Boys don´t cry

18.04.2012 um 17:57 Uhr

Der eine Ring

von: Ryan

Eigentlich ist alles ganz gut im Moment und ich muss zugeben, mir gehts ziemlich gut den Umständen entsprechend. Zwischen Steffi und mir läuft´s super, sie ist die Liebe meines Lebens. Deswegen sind wir jetzt auch seit knapp einem Monat verlobt. Jaaaa, ich hab gefragt. Wir haben natürlich über Heiraten und Zukunft allgemein schon oft geredet, aber dann kamen immer so Sätze von ihr: "Ich will dich schon heiraten, aber im Moment läuft doch alles gut so wie es ist." Aber sie hatte keine Wahl, ich hab jetzt einfach gefragt. Ich denke, es ist genau der richtige Zeitpunkt. Wir hatten vor 2 Wochen ein paar gemeinsame freie Tage, es war warm, die Sonne schien, also hab ich eine Fahrradtour vorgeschlagen so "spontan" zu der Stelle an der Alster, wo ich ihr damals vor 5 Jahren meine heimliche Liebe zu ihr gestanden habe. Und dann ganz klassisch mit Kniefall und "Möchtest du meine Frau werden?" Und dann war sie natürlich erstmal sprachlos, guckte mich irritiert an und nach ´ner gefühlten Ewigkeit kam dann irgendwann so ein Satz wie: "Ist das ein Scherz?" - "Nein, ich mache dir grade einen Heiratsantrag." - "Oh ... na dann ..." - "Uuund?" - "Den Ring kann ich aber nicht auf Arbeit tragen." - "Ist nicht schlimm, aber du musst noch was sagen!" - "Was denn?" - "Na, was die Frau dann so sagt!" - "Äh, soll ich jetzt freudvoll meine Eltern anrufen oder was?" - "Steffi ..." - "Du machst mich ganz irre!" - "Gib mir den Ring zurück!" - "Wieso?" - "Willst du mich heiraten oder nicht?" - "Achsoooo, ja natürlich."

Ja jetzt sind wir offiziell verlobt. Wegen Hochzeit hab ich schon relativ genaue Vorstellungen, nächstes Jahr im Frühling/Sommer, aber nur auf´m Standesamt. Kirchlich könnten wir, wir sind ja beide katholisch getauft, aber nicht tief religiös. Das gibt noch ´ne große Diskussion mit ihren Eltern, vor allem mit ihrem Vater, warum wir denn nicht vor Gott unsere Liebe bezeugen wollen. Und ihre Mutter wird sehr enttäuscht sein, dass wir alles alleine planen werden.

Naja, im Moment bin ich ziemlich erschöpft. Gleich nach´m Urlaub ging´s wieder auf Station wieder los und zwar volle Pulle. Chaos, Stress, du gehst vor Arbeit im Moment unter. Ich mache jeden Tag minimum 2 Überstunden. Im Spätdienst komm ich teilweise nicht vor Mitternacht nach Hause, obwohl ich regulär um halb zehn Feierabend hätte. Aber den Kracher hab ich gestern abgeschossen, Frühdienst beginnt normal um 6.00 und endet um halb 3. Ich war um 18.00 erst zuhause. Das Problem ist ja nicht mal das länger bleiben oder dass ich nicht nein sagen kann. Es ist einfach übermenschlich viel Arbeit. Ich trödel nicht auf Arbeit, ich geh auch nicht alle halbe Stunde rauchen oder so ein Quatsch. Nein, ich renne mir die Hacken ab, Essen nur zwischen Tür und Angel. Einen Tag hatte trotz bereits 6 Stunden Arbeit noch nicht einmal geschafft meine Wasserflasche aufzumachen, um mal wenigstens einen Schluck zu trinken. Ich weiss nicht woran das liegt - doch klar: Personalmangel und daraus resultierende Unterbesetzung in den Schichten.

Unser Patientenklientel ist auch grade besonders aufwändig. Viele Demente und sehr, sehr kranke Patienten. Unerfahrene Ärzte, aber denen kann man die Schuld ja auch nicht geben, weil die aufgrund der allgemeinen Unterbesetzung nicht richtig eingearbeitet werden. Zum Beispiel hatten wir gestern eine Reanimation und meine Ärztin stand völlig überfordert daneben und wusste nicht, was sie machen sollte. Meine pflegerische Kollegin auch erst seit einem halben Jahr examiniert, wusste auch nicht was sie machen sollte. Also musste ich erstmal dazwischen springen, Kommantos verteilen, damit die beiden sich aus ihrer Schockstarre bewegten, einer den Notfallkoffer holt und der andere das Rea-Team anruft. Und in der Zeit, wo ich mit auf die Intensiv musste, ist natürlich die Arbeit liegen geblieben. Also kam ich wieder zurück, hab vor Erschöpfung gezittert, dass ich kaum ein Glas Wasser trinken konnte und werde dann noch von einer Angehörigen angemacht, warum Oma keine zweite Tasse Kaffee bekommen hat.

Im Moment ist nicht schön ... ich frage mich häufig warum ich nicht einfach Bürokauffmann oder sowas geworden bin. Auf der anderen Seite hätte ich ja sonst die Liebe meines Lebens nicht kennen gelernt.

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenKris schreibt am 18.04.2012 um 21:16 Uhr:>>> Auf der anderen Seite hätte ich ja sonst die Liebe meines Lebens nicht kennen gelernt. <<<

    Nun hast sie doch aber schon kennen gelernt ;), und bist wahrlich nicht zu alt für einen beruflichen Neuanfang... etwas, das dich beruflich vielleicht glücklich(er) macht? Privat scheinst es ja schon zu sein, Gratulation zur Verlobung! Sehr schöner Antrag!
    Wie stellst du dir deine berufliche Zukunft denn vor, du bist doch nicht mal 30, meinst du dass du noch weit über 30 Jahre in deinem Beruf arbeiten kannst und willst?
    Wenn du es jetzt nicht änderst, wirds sicher nur schwieriger, denn es ist nie "der richtige Zeitpunkt"... irgendwann hält dich vielleicht ab, dass Steffi schwanger ist, oder oder oder?
    Versteh mich nicht falsch, ich halte dich, nach allem was ich so von dir lese, für nen tollen und auch engagierten Pfleger, aber Krankenpflege ist meines Erachtens einer der anstrengendsten Berufe überhaupt, meinst du, du hältst das psychisch und physisch noch 10 Jahre durch? 20? 30?

    just my two cents...

    P.S.: Glaubst du an Schicksal? Als Bürokaufmann hättest dir vielleicht beim Bürostuhl-Rennen den Knöchel verstaucht und wärst Steffi im Krankenhaus begegnet... ;)

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