Boys don´t cry

27.06.2012 um 03:00 Uhr

Wundervolle Momente

von: Ryan

Ich sollte mal wieder was schreiben. Steffi hat Nachtschicht, ich hab Urlaub und sitz zuhause und trinke Cuba Libre (ich trink eigentlich keinen Schnaps, aber das Zeug ist lecker - keine Sorge, ist mein erster Drink heute). Übermorgen muss ich meinen Urlaub mal für 2 Tage unterbrechen, ja ist mal wieder die Hölle auf Arbeit und ja, ich lebe in einem Zustand der ständige Abrufbereitschaft mit diesem Job. Ich finde diese Idee, die neulich bei einer bekannten Politikerin auftrat, dass man außerhalb der Arbeitszeiten nicht angerufen oder per E-Mail belästigt werden darf, super. Aber das ist ein anderes Thema, mich stört grade gar nichts so richtig.

Im Moment lebe ich in einem sehr ruhigen, ausgeglichenen Zustand. Um mich herum passiert sehr viel, natürlich nehme ich Anteil, aber nichts übermässig zu Herzen. Wie gesagt, ich bin grade sehr ruhig, ausgeglichen und glücklich. Ich freue mich so sehr über Kleinigkeiten, dass ich für die großen Ungerechtigkeiten keine Zeit verschwende. Ich kann mich richtig gut abgrenzen - mein ewiges Problem - aber im Moment kann ich es sehr gut. Irgendwie weiss ich auch gar nicht was ich heute über mich berichten kann, ich kann viel mehr zu meinen Freunden und den äußeren Umständen sagen.

Einige blöde Dinge sind natürlich auch passiert: eine sehr gute Freundin von Steffi hat sich von ihrem Freund getrennt. Wir hatten so Pärchen-Abende. Meistens haben wir Monopoly gespielt oder sind was essen gegangen. Es passte total gut, Steffi und ihre Freundin kennen sich seit über 10 Jahren, kommen aus dem gleichen kleinen Dorf in McPomm, der Freund und ich fanden uns auch sehr sympathisch, er ist Arzt und so hatten wir gleich ein Einstiegsthema. Problem: Der Typ hat seine Freundin betrogen, sie hat sich getrennt und riesiges Theater zog das Ganze mit sich. Und da Steffis Freundin erst vor einem Jahr nach Hamburg gezogen ist, kannte sie auch niemand anderen außer uns, also haben wir unzählige Telefonate und Gläser Alkohol damit verbracht sie zu trösten und aufzubauen.

Eine andere Freundin hat sich vor ein paar Woche verliebt, super netter Kerl. Ich hab ihn kurz kennen gelernt und ich find den Mann auch toll. Gutaussehend, witzig. Ich mag das ja sehr gerne, wenn Menschen "ehrlich blöd" quatschen. Ich weiss nicht wie ich es ausdrücken soll. Er hat mir zum Beispiel ein Bild gezeigt und sowas gesagt wie: "In dem Bild hat sich eine Flasche Schnaps versteckt." Natürlich war er eindeutig betrunken auf dem Foto, aber so´ne Ausdrucksweise finde ich immer super, zeugt von Kreativität und gleichzeitig Selbstironie. Find ich toll, ich find den Kerl toll und ich find natürlich meine Freundin toll und dass sie verliebt sind. Natürlich bekomme ich alles brühwarm erzählt und kann auf dieser Gefühlswelle ein wenig mitschwingen.

Mein Bruder wiederrum rief mich heute mittag an, er war beim Arzt weil er sich neuerdings immer so schwach fühlt. Er hatte eine Grippe und hat sich seit Wochen nicht richtig davon erholt. Das EKG sah scheisse aus, Kardiologen Termin heute: Herzklappe kaputt. Schock natürlich. Meine Mutter dreht komplett am Rad (mit der musste ich heute auch schon 3 mal telefonieren - meine Familie ist die reinste Opfer-Haltungs-Gruppe, ein Schicksalsschlag und alle drehen durch, meine Mutter hat am Telefon noch mal dreimal bekräftigt, dasss sie jetzt sehr schnell einen guten Therapeuten bräuchte, einen Sohn mit einer kaputten Herzklappe steht sie sonst nicht durch ... ätz) Von meiner Mutter kann ich mich mittlerweile ganz gut abgrenzen, natürlich nervt´s mich. Immerhin isses nicht ihre Herzklappe, aber sie malt nur schwarz. Sie isses die das nur durchsteht, ihre armen Nerven ... bla bla bla ... ich hab da mittlerweile auch kein Mitgefühl mehr, es geht mir nur auf´m Keks.

Für meinen Bruder tut´s mir natürlich leid. Er hatte wohl unbemerkt eine Herzinnenhautentzündung und dabei ist die Klappe kaputt gegangen. Das heisst sie muss ersetzt werden, wann wird sich in den nächsten Monaten zeigen, weil der Kardiologe nicht sagen konnte wie groß der Schaden ist. Das bedeutet eine große Operation, Brustkorb öffnen, Herz still legen um daran operieren zu können, danach diverse Monate Reha. Arbeiten kann er mindestens ein halbes Jahr vergessen, wenn nicht sogar für immer. Mein großer Bruder ist von heute auf morgen ein sehr kranker Mann. Er ist anfang 40 und das war´s mit Sport, durchzechte Nächte auf´m Kiez, sein Leben wird sich nach der OP viel im liegen abspielen. Und er ist kein Mensch, der tagelang im Bett liegen kann und sich schont, er führt einen extrem aktiven Lebenstil, trainiert eine Volleyball-Mannschaft, spielt Schlagzeug inner Band mit Kumpel, geht viel mit seinem Hund spazieren, macht viel mit seiner Frau und seiner jüngsten Tochter. Auf der anderen Seite, ist noch nicht raus, wann er die Herzklappe braucht, vielleicht bald, vielleicht auch erst in 2 Jahren. Und er ist ein Kämpfer, er hat soviel Mist hinter sich gebrach: er ist einer von diesen Teenager-Vätern mit dem ganzen Stress, der dazu gehört. Mein Nichte ist grade mal 3 Jahre jünger als ich, mit der Mutter ist er seid fast 30 Jahren zusammen (wer kann das mit 44 von sich behaupten?!), er hat Drogen hinter sich gelassen, er hat sein Studium durchgezogen trotz Kind, Frau und zwei Nebenjobs und arbeitet als Anwalt, obwohl er sich immer geweigert hat seine Lippenpiercing rauszunehmen. Mein Bruder ist ein beeindruckender Mensch in meinen Augen.

Es tut mir so leid, dass ihn so ein Pech ereilen musste - aber ich bin nicht traurig oder geschockt. Im ersten Moment natürlich, aber auf der anderen Seite weiss ich auch, dass er ein Mensch ist, der wirklich viel aus seinem Leben bis zum jetztigen Zeitpunkt rausgeholt hat. Er hat so viel mehr gute Momente aus seinem Leben gezogen als so manch anderer Mensch in 80 Jahren. Ich hab ihn selten verbittert oder ärgerlich über sein Leben erlebt, er ist der Mensch der immer sagt: "So wie´s kommt soll´s sein, und anders will ich es nicht haben." Er hat immer irgendeine Lebensweisheit zu einer wirklich tragischen Situation, die er für sich rausgezogen hat, zum Beispiel zum frühen Tod seines Vaters sagte er ma: "Ich wäre nicht der Mensch, der ich heute wäre. Und ich müsste auf meine beiden jüngsten Geschwister verzichten, weil Mama mit meinem Vater zusammengeblieben wäre."

Sowas macht mich natürlich auch nachdenklich. Aber es ist gut so. Vor ein paar Monate hatte ich eine Phase, in der mir meine eigene Sterblichkeit sehr bewusst wurde. Über sowas denkt man nicht nach, wenn man jung ist. Das Leben dauert unendlich und man stirbt einfach nicht - solange bis es eben soweit ist. Plötzlich wacht man auf und man ist 80 und dann ist es vorbei. Die Welt dreht sich weiter, nur man selbst ist mehr da. Keine Gedanken mehr, kein Herzschlag, nichts. Man liegt als kalter, toter Körper in einer Kiste, wird verbrannt und verbuddelt. Die Menschen, die einen kannten, erinnern sich ihre Lebzeit noch an einen und dann sterben auch sie - und es ist als ob du nie dagegwesen wärst. Warum beschäftige ich mich mit sowas? Weil´s durch meinen Job so allgegenwärtig ist. Ich seh dauernd Menschen sterben.  Ich glaube, ich hatte zu dem Zeitpunkt einen jungen Menschen auf Station sterben sehen und mir wurde klar, das kann auch ich sein. Ich bin nachts schweissgebadet mit Panik aufgewacht, weil ich davon geträumt hatte tot in einer Kiste zu liegen. Vernichtsungsangst ist es, was es trifft. Das ist die schlimmste Angst von allen.

Im Moment hab ich eine Phase, in der mich mich ganz gut mit dem Tod arrangiere. Ich werde sterbe, das ist mir bewusst. Aber das ist auch der Gedanke, der mein Leben lebenswert macht. Viele Menschen brauchen schlimme Erlebnisse, damit ihnen das klar ist, dass ihr Leben wertvoll und kostbar ist. Dass man für jeden guten Moment dankbar sein muss. Ich weiss noch nicht, ob ich religiös bin. Ich hab Steffi mal gefragt, ob sie Angst vorm Tod hat und sie sagte, ihr Glaube an Gott würde ihr helfen, sie glaube fest an ein Leben nach dem Tod. Ich bin mir da nicht so sicher. Ich hab noch nie ein göttliches Licht oder seltsame überirdische Begegnungen gehabt, wenn ein Mensch in meiner Anwesenheit gestorben ist. Es gibt Dinge, die dafür sprechen, aber auch Dinge dagegen. Ich bin mir nicht richtig sicher, aber ich kann beides nicht ausschliessen. Agnostiker nennt man das wohl, wenn jemand so denkt wie ich. Auch witzig: ein römisch-katholisch getaufter Agnostiker.

Vielleicht bin ich genau deswegen grade so ausgeglichen. Ich empfinde grade alles als kostbar und wichtig, ich muss mich grade selbst gar nicht so sehr in den Mittelpunkt stellen, ich bin dankbar für alles, was um mich herum geschieht. Soviele Menschen sind unfähig Glück zu akzeptieren und mit dem zufrieden zu sein, was sie vor ihrer Nase haben. Alle erwarten soviel. Das geht Nachts los: alle erwarten sofort einzuschlafen und nach 7 Stunden Schlaf total erholt aufzustehen. Seh ich dauernd im Krankenhaus - wenn die Leute mal eine Stunde wach liegen, fragen sie nach Schlaftabletten, verzweifeln, wenn sie um Mitternacht noch nicht eingeschlafen sind, canceln alle Termine, wenn sie um 1.00 noch nicht eingeschlafen sind und machen sich verrückt. Aber sie vergessen, dass es auch mal normal gerädert und schlapp zu sein. Oder meine Mutter - ein chronisch unglücklicher Mensch. Es gab immer etwas in ihrem Leben, dass sie erdrückte und ihr unmöglich machte glücklich zu sein. Egal, was sie tut, es gibt immer einen Harken bei der Sache. Sie war mit einer Freundin bei einem Konzert, aber die Autofahrt war Katastrophe, schlimmste Autofahrt aller Zeiten. Ich frage: "Aber wie war das Konzert?" - "Ja sehr gut, aber die Autobahnfahrt, Ryan, du machst dir keine Vorstellungen!" Und meine Schwester fängt schon genauso an. Neulich fragten sie mich nach Therapeuten in Hamburg. "Dein Schwester ist depressiv, Ryan, sie muss in psychiatrische Behandlung." - "Was´n los?" - "Ja sie ist immer traurig und kann sich an nichts mehr erfreuen, manchmal weint sie sogar." - "Ja, aber das ist doch normal, ihr Freund ist doch grade für 3 Monate in Australien, ist doch klar, dass sie ihn vermisst." - "Nein, Ryan, das Problem geht tiefer, sie ist depressiv!" Find ich auch schlimm, diese Unfähigkeit Dinge auszuhalten - ist NORMAL auch mal traurig zu sein, auch mal lange traurig zu sein, weinen ist normal, auch mal ohne Grund, unglücklichsein ist normal und dass man sich schlecht fühlt, weil der eigene Sohn ´ne neue Herzklappe braucht ist auch normal. Ich find´s so übertrieben, sich einen Therapeuten zu suchen für´s Händchenhalten - aber das ist unser ewiges Familienproblem.

Vielleicht sind so "normal-schlechte" Gefühle für mich auch Peanuts, weil es mir eine Zeitlang wirklich heftig schlecht ging - so schlimm, dass ich meine Wohnung nicht verlassen konnte, wochenlang nicht aus´m Bett kam und fast meinen Job verloren hätt. Auf der anderen Seite darf man nicht über Gefühle anderer urteilen und wer was aushalten sollte, weil man sowas nicht definieren oder gegenrechnen kann. Gefühle sind subjektiv und was für mich vielleicht pillepalle ist, ist für jemand anderes kaum auszuhalten.

Ja, was kann ich sagen: Ich versuch für mein Leben aus sowas das rauszuholen, was ich gebrauchen kann und das ist in dem Fall zur Zeit: mein Leben ist wertvoll. Ich muss jeden Augenblick schätzen und auskosten, und ich muss dankbar sein für das was ich hab. Und was ich schon erlebt hab.

Wir waren letztes WE aufm Hurricane Festival in Scheeßel - ich hab ein verrenktes Knie und einen Sonnenbrand im Gesicht mit nach Hause gebracht, aber auch einige super schöne Erinnerungen. Schönste war, glaube ich, ich stand Samstag Nacht quasi auf diesem Acker, relativ nah an einer Bühne, Mumford & Sons haben melodisch in die Nacht gespielt - eigentlich wollte ichn was anderes zu dem Zeotpunkt sehen, aber ich wurde von einer Freundin überreden mir genau diese Band anzusehen. Und ich stand da relativ alleine zwischen den anderen (sagen wir mal) 20.000 Leuten, die sich ebenfalls Mumford & Son angesehen haben, hatte grade vor ner Viertelstunde, die Freundin verloren, mit der ich den ganzen Tag unterwegs gewesen bin, in meinem Gummistiefeln, meiner Regenjacke, einen halben Becher Bier in der Hand, bin erschöpft vom Tag, finde die Musik total schön und denke mir: Jetzt fehlt nur noch meine Freundin im Arm und der Moment wäre perfekt. Und dazu muss ich vorweg sagen, das Gelände ist groß, man trifft ab und zu mal wen durch Zufall, aber ohne Handy und genaue Treffpunkte haste dich verloren, wenn du dich verloren hast. Und genau in dem Moment, wo ich seufzend in der Gegend stehe, zur Musik mitwippe, sehe zwei Meter von mir entfernt (wirklich in einer Masse von unendlich vielen Leuten - das Festival hat Besucherzahlen von 75.000 Menschen) meine Freundin stehen - ich hab sie in den Arm genommen und wir haben das Konzert zusammen Arm und Arm angesehen ohne ein Wort zu sagen. Das war so unendlich schön.

Generell war das Wochenende schön, anstrengend aber schön. Ich hab bei vielen Konzerten engegen meiner Angst vor Massenpanik sehr weit vorne gestanden. Ich hab 3 Meter entfernt von der Bühne The Cure gesehen und alle Lieder mitgebrüll, ich stand direkt vor der Bühne als die Sängerin von Florence & the Maschine engelsgleich über die Bühne schwebte, ich hab mich unendlich viele fremde, aber sehr nette Leute umarmt. Ich bin über einen völlig verstaubten trockenen Acker gelaufen, der am nächsten Tag eine einzige Schlammlandschaft war, ich war im Backstage-Bereich (jaaaaa, man muss nur die Sanis kennen) und hab einigen sehr bekannten Musiker die Hand geschüttel, ich hab Regen zu ner sehr coolen Punkband getanzt. Montag Mittag nachdem wir den Bus ausgeräumt hatten, drei Maschiene Wäsche gewaschen haben, selbst endlich mal wieder eine heisse Dusche gehabt haben und ´ne Pizza bestellt haben, weil wir zu kaputt waren zum einkaufen, beide teilweise völlig lediert vom Wochenende, haben meine Freundin und ich uns aufm Sofa liegend angesehen und sowas gesagt wie: "Schade, dass es schon vorbei ist, das machen wir nächstes Jahr wieder!"

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenMajas_Traumwelten schreibt am 28.06.2012 um 10:24 Uhr:Das mit der Sterblichkeit und den wundervollen Momenten hast Du wirklich sehr schön geschrieben! Was Deinen Bruder anbelangt, so denke ich, wird er auch diese Herausforderung meistern. Menschen von seiner Sorte sind stark und schaffen so manche Herausforderung, die andere in die Knie zwingen würde. Und was die Sache mit dem "kranken Mann" anbelangt - klar muss er jetzt mehr auf sich und seine Gesundheit achten, aber er wird auch wieder fitter werden und mit Maß und Ziel sein Leben fortsetzen können. Der Spaß wird ihm sicher nicht auf Dauer verloren gehen.
    Ich wünsche Dir noch viele solcher wunderschöner Momente!

    Lg
    Maja

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