Boys don´t cry

19.04.2012 um 00:53 Uhr

II

von: Ryan

Erst wollte ich auf den Kommentar antworten, aber dann hab ich gemerkt, dass es länger wird. Vielen Dank, Kris - vor allem der letzte Satz gefällt mir sehr gut. Ja, vielleicht hätte ich meine Steffi auch so kennen gelernt. Das stimmt.

Im Grunde genommen warte ich nur noch auf meine Versetzung. Der Antrag ist gestellt, Gespräche geführt und im Spätsommer gibt es die Entscheidung. Vorher: No Way. Ich arbeite auf einer Station, auf der keiner arbeiten will. Wir kriegen keine Leute ran. Wir leben von frisch examinierten Schülern, die unsere Atmosphäre toll fanden in einem 4 wöchigen Einsatz. Wenn man aber erstmal 1 Jahr dort arbeitet, wo ich jetzt arbeite, sieht die ganze Geschichte anders aus. Ich bin jetzt seit 4 Jahren dabei - 3 Jahr sind der Durchschnitt, den man so auf einer Inneren aushält (laut Mondpropaganda und Durchschnitt der letzten Jahre). 

Ich sitz nur noch meine Zeit ab und versuche die Zähne zusammen zubeissen. Ich möchte unbedingt in die Psychiatrie wechseln. Nicht nur, weil die Arbeit ruhiger ist, körperlich nicht mehr so anstrengend und ich nicht mehr dauernd so Sachen machen muss wie alten Leuten die Windeln zu wechseln, sondern, weil ich auch echt Bock drauf hab. Mir machts mittlerweile echt Spaß mit psychisch Kranken zu arbeiten. Die letzten Monate kriege ich also auch noch rum. 

Ich bin mir ziemlich sicher, sollte die Versetzung nicht durchkommen, oder man mich zu lange hinhällt damit, bin ich weg. Ich werde dann kündigen. Ganz einfach. Natürlich bin ich ersetzbar, keine Frage, aber als Krankenpfleger bei dem Pflegenotstand, den wir zur Zeit in Deutschland haben, finde ich sofort einen neuen Job. Ich will mich gar nicht mal neu orientieren, was ich natürlich kann - immerhin bin ich sehr jung. Aber es gibt unendlich viele Möglichkeiten als Pfleger zu arbeiten ohne sich kaputt zu machen.

Was mich noch irre interessieren würde, wäre Forschung. Assistent eines Doktors, der irgendwas interessantes, wissenschaftliches macht. Daten eingeben, Statistiken und so weiter. Ich mache wirklich gerne die verhasste Büroarbeit oder Computerkram. Mal sehen, wo mich mein Leben noch hinführt, aber das was ich jetzt mache, werde ich nicht mehr lange machen. Das steht fest.

Am allermeisten nervt mich an, wie mein Privatleben aufgrund meines Jobs und meiner Schichtarbeit aussieht. es ist ja nicht mal das unregelmässige Schlafen, sondern diese völlige Verausgabung. Ich arbeite auf einer Blut-Schweiss-und-Tränen-Station. Wenn ich nach Hause komme, hab ich entweder monsterschlechte Laune. Ich hab letzte Woche eine Nacht auf der Couch schlafen müssen, weil ich Steffi sehr unfair und gemein angemacht hab, obwohl nix war. Sie ist sehr tolerant mit mir und meinem Job. Aber was nicht geht, dass ich gemein werde und meinen Frust an ihr auslasse. Und das hab ich neulich gemacht. Steffi und ich kamen zeitgleich nach Hause und sie sagte: "Heute bin ich auch mal richtig erschöpft." Und ich: "Wovon denn? Vom vielen Sabbeln oder was?" Ja ... sie war zurecht extrem sauer.

Nicht nur geistig bin ich erschöpft und leer. Auch körperlich. Ich komme so oft nach Hause und kann gar nichts mehr. Ich setz mich auf die Couch und hab wirklich große Probleme wieder hochzukommen. Haushalt muss ja auch noch gemacht werden. Obwohl ich wirklich gute Schuhe hab, tun mir so oft die Füsse weh. Ich merke, es ist mal wieder Zeit für den Schrittzähler. Beim letzten Mal hab ich 6 km zusammen bekommen, die ich in einer 8 Stunden-Schicht zurück gelegt hab. Und das war eine ruhige Schicht. Muskelschmerzen sind auch nicht selten, neulich hatte ich sogar Muskelkater vom Bettenschieben. Aber noch schlimmer: Rückenschmerzen. Gut, ich muss auch zugeben: Je stressiger, desto anfälliger bin ich für Rückenschmerzen. Ich krieg sofort Muskelblockaden in der Schulter, das tut dann weh und ich verkrampfe auch noch den Rest meines Rückens. 

Letzte Woche war´s so schlimm, dass ich vor jeder Schicht schon zwei Schmerztabletten genommen hab, um überhaupt loszugehen, dauernd ABC-Wärmepflaster auf dem Rücken hatte und zuhause nur noch liegend meine Schmerzen ertragen hab. Und warum meldet man sich nicht krank, wenn man solche Schmerzen hat? Weil das ein noch größeres Chaos zur Folge hat. Wenn irgendwer sich krank meldet, drehen alle durch. Du guckst panisch auf den Dienstplan - wenn die Krankmeldung kurfristig kommt, kannst du davon ausgehen, dass der der grade da ist, eine Doppelschicht machen kann. Und sonst musst du alle durchtelefonieren, wer noch eine extra-Schicht übernimmt. Und da alle schon zuviel arbeiten, gibt das schlechte Laune, dass man noch zwei Schichten von wem anderes übernehmen muss. Ich hab letzten Monat 40 Überstunden nur mit einspringen gesammelt. Und je schlechter die Stimmung, desto mehr meckern die Kollegen über die anderen Kollegen.  Ein Teufelskreis.

Ätzender Job, aber so ist es leider. Aber wie gesagt: Ich warte bis sie wen Neues gefunden haben und dann bin ich weg. Und wenn´s sein muss, macht ich noch ´ne Fortbildung, um in die Forschung zu gehen. Meine innere Deadline geht bis August und danach arbeite ich entweder auf einer anderen Station oder meine Kündigung liegt auf dem Tisch. Es nervt mich echt irre, dass ich mittlerweile Partys absage, weil ich zu müde von der Arbeit bin und mich kaum noch bewegen kann. 

Was aber widerrum extrem gut in meinem Leben läuft, sind meine Freunde, die ich manchmal wochenlang nicht sehe wegen Schichtdienst und so. Ich hab mittlerweile fast nur noch Freunde, die Ärzte oder Krankenschwestern sind und dementsprechend wenig Zeit hab. Aber im Moment schaffen wir es mindestens einmal die Woche uns zu treffen. Samstag machen wir eine kleine Party wegen unserer Verlobung und unsere besten Freunde kommen. Und in 3 Wochen fahren wir mit meiner besten Freundin und ihrem Lebensgefährten nach Schleswig-Holstein. Ihr Vater hat ein Ferienhaus und da haben wir zusammen schon 2 mal ein paar Tage Urlaub gemacht. Außerdem bin ich bald Hundesitter. Zu meinen besten Freunden gehört auch ein schwules Paar mit einem kleinen Chiwuwua (wird das so geschrieben??) - es ist auf jeden Fall ein sehr kleiner Hund. Und da die beiden wegfliegen wollen und den Hund nicht mitnehmen können, hab ich bald für eine Woche einen kleinen Hund in Pflege. Steffi findet kleine Hunde nicht so toll, sie sagt, das wäre ein Meerschweinchen, was Gassi geführt werden muss. Außerdem ist der kleine Hund gewöhnt von seinen beiden Herrchen in einer strassbedeckten, glitzernden Handtasche durch die Gegend getragen zu werden- Steffi zieht mich schon damit auf, dass die ganze Nachbarschaft mich für schwul hält, wenn ich mit dem Chiwuwua Gassi gehe, aber ich freue mich wirklich sehr zu schauen, ob ich mich um einen Hund kümmern kann. Aber lustig ist die Vorstellung schon, wenn Steffi an der Strasse auf mich wartet, vielleicht eine Nachbarin trifft, von der Verlobung erzählt und sagt: "Mein Verlobter ist der Mann mit dem Chiwuwua in der rosa Handtasche."


Diesen Eintrag kommentieren