Boys don´t cry

22.09.2010 um 23:21 Uhr

Erinnerungen

von: Ryan

Erinnerungen ... heute ganz aktuell das Thema. heute war mündliche Examensprüfung unserer Azubis. Zur Erklärung, die Mündliche läuft ganz zum Schluss am letzten Tag der Ausbildung. Ungefähr ne Stunde nach Beendigung der letzten mündlichen Prüfung (von insgesamt 3) erfährst du, ob du deine Noten, ob du durch bist oder eben nicht. Kriegst dein Staatsexamen und weisst, ob du endlich alles hinter dir hast ... oder versagt hast. Meine eigene Prüfung war vor ziemlich genau 3 Jahren - mein Gott, das ist schon so lange her?? Ja, aber ich hab sie richtig gut gemeistert. Seit 3 Jahren darf ich mich examinierter Krankenpfleger schimpfen. Aber genau vor 3 Jahren hab ich das gleiche Marthyrium durchlebt, wie unsere Azubis heute.

Kurz zu meinem Tag: alles locker. Lange geschlafen, ich hab ja Urlaub, kein Stress. Kurz mal einkaufen, mit meinen Haustieren spielen, telefonieren mit meiner Freundin (ist grade bei ihren Eltern, also sturmfrei), Nintendo spielen 3 Stunden am Stück ohne das wer meckert, zum krönenden Abschluss noch chinesisches Essen geholt. Mir geht´s gut, ich leb wie die Made im Speck. Und dann der Anruf von meiner besten Freundin (auch Krankenschwester bei uns im Krankenhaus): "Ryan?? Weisste wie die mündlichen Prüfungen gelaufen sind??!!" - "Nee." - "Haste von irgendwem die Telefonnummer ausm Kurs? Ich bin so aufgeregt!" Also kurz mal wen kontaktiert - am Anderen Ende der Leitungt nur ein heulendes, angetrunkenes Mädchen: "Jaaaa??" schluchz  - "Hi, ich bin´s, Ryan, ich wollt nur mal hören wie es gelaufen ist." Sie bricht in Tränen und heult jaulend und aus tiefster Seele: "Guuuut!!" Ich nicht so erfasst: "Hey, das ist doch super, haste bestanden?!" - wieder heulen: "Jaaaaaa!!! ... schluchz!!" - "Hey, das ist doch super!! Herzlichen Glückwunsch!! Du bist jetzt eine richtige Schwester!! Ich freu mich so für dich! Ich muss jetz auflegen, ich hab wen auf der anderen Leitung!" - Sie: "Jaaa ... schluchz" - andere Leitung meine beste Freundin: "Und?" - "Sie hat bestanden!" - "Und wer noch? Ist wer durchgefallen?!" - keine Ahnung, die völlig fertige Ex-Azubine hatte schon aufgelegt.

Kann ich verstehen. Ich erinnere mich heute wie es mir damals ging - und Herr Gott, ich glaub das war einer der wichtigsten Tage meines Lebens. Und ich war heil froh als er endlich vorbei war. Gleich vorweg: Ich war einer der Streber. In der Schule war ich nie gut. Nicht mal annähernd. Aber der Kram in der Krankenpflegeschule hat mich wirklich interessiert und beflügelt von einem meiner besten Kumpels und mit Azubis, habe ich genauso hart wie er gelernt. Er war der Meinung: Wir sind dumme Menschen, wir müssen extrem viel lernen, damit wir ne gute Noten kriegen, also hauen wir rein und machen das!! Schakka!! Und meine Güte, wir haben die letzte Scheisse gelernt. Im Endeffekt war ich super enttäuscht das nur so wenig abgefragt wurde von der Masse die ich Monatelang in mich rein gepaukt hatte. Naja, besser als andersrum. 

Okay, und dann kam der tag der mündlichen Prüfung. Der letzte Tag der Ausbildung - wenn man es nicht versaut. Ich hab am Tag vorher um 12 ungefähr aufgehört zu lernen, weil alles andere verwirrt dich nur. Du musst deinem gehirn Zeit geben, damit sich die Infos setzen können - hab ich mich gehört, sonst verhaspelt man sich nur. Okay, also war ich mit meiner Freundin nen Anzug kaufen, weil man soll ja gut aussehen zur Examensverleihung (ist ja am gleichen Tag nur ne Stunde nach Abschluss der mündlichen Prüfung). Also waren wir in der Innenstadt zum bummeln und haben wirklich ne ziemlich coole Hose für mich gefunden. Und als wir grade Richtung Hauptbahnhof schlenderten, haben wir meinen besten schwulen Kumpel getroffen (der auch einkaufen war). Was für´n Zufall, also muss alles gut werden. Wir haben dann noch alle zusammen nen Bier getrunken und ich konnte trotz großer Aufregung gut schlafen.

Die eigentliche Aufregung kam erst als ich dann wirklich in der Krankenpflegeschule war - und alle meine Mit-Azubis total ausgeklingt sind. Wobei ich ganz ehrlich sagen muss: Die Mädels waren cooler. 3/4 des Kurses waren Mädels, 1/4 Jungs. Und die paar Jungs um mich herum haben sich plötzlich so wesensfremd geziegt wie ich es nie erwartet hätte. Alle waren aufgeregt, klar. Aber die Mädels haben sich unterhalten, und konnten besser mit dem Druck umgehen. Aber bei den Männern ging nix mehr. Einer brüllte immer nur sehr selbstüberzeugt: "Die lassen uns doch nicht durchfallen! Keinen! Niemals! Wir sind alle total gut!" Aber mit so viel Nachdruck, dass ich nur dachte: Für wen sagst du das? Für uns oder doch nur für dich?! - "Nien, die lassen keinen hier durchfallen! Ich weiss das, ich kenn die doch alle! Ich weiss wie die ticken! Ich kann mir nicht vorstellen, dass die jemals wen durchfallen lassen. Nein das wird nicht passieren!"

Oder ein anderer: er saß in den Pausen zwischen den Prüfungen nur auf der Bank, steckte sich eine Zigarette nach der anderen an und schwieg. "Geht´s dir gut?" hab ich es damals versucht. Und er nur: "Mmh" - "Wirklich?" - "Mmmmmh!!" Mehr kam nicht von ihm. Wiederum ein anderer sagte plötzlich zu mir: "Ryan, ich sollte wieder joggen, das ist gut für Nerven!" - "Ja, damit kannste ja morgen anfangen." - "Nein, wieso morgen? Jetzt!" und rannte 6 Runden um´s Schulgebäude rum. Strange ... 

Ich erinnere mich noch wie heute, dass wir "gefangen" waren in einem kleinen Aufenthaltsraum und nebenbei noch raus in den Hof durften um zu rauchen. Alle anderen Räume waren für die Prüfungen reserviert. Und alle Azubis sassen da in ihrem Aufenthaltsraum, die Luft zum schneiden dick vor Anspannung und Angst. Einige wenige hatten ihre Lernunterlagen dabei, handgeschirebene Zettel oder Bücher und versuchten auf den letzten Drücker noch nachzuholen, was sie vorher wochenlang nicht gelernt hatten. Zwiscehn 8 und 12 Uhr liefen alle Prüfunfen, allerdings wurde man nur 3 mal je 10-20 Minuten geprüft, also viel Zeit zum durchdrehen zwischendurch. Im nachhinein denke ich auch, dass das Warten das eigentlicht Schlimme an der ganzen Sache war. Eine Stunde Wartezeit zwischen ner Prüfung kann echt hart sein. 

Ich wurde Gott sei Dank mit ner Kollegin zusammen geprüft, von der ich wusste, dass sie gut und sicher sein wird. In der Vorprüfung war ich mit dem Endlos-"Mmmmh!!"-Raucher geprüft und der war so aufgeregt, dass der in der Zwischenprüung ne 5 kassiert hat - nicht weil es nicht wusste, sondern, weil der Blackouts geschoben hat in der Prüfung. Und ich ihn während der gesamten Prüfung im Kopf verbessert hab. Nein, bei der wirklichen Prüfung hatte ich neben mir eine total souveräne Kollegin sitzen, die alle Fragen mit 1 und fliess-Bienchen beantworten konnte. Dementsprechend konnte ich mich zurück lehnen und entspannend, während sie dran war. Und meine eigenen Aufgaben ebenso souvären und gut beantworten. Ich hatte ja gelernt und freute mich beinahe schon endlich mal beweisen zu können, was ich wirklich alles gelernt hatte. Nicht ohne Stolz möchte ich sagen: ich hab ne 1 gemacht in der mündlichen Prüfung.Ja, ich hab die beste mündlichePrüfung in meinem Kurs abgelegt - ich weiss zwar nicht wie, weil ich auch so ein ewig-rauchendes Nervenbündel war und bei einer Prüfung mehr gestottert als geredet hab ... aber hey, wen interessiert das noch? Hauptsache, du hast dein scheiss-Staatsexamen. Ende. Mehr interessiert nicht.

Um so doofer: ne Azubine, die ich echt gerne mag, hat heute verkackt. Sie ist durchgefallen. Und das tut mir so unendlich leid, weil ich weiss, dass sie klever und gut ist. Im Moment reagiert sie noch nicht auf Anrufe ... mal schauen, vielleicht will sie morgen drüber reden.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenS_Hase schreibt am 24.09.2010 um 10:54 Uhr:Ich erinnere mich mit Schrecken an meine mündliche Prüfung, an mein leises Herumgestammele, obwohl ich vorbereitet war - und in meiner Gruppe, direkt neben mir, der supergute, allerbeste Azubi der ganzen Prüflinge! Der war so unglaublich selbstsicher und eloquent, da bekam man gleich noch mehr Hemmungen. Aber es stimmt, letztlich zählt nur, ob man bestanden hat oder nicht und das hatte ich zum Glück. An meinem Prüfungstag fiel auch jemand durch, das muss wirklich brutal sein. Man muss seine Ausbildung verlängern, sich vor seinem Arbeitgeber und noch anderen vielleicht rechtfertigen und zusehen, wie die restlichen Azubis sich über ihren Abschluss freuen. Ich glaube, nach so einem Desaster hätte ich auch erstmal niemanden sehen oder sprechen wollen.

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