Boys don´t cry

24.06.2009 um 16:50 Uhr

Medizin

von: Ryan

Wenn man sieht, was die Medizin heute fertigbringt, fragt man sich unwillkürlich: Wie viele Etagen hat der Tod? (Jean-Paul Sartre)

Eigentlich wollte ich gestern schon einen Eintrag schreiben, hab ihn dann aber aus Frust, Übermüdigung und Hitzköpfigkeit gelöscht - dementsprechend war er nämlich auch geschrieben. Vorgeschichte: Ich hatte einige Tage frei - nicht grade entspannte Tage, aber positiv stressig. Und ich dachte ich könnte aus dem positiven irgendwas für mich rausholen, was mir hilft die letzten Schichten vorm Urlaub gut durchzustehen. Und gestern nach der Schicht wieder die Erkenntnis: Ich bin total leer, total ausgesaugt, oder auf neudeutsch: burn-outed.

Es ist wahnsinn wie schnell ich an meine Grenzen kommen, wie sehr mir die Energie und die Motivation fehlt. Gut, es ist zur Zeit auch wahnsinnig frustrierend. Nach meinem Empfinden geht es all meinen Kolleginnen so wie mir und dementsprechend versinkt alles im Chaos. Da sind auch viele, die been nicht mehr den Elan oder den Antrieb haben (so wie ich) nochmal zu versuchen wenigstens etwas Ordnung in´s Chaos zu bringen, und ich aknn das auch total verstehen - aber gleichzeitig macht es mich total wahnsinnig. Das sind so Kleinigkeiten, bei denen ich oft das Gefühl bekomme, dass meine Mühe und Arbeit total ignorant einfach übergangen wird. Zum Beispiel wenn ich etwas aufräumen und es sieht gut aus, es sind alle Arbeitsmaterialen aufgefüllt, es ist sauber und ich brauche sowas einfach, dass ich die Gewissheit hab, ich hab alle meine Sachen bei mir, ich brauch nicht wegen jedem Tupfer über die ganze Station rennen. Einen Tag später sieht es wieder aus wie Hölle, die Tupfer sind aufgebraucht, hat keiner nachgefüllt und irgendwelche zerknüllten Zettel und Blutflecken sind in meinem ehemals aufgeräumten Pflegekorb - DA DREH ICH DURCH ... wie kann man so ignorant sein? Ich verstehe es nicht.

Und sowas passiert im Moment dauernd. Ich versuche IMMER dass die nächste Schicht so wenig wie möglich nacharbeiten muss, eventuell denen sogar noch was abnehmen und vorarbeiten ... aber es sind immer wieder die gleichen Leute, die immer den gleichen Scheiss für dich übrig lassen mit der Ausrede: "Hab ich nicht geschafft" aber immer pünktlich Feierabend machen. Und dann gibt´s wieder die andere Fraktion, die grundsätzlich 1-2 Stunden länger bleibt - zu der gehöre dann leider ich. Ich kann das einfach nicht.

Und was mich eben zur Zeit auch sehr frustriert: Dieses Patientenklientel. Diese multimorbiden (=viele schwere Krankheiten gleichzeitig haben), bettlägerigen Menschen, die nur noch auf ihre Erlösung warten - so kommt´s mir zumindest vor, was auch nen deutliches Zeichen für mein Ausgebranntsein ist. Möchte ich später so im Bett liegen? 5, 10, 15 Jahre lang? Vielleicht 5 mal pro Tag ne neue Windel kriegen, alle 4 Stunden auf die andere Seite gelegt, dass mit ich mich nicht wund liege, ernährt durch Schläuche, total abhängig von anderen ... nee, das kann ich mcih für mich überhaupt nicht vorstellen und ich kann mir auch schwer vorstellen, dass das irgendwer will. Und auch nicht meine Patienten, die ich täglich unter meinen Händen hab. Und anstatt Menschen in Frieden sterben zu lassen wenn der liebe Gott ruft, ruft die Familie oder die Altenheimangestellten lieber den Notarzt, lassen diese Patienten reaniminieren, beatmen, wir pumpen sie voll mit schweinteuren Medikamenten nur damit sie nicht mit 92 sterben sondern vielleicht mit 94 Jahren.

Eigentlich sind solche Gedankengänge schon ethisch nicht vertretbar. Mein Berufskodex heisst immerhin Leiden lindern, Krankheiten heilen und verhindern, Gesundheit wieder herstellen. Warum ich so denke, glaube ich mittlerweile auch zu wissen: Ich sehe nur noch diese alten, schwerkranken Menschen. Ich hab keine anderen Patienten mehr. Alle Jubeljahre schneit mal nen junger Patient rein, der dann so schwer krank ist, dass wir ihn weiterverlegen müssen. Und die paar jungen Patienten, die dann echt bei uns bleiben, sind meistens so psychisch schwer krank, dass sie ihre Lage nicht verstehen und aufgrund mangelnder Kooperation in anderen Krankenhäusern rausgeflogen sind ...

Im Moment ist es wirklich ganz schlimm. Ich arbeite mich halbtot für scheinbar nix, es kommt zumindest scheinbar nix sinnvolles bei raus - so fühlt es sich zumindest sehr an. Ich hab zum Beispiel einen Patienten zur Zeit, älterer Mann, schwer krank, bettlägerig, inkontinent, wird über ne Sonde ernährt. Chronische Krankheiten, die ihm zu schaffen machen, bzw. Schmerzen bereiten, jetzt ne schwere Lungenentzündung. Er ist seit über ner Woche nicht ansprechbar, stöhnt nur vor Schmerzen, kriegt sehr schwer Luft. Die Enkeltochter liebt ihren Opa über alles und sie will dass wir alles versuchen, damit er wieder gesund wird. Der Arzt der Intensivstation weigert sich den Patienten zu sich zu nehmen, weil der Patient so schwerkrank ist, die Enkelin weigert sich ihren Opa endlich sterben zu lassen. Also tun wir alles was die morderne Medizin zu bieten hat, quälen Opa mit großen vernösen Zugängen, 3 mal täglich Antibiotikum intravenös, Dauerkatheter, Atemmaske, Inhalation, viele Geräte die dauernd Alarm piepsen, Spritzen morgens und abends, keine vernünftigen Schmerzmittel, weil die alle das Atemzentrum zu stark dämpfen ...

Das ist echt depremierend zur Zeit ... Ich hab jetzt noch nen bisschen Nachtdienst, da gehts mir eigentlich immer besser in solchen Phase, weil ich keine Rücksicht auf andere Kollegen nehmen muss, keiner außer mir Chaos macht und wenn nicht grade einer abdreht, ist es echt ruhig und angenehm.


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