Boys don´t cry

08.11.2012 um 09:31 Uhr

Mein Bruder und die OP - Teil 1

von: Ryan

Lange nicht geschrieben - und es ist wirklich viel passiert. Ich wollte, aber zwischendurch zickte diese Internetplattform. Dann wollte ich - aber am Ende sah der Text aus wie Blablabla und wollte es nicht veröffentlichen.

Also, was ist passiert? Ich wurde gefragt, wie es meinem Bruder geht. Und JETZT kann ich sagen: wieder gut. Kaputte Herzklappe ist nicht unbedingt eine Diagnose, bei der man sagen kann wie sie kurzfristig verläuft. Und dann ging alles ganz schnell: Mein Bruder bekam eines Abends heftig Atemnot, Brustschmerzen - ab in die nächste Notaufnahme. Diagnose: Herzklappe hat sich komplett verabschiedet, OP dringend notwendig und das auch noch schnell. 

Krasse Situation. Er durfte nicht mehr das Krankenhaus verlassen, durfte nicht mehr nach Hause Sachen packen, OP so schnell wie möglich angesetzt. Das hat mich echt geschockt, als mein Bruder anrief, es war vormittags, ich war grade auf Arbeit, Frühdienst und er keuchte (er hatte zu dem Zeitpunkt wirklich fiese Atemnot und dementsprechend erschwerte Atmung) ins Telefon: "Ryan, ich will dass du mein Notfallkontakt bist. Wenn ich sterbe, will ich dass du es allen sagst!" was sagst du in dem Moment? Ich glaube, ich hab noch nie in meinem Leben so einen Anruf bekommen. Nachmittags bin ich gleich hin zu meinem Bruder ins Krankenhaus und der erklärte mir das dann so: Das Krankenhaus wollte, dass es nur einen Kontakt zur Familie gibt. Ist verständlich, weil für Krankenhäuser ist es extrem ätzend und aufwändig, wenn jeder Angehörige anruft und fragt: "Wie gehts meinem Vater/Mutter/Onkel?" Man wiederholt sich irgendwann zum 10ten Mal und fragt sich nur, warum spricht diese Familie nicht miteinander. Warum sollte seine Frau nicht sein Kontakt sein? Er hatte Angst, dass sie aus lauter Panik das "Mediziner-Chinesisch" nicht versteht und sich nicht traut nachzufragen. Und dann sagte er noch was, was ich ihm nicht zugetraut hatte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass jemand der nicht grade so wie ich mit Schwerkranken oder Sterbenden arbeitet, so tiefgründig und weitreichend denkt, grade im Bezug auf sein vorzeitige Ableben. Er sagte sinngemäß: "Wenn was schief geht, bist du der Einzige, der den Arsch in der Hose hat den Stecker zu ziehen."

Bäääm - Verantwortungs-Betonklotz auf den Schultern. Aber das war okay. Ich glaube, mein Bruder wusste auch, dass ich der Einzige war, der diesen Klotz tragen konnte. Klar eigne ich mich großartig, weil ich selbst im Krankenhaus arbeite. Sicher ist das mein Bruder und nicht irgendwer, aber ich kenne einfach die nüchternen Fakten. Meine Mutter ist zwar auch Krankenschwester, aber die ist natürlich genau zu dem Zeitpunkt mal wieder auf einer ihrer psychosomatischen Kuren gewesen. Und die dreht immer komplett am Rad, wenn irgendwas schwieriges ansteht. Aber dazu später mehr - es könnte eine eigene Geschichte füllen.

Meine Schwägerin - also die Frau meines Bruders - war fix und fertig. Zum einen wegen der großen OP - und Schande über mein Haupt, Steffi und ich hatte lange Diskussionen, aber mein Bruder und ich haben sie angelogen. Wir haben ihr erzählt, die OP ist klein, alles nur Routine. Dauert maximal eine halbe Stunde. Winziger Schnitt, alte Herzklappe raus, neue rein, zumachen, fertig. Nein, die OP war ganz und gar nicht klein und das wussten wir vorher. Nur kurz die fiesen Fakten für die Nicht-Mediziner: Der komplette Brustkorb wird geöffnet, das Herz wird angehalten, weil man so große Eingriffe nicht am schlagenden Herz machen kann. Bei meinem Bruder hat über 3 Stunden sein Herz nicht geschlagen - mir selbst kommt das grade sehr unglaublich vor. Während der Operation gab es wohl Probleme, so dass die OP anstatt geplanten 3 Stunden über 5 dauerte, und er bekam zusätzlich noch einen Schrittmacher implantiert.

Noch so ein Problem für die Familie meines Bruders: Dadurch dass die OP so überraschend kam, wusste meine Schwägerin nicht was sie mit ihren beiden Töchtern machen sollte. Insgesamt haben sie 3 Töchter, die Älteste ist  26, lebt aber nicht in Hamburg, und die beiden Kleinen sind 8 und 5. Und meine Schwägerin hat trotz harter Umstände keinen Urlaub bekommen. Normaler Weise springt dann meine Mutter ein, aber die ist ja weit weg auf Kur. Und wenn es sowas wie göttliche Fügung gibt, dann hatten wir sie: denn ich hatte Urlaub und hab dann angeboten mich um meine Nichten und den Haushalt zu kümmern, um meine Schwägerin zu entlasten.

Ja und dann kam der OP-Tag, Gott sei Dank auch der vorletzte Tag vor meinem Urlaub. Eigentlich sollte das Krankenhaus anrufen sobald die OP vorbei ist und mir berichten wie es gelaufen ist. Ich hatte glücklicher Weise eine extrem stressige Schicht mit Reanimation und allen Katastrophen, die man sich so vorstellen kann. Dementsprechend war ich abgelenkt und hab mir keine Sorgen gemacht. Aber als mich mittags meine Schwägerin anrief und sagte, dass mein Bruder bereits nachts not-operiert werden musste, machte ich mir schon Sorgen. Und danach kamen echt harte Stunden - ich bin sogar mit Telefon auf´s Klo gegangen. Und als dann immer noch niemand um 17.00 angerufen hatten, bin ich nur noch panisch durch die Wohnung getigert. Mittlerweile hatten mich auch schon alle aus meiner Familie mindestens einmal angerufen, ob ich schon was weiss - ich hab wirklich extrem Sorgen gemacht. Steffi war auch noch bis 18.00 unterwegs - und ich konnte da nicht anrufen ohne sie. Ich wollte nicht alleine sein, wenn ich was wirklich schlimmes erfahre. ABER alles gut gelaufen. Er lag wie erwartet auf der Intensivstation, aber war bereits exturbiert, keine Atemnot, Vitalwerte alles spitze - ja, ich muss zugeben, da flossen einige Erleichterungs-Tränen.

Im Nachhinein muss ich sagen, war das Telefonat recht amüsant. Ich hab mit einem Pfleger telefoniert, der mir sagte wie es ihm geht und der Pfleger fragte dann, ob ich kurz mit meinem Bruder sprechen will und hat ihm das Telefon an´s Ohr gehalten. Und mein Bruder war zum einen noch super heiser wegen dem Tubus in seinem Hals und zum zweiten super high von den Medikamenten "Ryan, die sind alle so nett ..." - "Mike, nicht reden, ruh dich aus." - "Die sind alle so nett hier, die Schwestern ... und gut aussehenden sind die hier ..." - "Mike, alles okay, du hast es hinter dir, schlaf dich schön aus, ja?" - "Die sehen hier alle so gut aus, auch die Jungs ... Ryan, aber sag das nicht meinen Mädels zuhause ... so schöne Menschen ..." - "Ja Mike, jetzt schlaf schön und ruh dich aus, und red nicht soviel, schon deinen Hals." - "Hey Sie da, Sie sehen gut aus ... und Sie auch ..." Ich befürchte, dass die Intensivstation sich heute noch erinnert: "Könnt ihr euch an den Kerl erinnern, der uns alle so aussehend fand?"

Soviel zur OP - ich denke ich fang einen neuen Eintrag an, den alles weitere dreht sich mehr um meine Mutter als um meinen Bruder. Das ist ein eigenes Thema, und ich will die Einträge kürzer halten.

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenKris schreibt am 10.11.2012 um 22:46 Uhr:Freut mich, dass es deinem Bruder wieder besser geht, und die OP gut ausging trotz der Schwierigkeiten!
    Das mit deiner Mutter ist übel, ich kenn das ansatzweise von meiner, bei ihr war diese Opferrolle aber immer nur, wenn sie getrunken hatte (was aber auch fast jeden Tag war-)... quasi als Rechtfertigung, weil ihr ja sooo viel Leid geschehen war, aber nicht annähernd so schlimm wie du das schilderst mit deiner Mutter.

    Aber ob du dir was gutes damit tust, dir auch noch ihren Haushalt aufhalsen zu lassen, und das immer so zu schlucken alles, was sie da so von sich gibt, wage ich zu bezweifeln. Entweder es zieht dich auf lange Sicht runter, oder dir platzt irgendwann der Kragen...
    Ausserdem ist dein Urlaub ja auch bissl dazu da, dass du dich erholst, und mit deinem Bruder, der deine Unterstützung ja wirklich brauchte, hattest du doch schon genug um die Ohren...

    Vielleicht ist es bei ihr nur so schlimm, weil sie merkt, dass sie damit durchkommt?
    Ich kenn mich mit der Psyche des Menschen nicht aus, aber es kann weder für dich, noch für sie gut sein, wenn sie damit immer durchkommt-
    (Zumal sie ja nicht mal auf kleine Kinder am Tisch Rücksicht nimmt...)

    Pass auf dich auf, und Gute Besserung deinem Bruder.

    Kris.


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