Boys don´t cry

13.04.2013 um 02:40 Uhr

Komischer Tag

von: Ryan

Das Gespräch bezüglich "Coco und mich" war seltsam - immer wieder kam die eindringliche Frage: "Sind Sie sicher, das da nichts war?" - Nein! - "Wirklich gar nichts?" - Nein, gar nichts! Und irgendwann der Satz: "Naja, wir wissen ja auch, dass Sie eine Vorgeschichte haben." Bitte?!

Ja, die Vorgeschichte ... ich hatte ja schon mal was mit ´ner Auszubildenden ... das hat niemand vergessen. Was aber vergessen wurde, ist, dass diese Azubine Steffi war und heute meine Verlobte ist. Und ich zu dem Zeitpunkt keine Stationsleitung war, noch nicht mal examinierter Pfleger sondern selber noch Azubi. Soviel zur "Vorgeschichte".

Naja, die Schule meint, wenn ich auf der sicheren Seite sein will, dann muss ich die Verleumdungsklage einreichen. Mein Bruder meinte: "Das mach ich dir schnell fertig, kein Problem." Aber mal eben schnell jemanden "verklagen"? Ich weiss nicht ... ich überleg schon den ganzen Tag, ob das eine gute Idee ist.

Ich mein, wie alt ist das Mädchen? Maximal 20 Jahre alt. Und ich glaube, sie hat ganz andere Probleme als von ´nem Typen wie mir verklagt zu werden. Da kommt schon wieder die wankelmütige Seele in mir durch. Sie hat die ganzen Unterarme zerschnitten, die Kollegin auf deren Station sie grade ist, erzählte mir heute was von "fragwürdigen" Essverhalten und dann komm ich und drück ihr ´ne Verleumdungsklage rein? Im Moment bin ich mir nicht sicher, ob das der richtige Weg ist.

Ich bin befreundet mit der "Vertrauens-/Bezugsschwester" - die bot mir an, wir könnten zu dritt mal ein Gespräch suchen (auf keinen Fall mach ich das alleine, unter keinen Umständen - wer weiss, was dann passiert, am Ende ist sie noch schwanger von mir, nein danke), um einfach mal durchzusprechen und zu verdeutlichen, was solche Aussagen für Konsequenzen nach sich ziehen könnten. Ich weiß aber grad nicht so recht, wo ich die Zeit hernehmen soll. Heute zum Beispiel war ich 13 Stunden auf Arbeit - erst Leitungskram machen, dann Spätdienst. Und das wird die nächsten Wochen so weiter gehen - mal davon abgesehen, dass ich alle Fortbildungen, die ich meinen Dummheit-und-Ignoranz-Mädels reindrücke, selber wahrnehmen muss. Mit gehangen, mit gefangen.

Ich kann mich nicht beklagen, dass ich heute viel gearbeitet hätte - aber diese geriatrischen "Ich kann das nicht"- Omas rauben mir grade den letzten Nerv. Und sie könnten wenn sie wollten! Liegt die Oma platsch im Bett und nöllt, dass sie ihren Pullover nicht alleine ausziehen kann - "Dann setzen Sie sich doch hin, zum ausziehen!" - "Aber Pfleger, es ist doch schon so spät! Und ich bin heute schon dreimal über den Flur gelaufen!" Halb sieben war´s, nix spät ... Dann muss ich mir anhören, dass ich doch bezahlt werden, um zu helfen und sie könnten ja nicht! Ätzend ... Außerdem nervt mich heute besonders, dass niemand meinen Namen aussprechen kann/will  - dauernd bin ich "Pfleger Ralf" oder "Pfleger Rolf" - ääääätzend. Die Praktikantin nennt mich jetzt schon dauernd "Ralle" aus Scherz. 

Und ganz nebenbei hab ich noch eine Finalpflege gemacht - dafür waren meine Monitoring-Betten nicht gedacht. Aber zeitmäßig war die arme Frau besser bei mir aufgehoben als woanders. Aber erst sitze ich bei einer sterbenden Frau am Bett und mach und tue und fühle mich schon fast sinnerfüllt in meiner Arbeit, indem ich einer sterbenden Frau die Atemnot nehme und ihr Schmerzmittel gebe - und kaum stehe ich vor meinen Geri-Omas und muss mir anhören, dass seit Stuuuunden keiner mehr nach ihnen geschaut hätte ... sie hätten gaaaanz alleine aufs Klo gehen müssen. Und niiiemand hätte in den letzten zwei Stunden ihr Bett glatt gezogen ... das ist so unendlich ätzend, wenn man erst einer totkranken Frau beim Sterben zuschaut und dann von den gesunden Omas Vorwürfe bekommt, warum wir beim Abendbrot keinen Champagner ausschenken und ihnen nicht den Hintern pudern. Ich hab nur zwei männliche Patienten auf Station - der eine knalldement aber lustig dabei, hat sich am frühen Abend die künstliche Hüfte rausgeknallt "Pfleger, ich kann nicht mehr aufstehen!" - "Ja ich sehe das, ich ruf mal den Chirurgen an." Und der andere ist total cool und das Gegenteil von den "Ich brauche Hilfe"-Omas. Er ist taub-stumm und will alles alleine machen, auch wenn er nicht kann.  Da konnte ich mit meinen Gebärdensprachen-Kenntnissen glänzen - ich bin ja Gebärdensprachen-Dolmetscher. Also nicht offiziell, so dolle isses dann doch nicht. Aber eine Freundin von mir damals im Abitur war taub, konnte Lippenlesen und sprechen, hat mir aber viel beigebracht. Und sobald wir taub-stumme Patienten haben muss ich zum Beispiel bei der Visite domletschen. Wie gesagt, doll ist nicht, aber ich bekomme es hin, mich zu verständigen. Zumindest hat der taub-stumme Opa sich halb weg gefreut, dass ich Gebärdensprache kann und hat sich beschwert, dass die Kolleginnen ihn immer anschreien (sieht so doof aus, wenn du nix hörst und jemand schreit dich trotzdem als vollem Halse an).

Und dann hörste noch von allen anderen Station: "Oh wir haben soviel zu tun." bedenken aber nicht, dass ich als Leitung jetzt in deren Patientenliste gucken kann und sehe, dass ihre Station nur halb belegt ist. Pfff ... dann hab ich mich noch mit einer neuen Ärztin angelegt, die meinte, eine Patientin erst nach 12 Stunden ärztlich aufnehmen zu müssen ... ich hab dreimal nett angerufen: "Ich hab hier noch Frau xy, die ist immer noch nicht aufgenommen." Und dann kam patzig: "Ich komm ja, wir ham zu tun!" Irgendwann um acht Uhr abends ist mir der Kragen geplatzt und hab ich einen "offiziellen Anruf" gemacht: "Guten Abend, mein Name ist Herr A., ich bin die Stationsleitung, ich hab gehört die Patienten liegt seit 12 Stunden auf der Station und wurde immer noch nicht ärztlich aufgenommen!" - ja, da war die Antwort gleich ganz anders und die Ärztin ist gelaufen als sei der Teufel hinter ihr her - und hat mich im Dienstzimmer noch angenöllt: "Brauchst nicht gleich bei deinem Chef petzen!" - ich hatte gleich wieder Spaß: "Guten Abend Frau Doktor xy, ich bin Herr A. - ich bin die Stationsleitung hier." - "Oh ...." Die blöde Kuh siezt mich ab sofort, nur wegen dem Respekt und so. Manchmal macht Chef-Sein richtig Spaß. Keiner darf dir blöd kommen. Bevor ich die offizielle Show geliefert hab, war ich nur der nervige Punk mit dem dicken Tattoo, der der hoch beschäftigen Ärztin erklären wollte, was sie wann tun solle.

Ich hatte wirklich nicht viel zu tun - ich bin ja gewohnt jahrelang 45 Patienten zu versorgen, aber die wenigen, die ich heute hatte, haben sich vom Nervfaktor ähnlich angefühlt. Die finale Dame ist am Abend noch verstorben und ich konnte mich noch um 12 heulende Kinder und Enkelkinder kümmern, die sich die Klinke in die Hand gedrückt haben, um sich von der toten Oma zu verabschieden.  Irgendwie ist mir heute was ganz wichtiges durch diesen Tod bewusst geworden. Die FSJlerin und ich haben die Verstorbene nachbereitet (nochmal umziehen, Schläuche raus und Zugänge raus, frisch machen usw.), und man nimmt den Toten den Schmuck ab und schließt ihn ein, um ihn den den Angehörigen als "Wertgegenstände" zu übergeben. Und als sie mir den Ehering der Frau reichte - und die Frau selbst hat mir vor einigen Tagen noch erzählt, dass sie seit über 50 Jahren mit ihrem Mann verheiratet sei - musste ich dran denken, dass ich auch irgendwann mal sterbe und mir auch mal jemand meinen Ehering abnimmt.  Eigentlich trage ich meinen Verlobunsring kaum, vor allem zur Arbeit nehme ich ihn nicht mit. Er ist aus Weißgold und er wird zerkratzen und kaputt gehen durch das Desinfektionsmittel. Aber seit dem Zeitpunkt habe ich das tiefe Bedürfnis ihn zu tragen. Eigentlich macht´s keinen Unterschied zu einem Ehering (außer dass unsere Ringe aus Paladium sein sollen), wir haben eh beschlossen, dass wir unsere Eheringe links anstatt rechts tragen wollen. Man wird nachdenklich, wenn man Menschen beim Sterben zuschauen muss. Im Moment glaube ich wirklich, dass ich Steffi lieben kann, bis ich eines Tages sterbe.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenKris schreibt am 13.04.2013 um 17:23 Uhr:Ich kanns ja nicht lassen, ich muss mal wieder meinen Senf dazu abgeben, sorry...

    Hmm, ich verstehe zum einen deine Zweifel, was "Coco" angeht, aber andererseits: Weißt du, ob es ihr nicht vielleicht am Ende sogar HILFT, wenn ihr mal jemand zeigt, dass das nicht die Realität ist, in der sie sich befindet? Sowas offizielles kann jemanden schon mal wachrütteln, und sie zu schonen würde ihr sicher NICHT helfen, das wäre doch die völlig falsche Botschaft, am Ende denkt sie, dass du entweder was von ihr willst, oder wenn sie nen Tick klarer ist und weiß was sie da tut, dass du sie obwohl sie dir sowas anhängt, nicht negativ reagierst und sie dementsprechend ja ziemlich mögen musst...
    Das Gespräch mit der Vertrauensschwester finde ich ne gute Idee, klar, aber wenn sie sich nicht einsichtig zeigt, würd ich die Klage aus der Tasche ziehen und ihr direkt geben, bevor sie da am Ende noch behauptet, in dem Gespräch sei sonstwas erwähnt worden, und die Klage kam erst nen Tag später...
    Wieviel ist denn EINE Zeugin wert, mit der du auch noch befreundet bist?
    Wenn dir sogar ne "Vorgeschichte" draus gemacht wird, wenn du als Azubi was mit ner Azubine hast, und ihr seitdem zusammen seid...

    Ausserdem ist ne Eßstörung und SVV weder n Freibrief, noch ist, wer mit beidem beschäftigt ist, automatisch im Kopf so verdreht, dass er sich entweder ne Affäre einbildet, oder ne Affäre erfindet... (weißt du selbst am besten, du warst auch mit beidem beschäftigt)
    Ryan, hier gehts um deine Zukunft, das weißt du ja selber... was sagt denn dein Bruder, der vielleicht ab und zu mit solchen Klagen zu tun hat? Dass man den Leuten was gutes tut, wenn man sie schont? Am Ende hängt sie dem nächstbesten in n paar Jahren wieder was an, und der hat vielleicht grade kein Alibi oder nen Bruder der Anwalt ist... daran würd ich auch denken, wenn du schon deinen eigenen Job riskierst... Dem Mädel muss irgendwie geholfen werden, klar, aber nicht, indem man ihre Lügengeschichten deckt oder ignoriert...

    NIMM dir die Zeit auch wenn du 13 Stunden arbeiten musst, sonst hast du eventuell bald ganz andere Probleme, sowas hat doch Priorität...

    Grrr, ich weiß schon, warum ich so nen Beruf, wie du ihn ausübst, nie machen könnte, wenn ich sowas lese mit den Omas... an nem Tag wie heute würd ich die so dermaßen zusammenscheißen und ihnen vorhalten, daß ich nun mal lieber einer sterbenden Patientin Beistand leiste und sie versorge, als ner Frau, die nur zu FAUL ist, sich mal selbst zu bewegen, obwohl sie noch KANN, und dass sie sicher bald NICHT MEHR kann, wenn sie sich jeden Handgriff abnehmen lässt, damit sie bloß möglichst schnell einrostet... und ob sie- wenn sie im Sterben liegt- möchte, dass ich mich um sie kümmer, oder irgendwem der sich noch gut bewegen könnte, den Pulli anzieh... pfff.
    Wenn so ne Station dann rumjammert, sie haben keine Zeit, würd ich rummotzen, dass dann ja gut sei, dass sie nur halb belegt sind, wenn sie so schon nicht hinterher kommen... nicht auszudenken, wenn sie mal voll sind... grrrr.

    Dass Menschen einen unterschiedlich behandeln und sehen, je nachdem ob sie dich für den nervigen Punk oder die Stationsleitung halten, find ich einerseits traurig, andererseits bei solch Geschichten wie dem Anruf und der Ärztin lustig.

    Hmm, für die Ringsache würd ich ne Kette um den Hals vorschlagen, oder n stabiles Lederband, damit er nicht zerkratzt, oder dürft ihr auch sowas nicht tragen auf Arbeit? Falls doch, trägst du den Ring als Zeichen eurer Liebe, direkt über dem Herzen.... na wenn das mal deiner Verlobten nicht gefällt... ;-)



  2. zitierenRyan schreibt am 13.04.2013 um 23:58 Uhr:Hey Kris,
    Senf ist willkommen. Mein Bruder sagt: Klage ganz klar - alles oder nichts. Meine Freundin die Bezugsmentorin sagt: Oha! Na lieber erstmal reden und gucken, was sie sagt.
    Ich weiß auch noch nicht - ich bring das WE erstmal hinter mich.

    Lederband ist ´ne echt gute Idee, aber Ketten find ich persönlich nicht so dolle auf Arbeit - wir haben teilweise soviele Verwirrte, und wenn die sich erstmal festgekrallt haben ... mein senitmentaler Moment von gestern war heute auch schon wieder vorbei. Während ich auf Arbeit war, ruhte der Ring brav und sicher und meiner Nachtschrankschublade.

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