Boys don´t cry

09.04.2010 um 23:34 Uhr

Mein Therapeut hat aber gesagt ...

von: Ryan

Es wird besser - glaube ich. Ich fühle mich die meiste Zeit besse und ich schaffe auch mehr. Ich versuche jeden Tag raus zu gehen, mache lange Schaufenster-Bummel und hab mich nicht mehr krank schreiben lassen. Aber nächste Woche gehts wieder los. Im Moment glaube ich sogar, dass mich das Nicht-Arbeiten kranker macht als das arbeiten.

Ich hab zwar noch Angstattacken und zwischendurch leichte Paranoia, aber bin nicht halb so neurotisch wie die letzten Wochen. Ich glaube mein Therapeut tut mir jetzt schon gut. Ich hab neue Termine mit ihm abgequatscht. 

Ich frag mich immer noch wie es soweit kommen konnte. Bzw. wie man so werden kann wie ich bin/war. Normaler Weise isses ja so, dass man - oder besser ICH (es ist gefährlich und unfair sowas zu verallgemeinern) - dachte, dass man verrückt ist oder nicht. Natürlich weiss mein rationaler Verstand dass es nicht so ist und dass jeder mal ne Lebenskrise haben kann, aber es war nicht bewusst. Man ist von Geburt an irgendwie krankhaft belastet oder nicht. Man hat immer schon Angstattacken oder eben nicht. Nein, ich weiss es jetzt besser. Vielleicht musste ich das lernen, auch wenns schmerzlich ist. 

Ich überlege ob ich meine Erfahrungen nutzen kann. Ich wollte ja schon lange mal nen Buch schreiben, wusste aber nicht welches Thema - muss ja auch interessant sein und irgendwie fehlt mir immer der berüchtigte rote Faden. Vielleicht wäre meine Lebenskrise ein gutes Thema. Ich weiss es noch nicht so recht. Es ist komisch, dass ich weiss, dass es mir vor einigen Monaten noch ziemlich gut ging, dass ich meine Mitte bei mir hatte, dass ich zufrieden war, dass ich morgens ohne Ängste aufstehen konnte. Und jetzt ist das alles anders und ich habe Panikattacken, weine viel zu häufig als dass es normal sei. Seltsam wie irr-sinnig man werden kann. Seltsam wenn man es selbst ist.

Ich hoffe, dass es jetzt bergauf geht. Alleine zu wissen, dass ich ne Therapeuten hab, gibt mir Sicherheit. Ich muss sogar manchmal über mich selbst grinsen, wenn ich mir in meinem Kopfkino vorstelle, wie ich aus vollster Überzeugung irgendwen belehren muss und folgendes sage: "Aber mein Therapeut hat gesagt, das ist nicht gut für mich!" 

Mein Therapeut hat gesagt, ich solle mehr auf mich achten, mich schätzen und in mich rein hören, was mein emotionales-ICH möchte und braucht. Heute wollte es shoppen. Es wollte wieder gut aussehen. Und was soll ich sagen? 3 Stunden im Kaufhaus später war ich stolzer Besitzer von 2 neuen Hosen und 4 neuen Hemden. Und ein wenig Schmuck. Ich bin ja nen verkappter Schwuler, und ich stehe auf Schmuck und Assoissers und so nen Kram. Außerdem wollte mein emotionales ICH gerne mal wieder tanzen und flirten. Daraus wurde aber nix, weil meine beste Freundin Fieber gekriegt hat. Ja, auch flirten brauche ich mal wieder. Selbstbestättigung. Auf jeden Fall. Mal wieder Marktwert abchecken. Ich hab ewig nix abgecheckt, hab mir gesagt, ich sei vergeben, sowas tut man nicht, bin sämtlichen Kontakten die annähernd einem Flirt ähneln könnten ausm Weg gegangen. Selbst mit meinen Kolleginnen flirte ich nie. Jede kleinste Andeutung, sei sie auch aus Spaß, hab ich nie erwiedert aus lauter Unsicherheit. Dabei kann ich so sehr charmant sein und mein Therapeut (...) sagt, es ist wichtig, es gehört zu Emotionen, die ich ja unterdrücke.

Mir ist heute aufgefallen, dass selbst Kleinkinder flirten. Meine Freundin sagt, der Sohn ihrer Freundin würde immer mit ihr flirten. Darunter konnte ich mir nix vorstellen. Heute meine kleine Nichte - mittlerweile fast 3 Jahre alt - tobt durch die Wohnung. Ich bin dabei Abendbrot zu kochen, sie kommt in die Küche angelaufen, stellt sich neben mich, zupft am Hosenbein, wartet bis ich sie ansehe - und grinst. Ich lächel sie an, sie läuft wieder aus der Küche. 30 Sekunden später rennt sie wieder in die Küche, zupft am Hosenbein und grinst über beide Backen. Süß. Ein kleiner Sonnenschein. Wäre da nicht die Mutter, die gleich riesiges Theater bei uns gemacht hat, nur weil mein Bruder 10 Minuten zu spät seine Tochter bei der Mutter abgegeben hat. 

Das kann man sich kaum vorstellen wie irre diese Frau ist. Steffi gleich wieder super solidarisch und für Jedermann-Verständnis: "Sie lässt halt ihren Frust bei uns aus, das dürfen wir ihr nicht übel nehmen, es ist nicht einfach für sie." Mir und meinem Bruder ist schon wieder die Hutkrempe geplatzt. Folgende Geschichte: Ich hatte gekocht. Salat, Baked Potatoes (ja ich mache die besten auf der Welt), Sour Creme, Salat und Putensteaks. Lecker, lecker. Wir haben alle gegessen, uns nett unterhalten und viel zu viel gegessen (ich koche ja so maßlos wie meine Mutter). Mein Bruder schaut auf die Uhr: "Ach du Sch..., ich muss die Kleine ja in 5 Minuten abgeben bei der Mutter." Kind geschnappt, mein Bruder macht sich frisch, ich zieh die Kleine an, und wie das so ist mit nem Kleinkind -es dauert alles etwas länger: "Nein, Onkel Ryan, ich kann die Schuhe alleine anziehen!" Dauert ne viertel Stunde, klappt aber wirklich alleine. ""Onkel Ryan, wo ist mein Winnie Puh?" Winnie Puh suchen. Und zwischendurch schon die Mutter am Telefon bei Chris. Und er natürlich: "Ja, ich bringe sie sofort, wir haben noch gegessen. Ja, SOFORT!" Er also genervt. 

Kaum ist er los gefahren, ruft die blöde Kuh bei uns an: "Wo ist mein Kind? Sag deinem Bruder, er soll pünktlich sein oder er kriegt seine Tochter gar nicht mehr!" - "Er ist unterwegs." - "Du brauchst nicht für deinen Bruder lügen. Die Kleine muss gleich ins Bett, das weiss er ganz genau! So kann ich ihm nicht vertrauen, ist ja klar dass ihr alle unter einer Decke steckt und euch gegenseitig schützt." - "Wir haben 19.10, die Kleine geht doch erst in ner Stunde ins Bett?!" - "Ryan, du hast mir nicht zu sagen, wann ich mein Kind ins Bett bringen soll, und überhaupt und bla bla bla ..." *nerv* Am liebsten hätte ich gesagt: "Mein Therapeut hat aber gesagt ..."

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenIcke schreibt am 12.04.2010 um 22:55 Uhr:Ich steh extrem auf deinen Schreib-Stil und so einige Situationen...da denk ich mir "man der schreibt von dir" _ macht weiter und mach ab und an das was dein Therapeut dir rät.
    Schicke Grüße aus Berlin

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