Stunde über die Arbeit. Ich versuche die Arbeit nicht so ernst zu nehmen, und zu lachen anstatt mich aufzuregen. Selbst als ich Steffi erzählte, wie ich alleine den Patienten anfing zu reanimieren und niemand kam, war die Geschichte lustig verpackt anstatt toternst oder gar sauer. Das muss man erstmal schaffen einer Reanimation was lustiges abzugewinnen. 

Außerdem stört mich das nicht die Bohne der "böse Chef" zu sein. Ich find mich fair aber streng. Besonders aus dem Mund meiner Lieblingsbratze hörte ich schon so Worte wie: "Unfair ... der führt uns vor ... kann ja nicht jeder so klug sein wie Ryan ..." Ich geb auf sowas gar nichts. Auf meiner alten Station wussten alle Schwester, das was ich denen grade beibringen muss - zweitens führe ich 4 Augen-Gespräche, die einzige vor der ich sie vorgeführt hab, war sie selbst - drittens: Ich hab rausgefunden, dass sie sich für meinem Chef-Posten beworben hatte. Neidisch ist die Kleine, nichts weiter. ABER die Stellvertretung der Intensivstation hat grade gekündigt und sie brauchen dringend eine Neue. Ha ha, das ist meine Chance auf die Intensiv zu kommen. Und dann kann die Bratze meinen jetztigen Job haben und alles tun oder lassen was sie will, sogar Herzalarme überhören soviele sie will.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenKris schreibt am 11.04.2013 um 01:38 Uhr:Wollte schon gefragt haben, ob ihr die Leute bekommt, die nirgends erwünscht sind, oder die überzähligen, wenn die nicht interdiziplinären Stationen voll sind.
    Joa, nimm die mal ordentlich ran, und bring denen mal was bei...
    Beruhigend zu hören, dass du dir sowas nicht zu Herzen nimmst, es würde eh nix bringen... böser Chef bin ich auch :-D aber bin eigentlich auch fair, und jeder weiß, dass er, wenn irgendwas ist, zu mir kommen kann, und dann regeln wir das... aber der Großteil der Leute ist wie bei deiner Station ne Mischung aus Ignoranz und Dummheit und Faulheit... nervig!
    Ich wünsch dir wenige armgrapschende Demenzpatienten.
    Ist denn Intensivstation dein Traum?

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