Boys don´t cry

23.11.2012 um 10:40 Uhr

Heile heile Gänschen ...

von: Ryan

Hand ist wieder zusammengewachsen, Fäden raus - nur noch ein paar blaue Flecken erinnern an meinen Unfall. Blöder Weise wurde ich gleich 2 Tage später total krank - Fieber, Husten, Schnupfen. Ist ja klar: bei Stress fährt das Immunsystem komplett runter und die Tore sind offen für alle Grippeviren der Welt.

Und jetzt ist fast alles wieder gut. Ich hab noch etwas Schnupfen, bisschen Husten nachts und nur ein Pflaster auf der Hand. Ich bin froh, dass bald wieder alles so ist wie vorher - ganz normaler Alltag. Ich freu mich sogar wieder auf´s Arbeiten. Dadurch, dass mich das Fieber ja eine Woche niederstreckte, kenne ich nun das komplette Fernsehprogramm zu jeder Tages- und Nachtzeit auswendig. Und irgendwann siehst du nur noch die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung. 

Natürlich kommt auch nicht nur Gutes im Fernsehen, ich hab viel Assi-TV gesehen, so möchte ich es mal nennen, wenn man dem Langzeit-Arbeitslosen Jeremy-Pascal bei seinem 10 minütigen Monolog zusieht, warum er leider nicht mal Vorstellungsgespräche wahrnehmen kann. Zumindest weiss ich jetzt wieder warum ich arbeiten gehen muss: 10 Tage Couch und Fernsehen waren echt anstrengend. 

Ich bin echt froh, dass ich mich nachts wieder umdrehen kann, ohne Angst zu haben mich auf eine schmerzende Prellung zu legen - und dass ich wieder selbstständig bin. Ich bin ja Rechtshänder - ich konnt kaum noch was. Die Chirurgin hat mir beim Nachkontrolltermin die halbe Hand geschient mit der Begründung: "Die Finger sind ja immer noch massiv blau und dick, die stellen wir jetzt für 10 Tage komplett ruhig." Erst wollte sie gibsen - aber nicht mit mir.

So hatte ich mal einen kleinen Vorgeschmack, wie es ist, wenn man eingeschränkt ist in seiner Selbstversorgung. Brotschmieren zum Beispiel ging gar nicht - du musst ja mit einer Hand das Brot festhalten, damit es nicht wegrutscht und mit der anderen Hand mit dem Messer schmieren - tja, also gabs ziemlich häufig Müsli für mich. Noch so ein halbes Kunststück: Duschen. Jeder der mal nen Gibs hatte, weiss was ich meine. Dusche an, drunter stellen und die rechte Hand irgendwie hochhalten, damit du zum einen nicht ausversehen dran kommst und zum zweiten die Schiene nicht nass wird. Die ersten drei Tage hab ich mich noch von Steffi rasieren lassen, danach hatte ich so Fieber, dass mir selbst das egal war.

Ansonsten muss ich sagen, psychisch hat der Unfall einiges mit mir gemacht. Eigentlich war es ja nur ein kleiner Unfall. Prellungen an Beinen, Hüfte, Finger und eine Platzwunde kann man verschmerzen. Und jetzt knapp 14 Tage später hab ich nur noch blaue Flecken, ein Pflaster, aber nichts was noch wehtut. Aber was mir durch den Kopf geistert: Es hätte auch ganz anders kommen können. Ich trage nie einen Helm beim Fahrradfahren, ich bin zu eitel. Meine Frisur geht kaputt und ich rechne ja auch nicht damit auf den Kopf zu fallen. Aber: es kann passieren. Eine Freundin von mir arbeitet auf einer Intensivstation für Polytrauma-Patienten. Das sind Patienten mit gebrochenen Schädeln, abgerissenen Gliedmaßnahmen und schlimmeres. Normalerweise kann ich mich super abgrenzen, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt - ist eher interessant mit dem medizinischen Aspekt. Vor zwei Tagen waren wir Kaffeetrinken und mir wurde klar: ein bisschen weniger Glück und mein sehr kleiner Unfall, hätte ganz anders ausgehen können. Es hätte nur gereicht, dass ich ein bisschen anders gefallen wäre und ich hätte mir den Kopf gestossen - und dann wäre ich mit einer schweren Gehirnerschütterung noch glimpflich weggekommen. Ich fühl mich plötzlich sehr verwundbar - und sterblich. Das ist fast noch schlimmer. 

Also Normalo, wenn du nichts zu tun hast mit dem Sterben anderer Leute, denkt man nicht so drüber nach. Ich merke das Steffi. Auf ihrer Station stirbt alle 10 Jahre mal ein Patienten, ich hatte in einem Nachtdienst schon mal 4 Tote. Steffi macht sich über sowas keine Gedanken, ich schon. Ich glaub, ich steigere mich auch manchmal wirklich rein. Ich denke viel darüber nach, ob nach dem Tod noch was kommt oder ob es das dann war. Und ich bin mir nicht sicher. Früher war ich sehr von dieser Leben-nach-dem-Tod-Theorie überzeugt. Aber ich bin mir nicht mehr sicher. Und dieses "Ich bin dann weg, alles was mich ausgemacht hat, ist dann weg, keine Gedanken mehr, keine Gefühle und die Welt dreht sich weiter ohne mich" macht mir häufig sehr große Angst. Neulich hatte Steffi Nachtdienst, ich sass alleine zuhause vorm Fernseher und hab mir einen Zombiefilm angesehen. Zombiefilme find ich super, guck ich eigentlich ganz gerne - aber während die Gruppe der Überlebenden immer kleiner wurde und die Zombies sie immer mal wieder eingekreist hatten und eine schlimme Situation sich an die nächste reihte - und diese lebenden Toten und meine Gedankenkreisel bezüglich Leben und Sterben, waren irgendwann zuviel und ich bekam richtig ´ne dicke Panikattacke.

Um mich nicht vollends kirre zu machen, versuche ich solche Gedanken zu ignorieren. Was nützt es sich darum Sorgen zu machen? 

 

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenLeni schreibt am 25.11.2012 um 19:11 Uhr:Hey das mit den Gedanken über den Tod kenne ich. Ich möchte mir auch immer einbilden, dass "danach" noch etwas ist. Kann es mir aber nicht vorstellen...und so kommen dann immer die Gedanken, dass wenn es vorbei ist...wirklich nichts mehr ist. Man ist einfach nicht mehr da...gar nicht...man fühlt nicht, man hat keine Gedanken einfach nichts...und weil das nicht in meine Vorstellung geht...kommt da auch immer leichte Panik hoch...ich hab das oft vorm einschlafen.

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