Boys don´t cry

16.04.2008 um 02:42 Uhr

On and on and on ...

von: Ryan

Ich bin müde und habe Muskelkater - und arbeite mal wieder Wochenlang und kenne nur die Arbeit. Ich trau mich kaum noch zu schreiben - kaum ein erfreulicher Blogeintrag in letzter Zeit. Immer nur die doofe Arbeit - aber es passiert in letzter Zeit ja auch nicht viel, außer dass ich jeden Tag zur Arbeit daddel, Blutdrücke messe, meine Omas pamper, mich mit tausenden Medikamenten auseinander setze, füttere, windel, Berichte schreibe und irgendwann nach ner endlosen Schicht nach Hause gehe. Fernsehen, schlafen und wieder zur Arbeit.

Ich bin ja ein großer Fan von Greys Anatomy und Dr. House aber im wirklichen Leben fehlt mir die Hintergrundmusik, die das ganze Elend irgendwie ertragbar oder "zauberhaft" macht. Hintergrundmusik macht alles immer etwas dramatischer und ohne Dramatik sitzt man dann doch zuhause alleine und ist ganz froh, dass alles nüchtern bleibt. Ich glaube, ich schreibe wirres Zeug. Ich hab immerhin schon 2 Bier getrunken - ich hatte heute echt nen doofen Tag.

Neben dem alltäglichen Stress, dass wir zu wenig Leute für zuviel Arbeit sind und wirklich keine Zeit haben unsere "selbstverständlichen" Aufgaben zu erfüllen, geschweige denn irgendwelche kleinen "Extrawünsche" zu erfüllen, passiert mir heute folgendes: Ich komm ins ein Zimmer rein, Patient ist nicht mehr erweckbar (Krebsendstadium, aber egal), keine sichtbare Atmung, kein Puls, super ... ich also Alarm geklingelt, gerufen wie ein Bekloppter nach Hilfe, gleichzeitig über Stationshandy den Notarzt im Haus verständigt ... was folgt? Reanimation. Ich hab gelernt wie sowas geht und hatte vor nicht mal 2 Wochen nen Auffrischungskurs. Es sieht in den Krankenhausserien extrem heldenhaft aus, wenn da einer aufm Patienten draufhängt und den wiederbelebt ... in Real ist das ne ganz, ganz doofe Situation. Als ich gemerkt hab, dass ich den Patienten wiederbeleben muss, bzw. es ahnte, hatte ich selber schon nen Puls von 180 und als die Kollegin reinkam und komisch guckte, weil die auch wusste was los ist, hab ich nur gebrüllt, dass sie den Notfallkofer holen soll ... eigentlich hab ich mir zuviel Zeit gelassen, aber ich hab nochmal die Atmung gecheckt, die nicht da war ... bis die Kollegin wieder da war, also Patient ausm Bett gehoben und "drauf" also Herzdruckmassage beginnen.

Bei Herzdruckmassage will keiner der Erste sein ... dazu muss man erklären, bei einer Herzdruckmassage will man das Herz "ausdrücken" und somit den Kreislauf für die lebenswichtigen Organe aufrecht erhalten so gut es geht. Man versucht ca. 100 Mal die Minute zu drücken, ca. 6 cm in den Brustkorb reindrücken und bei 6 cm bricht man schon mal ne Rippe - zumindest 2-3 Rippen. 30 Mal drücken, 2 Mal beatmen ist die Soll-Regel ... und du drückst und drückst und drückst und hast das Gefühl der Arzt braucht ewig bis er kommt. Die Ärztin brauchte vielleicht 2 Minuten, aber es war ne halbe Ewigkeit.

Dann gibts ganz tolle neue Geräte, die die alten Defis ersetzen (für Nicht-Mediziner: Die Teile, mit denen man die Stromschläge gibt), die arbeiten automatisch und sagen dir genau was du machen sollst. Während ich also drücke, klebt die Ärztin das Teil auf, das Ding schockt einmal, und ich drück weiter, und die Ärztin legt zwischendurch nen Zugang, Kollegin zieht Medikamente auf und ich drück und drück und drück wie nen Kaputter. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben ... und so weiter ... und das Gerät schockt und die Ärztin gibt Medikamente über die Vene, und das Ding schockt wieder und noch Dosis und noch eine und noch nen Schock und noch einer und du hörst die Stimmen um die herum und machst und tust ohne drüber nachzudenken - und denkst auch gar nicht daran, dass da ein sterbender Mensch unter dir drunter ist und du dem garantiert 3 Rippen gebrochen hast und grade sein Herz unter seinem Brustbein ausdrückst. Eigentlich ein ganz furchtbar befremdlicher Gedanke, aber in dem Moment denkt man daran überhaupt nicht.

Irgendwann sagt die Ärztin: "Ryan, hör mal kurz auf, wir haben ein Kammerflimmern." Noch ein Schock und das Herz schlägt wieder im Sinusryhtmus. Ich guck hoch und merke, dass das Reanimationsteam um mich rum steht - meine Kollegin bringt schon ihre Patienten ins Bett und ist schon seit Ewigkeiten nicht mehr im Zimmer. Das Rea-Team schmeisst den Patienten zurück ins Bett und fährt ihn auf die Intensivstation zur Überwachung. Und ich dachte mir: "Jo, gut gemacht.", steh auf, schieb meinen Patienten die letzten Bissen Brot in den Mund, bin motiviert, fühl mich gut, fang an Schutzhosen zu wechseln ...

10 Minuten später - ich hab grade nen Blutdruck gemessen und will den in die Akte eintragen, zittern meine Hände so doll, dass ich kaum schreiben kann. Mein Puls rast, mir ist schlecht, meine Arme und mein Rücken tun plötzlich höllisch weh. Was war passiert? Ich hatte während der Reanimation soviel Adrenalin im Körper, dass ich nix gemerkt hab, keine Schmerzen, keine Erschöpfung, nichts. Und das kommt alles zurück sobald der Adrenalinspiegel im Blut sinkt. Die Ärztin kommt später hoch auf Station und fragt wie es mir geht und ich sagt nur: "Mir tut alles weh." Und sie nur: "Ja kein Wunder dass du fertig bist, du hast 20 Minuten durchgedrückt, du bist mein persönlicher Held." dafür fallen mir jetzt die Arme halb ab - ich möchte nicht wissen wie doll mein Muskelkater morgen sein wird ... und ich bin den ganzen Abend voll durchn Wind. Ich raff nix und vergess alles.

Kurz vor Feierabend musste ich nochmal inner psychiatrischen Klinik anrufen um den Pflegekräften da ne Übergabe zu machen zu einem Patienten, den wir heute verlegt haben. Und ich: "Guten Abend, Klinkum blabla, Station blubb, Pfleger Ryan, folgendes zu dem Patienten Herr xy ..." und fang da an der Schwester am anderen Ende der Leitung alles zu erzählen bis sie mich unterbricht mit den Worten: "Gehts dir gut, Ryan?!" ich völlig verwirrt alla: Hä? Warum fragt die Fremde mich das?? Und sie nur: "Schatz, ICH bins!" Ich hab echt nicht mitbekommen, dass ich auf der Station angerufen hab, wo Steffi arbeitet und zufällig auch noch diese am Telefon hatte ... und wir haben noch kurz 5 Minuten "privat" geredet und mir kamen fast die Tränen.

Kennt das jemand, wenn man vor Erschöpfung heult, bzw. einem so ist, dass man es könnte? Ich hab das Gefühl in letzter Zeit viel zu oft.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSusanne schreibt am 16.04.2008 um 04:29 Uhr:Das wird dir noch öfters passieren im Leben, dass du vor Erschöpfung heulst. Ich meine du hast gerade einem Menschen das Leben gerettet. Im Krankenhaus gibt es Supervisionsteams. Nimm die in Anspruch. Das heißt nicht, dass du bekloppt bist, sonder einfach, dass du dich um deine (seelische)Gesundheit kümmerst. Und das musst du von Anfang an machen.

    Ich bin stolz auf dich fürs 20 min durchdrücken!!
  2. zitierenSchussel schreibt am 16.04.2008 um 10:51 Uhr:20 Min drücken? Respekt!!!! Das ist Schwerstarbeit!!!!

    Ich bin zwar kein Mediziner noch habe ich damit zu tun, aber ich bin ausgebildeter Ersthelfer in unserem Hause, bekomme regelmäßig Auffrischungen und den ganzen anderen Rest (wir haben auch die neuen Defis).
    Aber ich kann nachvollziehen, wie erledigt du dich fühlen musst! Auf der einen Sache was die Arbeit angeht und auf der anderen den Druck!
    Als ich früher noch im Bhf gearbeitet habe, war ich dabei als man einem Mann die Beine abgefahren hat und wir (mein Kollege und ich) durften ihn abbinden. So nen Artz kann gefühlte Stunden dauern, bis er da ist.
    Oder wenn sich ein Junkie nen Schuss gesetzt hat und du warst verpflichtet den Notarzt zu rufen. Welche Kräfte solche Menschen entwickeln können ist unglaublich!!!

    Ryan, atme tief durch! Du machst deinen Job aus Überzeugung!!!

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