Boys don´t cry

07.09.2008 um 00:39 Uhr

Meine drei Dämonen

von: Ryan

Musik: Muse

Ich schreibe zu selten ... eigentlich gibt´s da viel mehr was mich bewegt, aber im Moment fühle ich mich oft zu müde und zu erschöpft um zu schreiben. Es passiert eigentlich nicht viel, ich arbeite wieder nach meinem Urlaub und hab mich gleich nach der ersten Schicht ausgesaugt und tot gefühlt. Die ersten paar Stunden war ich voller Elan und Energie ... und dann passierten die ersten Dinge, die einfach nur scheisse waren - Dinge, die so passieren, mit denen keiner rechnet - Dinge, die einem die Beine wegreissen und mit denen man trotzdem klar kommen muss und professionell handeln ... natürlich tue ich das. Ich bin verdammt gut in dem was ich tue ... aber man hat trotzdem das Gefühl, als ob es einem die Beine wegreisst und man versucht trotz allem aufrecht stehen zu bleiben und zu weiter zu machen.

Ich war echt angepisst nach meiner ersten Schicht ... danach konnte es eigentlich nur besser werden - und das tat es auch. Gott sei dank. Aber es zeigt mir einmal mehr, dass ich nicht alt werde in meinem Traumberuf. Genau das was ich grade mache, möchte ich machen. Genau damit will ich mein Geld verdienen - aber es ist blanker Selbstmord. Körperlich ... gleich nach der ersten Schicht wieder Rückenschmerzen wie Hölle - psychisch ... ich musste mit mir kämpfen mich nicht zu betrinken - und seelisch ... ich war so leer, so unzufrieden, so wütend über Dinge, die ich nicht ändern kann, bzw. nicht in meiner Macht stehen. Was für ein scheiss Job - trotzdem gehöre ich dann zu den Menschen, wenn es richtig stressig und hart wird - grade dann hochmotiviert sagen: Jetzt erst recht! Und es ist hart, wenn man nach 8 Stunden rausfindet, dass der eigene Elan und der eigene Stolz zerbrochen vor einem liegen und man sich nur noch unter der nächsten Bettdecke verkriechen will. Das ist scheisse - richtig scheisse.

Und sonst so ... es gibt ja auch noch ein Leben neben der Arbeit. Sonst ist auch alles so ziemlich ... ich weiss auch nicht, wie ich es ausdrücken kann. Ich fühle mich jetzt nach einem Tag frei immer noch erschöpft und müde, total demotiviert mich mit Freunden zu treffen und irgendeinen Schritt mehr zu tun als ich grade muss. Und ich erkenne immer mehr wie sehr mein Leben zerrüttet ist. Manchmal glaube ich wirklich, ich sei stark, ich hätte den Absprung aus den schlimmen Zeiten geschafft, aber zur Zeit kommen meine Dämonen immer mehr zurück ... meine drei Dämonen sind Hunger, Schmerz und Alkohol. Wenn ich einen im Griff hab, erhält ein anderer die Überhand. So geht das seit Jahren.

Ich habe Jahr lang unter Bulimie gelitten, hungern, kotzen ... immer der gleiche Kreislauf. Ich hab so gelitten. Dann kam das selbstverletztende Verhalten - ich hab meinen Körper zerschnitten - und jetzt wo die Narben verblassen und ich mein Gewicht akzeptieren kann und fast alles wieder essen kann, was damals verboten war und ewig nicht gekotzt habe, merke ich, dass ich kaum alleine sein kann, ohne einen Abend zu trinken. Im Moment trinke ich viel, es ist nicht schön - ich bin neulich durch meinen nächsten Supermarkt gelaufen, Pfandflaschen weggebracht - der Automat war kaputt, vor mir zwei vermeindliche Alkoholiker - ich bin mir ziemlich sicher, ich arbeite ja immerhin mit alkoholkranken Patienten. Beide Männer wurden immer unruhiger je länger das Pfandflaschen einwerfen benötigte ... am Ende sah ich beide kaum mit Lebensmitteln, dafür umso mehr mit Bierflaschen eingedeckt an der Kasse stehen. Und ich ekel mich vor solchen Leuten - ich halte sie für willensschwach - auf der anderen Seite hab ich auch fats nen Jahr gebraucht um Süchte als Krankheit anzuerkennen.

Ich dachte früher, die Leute wollen nur nicht ... aber je mehr ich darüber weiss und je öfter ich diese "Suchtis" auf Station hab und diese immer wieder rückfällig werden und wie unglücklich sie damit sind und man merkt, wie sehr sie sich vor sich selbst ekeln, desto mehr Verständnis kann ich dafür aufbringen - zur Erklärung: Mein Stiefvater ist auch starker Alkoholiker - hat natürlich ÜBERHAUPT KEIN PROBLEM mit dem trinken - er kriegt halt nur Probleme, wenn er nicht trinken kann. Mama ist ähnlich, sie kann zwar lange Zeit ohne Alkohol auskommen, aber wenn sie trinkt, dann kann sie nicht mehr aufhören. Und ich schätze ganz stark, dass ich auch so nen Alkoholiker-Gen abgekriegt hab. Nicht umsonst hat mein Bruder ne Kneipe und ne gute Ausrede jeden Abend 2 bis unendlich viel Bier zu trinken. Alle trinken gerne - und ich auch. Und im Moment ist es echt schlimm.

Gestern wollte ich nicht trinken, nur um mir zu beweisen, dass ich nicht trinken muss. Und - es ist echt schlimm sowas zu sagen - aber ich hab echt Druck gehabt, ich bin um den Kühlschrank rumgeschlichen - ich hab oft das Problem, dass ich Gedankenchaos hab, wenn ich alleine bin und manchmal wird es echt schlimm - und gestern war es echt schlimm - aber ich wollte nicht trinken - aber ich habs dann doch getan. Nicht viel - 1 Bier - aber es war 1 Bier - UND ICH WOLLTE NICHT TRINKEN. Das ist das allerschlimmste.

Manchmal hab ich sas Gefühl durch diese Dämonen bleibe ich normal - dadurch raste ich nicht eines Tages total unangebracht auf der Arbeit oder im Supermarkt aus oder breche heulend irgendwo zusammen. Vielleicht sind es auch einfach nur tolle Verdrängungsmechanismen. Wer weiss. Aber es beschäftigt mich schon sehr - grade jetzt, wo ich lange Zeit dachte, es würde gut laufen, es würde mir gut gehen - und jetzt muss ich feststellen dass es doch nicht so ist. Nicht ganz so gut wie ich es mir vorgestellt hatte - wie ich es mir gewünscht hätte.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierengrenzgaenger schreibt am 07.09.2008 um 07:26 Uhr:hey ryan,

    hast du schon mal über eine therapie nachgedacht? das klingt so, als würdest du die hilfe brauchen, um nicht noch mehr abzurutschen.

    dir ganz liebe grüße,

    die (von oben bis unten gerade durchtherapiert werdende) grenzgängerin
  2. zitierenSusanne schreibt am 09.09.2008 um 05:37 Uhr:AGREE with grenzgänger. Ich glaube das würde dir gut tun. Pass auf dich auf.
  3. zitierenClarice schreibt am 09.09.2008 um 08:36 Uhr:hey ryan, natürlich ist es deprimierend wenn man denkt, man hat alle sein probleme hinter sich gelassen und dann holen sie einen doch wieder ein bißchen ein. ich denke du bist so ein starker mensch der einen unendlich belastenden job hat, kein wunder, dass du da mal auch deprimiert bist und zu viel trinkst. du hast doch auch eine freundin mit der du seit über einem jahr eine tolle beziehung führst. du musst einfach wieder mehr an dich glauben, dann wirds auch wieder besser. jeder hat mal einen hänger. kopf hoch... und das nächste mal schaffst du es nichts zu trinken!

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