Saint Sunniva in den Stahlkammern

10.12.2017 um 20:15 Uhr

Der Brief, der Schnee und der Tod

Stimmung: entwurzelt
Musik: keine

Morgen werde ich im Schnee zur Arbeit rutschen müssen, und wenn ich dabei mein Leben verliere, soll es mir recht sein. Kühl und weiß und unberührt ist der Himmel, das Ende der Hölle, die in ungelöschter Raserei in mir tobt und brennt.

Ich hatte bei der P*ostbank einen Dispokredit beantragt, er wurde am Samstag (!) in einem nüchternen, kurzen, gehässigen, computergenerierten Brief abgelehnt: "Aufgrund unserer langjährigen Erfahrung als Kreditgeber...sehen wir uns... bis auf weiteres außerstande, Ihnen den gewünschten Dispositionskredit einzuräumen."

Was soll das heißen, ihr Armleuchter? Ich habe einen Job!! Ich beziehe Gehalt!!! Ich habe euch als mein Gehaltskonto genannt! Warum das jetzt?? Was soll das heißen, "sehen wir uns außerstande"? Steht ihr kurz vor der Pleite? Müsst ihr mal wieder einen Staat retten oder was? Was soll das heißen!!!?

Was es für mich heißt, kann sich selbst der Fantasieloseste wohl sehr gut vorstellen... "Schönes Wochenende, Kleingeldprinzessin, keine Panik, es sind nur noch drei Wochen bis zum Monatsende, feiiiiiiiix..." :)) Strom nicht bezahlt, Raten nicht bezahlt, Miete nicht bezahlt, Weihnachten steht vor der Tür.... Willkommen zum unendlichen Spaß im kollektiven Freizeitpark :)

Das zweite, was mich aus der Fassung bringt, ist, dass in der Firma trotz des freundlichen und kollegialen Tons, dessen alle sich befleißigen, eine heimliche Bedrohlichkeit durchs Haus wabert. Am Raucherplatz stehen alle stumm und seufzen, keiner ist fröhlich, es herrscht eher Galgenhumor unter den Altgedienten. Unser Großkunde hat ein Tool eingebaut, das die Bearbeitungszeit jeden Falls erfasst, und wenn etwas nach dem Geschmack des Kunden zu lange dauert, stehen bestimmte Kontrollkästchen auf Rot. Montags wird immer Druck weitergegeben, weil "zu viel auf Rot steht", und bedingt durch den hohen Krankenstand und den neu eingeführten Schichtdienst müssen alle rennen, was das Zeug hält, wobei jeder noch Sachen für andere mit übernehmen muss.

Ich habe keinen festen Arbeitsplatz, keinen festen Mentor, der mir bei den schweren Sachen hilft bzw. schaut, ob alles stimmt (einige haben eine solchen, ich aber bekam keinen), ich bin noch nicht so schnell, weil ich noch keine Routine habe, und so setzt sich bei mir die Angst vor erneutem Jobverlust fest, egal was meine Vorgesetzten sagen. Und wenn ich mit Angst am Schreibtisch sitze, kann ich nicht locker arbeiten und mich auch nicht auf das Wesentliche konzentrieren.

Angst vor der Arbeit führt dazu, dass ich mich aus dem Giftschrank bediene, und dann bin ich zwar ruhig, laufe jedoch Gefahr zu verschlafen und zu spät zu kommen, was ein nahezu tödliches Vergehen ist.

Die Folge dieser Konstellation ist naturgemäß noch mehr Angst.

Ich wollte heute was für Sinck machen, doch ich brachte keinen Strich zustande und weinte den ganzen Mittag, denn die Sinck-Sachen bringen Geld, aber nur, wenn sie fertig sind, sonst nicht. Der Kronprinz blieb angesichts unserer katastrophalen Lage völlig ruhig, schimpfte mich jedoch wegen Hysterie, ich solle lieber einen Brief an den Vermieter schreiben etc.

"Was soll ich denn da schreiben?! Kannst du mir das mal sagen?", schrie ich verzweifelt (und ergänzte im Stillen: "Warum muss überhaupt ich etwas schreiben? Bin ich hier die einzige, die verpflichtet ist, Miete zu zahlen? Warum schreibst du nicht diesen Brief, wenn du schon nicht ausnahmsweise mal selbst etwas zahlst?" ) Mich beherrschten Wut, abgründige Verzweiflung und ein schauerliches Schwächegefühl, als würde ich jetzt hingerichtet und sei überzeugt davon, das auch noch verdient zu haben.

Der Gipfel war erreicht, als Terrorkid verkündete, er habe mit einer gewissen Lisa Kontaktdaten ausgetauscht, die Journalistin sei, demnächst in sein Heimatland fahre und etwas über "starke Frauen" recherchieren wollte. Da habe er ihr Adressen gegeben, die ihr helfen sollten, mit einer Kampfpilotin in Kontakt zu treten.

"Ahah", sagte ich, "ganz klasse. Woher kennst du denn diese Frau?"

"Die Kampfpilotin?"

"Nein", sagte ich, "Lisa!"

"Das ist eine Freundin von einer alten Freundin von mir!"

Ach sooooooooooo....?

Ich schaltete augenblicklich auf Defcon 5 und wetzte innerlich das Messer. 

"Etwa Sabina M.?!"

"Ja."

Er zeigte mir den Screenshot eines Ausschnitts aus einem Whatsappgespräch.

Nuttenvisage, sehr hell ausgeleuchtet, roter Lippenstift auf dem Schmollmündchen, riesige Kulleraugen. Das Prunkstück hat mal als Messehostess gearbeitet und ihm im Zuge dessen auf dem Messeklo einen BJ beschert. Muss wohl an Terrorkids Unwiderstehlichkeit gelegen haben, in Kombination mit der Tatsache, dass alle reichen Kerls auf der Messe aus Saudi-Arabien stammten und 60 plus waren. Grins!

"Interessant!", versetzte ich. "Mir hast du erzählt, du hättest keinen Kontakt mehr zu ihr, und jetzt labert die dich so ganz nebenbei an, ob du Kontakte für ihre Freundin hättest?! Auf einmal??"

"Hör auf!", knurrte Terrorkid", "wenn da was wäre, hätte ich es vor dir verborgen! Habe ich aber nicht, also, was willst du?"

"Komische Logik!", sagte ich. "
Woher soll ich wissen, was du alles vor mir verbirgst? Du tust es ja sowieso, so wie bei deinem letzten kleinen Schurkenstück, nicht wahr?! Es ist ja so leicht. Ich kriege es gar nicht mit, weil du zwischenzeitlich überhaupt nicht für mich zu sprechen bist, und weil du auf Facebook bist, wo ich nicht bin, und die Hälfte von deinem Facebookgequatsche sowieso in Urdu ist. Ich habe dir immer geholfen, obwohl ich es mir nicht leisten kann. Ruiniert habe ich mich für dich. Und du jetzt? Die zeigt sich dir mal kurz schulterfrei mit ihrer bemalten Nuttenvisage, und schon bist du wieder hin und weg. Wie kann das sein? Tja, mein Lieber, was weiß ich denn eigentlich über dich? Kenne ich dich überhaupt? Nein, ich kenne dich nicht. Nichts weiß ich von dir. Gar nichts."

Dann holte ich tief Atem und knallte ihm ein As auf den Tisch.

"Aber du weißt jetzt gleich eins, ja! Ich brauche nur ein Wort zu sagen, dann liegt der X (grinsender Kollege, Anm. d. Red.) bei mir im Bett."

Ich wusste, dass das gründlich saß. Denn jetzt tobte er los: "Du bist absolut dämlich, und deinen Mann, den hast du verdient!"

"Nein", konterte ich, "ich bin vielleicht alles mögliche, aber bestimmt nicht dämlich.
Angeblich hast du die Tuss seit vier langen Jahren nicht gesprochen und in dieser Zeit hast du, wenn ich recht mitgezählt habe, zwei Mal dein Handy verloren und drei Mal deine Nummer gewechselt. Aber hallo, wie kommt die Schnalle denn dann überhaupt plötzlich an deine Kontaktdaten? Hast du dafür eine Erklärung, die nicht allzu dämlich klingt?"

Nein, die hatte er nicht.

Hasserfüllt starrte ich ihr nuttiges Bild an und wünschte ihr, dass sie vom IS verschleppt und verstümmelt würde. Dann aber dachte ich: Sollte ich nicht besser ihn hassen, dieses verlogene, hinterlistige Stück Abfall? Er ist derjenige, den ich umbringen sollte, er hat diese ganze Machination zu verantworten, nicht sie, er ist der Regisseur in diesem billigen Melodram mit diesem grottigen Drehbuch.

... ... ...

Den ganzen Nachmittag geweint, ein paar Zigaretten geraucht und weiter geweint, am Abend noch mehr geweint, noch ein paar Zigaretten geraucht und noch mehr geweint, und ich kann auch jetzt nicht aufhören.

Immer wieder muss ich weinen wegen dieses Typen, so viel weinen kann gar kein Mensch, es müsste inzwischen schon ein olympisches Schwimmbecken gefüllt haben.

"Warum machst du diesen ganzen Wirbel?", hatte Terrorkid gefragt. "Du tust dir nur selber weh."

(Vor vielen Jahren, in einem anderen Leben, waren meine sehr langen Haare um die Faust eines Typen gewickelt, der daran riss, nein, er drehte nur das Handgelenk, erzeugte damit einen schmerzhaften Ruck an meiner Kopfhaut, und er stand nur da und lachte... Warum wehrst du dich? Du tust dir nur selber weh....)

Sie sind immer die Stärkeren, nicht wahr?

(Vor noch viel mehr Jahren, fast schon in der Kreidezeit, sagte ein guter Bekannter, der mich aber nicht heiraten wollte: Du herrschst auf deinem eigenen Planeten, aber er bestimmt, wann es dort regnet...)

Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich schreiben, denken, fühlen oder sagen soll, es ist so ein Zustand, den ich nicht beschreiben kann, unendlicher Schmerz, ich kenne diesen Schmerz, er ist immer da, ist nur manchmal betäubt, aber dann ist er wieder da, Ebbe und Flut meines ganzen Lebens, das ein Leben ohne Liebe ist, besser tot ist ein Mensch, als ohne Liebe zu sein, das ist alles, was ich weiß, ich habe mein Bestes gegeben, ich habe verloren, ich habe es versucht und verloren, ist das besser als es gar nicht versucht zu haben, oder ist es einfach nur dumm, etwas zu versuchen, was nicht funktionieren kann?

Wie das Meer, das Stücke von einer monumental schönen, komplett willenlosen Steilküste abreißt, so ist der Schmerz, schäumend, funkelnd, alles unter sich begrabend, wo ist dein Gesicht, Terrorkid, du bist schön, aber du hast kein Gesicht (oh doch, das hast du), du bist du und doch wie sie alle, ich bin es doch, das Meer, ich begrabe dich im Sand (und wühle dich wieder hervor), du gehst (und bist doch nur unsichtbar), aber der Schmerz ist, wie er war, und wird sein, wie er ist (denn er ist mein Leben).

Ein Mensch mit ADHS lernt nicht aus Erfahrung. Für einen Menschen mit ADHS existiert weder Vergangenheit noch Zukunft. Er ist unfähig das Vergehen von Zeit zu erkennen oder einzuschätzen. Er wird von Ereignissen, die für andere völlig absehbar, ja sogar unausweichlich sind, scheinbar vollkommen überrascht. Er erscheint Mitmenschen häufig als leichtsinnig, beratungsresistent und verantwortungslos...

Okay, vielleicht ist es dumm, sich etwas Unmögliches zu wünschen, aber wer hat eigentlich gesagt, dass ich gemeiner sein muss als das Schicksal und schlauer als Gott?

By the way: Wo ist Gott?

Rein und kalt wie der Schnee, so ist der Himmel, irgendwo da draußen, sehr weit weg von mir. 

06.12.2017 um 01:15 Uhr

Das erste Mal

Stimmung: skeptisch
Musik: keine

Ich bin schlaflos. Heute ist ein großer Tag. Weltpremiere!!! Ich werde zum ersten Mal in meinem Leben einen Relaunch Day abhalten, mich bei jemandem remote einloggen, eine Whitecard ausrollen, einen Desktop and Z Drive Backup restoren und Encryptions reencrypten.

Allerdings habe ich noch nicht rausbekommen, wie man die Restore-Batchdateien remote zu dem anderen rüberkopiert, aber das verraten mir hoffentlich morgen noch schnell ein paar Kollegen. ...

Ach, fragt mich lieber nicht, warum ich so komische Sachen mache oder wie ich dazu komme. Hätte mir das vor einem Jahr jemand aus dem Kaffeesatz gelesen, hätte ich ihn einfach ausgelacht. Aber never mind the bollocks - hier bin ich! Ich mache das, weil ich ja irgendwas machen muss, und weil ich, wenn ich richtig gut darin werde (was sich erst noch zeigen muss - es kann auch sein, dass ich eine absolute Null darin bin, weil es, wie bei allen Angelegenheiten in meinem Leben, keine Generalprobe gibt) hoffentlich mal gut verdiene. Oder jedenfalls besser als vorher :))) Und niiiiiieee wieder mit nicht zahlenden Kunden zu tun habe.

Heiliger Isidor von Sevilla (das ist der Schutzheilige des Internets, falls ihr es noch nicht wisst), hilf mir. Failure is not an option, amen !!! Ich muss noch schrecklich viel lernen. Ich hätte mir keinesfalls jetzt schon die Reife für einen Relaunch Day bescheinigt, aber irgendwann muss ich ja anfangen.

Der gr.K. begegnete mir heute auf dem Flur, aber abgesehen von einem kurzen Gruß kam keinem von uns ein Sterbenswörtchen über die Lippen. Er schaute zu Boden, fehlte bloß noch, dass er rot würde. Im W*hatsapp schaut er alle Naselang für ein paar Minuten herein, schweigt aber eisern. Pah, das kann ich auch :P

Na, mal schauen, wer länger durchhält, haha! Glücklicherweise sitzt dieses mirakulöse Wesen etwa 8 Türen weiter, in einem anderen Team, und meidet derzeit konsequent die Kaffeebar. Das finde ich albern. Inmitten aller anderen Leute kann ich ihn ja weder verführen, noch ihm eine kleben :) Außerdem habe ich ihm ja mein Verständnis und Einverständnis ausgedrückt, dass wir die Angelegenheit nicht weiterverfolgen. So what! Er ist eben, trotz allem Etwas-Habens, trotz blendener Zähne, Intelligenz, Augenbrauigkeit und Kräftigbeinigkeit, einfach kein Terrorkidmaterial, sorry, babe :)))

04.12.2017 um 01:04 Uhr

Die Seejungfrau fächelt sich mit der Flosse und lächelt

Stimmung: versonnen
Musik: Evanescence - Lithium

Also... Leut' gibt's! Ich habe ja bereits vom grinsenden Kollegen berichtet. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, wie es so schön heißt, und so haben der gr.K. und ich auf unsere Parkplatzromanze noch einen Tacken draufgesetzt. Natürlich fand, orthodox nach Bill Clinton, keinerlei 6 statt Fröhlich Die Clinton-Orthodoxie reichte uns jedoch bei weitem nicht, und wir verabredeten, uns fürs Wochenende zu verabreden. (Da haben wir's, dachte die Niva, das ist jetzt, Achtung, tadaaaaaa: Auftritt Terrorkid II.)

Doch plötzlich bekam der gr.K. kalte Füße - und das, obwohl er angeblich (ich betone: angeblich) von seiner Hauptfrau die offizielle Erlaubnis zum Seitenspringen hatte. Er zog die Notbremse und befahl der Niva freundlich, aber bestimmt, sich fortan aus seinem Leben herauszuhalten. Es sei denn, er entschließe sich noch mal anders. (Waaas?! Du hast se wohl nicht mehr alle, ist die Niva eine verdammte Nachttischlampe, dass du sie an- und ausknipsen kannst!!?)

Ich sage ja, Leut gibt's :) Lieber gr.K., mit offizieller Erlaubnis von zuhause, meintest du, auf einen kleinen spaßigen Konsumtrip zu gehen. Affären hat man halt in Europa, das gehört so zum Lifestyle. Das hattest du mal irgendwo gehört oder auf RTL 2 gesehen oder bei Facebook aufgeschnappt. Aber plötzlich fandest du dich bis zur Hüfte in der brausenden Atlantikbrandung. Und die riss an dir, dass du nicht mehr wusstest, wo du herkamst, was du wolltest und wie ums Verrecken du eigentlich da hingekommen bist. Du wolltest dich nur noch... verzaubert von dem fremden Element, in die Tiefe stürzen, und da erschrakst du fürchterlich, weil es nicht dein Element ist, und du hast dich aufgerappelt und mit aller Gewalt zurück an den Strand gekämpft, nein, nicht zur Strandbar, wo man immerhin noch reden könnte, sondern im Direktflug zurück in die heimische Blockhütte, wo du schnell und brav die Schuhe ausgezogen und dich hinterm Sofa versteckt hast, dass die Hausherrin dich nur ja vor den Naturgewalten verteidige, die dich da draußen umbringen wollen :))) Soooo einfach ist das eben nicht mit  dem European Lifestyle.

Es gibt Erlebnisse, die bestellt man, und es gibt Erlebnisse, die lassen einen nicht mehr als denselben Menschen zurück.

Die Seejungfrau winkt mit der Flosse, sammelt ein paar weiße Steine und lächelt rätselhaft. Keine Angst, gr.K. Ich habe dich gesehen. Ich habe dich gespürt. Du bist nicht mehr derselbe Mensch. Du kommst zurück.

25.11.2017 um 01:09 Uhr

Niva scheitert mit dem Versuch, leidenschaftlich gleichgültig zu sein

Stimmung: malign
Musik: Such A Surge - Jetzt ist gut

...und heult den ganzen Abend. Wobei ihr das angeblich waterproofe Volume-Mascara übers ganze Gesicht läuft.

Es ist der wasserreiche Abschluss einer äußerst flüssigen Woche, reich an abstoßenden liquiden Dingen und Ereignissen.

Am Montag wurde mir überraschend ein Zahn gezogen, und zwar stückweise, mit äußerstem Einsatz grober Kraft und dürftigem Ergebnis. Die Wurzelspitze blieb drin, und man hofft und betet, dass sie sich nicht entzündet. Darauf wartet man nun allseits gespannt, während man fleißig Blut in Taschentücher spuckt, ein großes Loch im Lächeln hat und nur einseitig kaut, und zwar ausgerechnet auf der Seite, wo ohnehin schon ein paar Molaren fehlen. Sehr effektiv. Und so malerisch.

Am Dienstag schiss die Katze ins Zimmer, weil sie am Abend zuvor fettige Brathuhnstückchen gefressen hatte und weil der Kronprinz auf die tolle Idee gekommen war, eine Spezial-Katzenkloplastiktüte unter die Katzenstreu zu legen. Das wäre ja im Prinzip sehr löblich, wenn nur die Katze sich ebenfalls über diese Neuerung gefreut hätte. Aber sie weigerte sich einfach, das Klo zu benutzen. Na, ratet mal, wer putzen durfte. Wie immer der A(llgemeine) A(rsch) v(om) D(ienst).

Am Mittwoch schrie und weinte die komplette Sippschaft. Die Gründe sind ziemlich verwickelt. In der endlosen und weit verzweigten Kausalkette spielten folgende Dinge eine Rolle:

Baby sollte ihr Smartphone abgeben, weil sie eine schlechte Note in Physik gekriegt hatte und außerdem nicht zur Psychologin gegangen war, worauf die Mama sagte, sie könne nicht ruhig zur Arbeit gehen, wenn sie sich nicht darauf verlassen könne, dass Baby das Richtige tue, worauf der Kronprinz lostobte, er solle wohl alleine arbeiten gehen, worauf seine Frau sagte, das sei nun mal Aufgabe des Mannes, vor allem wenn er auf einen ordentlichen Haushalt bestehe, was ja für den Kronprinzen vollauf zuträfe, worauf der Kronprinz schrie, wenn er gewusst hätte, dass seine Frau eine solche Prinzessin sei, habe er sie gleich verlassen, außerdem halte die Familie nicht mehr zusammen, jeder pflege nur sein Ego, nicht mal nach Orlando-Alaska begleite ihn seine Familie, worauf Baby schrie, sie wolle nie mehr dahin zurück, und Mama in die Bresche sprang, jemand müsse sich um Kind und Katze kümmern, die stünden ihr im Moment näher als eine alte Frau, die ihr Leben gelebt habe, außerdem kämen Martin und Madeleine auch, und schließlich sei auch das Geld nicht da, um schon wieder 600 km weit zu fahren, zumal ihre treuesten Paladine und Regenschirmverleiher, die B*erlin LBB, ihr jetzt die Brocken hingeschmissen hätten und fünftausend Euronen von ihr verlangten, worauf der Kronprinz damit angab, von ihm verlangte B*erlin LBB gar sage und schreibe zwölftausend Euronen, weshalb Baby zu Weihnachten keine S*witch (oder war es S*watch? irgendwas Überflüssiges, Überteuertes) bekäme - letzteres gefolgt von einem erneuten Tränenausbruch Babys - und überhaupt sei DER UMZUG ein riesiger Fehler gewesen, er würde am liebsten wieder alles rückgängig machen, nichts werde besser, alles nur immer schlimmer - zwischenzeitlich fegte er die Katze vom Sessel, weil sie den Stoff ankratzte , worauf Niva motzte, die Katze könne ja nichts dafür, und Baby kreischte "Ich hasse euch" (Kopfstimme) - und als Niva das Baby durch die Wand schluchzen und den Kronprinzen mit Selbstmord drohen hörte, vergrub sie den Kopf in den Armen, heulte ebenfalls und machte den oberschlauen Vorschlag, das Baby ins Internat zu den Großeltern zu schicken und dann einen Doppelselbstmord zu begehen (aber das hörte Baby glücklicherweise nicht).

Die Katze stolzierte, davon unberührt, über die Tastatur und zerkaute friedlich ein Palmenblatt.

Der Kronprinz und Niva einigten sich darauf, dass es am besten sei, jetzt eine schöne Tasse Tee zu trinken, von denen sich eine auf den Fußboden ergoss (was zum allgemein hohen Flüssigkeitspegel noch ein Quäntchen hinzufügte), nahmen je eine Schlaftablette, schliefen ein und träumten gar nichts oder schlecht oder dass sie tot seien (wie sie sich am Donnerstag gegenseitig erzählten). Masterticket, Masterplan, ohne Plan fahr'n, fahr'n, fahr'n fahr'n auf der Autobahn.

Am Donnerstag ging es weiter, weil Baby heimlich Cola gekauft, diese ausgetrunken und die leeren Flaschen einfach hinters Bett geworfen hatte.

Die Woche gipfelte dann darin, dass eine Kollegin auf der Schulung in Tränen ausbrach, weil sie glaubte, die Aufgaben niemals verstehen zu können. Niva selbst fand sich zu ihrer nicht geringen Überraschung zu vorgerückter Stunde mit dem grinsenden Typen vom vorigen Eintrag zwar nicht im Bett, jedoch immerhin auf dem Autositz wieder, was mit den entsprechenden Körperflüssigkeiten einherging, die zwar zu erwarten waren, Niva jedoch in Verwirrung stürzten, weil diese Aktion ja jetzt irgendwelche Konsequenzen in irgendeiner Form nach sich ziehen müsste, und sei es auch nur die Frage zu klären, ob es bei dieser Aktion bleiben oder es weitere geben würde.

Man ging fröhlich grinsend auseinander, 10 cm über dem Asphalt schwebend, mit der Abmachung, sich später auf W*hatsapp zu treffen. Als man dann aber vor besagtem saß, brach Niva aus reiner Verwirrung einen gigantischen Streit vom Zaun, sodass zumindest bei Niva weitere Körperflüssigkeit in Form von Tränen vergossen wurde und beim grinsenden Kollegen zumindest das Grinsen verschwand, weil er sich verteidigen wollte, aber gegen den Borderline-Zorn der Niva, gepaart mit ihrer gefinkelten Argumentationskraft, nicht ankam. Worum es bei diesem Streit ging, dauert leider sehr, sehr lange zu erklären (Kernthema: Frauen; Unterthema: Einstellung zu denselben), aber der ehemals grinsende Kollege kam, nachdem er Whatsapp wutentbrannt ausgeschaltet hatte, noch dreimal zurück, um zu schauen, ob die Niva noch was gesagt habe.

Hatte sie nicht.

"Wie soll ich dir denn jetzt noch in der Firma begegnen?", hatte der ehemals grinsende Kollege gefragt, worauf die Niva patzig geantwortet hatte: "Gar nicht! Wir sind ja nicht mal in derselben Abteilung!!" Und halt am besten den Rand und grinse jemand anders an, hatte sie noch gedacht (aber nicht gesagt).

Als dann zum krönenden Abschluss noch das stets un-liquide Terrorkid aufkreuzte und 200 Euronen schnorren wollte, war es endgültig vorbei, und im Geiste erschien der Niva ein riesiger Swimmingpool, auf dem im magisch wabernden blauen Schein der Unterwasserbeleuchtung ihre Leiche trieb, in deren nach oben gedrehten Augen sich die Sterne spiegelten.

Kelly Watch The Stars!!?

Ich schätze, ich werde die Firma so schnell wie möglich wieder verlassen, egal, was der Kronprinz sagt! (Er würde es mir selber ausdrücklich befehlen, wenn er wüsste, was geschehen ist!)


Z-Move! Masterticket to Hell!

23.11.2017 um 12:38 Uhr

Zähne

Stimmung: komisch
Musik: Alex Kassel - Chasing The Dream

Und wie bin ich jetzt hier wieder hingeraten?!

"Hier" ist in einem Gebäude namens HS-Campus, an der Kaffeebar im ersten Stock. Die Kaffeebar ist weiß und sehr aufgeräumt.

Ich habe etwas in der Hand, das wie eine Telefonkarte aussieht (falls ihr das noch kennt :) ) und Smartcard heißt. Es ist weiß, enthält einen Chip und es steht nix drauf.

Von meiner Hüfte baumelt ein kleines rundes Ding herab. Damit öffnet man hier Türen.

Die Espressomaschine gurgelt und leuchtet rot.

Ich nehme die Tasse und will gerade in den Schaum pusten, da ist da plötzlich mir gegenüber ein Grinsen.

Bräunliches Gesicht und geschätzt 64 Zähne. Weiß.

Ey Leute, was geht???!!!

Im Hintergrund höre ich Abkürzungen murmeln: AIT, VDI, AD, gAHD... (...und denke an den Rap "MfG, mit freundlichen Grüßen...")

Ich flüstere in das grinsende Gesicht: "Wie...wie lange bist du schon hier?"

Ich erwarte nicht wirklich eine Antwort.

"22", antwortet das Gesicht.

(Hatte nicht mal einer gesagt, die Antwort auf alle Fragen sei 42...?)

Das Grinsen persistiert.

Ich grinse vorsichtig zurück und verstecke mich hinter einem Bistrotischchen....

Neue Begriffe in meinem Leben: IMAC, Masterticket, Incident, Incident Group, KDB (nicht zu verwechseln mit KGB, was ich am Anfang zu hören geglaubt hatte Fröhlich, HR Event, SIAM ID, GDB ID, PersID, Setup Session, Whitecard, ZDrive Backup.

Ich schaue nach oben, ob ich vielleicht durch ein Kaninchenloch hier rein gefallen bin.

Jemand, der 27 wird, hat Mettbrötchen mitgebracht. Ich beiße hinein und hoffe, gleich nicht 10 Meter groß zu sein.

Einer aus meinem Team will sich dauernd vom Dach stürzen. Eine andere kennt eine, die ist mit 38 schon OmaVerrückt

Der Himmel ist dramatisch schön. Wenn es nicht gerade regnet.