Boys don´t cry

25.02.2012 um 08:53 Uhr

Samstag Morgen, wach und nüchtern

von: Ryan

Heute mal ein Eintrag aus der Motivation: Langeweile. Es ist halb 9 Uhr morgens an einem Samstag. Warum bin ich wach? Ich bin immer noch wach. Die ganze Woche Nachtdienst, heute war der letzte. Ich mach gerne Nachtdienste. Es ist ruhig, ich bin alleine, die meisten Patienten schlafen und ich kann aufräumen, vorbereiten, Radio hören. Ab und zu klingelt mal jemand, der aufs Klo will oder nicht schlafen kann. Manchmal ein paar Notfälle, aber in der Regel nichts mit dem ich nicht klar komme.

Heute endlich frei. Die ganze Woche hatte ich immer dieses "Ich muss noch"-Gefühl. Also aufstehen und gleich denken: "Ich muss noch duschen" - "Ich muss noch schnell einkaufen" - "Ich muss jetzt zum Nachtdienst fahren" usw. Heute ist ein "Vielleicht mache ich"-Tag. Ich werde versuchen wach zu bleiben. Eigentlich ist es so an dem Tag nach dem Nachtdienst, dass man ein paar Stunden schläft und früh aufsteht. Ich kann das immer schlecht. Ich habe meistens keine Motivation dann auch wirklich aufzustehen, also bleibe ich gleich wach. Das fällt mir leichter.

Gut, ich muss zugeben, es ist ziemlich hart erst die ganze Nacht 10 Stunden zu arbeiten und dann auch noch den ganzen Tag wach zu bleiben. Aber ich denke, Nicht-Schichtdienstler mit einem geregelten Tag-Nacht-Rhythmus kommen selten in die Verlegenheit eine ganze Nacht nicht zu schlafen. Alles eine Sache der Gewöhnung - in meinem Augen. Zwischendurch hab ich immer an solchen Tagen kleine Einbrüche, also wo ich extrem müde und schlapp werde und mich nur noch hinlegen will, aber dann gibts ´nen Kaffee, ein Glas Cola und dann muss ich mich eben zwingen mich irgendwie zu beschäftigen. Ich nutze solche Tage immer gerne zum Putzen. Dann bin ich mindestens 3-5 Stunden beschäftigt und muss nicht nachdenken.

Oh, ganz wichtig: an solchen Tagen nichts Wichtiges machen. Nichts worauf man sich konzentrieren muss, zum Beispiel Steuererklärung oder ähnliches. Selbst wenn ich denke, ich sei konzentriert und wach, bin ich es nicht. Selbst wenn ich mich im Nachtdienst total fit und ausgeschlafen fühle, kontrolliere ich meine eigene Arbeit nochmal nach. Das Fatale ist: Ich bau Fehler rein ohne es zu merken. Ganz klassisch: Ich verliere etwas. Ich hatte es grade noch in der Hand, vor 2 Sekunden und jetzt ist es weg. Wo ist es? Es kann doch nicht so weit weg sein, was zur Hölle hab ich damit gemacht?? Tolles Beispiel: Ich wollte mir mal nachm Nachtdienst einen Kaffee machen - und plötzlich war die Milch weg. Grade noch in der Hand gehabt, ich wollte doch Milch in den Kaffee machen, aber wo ist jetzt die Milchtüte? Was war passiert? Ich hatte mir eine Tasse aus dem Schrank genommen und hatte dann die Milchtüte in den Schrank zu den Tassen gestellt. Sowas passiert, wenn man Nachtdienst hatte.

Mein Plan für heute: Steffi will einkaufen. Ich denke, ich werde sagen dass ich mit will, aber in den großen Supermarkt einen Stadtteil weiter. Da können wir schön mit dem Auto einen Großeinkauf machen und ich kann an der Weintheke wieder Wein probieren. Finde ich eine Superidee so ´ne Weintheke, obwohl ich ja der Meinung bin, dass die da nur ist, um Alkoholiker-Muttis zu ködern. Wer wird denn schon meckern, wenn man um 11.00 morgens einen Rotwein probiert? Man muss doch kosten, was man kauft, oder?

Im Moment bin ich noch in der Phase, wo ich mich noch ruhig und alleine beschäftigen muss, also noch nicht staubsaugen darf, weil Steffi noch schläft. Die hatte scheinbar gestern noch Besuch, zumindest stehen drei Sektgläser im Wohnzimmer. Ich werde sie einfach mal in ´ner halben Stunde wecken und fragen wann ich sie wecken soll. Macht sie mit mir auch immer, also ist es okay.

Wenn´s ganz schlimm wird mit der Müdigkeit, hab ich einen tollen Trick: Ich tue so als ob ich einen neuen Tag beginne, also ich geh duschen, putz Zähne und rasier mich. Danach fühle ich mich immer wacher als vorher.

Was das Fatale ist, wenn man so lange wach ist: ich rauche zuviel. Meine natürliche Raucherpause, die durch Schlaf entsteht fällt weg. Und noch schlimmer (finde ich), ich esse wenig. Ich laufe echt Gefahr zu unterzuckern. Ich hab wirklich wenig bis gar keinen Appetit im oder nach´m Nachtdienst. Ich merke immer erst, dass ich nichts gegessen hab, wenn´s zu spät ist und ich bereits unterzuckere. Mir wird schwindelig und dann merke ich erst, dass ich bereits 5 Stunden ohne Nahrung war.

Heute Abend will Steffi mit einem befreundeten Pärchen feier, Reeperbahn. Ich soll mit, aber nee ... ich glaube nicht, dass ich dazu in der Lage bin. Ich hab schon ´ne DVD ausgeliehen (Vanilla Sky), den ich heute gucken will als Tagesziel. Der Film ist extrem gut, passt sehr gut zu meiner derzeitigen Gedankenwelt. Glaube ich zumindest, vielleicht sagt ich nach dem Film auch was völlig anderes.

Ich bin im Moment sehr nachdenklich. Irgendwie höre ich jede Sekunde Lebenszeit, die mir entrient. Ich hab das Gefühl, die Zeit rennt so schnell an mir vorbei. Ich bin jetzt erst 27, ich weiss es ist zu früh für eine Midlife-Krise, aber irgendwie rennt mein Leben an mir vorbei. Ich bin so schnell 27 geworden, dass ich Angst habe noch schneller 40 oder gar 60 oder 70 zu sein. Ich sehe die ersten Falten in meinem Gesicht und denke: "Das wird nur noch schlimmer, die gehen nicht mehr weg!" Ich hab irgendwie das Gefühl, ich müsste noch was sehr Bedeutendes mit meinem Leben machen - und zwar jetzt. Ich hab das Gefühl, wenn ich noch irgendwelche Weichen umstellen will, dann ist jetzt letzte Eisenbahn. Will ich mein ganzes Leben lang Krankenpfleger bleiben? Ja? Nein? Wenn ich was anderes machen will, dann muss ich jetzt mit dem Neuen anfangen. Oder hab ich noch irre viel Zeit? Ich weiss es nicht, ich bin da unsicher.

Irgendwie planen Steffi und ich unser Leben zusammen. Wir sind beide Ende 20. Steffi wird in ein paar Monaten ihre Fachausbildung anfangen. Die dauert dann 2 Jahre und dann werden wir zusehen, dass wir mit unseren 4-5 Kindern anfangen, die wir haben wollen. Also, wenn ich noch was machen will ohne Kinder, solange wir/ich noch flexibel sind, irgendwas verrücktes, dann jetzt. Und jetzt die Tragödie: mir fällt nichts ein, was ich noch machen will. Rein gar nichts. Ich überlege krampfhaft, aber eigentlich läuft alles grade ganz gut, ein bisschen eintönig aber okay. Oh man, ich bin so langweilig. Ich hab das Gefühl, ich hätte gar keine Träume. Selbst so Sachen wie ... mh, also als Beispiel: eine Freundin von mir geht jetzt für ein Jahr nach Australien, Travel&Work. Bestimmt toll, aber reizt mich grade gar nicht. 

Oder noch so ´ne Sache: Ich könnte mir vorstellen ein Buch zu schreiben. Würde ich toll finden, ein Buch zu veröffentlichen - ich als Autor, großartige Vorstellung. Ich kann schreiben (glaube ich), aber irgendwie finde ich kein Thema. Manchmal hab ich eine Idee, aber 2 Tage später finde ich sie langweilig und kann mir nicht vorstellen daraus ein Buch zu machen. Ich will ja auch stolz drauf sein können. 

Ich denke, es ist jetzt Zeit meine Freundin zu wecken, um ihr klar zu machen, dass ich anfangen will laute Sachen in der Wohnung zu machen.


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