Boys don´t cry

12.01.2006 um 16:35 Uhr

Kurzurlaub zuhause

von: Ryan

Ich bin jetzt für ca. 30 Stunden in Hamburg. Wäsche waschen, im eigenen Bett schlafen und dann morgen abend wieder zurück.

Was kann ich sagen über die Psychiatrie?
Ich möchte dort niemals Patient sein. Und ich hab irgendwie gemerkt, dass ich noch lange nicht so knalle verrückt bin, wie die Leute, die ich da täglich sehe.
Am Wochenende muss ich auf ner Akutstation aushelfen, ich freu mich drauf ...

Ansonsten ist es eigentlich interessant, aber niederschmetternd. Man sitzt da jeden Tag in der Runde mit seinen 20 Patienten und man erfährt immer mehr was für nen scheiss Leben sie hatten. Und irgendwann sitzt du da und möchtest heulen.
Da sitzen Frauen, die vergewaltigt wurden, von ihren Männern misshandelt wurden, Männer, deren gesamte Familie umgekommen ist. Menschen, mit völlig versauter Kindheit. Und man sitzt dazwischen und möchte nur heulen, weil es soviel Elend auf dieser Welt gibt und man zwischen Menschen sitzt, die ne Klatsche gekriegt haben, weil sie es irgendwann nimmer aushalten konnten.

Eigentlich mag ich meine Station und eigentlich finde ich das alles auch interessant - auch wenns nicht der Bereich ist, in dem ich irgendwann mal arbeiten möchte. Aber irgendwie merk ich schon, wie es mir zusetzt.
Man kommt von Station und man ist irgendwie froh, dass die Schicht vorbei ist und man ist niedergeschlagen.

Und dann erfährt man so oft, dass die Leute nach der Therapie nicht geheilt sind. Man erwartet das auch gar nicht, meistens versucht man die Leute nur so hinzukriegen, dass sie irgendwie eine gewisse Zeit durchstehen. Rückfällig werden fast alle, ob nun Drogen, Alk oder what ever.
Natürlich sagt man keinem Patienten: "Hey also heilen können wir dich nicht, aber wir schauen mal dass wir das beste aus dir machen, was wir noch hinkriegen."
Das ist so frustrierend.
Wir haben leider auch nur härtere Fälle, 20% der Kundschaft bringt sich irgendwann um. Wir haben heute nen Selbstmörder reanimieren müssen. Und als der Notarzt endlich da war, stand der da und meinte: "Ihr könnts lassen, bringt nichts mehr."
Ich bin überrascht wieviel ich aushalte. Andere Menschen wären schon 10 mal traumatisiert. Immerhin hab ich Leichen gewaschen und so ne Scheisse wie heute durchgemacht. Und ich bin heute "nur" schlecht drauf und k.o.

Wir haben auch viel gelacht, gekocht usw. aber heute bin ich wie erschlagen.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierensoulmate schreibt am 12.01.2006 um 17:52 Uhr:*mal umarm* Lass das nicht zu sehr an dich ran, versprich mir das, ok?
  2. zitierenhoffnung schreibt am 14.01.2006 um 20:42 Uhr:Kann ich vollkommen verstehen,das Du fertig bist.
  3. zitierenFlumi schreibt am 16.01.2006 um 21:31 Uhr:Du machst das glaub ich ziemlich richtig. Gute Trennung zwischen Emphatie und Professionalität! Bin stolz auf Dich!
  4. zitierenMascha schreibt am 28.01.2006 um 11:27 Uhr:Du bist toll, Ryan, du bist nicht abgestumpft, du hast kein dickes Fell, Menschen wie dich braucht die Welt. Ich arbeite auch in der Psychiatrie, man kann nicht wirklich helfen, das stimmt, aber man kann für Momente helfen, durch Mitgefühl und Zuhören. Patienten sind so dankbar, wenn sie merken, daß man Anteil nimmt und nicht nur seinen Job macht. Ich wünsche Dir weiter viel Kraft.
  5. zitierenbloodyDeathEater schreibt am 13.04.2007 um 16:00 Uhr:ja, ich kann aus eigener erfahrung sagen, das es einen irgendwie berührt wenn die pfleger oder betreuer nicht nur da sitzen und verständnisvoll nicken und das dann alles hinter sich lassen, sondern wenn sie einen als menschen ansehen... mit einer vergangenheit, einer geschichte... nicht als fall mit anamnese... wenn du weißt was ich meine.
    bDE

Diesen Eintrag kommentieren