Boys don´t cry

08.03.2010 um 02:21 Uhr

How are you

von: Ryan

Oh man, soviel passiert grade in meinem Leben und ich schreib hier kaum etwas darüber. Das nervt mich selber. Ich würde gerne nachlesen wie es Tag für Tag so ist oder was sich verändert. Aber ich bin lethargisch, meistens. Lustlos, erschöpft - ja erschöpft, sehr sogar.

Am schlimmsten wurde es nachdem ich wieder versuchte ein paar Tage zu arbeiten. Ich bin ja schon ewig krank geschrieben - es kotzt mich an - eigentlich dachte ich, eine Woche würde mir gut tun, würde mich regenerieren, ich könnte mal richtig ausspannen und wäre dann fit für alles was danach kommen würde. Nee ... leider nicht. Kaum wieder bei der Arbeit, wurde es wieder sehr schlimm. Ich fühlte mich schon nach der ersten Schicht als hätte ich nie frei gehabt. Dieser Erschöpfungszustand ist eines der schlimmsten Symptome. Ich konnte es mir vorher kaum vorstellen - jetzt weiss ich es aus eigener Erfahrung um so besser. Normaler Weise fühlt man sich nach 8 Stunden Schlaf erholt und fit, gut ich bin ein Morgenmuffel. Meine Fittness setzt erst nach ner Stunde wachsein und ner Tasse Kaffee ein. Aber so war es in letzter Zeit gar nicht. Ich schlafe nicht um mich zu erholen. Ich bin nicht erholt wenn ich aufwache. Ich fühle mich morgens, noch Stunden nach dem Aufstehen, wie gerädert. Ich hab das Gefühl, ich leg mich nur schlafen um meinen Verstand ein paar Stunden auszuknippsen und etwas Zeit tot zu schlagen. Ich will nicht abstreiten, dass ich im Moment eigentlich sehr fest und gut schlafe - auch keine Selbstverständlichkeit für mich - aber ich bin nicht erholt, wenn ich morgens aufstehe.

Im Moment ist es schlimm. Ich hasse es krankgeschrieben zu sein. Ich verdiene mir gerne, was ich hab. Ich bin auch gerne beschäftigt. Ich mag meinen Job und ich mag den Kontakt zu den Patienten, ich liebe es Dinge zu können, die "Normalsterbliche" nicht können, zum Beispiel Spritzen setzen, komplizierte Verbände machen, ich weiss soviel über eine Menge Medikamente. Ich bin sogar stolz drauf so ein fitter Krankenpfleger zu sein. Aber ich glaube, genau das hat mich dahin gebracht, wo ich jetzt bin. Ich hab nicht gut auf mich aufgepasst. Ich sehe mich selbst nicht mehr als ICH, sondern nur noch als der Krankenpfleger. ICH bin nichts besonderes, aber der Krankenpfleger ist sinnvoll und nützlich. Ich hole mich meine Selbstbestättigung über meine Arbeit.

Ich versuche immer zu den Kolleginnen zuzuarbeiten. Meine Freundin sagte mal: "Du darfst nicht immer soviel machen, es hört sich oft so an als ob deine Kollegen ihre Arbeit von 100% auf 70% runterfahren um sich zu schützen, und du versuchst das Defizit aufzuarbeiten." Und genau das isses. Wir haben extrem viel Stress, viel Arbeit, wir müssen viele Aufgaben übernehmen, die in anderen Kliniken von stationsexternen Personal übernommen werden. Und je mehr meine Kollegen runtergefahren haben, desto mehr hab ich versucht aufzuarbeiten. Ich komme oft nach Hause nach der Schicht und beschwere mich, dass niemand außer mir sich für die Lagerbestellung zuständig fühlt. Dass nur ich das medizinische Lager aufräumt und organisiert, dass nur ich den Rea-Wagen kontrolliert, dass nur ich die Kurzinfusionen anmischt und anhängt. Nur ich. Niemand anderes. Woran liegt das? Ich glaube, ich gebe meinen Kollegen zu sowas keine Chance. Es läuft ja auch ohne mich. Ich bin krank, seit Wochen, der Betrieb läuft weiter. Nix ist zusammengebrochen, ich bin entbehrbar. Es läuft - ohne mich. Meine Kollegen freuen sich immer, wenn sie mit mir Dienst haben, weil ganz oft so nen Satz kommt wie: "Wir müssen noch dringend das und jenes bis zum Abendbrot machen" Und ich sag dann oft: "Ist schon fertig" Eine Kollegin sagte vor einiger Zeit: "Wenn ich mit Ryan Dienst hab, sind immer die Heinzelmännchen da, irgendwie ist alles schon fertig, wenn ich anfangen will." Aber jetzt hat das Heinzelmännchen nen Burn-Out.

Ich unterteile im Moment die Tage in "Gute Tage", "mittelmäßige Tage" und "schlechte Tage". Die schlechten Tagen werden im Moment weniger, in denen ich nix schaffe, nur lethargisch auf dem Sofa liege und mich zu schwach zum atmen fühle. Diese Tage sind schrecklich. Entweder ich habe Herzattacken am laufenden Band, heule ununterbrochen oder habe alle 10 Minuten einen Angstanfall oder bin einfach nur unerträglich unruhig innerlich. Kaum auszuhalten. An guten Tagen fühle ich mich wie ich mich sonst fühle. Ruhig, ich bin ich. Ich bin belastbar, ich kann Anrufe tätigen, alles in Ordnung. Und die mittelmäßigen Tagen sind irgendwas dazwischen.

Jeden Morgen stehe ich auf und frag mich, was für ein Tag das wird. Ich bin meistens unruhig morgens und muss irgendwas tun und abwarten. In der Zeit mach ich im Moment immer nen bisschen Hausarbeit, putzen, Wäschewaschen, durchwischen, irgendwas und später merk ich dann wie es heute ist. Letzte Woche hatte ich viele schlechte Tage. Im Moment sind es wieder mehr mittelmäßige, heute war sogar ein guter. Meine engsten Freunde und meine Brüder wissen bescheid und versuchen mich zwar nicht zu bedrängen aber mit mir "Gassi zu gehen". Meine Freundin sagte, ich müsse wenigstens einmal am Tag vor die Tür und ich glaub, die haben heimlich hinter meinem Rücken ne Liste wer wann für mich zuständig ist. Heute kam zum Beispiel ganz überraschend mein bester Freund vorbei, wir haben ne Stunde gequatscht und später waren wir zusammen mit meinem Bruder-Schrägstrich-Mitbewohner sogar in der Innenstadt noch nen Bier trinken - ich hätte es gestern zum Beispiel nicht bis in die Innenstadt geschafft. Ich finde das ist ein Fortschritt mit meinen Panikattacken U-Bahn zu fahren. Und danach war ich noch mit meinem Bruder nen Steak essen im Block House. Das ist ein erfolgreicher Tag, ziemlich gut sogar, weil ich im Moment extrem unbelastbar bin - aber es hat mir echt gut getan, dass die beiden mich hochgepeitscht haben. Für nächste Woche ist Sport angesagt. Wir haben Termine für Volleyball und Squash.

Was mir im Moment nicht so gefällt, ist meine Freundin. Ich bin sehr froh, dass ich sie in meiner tief depremierten Phase mit 3 Tage Non-stop Heulen nicht vergrault hab und sie sich nicht getrennt hat. Ich bin auch sehr sicher, dass sie bei mir bleibt, egal was bei mir psychisch noch abgeht. Sie ist da und begleitet mich auf meinem schweren Weg zurück ins Normalsein. Sie fragt auch, wie es mir geht, was ich heute geschafft hab und so weiter. Das ist alles toll und ich glaube mehr sollte ich nicht erwarten. Trotzdem gibt es Leute, die irgendwie grade mehr für mich tun, als sie. Ich bin profitiere von ihr nicht. Von ihr kommt nur häufig der Satz: "Ich weiss nicht was ich tun kann." Ich weiss es erst recht nicht. Sie versucht mich zwar auch raus an die frische Luft zu schicken, ist aber nicht halb so durchsetzungsfähig wie mein Bruder. Bei ihr brauch ich zweimal jaulen: "Ich glaub, ich krieg ne Blase!"und schon kehren wir um. Mein Bruder erwidert nur: "Hör auf zu jaulen!" und geht eiskalt weiter. Ich brauche Arschtritte und von ihr kriege ich sie grad nicht. Und mich bringt es auch nicht weiter, wenn ich von ihr höre, wie hilflos sie sich fühlt. Sie hat bestimmt schon zwei duzendmal gesagt, dass sie nicht weiss wie sie mir helfen soll. Nur dieser Satz kommt. Nur ein Statement wie es ihr geht. Das nervt mich. Hab ich ihr auch neulich ziemlich schroff gesagt. Sie wirkt überfordert mit mir, aber sie bleibt bei mir. Sie arbeitet viel, ist dementsprechend mit Fahrtwegen schon 10 Stunden am Tag weg, und sie hat seit diesem Monat noch nen Nebenjob auf 400 Euro Basis in nem Pflegedienst, den sie dann noch an ihren freien Tagen macht. Das heisst wir sehen uns selten und verbringen dementsprechend kaum noch effektiv Zeit miteinander. Und wenn sie dann mal nen Abend Zeit hat, muss sie mit irgendner Freundin noch zum Aerobic. Ich hab ihr aber auch schon gesagt, dass ich mir ein wenig Zeit für uns zwei wünsche und sie hat es auch verstanden, irgendwie hat sie mit zwei Jobs, Aerobic 4 mal die Woche und Freunde treffen sehr wenig Zeit für mich.

Wie füll ich meine Tage? Ich male sehr viel, Malen nach Zahlen, hab ich schon als Kind gerne gemacht. Diese riesigen Bilder mit 3 Millionen kleiner Felder. Da bin ich wenigstens beschäftigt. Abends dann nen Film oder ne DvD, wahlweise alleine, mit meinem Bruder meistens oder mit Steffi, je nachdem wer dann da ist.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierengrenzgaenger schreibt am 08.03.2010 um 07:45 Uhr:lieber ryan,

    das klingt viel viel besser, viel authentischer und viel mehr nach dir als dein letzter, deine letzten einträge. ganz offensichtlich ist da tatsächlich ein mensch hinter dem krankenpfleger versteckt, den du ganz langsam anfängst zu sehen, zu akzeptieren. und der ist momentan krank, weil er zu kurz kam. das ist zwar alles andere als gut, aber zumindest hat er es geschafft, sich bemerkbar zu machen, sich zu melden, seine bedürfnisse einzufordern. ich kenne das alles, hab ich alles schon hinter mir, daher weiß ich sehr sehr genau, wie es einem in solch einer phase geht. wenn man mittendrin ist, kann man sich erstmal gar nicht vorstellen, dass dieser zustand jemals wieder vorbeisein, dass man jemals wieder belastbar sein wird. das ist wie im tiefsten winter, in dem man sich nicht vorstellen kann, jemals wieder im t-shirt nach draußen zu gehen. oder im sommer, bei 35 grad hitze kann man sich auch nicht vorstellen, jemals wieder eine dicke winterjacke anzuziehen. und dennoch, genau so ist es, nämlich dann, wenn die zeit gekommen ist, genau dann wirst du das t-shirt wieder aus dem schrank holen, OHNE darüber nachzudenken, dass du jetzt gleich ein t-shirt anziehst.

    ich habe in all diesen meinen depressiven- und erschöpfungsphasen zwei dinge gelernt, begriffen, und es hat mir unglaublich geholfen, es zu glauben, zu akzeptieren:

    1. es gibt weder ein zu früh, noch ein zu spät. es gibt nur richtige momente. die jedoch sollte man lernen, zu erkennen.

    2. ryan, auch wenn es sich vielleicht manchmal anders anfühlt, denk in den schwarzen momenten daran, das die uhr einfach niemals stehen bleiben wird. es geht weiter und mit jeder minute, die du bei dir bist und bleibst, wird es besser, auch wenn du das über einen längeren zeitraum erstmal nicht wahrnimmst. es ist so. meine therapeutin hat immer gesagt: aushalten. so hart das ist, aushalten und akzeptieren, nur dann wird das besser. ich habe lange gebraucht, das einzusehen, zu verstehen, habe viele monate darüber nachgedacht, es immer wieder ausprobiert, immer wieder aufgegeben. aber von dem moment an, in dem es klick gemacht hatte und ich mich in dieser situation akzeptiert hatte, ging es bergauf, und zwar mit größeren bis großen schritten.


    ich weiß nicht, ob du gerade in der lage bist zu lesen. aber wenn ja, dann besorg dir das buch "ich und die anderen" von matt ruff. ist ein ganz ganz tolles buch.

    und nochwas. kennst du orthomol immun? apotheke, hochdosierte vitamine- und mineralstoffe. der hammer das zeug. dein immunsystem wird auch, schätze ich, etwas angeschlagen sein, die speicher leer. das zeug ist wirklich gut, von dieser seite aus könntest du deinen körper ein wenig unterstützen, reserven zuführen. schaden kann es nicht.

    ich würde mich freuen, regelmäßig von dir zu lesen.

    liebe grüße,
    grenzi.
  2. zitierenKat schreibt am 08.03.2010 um 13:48 Uhr:Vielleicht wäre ja eine Reha was für dich? Einmal RICHTIG die Geschichte angehen, und dann ists hoffentlich besser?
  3. zitierenPaulinchen schreibt am 08.03.2010 um 21:27 Uhr:Verlang von Deiner Freundin nicht zu viel. Sie tut was sie kann. Vllt. hat sie wirklich eine heimliche Liste angefertigt, wer wann für Dich da ist. Das ist doch viel Wert, oder?! Natürlich muss sie Dir nicht zu verstehen geben, dass sie überfordert ist. Das bringt Dich nicht weiter. Aber das weiß sie sicher selbst, schließlich seid ihr beide Pfleger. Und egal wie sie reagiert, ob sie Dich tatkräftig unterstützt - wie auch immer - oder ob sie es nur aussitzt, durch mußt Du da sowieso alleine. Nur Du kannst Dich da, ggf. mit prof. Hilfe, rausholen und nur Du hast es in der Hand, es zu ändern. Perfektionismus ist halt nicht immer eine Lösung!

    LG und gute Besserung!
  4. zitierenRyan schreibt am 08.03.2010 um 21:34 Uhr:Vielen Dank für die Kommentare, vor dir, Grenzgänger. Das Buch "Ich und die anderen" von Matt Ruff kenne ich, es gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern - vielleicht ist es mal wieder Zeit es zu lesen.

    Im Moment sind meine Tage noch recht leer und dunkel, ich komm schwer aus dem Bett und kann kaum bei mir selbst bleiben, bzw. genau dieses Aushalten finde ich zur Zeit recht schwer, aber die Minuten gehen vorbei. Ich setz mich allerdings noch sehr unter Druck, ich denke immer noch ich MUSS mich schnell erholen um schnellstmöglich wieder fit zu sein - ha, genau das ist jenes Verhalten/Denken, dass mich in diese Lage gebracht hat. Heute war ein nicht so guter Tag, viel Herzrasen, Erschöpfung, Kopfschmerzen, Schwindel, viel Angst ... ich lenke mich im Moment viel mit Malen ab - "malen" (Malen nach Zahlen). Das ist im Moment eines der wenigen Dinge, die mich ruhig sein lassen. Und die Zeit geht rum.
    Morgen gehts mal zur Abwechslung zum Sport. Meine Kumpels und mein Bruder wollen mit mir Squashen - hab ich vorher noch nie gemacht. Sie sagen, ich soll mich mal auspowern, das würde mir gut tun. Ich bin gespannt.
  5. zitierenVomFeuerkind schreibt am 10.03.2010 um 14:02 Uhr:Sport ist in jedem Fall ne gute Idee. Man spürt seinen Körper wieder. Etwas, was man meist in Depressionen vergisst, dass man noch einen Körper hat und das der sich auch gut fühlen kann. Es ist schwer noch was zu Grenzgänger hinzuzufügen, schließlich hat er mit vielem Recht. Aber eins noch: es ist für dein Umfeld mindestens genauso schwer. (Stichwort Co-Abhängigkeit) Die sind hilflos, weil sie nicht wissen, was sie tun können oder wie man mit jemanden umgeht, der den ganzen Tag lethargisch rumhängt. Und es ist nicht schlimm zu finden, dass dir andere Personen, außer deiner Freundin, mehr helfen, weil sie weniger Gnade zeigen. Irgendwann gibt sich das alles wieder. Da musst du kein schlechtes Gewissen haben.

    Im Übrigen braucht das alles eine Zeit. Es besonders schnell hinter sich zu bringen geht nicht, es geht nur so schnell, wie es eben geht. Damit solltest du dich schon mal abfinden.

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