Boys don´t cry

30.05.2010 um 02:07 Uhr

Die süße Azubine

von: Ryan

Lena-Fieber. Wer hätte gedacht, dass wir wirklich gewinnen. Ich freu mich sehr, auf der anderen Seite sitz ich zuhause und freu mich alleine. Cooler wäre gewesen aufm Kiez zu feiern und sich dort zu freuen. Ganz sicher! Aber ich bin noch krank geschrieben und man kann nicht aufm Kiez feiern, wenn man nicht arbeiten gegangen ist wegen ner Krankschreibung - finde ich zumindest. Ich riskier mal lieber nichts. Aber die Zeiten meiner Isolation sind bald vorbei.

Ja, beim meinem Therapeuten war ich auch mal wieder. Und obwohl ich 90 Minuten non-stop geheult hab, hat der es geschafft mich aus meinem depressiven Tief rauszukriegen. Oder mir zu helfen, dass ich mich selbst raus krieg. Cool, oder? Ganz gut isses noch nicht, aber ich muss meine krankhaften Verhaltensweisen ja auch erst ändern und das geht nicht von heute auf morgen. Wir (also mein Therapeut und ich) arbeiten mit Suggestion, also nicht immer: "Ich bin so krank, ich bin so depressiv, ich kann nix, ich schaffe nix, huuuu gehts mir schlecht." Nein, ich sag mal ein duzend mal am Tag: "Es geht mir gut, ich bin gesund, ich schaffe das, ich schaffe alles was ich will." hört sich simple und irgendwie naiv an - hilft aber. Ich bin noch nicht ganz in Höchstform, aber ich stehe früh auf, ich schaffe einiges und ich sehe mich auf nem guten Weg.

Ansonsten hat Steffi mal wieder alle meine Freunde aktiviert, alla: "Wer geht heute mit Ryan gassi, damit er den ganzen Tag nicht in der Wohnung sitzt?" Seeehr auffällig, weil PLÖTZLICH jemand vor der Tür steht und fragt ob ich Lust auf Spazierengehen hätte ... weil meine Freunde auch alle so gerne spazierengehen und weil das ja vorher auch unser aller Lieblingshobby war ... ha ha ... aber es tut mir gut, raus zu kommen. Es ist nur so fast schon "süß" offensichtlich. Nebenbei hab ich auch etwas Eigenelan an den Tag gelegt, zum Beispiel hab ich uns nen Wochenendtrip nach Holland organisiert und mein Bruder und seine Kumpels nehmen mich nächstes Wochenende mit an die Ostsee. Es ist schön, was vor zu haben, grade wenn man wie ich nicht arbeiten geht und den ganzen Tag Langeweile schiebt.

Und sonst so? Sonst so wäre ja alles ganz nett - aber irgendwie hat der Alltag jetzt endgültig meine Beziehung erreicht. Ich liebe sie, unendlich, sie ist die Frau mit der ich alt werden will, ich will sie heiraten, ich will Kinder von ihr, ich will alles mit ihr teilen, sie versteht mich, ich versteh sie - es könnte alles so schön sein. Aber irgendwas ist ja immer. Und vor allem ist es immer das Selbe. Sie kommt nach Hause, Schatz wie war dein Tag, ich erzähle, sie erzählt, wir essen was, wir gehen nochmal spazieren, wir gehen schlafen - und genau das gleiche am nächsten Tag wieder. Sie ist außerdem kaum noch zuhause, weil sie sich nen Zweitjob zugelegt hat - nicht, dass wir ihn bräuchten - gut, ihr eigenes Konto ist unausgeglichen und sie will es aufbessern. Also arbeitet sie nebenbei zu ihrer Vollzeitstelle noch mal locker flockig 40 Stunden im Monate extra. Also ist sie kaum noch zuhause, kaum noch bei mir, muss dauernd früh ins Bett, hat kaum freie Tage. Das nervt mich tierisch. Hab ich ihr aber auch schon achtundzwanzigtausend Male gesagt, sie hat genauso oft ihre Argumente geschildert, und ja, ich bin ja kompromisbereit, sie hat mich überzeugt. Man kann ja über alles reden - haben wir auch - x-tausend mal - aber die Situation bleibt doof. Nicht besonders beschissen, aber eben doof.

Und genau dann lernt man wen kennen - oder mal wieder ich lerne wieder wen kennen. Eine Azubine bei uns. Total nettes Mädel, super nett, ein Sonnenschein. Total fit, aufmerksam und ... ja, man kann eigentlich nur von ihr schwärmen. Und was passiert? Die letzten Wochen die ich noch arbeiten konnte, hab ich eben mit ihr gearbeitet. Sie war mir zugeteilt, also wir beide für die gleiche Patientengruppe zuständig. Und von ihr kamen so Sätze wie: "Mit dir macht das Arbeiten total Spaß!" - "Cool, dass du mir das erklärt hast" - "Ich find deine Art, wie du mit den Patienten umgehst total super." Und so weiter und so fort. Nebenbei ist auch noch hübsch .... ach ja ... und dann haben wir angefangen zu chatten. So über Gott und Welt. Nur so Kram, aber eben so Kram, wenn man sich sympathisch ist. Die Fronten sind so oberflächlich geklärt, sie weiss, dass ich inner Beziehung bin, ich weiss, dass sie 5 Jahre jünger und Azubine bei uns ist (das ist nämlich so nen No-Go: Azubi und Examinierter) - aber ich find sie super nett und süß. 

Und ich fühle mich angezogen von ihr. Ich weiss nicht ob es ihr auch so geht, ist auch besser, wenn ich es nicht weiss. Aber alleine diese Gedanken machen mich kirre. Das soll ja eigentlich nicht so sein, wenn man glücklich in seiner Beziehung ist. Na gut, Steffi und ich sind glücklich, ich liebe sie, kein Zweifel, aber irgendwie ist doch der Wurm drin. Sie geht dauernd arbeiten, ich sitz zuhause und mach den Haushalt. Und wenn sie dann mal zuhause ist, sind wir auch nie alleine, weil mein Bruder ja auch noch hier rumhängt. Und so gemeinsame Aktivitäten als Paar haben wir auch ewig nicht mehr gemacht. Wir gehen mal essen, aber dann kommt entweder Chris dauernd mit - er ist nicht das dritte Rad am Wagen, wir mögen ihn ja beiden sehr gerne, und ich glaub Steffi sieht ihn auch mittlerweile als super guten Kumpel - aber so für uns zwei haben wir ewig nichts gemacht, vor allem wahrscheinlich aus Zeitmangel. Sexualleben ist auch eingeschlafen - darüber könnt ich jetzt auch ewig philosophieren, aber ich lass es mal lieber.

Und nun? Nun schwirrt mir diese Azubine im Kopf rum. Ich werd ganz kribbelig, wenn ich sehe, dass sie online ist. Neulich hab ich sogar nachts im Schlaf von ihr geträumt - keine versauten Sachen, nee nee, nur so ne harmlose, aber emotionale Geschichte, dass sie halt da wäre für mich. So Träume, wo eine Umarmung von einem Menschen, das absolute Glück sind. So einen Traum hatte ich von ihr. Nicht von Steffi. Steffi hätte da in meinem Traum sein sollen, aber statt meiner Freundin war da ne Andere. Und sie hat mich berührt und den ganzen Tag nicht mehr losgelassen. 

Solche Gedanken machen mich irre. Ich überlege dauernd hin und her. Ist das nen Grund alles wegzuschmeissen, was ich mit Steffi hab? Kann man jemanden lieben, wenn man nen paar Tage intensiv an wen anderes denkt? Ist das normal, weil ich nen Mann bin? Sind Menschen für die Monogamie geschaffen? Bin ICH für die Monogamie geschaffen? Oder finde ich mein Seelenglück nur mit der anderen? Das macht mich halb irre. Aber solange ich meine Finger bei mir behalte wird doch alles gut sein. Hoffe ich. Gut, mir ging´s ähnlich mit dem einen Kerl/Nachbarn/Arbeitskollegen/jetzt guter Freund, mit dem ich sie betrogen hat - wovon sie GOTTSEIDANK nichts weiss und diese Gefühle haben sich dann ja auch in Luft aufgelöst, weil die Gefühle zu Steffi eben stärker waren und ich diese ganze Affäre in die Schublade "Verwirrung" ablegen konnte.

Auf der anderen Seite dulde ich bei Steffi auch so "Kumpels" - also sprich: männliche Freunde - wo ich bei mindestens einem davon ausgehe, dass der sie dauernd angräbt. Zumindest sehe ich nach jedem Treffen so Bilder, wo sie bei ihm aufm Schoss sitzt, er sie ganz innig umarmen muss, Küsschen auf die Wange hier, Füttern mit Kräuterbaguette da ... und immer wenn ich so den kleinsten Anflug von Eifersucht zeige, kommt nur von Steffi: "Hach, sei nicht albern." Gut und sie weiss, dass ich fast nur Freundinnen hab (oder schwule Kumpels) und ich hab oft das Gefühl, ihr kommt gar nicht in den Sinn mal eifersüchtig zu sein, was ich denn so mache. Selbst als meine Affäre mitten auf unserer Einweihungsfeier saß und sich ne halbe Stunde mit Steffi intensiv unterhielt, kam ihr selbst kein Verdacht. Von ihr kam am nächsten Tag nur so Sätze wie: "Der ist so nett, den müssen wir mal öfter einladen. Grüß den mal ganz lieb, wenn du ihn das nächste Mal siehst! Oh, der würde gut zu meinem schwulen Kollegen passen, wir müssen mal was zu viert unternehmen und die beiden einander vorstellen." Selbst als ich mal ne Nacht nicht nach Hause kam und bei ihm geschlafen hab (*hüstel*) hat sie meine Ausrede alla: "Wir haben Bier getrunken, uns lange unterhalten und ich bin auf seiner Couch eingeschlafen" ohne weiteres Nachharken hingenommen.

Ja, was will ich denn eigentlich damit sagen? Wir vertrauen uns zu sehr? Mich nervt, dass sie mir keine Affäre unterstellen würde? Nervt mich, dass sie mich nicht als attraktives Wesen sieht, dass auch durchaus von anderen Menschen begehrt werden könnte? Keine Ahnung. 

Vielleicht sollte ich einfach warten, bis diese neuen, verwirrenden Gefühle ablauen - offline gehen, wenn sie online ist. Keine SMS, und schon mal gar nicht telefonieren so wie sie es vorgeschlagen hat. Und nicht treffen. Niemals treffen - auch wenn´s mit Sicherheit tollen werden würde. Niemals, auch nicht ausversehen treffen. Oder hoffen sie zu treffen. Niemals. Wäre das Beste. Auch nicht hoffen, dass sich ne Freundschaft entwickelt. Gar nichts, einfach gar nichts machen. Desinteresse heucheln. Auch wenn´s schwer fällt. Treue sollte einfach sein.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenVomFeuerkind schreibt am 31.05.2010 um 16:01 Uhr:Das ist interessant... jetzt weiß ich auch was hinter deiner Befragung steckt. *grins* Hast du nen Beitrag dazu geschrieben?? Den fände ich ja mal super spannend. Es gibt so wenig Männer die ne Bi-Neigung haben.

    Aber zu der anderen Geschichte. Ich glaube das ist ganz normal, dass man sich hin und wieder für wen anderes interessiert. Eigentlich ist nur wichtig was du daraus machst. Ich weiß nicht ob aus dem Weg gehen da der richtige Weg ist. Wenn ich in so einer Position bin versuche ich das Thema mit meinem Partner durch zu sprechen. Meine Sehnsüchte meine Wünsche... aber das kann eben nicht jeder.

    Vielleicht helfen dir folgende Fragen ja ein bißchen:
    Was reizt dich so an ihr? Hat sie etwas wesentliches was Steffi nicht hat? Oder ist es nur der Reiz des neuen, des anderen? Es es ein körperliches oder ein geistiges Interesse? Wenn Steffi (und der Job) nicht wäre, was würdest du wollen? Sex? Beziehung? Freundschaft? Ein Mix? Warum würdest du es wollen bzw. warum nicht? Was fehlt dir bei Steffi, weswegen du gerade so anfällig für andere Frauen bist? Ist es wirklich nur Qualitytime? Nähe? Sex? Einen Gesprächspartner? Und was kann man wirklich gefahrlos outsourcen? In einer monogamen Beziehung ist es schwierig Sex auszulagern. Aber vieles kann man sich in Freundschaften holen und es ist vollkommen legal und völlig ok/normal das zu tun.
  2. zitierenRyan schreibt am 01.06.2010 um 19:23 Uhr:Das ist ne gute Idee, mich zu fragen, was ich mir wirklich heimlich, unterbewusst erhoffe. Wahrscheinlich einfach nur was "anderes". Ach mal schauen ...

    Wieso biste so überrascht wegen der Bi-Neigung? Und die Befragung ist ja auch schon eeeewig auf der Seite. Irgendwo in den unendlichen Weiten meines Blogs ist bestimmt irgendwo nen Beitrag zum Thema Home, Bi & Hetero - aber frag mich nicht wo *g* Ansonsten geh ich mit dem Thema auch sehr offen um, falls Fragen bestehen ;-)
  3. zitierenVomFeuerkind schreibt am 02.06.2010 um 13:31 Uhr:Ich habe eben nur noch nicht so viele Männer kennengelernt, die das offen zugeben. Ich finde das überhaupt nicht schlimm. Im Gegenteil. Ich hab ja auch ne Bi-Neigung, die ich auch regelmäßig auslebe. Warum nur Steak essen, wenn man dazu auch Salat bekommen kann. Ist halt etwas völlig anderes das andere Geschlecht anzufassen. Glücklichweise steht mein Freund dahinter, so muss ich nichts verheimlichen. War mir auch wichtig.
  4. zitierenRyan schreibt am 02.06.2010 um 20:10 Uhr:Nee, so ganz gleich isses bei mir nicht - Treue ist Treue - also auch nix mit anderen Männern oder Frauen inner Beziehung.
    Allerdings hab ich eher schlechte Erfahrungen mit Bi-Männern gemacht, die Bisexualität so definieren: Liebe mit Frauen - schneller, unkomplizierter Sex mit Männern. So bin ich da nicht.
  5. zitierenVomFeuerkind schreibt am 04.06.2010 um 09:36 Uhr:Der eine Bi-Mann, den ich kenne, sieht das ähnlich wie du. Er hat sich letztens sogar in einen Mann verliebt, was er früher nicht für Möglich gehalten hätte. Ich finde da absolut nichts schlechtes dran. Genausowenig daran seine Bedürfnisse zu äußern und sie auszuleben. Mittlerweile definiere ich Treue auch ein wenig anders. Es hat sich auch meine Einstellung zur Priorität von exklusiven Sex in einer Beziehung geändert.

    Es würde mir etwas in meinem Leben fehlen, wenn ich mich für die eine oder die andere Seite entscheiden müsste. Oder wenn ich auf die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse verzichten müsste, die mir mein Partner eh nicht erfüllen kann. Es würde mich langfristig unglücklich machen. Und andersrum würde ich das auch nicht wollen. Glücklicherweise habe ich einen Partner mit dem ich offen darüber reden kann. Der auch Bedürfnisse hat, die ich nicht erfüllen kann. Ich hab halt keinen Sch*wanz. Und ich kann ihn einfach nicht dominieren. Und er hat keine Brüste und kann mich auch nicht dominieren. Wir beide sind uns einig, dass man sich nicht damit abfinden muss, dass es eben nicht da ist.

    Wir geben uns gegenseitig das Gefühl für einander da zu sein. Etwas besonders zu sein. Priorität eins zu sein. Und wir sind ehrlich und offen. Es gibt da keine Heimlichkeiten. Er muss mich nicht betrügen, wenn er sexuell etwas oder jemanden anderes braucht. Vielleicht bin ich sogar dabei. Und das Eröffnet einen ganz neue Möglichkeiten und viel mehr Abwechslung. So wird es nicht so schnell langweilig und so steigt die Chance, dass wir das, was zwischen uns ist, auch lange genießen können.

    Man braucht viel Vertrauen, um das umzusetzen und es setzt voraus, dass man sich seiner Bedürfnisse bewusst ist, sie komuniziert und vor allem die des anderen respektiert. Das gilt für beide Seiten. Das ist für mich eine wundervolle Basis für eine Beziehung. So muss ich nicht auf Monogamie bestehen, weil ich weiß dass er mir trotz allem treu ist. Und ich ihm.

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