Saint Sunniva in den Stahlkammern

02.02.2012 um 10:58 Uhr

Mein kleines Irrenhaus

Stimmung: Müdigkeit grausam niederkämpfend
Musik: Marillion - Chelsea Monday

Die Sonne hat sich zu einem breiten Grinsen verzogen. Genau in der Mitte scheint sie eine lange dünne Zunge herauszustrecken. Nee, ich halluziniere nicht. Das sind bloß irgendwelche Nebensonnen, die durch die Kälte entstehen. Das Licht bricht durch die hohen kalten Luftschichten, dann noch einmal durch den Hochnebel, und dann kommt es eben so heraus. (Keine Dämonen, nirgends :-))

Einkünfte: 0. Inhalt meiner Geldbörse: 14 EUR (geliehen). Inhalt von Babys Spardose: 7,32 EUR (das soll möglichst nicht angerührt werden). Verbliebene Zigaretten: 6. Inhalt des Kühlschranks/Vorratsregals: 1 angebrochene 2-Liter-Bombe Milch, 1 und 1/4 Flasche Pfanner Multivitaminsaft, 1 Malzbier (Babys Marke), 6 Eier, 1/2 Pott Belmandel, 1/2 Pott Erdnussbutter, 1/4 Pott Kräuter-Streichkäse, 1 Fruchtjoghurt, 1/2 Schnittbrot (nicht mehr frisch), 1 Kefir, 1 Dose Erbsen, 1 Glas Rotkraut, 1 Tüte Linsen, 1/4 Päckchen Reis, 1/4 Vorratsdose Tomatensoße, paar Reste in diversen Nudeltüten, 1/8 Päckchen Instant-Couscous, 1/2 kleiner Romanasalat (angewelkt), Tube Senf, Tube Tomatenmark. Verhungern werden wir demnach nicht. Jedenfalls heute nicht. Schon mal beruhigend.

Kronprinz ist heute früh um 5 Richtung Nürnberg zur Playmobilfabrik abgedüst. Open End. Er hat seinen Schlafsack mitgenommen. Und das brandneue Lkw-Navi, das ihm seine Firma gekauft (allerdings nicht geschenkt, sondern auf Kredit verkauft) hat. Er soll dort irgendwas hinbringen oder abholen, allerdings ist es - angeblich - kein Playmobil. Baby hatte sich schon Hoffnungen gemacht, doch ich erklärte ihr, dass das Playmobil nicht in der Playmobilfabrik verkauft, sondern von dort aus nur in die Läden gebracht wird. Enttäuschung babyseits.

Während ich das hier schreibe, hat sich die lange dünne Zunge der Sonne wieder zurückgezogen. Jetzt streckt unser Zentralgestirn einen kurzen Zeiger genau senkrecht nach oben. Will mir die Sonne etwas sagen? Ist die Schrift der Sonne prophetisch? Wir wollen es hoffen ;-) Verbliebene Zigaretten jetzt 5. Der Wind ist aus meinem Fenster heraus nicht spürbar, doch drückt er den Rauch flach auf die Dächer. Eben zwitscherte ein Vögelchen mit ganz leisen, süßen Tönen. Als daraufhin ein zweites Vögelchen gleicher Bauart erschien, begann das erste eine wüste Schimpfkanonade. Sicher ein Vogelkronprinz, der seine Frau zusammenfaltete, weil sie nicht unmittelbar hinter ihm geblieben ist.

Richard Sennett schreibt, im Zeitalter der Flexibilität ist der Arbeitnehmer wegen der Unlesbarkeit seines Bezugssystems und der daraus resultierenden Unmöglichkeit, seine eigene biografische Position zu bestimmen und für sich gewinnbringend zu verwerten, gezwungen, täglich auf immer dasselbe unmittelbare Problem zu starren. Ist es ein blöder Kollege, wälzt er Probleme über diesen. Ist es fehlendes Geld, ist er wie besessen vom fehlenden Geld. Ist es seine eigene Haarfarbe, führt diese für ihn fast zum Weltuntergang. Ist es eine runtergefallene Radkappe, kriegt er tagelang Weinkrämpfe deswegen. Das alles, weil er sich, seine Zukunft betreffend, in keine Richtung bewegen kann, ohne dass das Risiko vollends unkalkulierbar wird.

Dieses Phänomen beschreibt ziemlich genau das, was Leute mit einem generalisierten Angstsyndrom empfinden. Außerdem scheint es das zu sein, was Leute dazu bringt zu bloggen. Man beachte die Explosion der Blogs in den letzten paar Jahren (die technische Möglichkeit dazu hat die Basis geschaffen, um weltweit ein endloses Redebedürfnis rauszulassen).

Hatte letztens die letzte Stunde Hausaufgabenbetreuung. Anwesende: 8. Man sollte meinen, eine leichte Übung. Doch das ist es nicht, wenn Justin und Hanno gleichzeitig anwesend sind. Die beiden rauften pausenlos. Als ich sie trennen wollte, vereinten sie sich plötzlich und verpassten mir Faustschläge auf die Arme. Dabei landete einer der tapferen Ninjas auf meinem Handwurzelknochen und begann vor Schmerz zu brüllen. "Selbst schuld", sage ich kühl.

Alexis, eine Viertklässlerin, kam mit einigen Minuten Verspätung zu uns, nachdem die nachmittagsbetreuende Erzieherin zu ihr gesagt hatte, sie solle sich nicht dauernd um die Hausaufgaben rumdrücken. Also, Alexis stolziert herein, wirft einen verächtlichen Blick in die Runde, katscht auf ihrem Kaugummi und verlässt den Raum wieder. Draußen ruft die Erzieherin: "Alexis, geh zu den Hausaufgaben zurück!" Alexis' Blick wird noch verächtlicher: "Da ist es mir zu laut." Ich: "Alexis, das stört dich doch sonst auch nicht." Alexis zur Erzieherin: "Ich gehe zurück, wenn Frau B. (ich) für Ruhe gesorgt hat." Ich rufe sie noch mal, jedoch vergeblich, ich sehe nur noch ihre Leggingsbeine plus darübergezogenem Minirock auf der Treppe. Es ist, wenn man nur Klamotte und Gesichtsausdruck sieht, fast nicht schätzbar, ob dieses Kind 10 oder 15 Jahre alt ist. Aber das ist nicht die Spezialität von Alexis, viele sehen so aus. (Richard Sennett: Unbestimmbare Position in der Biografie).

Ich kann mich aber nicht weiter um Alexis kümmern, ich muss schnellstens zu meinem Randalierer-Duo zurück, das inzwischen unartikuliert schreit, mit Ranzen und Mäppchen wirft und sich gegenseitig durch den Raum jagt. Um meine Tochter und ihre beste Freundin Enola herum hat sich währenddessen, inklusive Nachbarskind Hadiya und deren Freundin Amelie, ein Quassel-, Blödel-, Kraftausdruckbenutz- und Bleistiftzerbrech-Club gebildet. Ich brülle nun auch: "Justin, Hanno, setzt euch auf die Plätze, aber dalli. Sonst fliegt einer von euch beiden raus." Die tun, als hätten sie überhaupt nichts gehört. Ich brülle "Ene mene mu, und-raus-bist du!!!" Es hat Hanno erwischt. Er zieht einen Flunsch und ist willens, nicht zu gehorchen. 

Bauz, da fliegt die Türe auf, und herein in schnellem Lauf stürmt herein Frau Kopp, Lehrerin einer 1. Klasse (nicht der von Justin und Hanno). "Justinus", brüllt sie, "setz dich augen-blick-lich hin!!! Ich höre dich bis in den 2. Stock!!!! Jetzt ist RUHE!!!!" Erstaunlicherweise gehorchen die beiden kleinlaut. Wie macht die das nur?, denke ich staunend. Sie dreht sich zu mir um, ihr Blick ist fast so verächtlich wie der von Alexis: "Sie müssen mehr den Daumen drauf haben!" Ich fühle mich etwas gedemütigt, bedanke mich jedoch und sie rauscht, so schnell sie gekommen ist, aus heiligen Hallen wieder hinaus.

Justin hat jetzt ein neues Beschäftige-dich-mit-mir-und-nur-mit-mir-Programm. Er hält seinen kaputten Drehbleistift hoch. Die Tränen laufen ihm über beide Backen. "Kapuuuuuuuttttt", schluchzt er. "Kann jemand dem Justin einen Bleistift leihen?", frage ich in die Runde. Aus der Quassel-, Blödel- etc. Clique - die immerhin zu einem großen Teil jetzt Hausis macht - werden dem Justin hilfsbereit mehrere Stifte gereicht. "Die wiiiiilllllll ich nicht!!!! Ich will meiiiiiiinen!" Ich wage einen Einwand: "Justin, das ist nicht so schlimm. Deine Mama kauft dir einen neuen."

"Neeeeiiiiiin", heult Justin, "der war so teeeeeeuuuuuuer! Er hat 80 Euro gekostet, sagt Mama!" - "Der ist doch nicht aus Gold! Sie meint wahrscheinlich 3 Euro 80", sage ich, "außerdem freut sich deine Mama immer, wenn du deine Hausis fertig hast, egal mit welchem Stift." Die Stimme der Vernunft kommt bei dem Mini-Ninja nicht an. Er nimmt, statt einen der ihm dargebotenen Bleistifte,wieder mich aufs Korn und will mich boxen. "Ich kann ganz schön aggressiv werden!!", droht er (mit exakt diesen Worten!). "Huuuuh, jetzt kriege ich aber Angst", feixe ich. Der Mini-Ninja braucht mindestens noch 10 bis 15 Jahre, bis jemand von meiner Größe und Bemuskelung ihn fürchten könnte. "Wo ist dein Heft?"

Justin ist anscheinend jetzt müde geworden vor lauter Bleistiftkummer, jedenfalls knallt er sein Schreibheft vor sich auf den Tisch und beginnt, die ganze Welt hassend, mit menschenfresserähnlicher Miene zu schreiben: "Anton malt...." Nach diesen 2 Wörtern unterbricht er jedoch wieder, stellt sich auf den Stuhl, dreht sich mit dem Rücken zu den anderen, zieht sich die Hose runter und zeigt seinen Kam'raden mal eben den nackten Vollmond. Ich schaue ziemlich perplex, denn das ist neu. Natürlich erntet er allgemeines Gegröle, das sich noch steigert, als er gar seine Pobacken mit den Händen packt und in die Breite zieht. Selbstverständlich zieht sich jetzt auch Hanno aus, um kein Verlierer zu sein. Glücklicherweise aber nur obenrum. "SCHLUUUUUSSSSS JETZT", donnere ich. "WEITERMACHEN!!!!"  Ich weiß nie, was richtig ist - Kaserne scheint am ehesten zu helfen.

Wie es zugeht, dass Hanno, Hadiya und sogar Justin ihren Schreibtext doch noch zu Ende bringen, kann ich mir kaum erklären, vielleicht ist es die Aussicht,den Kram abends daheim fertigmachen zu müssen, wenn eigentlich Wii, TV oder Comics angesagt wären. Jedenfalls werden sie auf die Minute fertig. Da es meine letzte Stunde ist, verteile ich an alle, die bis zum Schluss durchgehalten habe, Super-Dickmanns. Justin lädt sich gleich vier auf den Tisch und mampft auf beiden Backen. Dann torkeln sie raus, der eine verschwindet schneller als eine gereizte Schlange, der nächste trödelnd und mehrmals zurückkehrend, weil er was vergessen hat. Ich fege die Schokokrümel von den Tischen und verzwitschere mich dann, wie üblich mit den Sachen meiner vorausgerannten Tochter bepackt. Bin sehr nachdenklich.

Mir ist klar, dass die Kinder so sind, wie sie sind, um die maximale Aufmerksamkeit zu bekommen. Eigentlich bräuchte jedes von ihnen eine Privatbetreuungsperson (Mama!), die sich geduldig mit ihm hinsetzt und es ohne Ablenkung immer wieder sanft, aber beharrlich auf die eigentliche Aufgabe zurückbringt, bis diese erledigt ist. Dann kräftig loben und bestärken. In der Gruppe ist es aber kaum möglich. Kümmert man sich um einen, schreien die anderen, manche werden gar eifersüchtig ("Immer nur hilfst du der DOOFEN Annabelle und NIE mir!!! Annabelle, du bist DOOOOOF!!!" - "Aber Lea, du BRAUCHST doch gar keine Hilfe bei diesen Matheaufgaben, du KANNST die doch, du hast alles richtig, guck mal..."). Und immerzu geschehen Dinge, die von den Aufgaben ablenken: "Mein Bleistift ist kaputt/weg/stumpf, ich habe kein Papier, mein Heft ist voll, der Günni klaut dauernd mein Mäppchen, ich hab Tintenkiller in den Mund gekriegt, ich brauche ein Pflaster, ich hab nichts mehr zu trinken..."

Mit anderen Worten: Die Hausaufgabenmama muss alle Aufgaben einer richtigen übernehmen. Die Kinder bleiben bis 4 oder 5 in der Schule, einige essen nicht richtig, denn beim provisorischen Mittagstisch gibt es bisher nur 30 Plätze (bei 60 Anmeldungen!), sie können vor der Hausi-Betreuung, die schon um 2 beginnt, auch nicht mehr toben (oder chillen, je nach Temperament).

Besagter Hanno z.B. war früher nicht so wild, er ist sehr intelligent und langweilt sich wahrscheinlich den ganzen Tag fürchterlich. Nun hat er in Justin einen herrlichen Zeitvertreib entdeckt und spielt den starken Mann, genau wie der. Neulich, als in der Nachmittagsbetreuung wenig los war, lag Hanno auf der Matte im Eck, zugedeckt mit einer roten Decke, und ließ sich gemütlich von der Erzieherin vorlesen - so wie Baby das am Abend bei mir macht. Der Justin scheint mir ein Winterhoff-Fall zu sein: Eigentlich noch ein richtiges Baby, aber von seinen Eltern durch das Hineinziehen in Erwachsenen-Angelegenheiten gleichzeitig erhöht und überfordert. Er hat entdeckt, dass er durch seine Ungebärdigkeit und Lautstärkeeine ganze Gruppe aufmischen kann. Das Rezept wäre, ihn nicht zu beachten, doch wie soll man ihn nicht beachten, wenn dafür alle anderen ihn beachten? So "gewinnt" er doch jedes Mal.

Ganztagsbetreuung? Davon bin ich absolut kein Fan, jedenfalls nicht nach dieser Erfahrung. Für mich ist das eine Notlösung, die eher schwer arbeitenden Eltern hilft als den Kindern. Und wenn, braucht man kleinere Gruppen, mehr Betreuerinnen, einen Automaten mit Getränken und Fleischbrühe, Obst und mehr Räume. Nicht schlecht wäre auch ein Fußball- oder Ringkampf-Angebot für die Wilderen. Ja, man könnte, man müsste. Aber es geht ja nix.

 

 

 

 

31.01.2012 um 11:51 Uhr

"Nur noch elf Meilen..."

Stimmung: bumm fallera
Musik: Genesis - Congo

Die Dämonen bäumen sich auf. Merksätze über Dämonen: 1. Dämonen schlafen nicht. 2. Dämonen haben es speziell auf dich und die Deinen abgesehen. 3. Dämonen hören niemals auf.

Was haben sie heute getan? Bewirkt, dass unser AA-Geld nicht gekommen ist. Wir können keine Miete und auch sonst nichts zahlen. Der Kronprinz arbeitet seit vier Wochen und hat noch keinen Cent verdient. Wenn sein Vertrag jetzt kommt, gilt er ab sofort, doch dauert es mindestens weitere 4 Wochen (im guten Fall) bis Geld kommt.

Selbstverständlich ist es unsere Schusseligkeit, dass wir im Dezember keinen Folgeantrag gestellt haben (Schusseligkeit ist menschlich, nicht dämonisch). Doch war es ursprünglich nur die Schusseligkeit bzw. der angeborene Optimismus des Prinzen, der ihn glauben ließ, Geld käme am Ende des Monats für den Folgemonat, zu deutsch: Ende Januar für den Februar. Mir wollte dies überhaupt nicht einleuchten, denn ich spürte in meinem angeborenen Pessimismus, dass Geld, das am Ende des Monats ausgezahlt wird, bereits den Folgemonat abdeckt. Laut Bescheid haben wir demnach Ende Dezember das Geld für Januar bekommen, damit gibt es jedoch, weil der Bescheid nur bis 31.1. gilt, kein weiteres Geld.

Ich habe es dem Prinzen versucht klarzumachen, doch er faltete mich mal wieder zusammen und hielt das für überängstlichen Unfug. 

Nun hat sich herausgestellt, dass es genau so ist, wie ich zu bedenken gegeben habe. Dies ist immer noch nicht dämonisch. Wir haben sogar noch Glück, da wir den Folgeantrag jetzt noch abgeben können. Dann bekämen wir das Geld zwar verspätet, doch wir bekämen es. Das Wirken der Dämonen besteht darin, dass wir, wenn des Prinzen Vertrag am 1. Februar beginnt, dieses Geld wieder zurückzahlen müssen. (Man sollte meinen, dies sei ebenfalls nicht dämonisch, sondern eine Folge unsinniger Gesetzgebung. Dämonisch wird es jedoch dann, wenn man diesem Tatbestand völlig hilflos ausgesetzt ist. In 7 Jahren Hartz IV ist es noch keinem Anwalt gelungen, diese verrückte Regelung zu revidieren.Wir können uns nicht einmal aussuchen, ob wir dieses Geld nehmen oder nicht. Wir brauchen es einfach.

Stell dir vor, du bekommst Hartz IV und nimmst eine Arbeit auf (die keinesfalls überbezahlt ist). Die Folge davon ist, dass du praktisch dein ganzes erstes Gehalt wieder abgeben musst (und doch musst du ja irgendwie leben!). Nun stell dir weiter vor, dass dein Arbeitgeber dich bereits 8 oder 9 Wochen arbeiten lässt, ohne dass es ihn einen Cent gekostet hat, und dass er sich die ersten 4 Wochen vom Steuerzahler hat bezahlen lassen, während du kaum weißt, wo du das Benzin her nehmen sollst, um pünktlich zur Arbeit zu kommen, und während du, mitsamt deiner Familie, seit Jahren ängstlich, hungrig, deprimiert und ständig unter Druck bist.

Man fühlt sich einer fremden Großmacht dermaßen ausgeliefert, dass man einfach an Dämonen glauben muss, weil einem nichts anderes übrig bleibt. Und immer wieder die Frage: Warum ausgerechnet wir? Andere Leute haben doch auch Glück. Warum nicht mal wir?

Seit Monaten sagt der Kronprinz immerzu: "Wir müssen nur noch diesen Monat überstehen." Diesmal antwortete ich nur: "Jaja, und dann müssen wir nur noch den nächsten Monat überstehen." Ob das ein Grund ist, mich zusammenzufalten, überlass' ich jetzt mal eurem Urteil!

Es zeigt sich hierin aber auch, was Hartz IV aus einer Beziehung macht. Wir waren mal ein echt romantisches Liebespaar, das sich gegen alle Widerstände glücklich vereint hat. Und was ist aus uns geworden? Zwei dreckbeschmierte Soldaten im Schützengraben, die sich hinter dem gemeinsamen MG-Nest zwischen zwei Salven bösartig anraunzen. Der Prinz verteidigt das MG-Nest noch, während ich bereits daran denke, aus dem Schützengraben aufzuspringen und in selbstmörderischer Absicht ins Feindfeuer hineinzulaufen.

"Nuuuuur nooooooch eeeellllllf Meeeeiiiiiilennnnn....", raunt der Sturm in dem alten Antarktis-Film "Scotts letzte Fahrt" vor der Zelttür Scotts. Die elf Meilen (von insgesamt 2000) schafften er und seine zwei letzten Mannen nicht mehr. Sie hatten keinen Brennstoff mehr. Und der Sturm - ihr spezieller Dämon - schlief sechs Tage lang nicht. 8 Monate später fand eine Suchmannschaft sie. Tiefgefroren und gut erhalten wie das feinste Edelwild.

 

 

30.01.2012 um 11:39 Uhr

Design und dessen Sinn und Unsinn

Stimmung: würd gerne jemanden vergackeiern, weiß aber nicht wen
Musik: Gordon Lightfoot - The Wreck of the Edmund Fitzgerald

Beim Putzen - und das ist das wirklich Lustige daran - bekommt man tiefe Einblicke in die Lebensweise anderer Leute. Heute: Der Design-im-Sonderangebot-Freak.

War ich neulich mal in einer ganz neu eingerichteten Wohnung, die ich auf den ersten Blick sehr bewunderte. Es handelte sich um eine dieser modischen, wenigzimmrigen Wir-kochen-im-Wohnzimmer-und-baden-im-Schlafzimmer-Modelle mit viel Fußboden um Kochinsel und Lowboard herum und mit breiten Loungesesseln auf dem winzigen Balkönchen. Die Besitzer gaben sich sehr selbstbewusst, doch mir machten sie nichts vor, ich weiß, wie Schulden aussehen, wie sie riechen und wie sie sich anfühlen.

Menschen mit Schulden haben gehetzte, gierige Blicke, immer sind ihre Gedanken woanders, sie versuchen aus jedem Moment und jeder auch noch so flüchtigen Bekanntschaft für sich einen Vorteil rauszuschlagen. (Das bestätigte sich, nachdem der Putzauftrag beendet war. Sie wollten meine Chefin, die mit mir zusammen geputzt hatte, verklagen. Angeblich hätten wir ihre krachneuen Fensterscheiben von außen verkratzt. Wir besuchten sie erneut, um die Stellen in Augenschein zu nehmen, und siehe da, die gute Wohnungsbesitzerin fand die angebliche Kratzstelle trotz intensivster Betrachtung selbst nicht mehr! Dies nur am Rande...)

Aber um auf die Einrichtung zurückzukommen: Wir sahen eine Küche mit schrillorangenerHochglanzoberfläche und ein HiFi-TV-Lowboard mit einigen modischen Wandbrettern darüber in grell laubfroschgrünem Hochglanzlack. Ich sagte einige bewundernde Worte, da die Möbel tatsächlich spektakulär aussahen (und zudem wegen ihrer Kahlheit sehr leicht abzustauben sind). Da sagte die Besitzerin: "Das sind Ausstellungsstücke, die haben wir im Möbelhaus X zu einem Super-Sonderpreis gekriegt." - "Oh, hatten Sie ein Glück", sagte ich. "Keine Spur", meinte die, "die Angestellten sagten, diese Möbel verkaufen sich ganz schlecht, die meisten Leute haben einen zu konservativen Geschmack dafür." Ich merkte mir das im Geiste vor, falls ich mal wieder zu Geld kommen sollte.

Aber dann zogen mich meine Putzaktivitäten ins Badezimmer. Und nun sah ich, dass man vor lauter Super-Sonderpreis-Designfieber auch in die Falle tapsen kann. Das Badezimmer war sehr hübsch, mit einer modernen barrierefreien Dusche mit dem gleichen Fußboden wie das ganze Badezimmer, ohne Vorhänge oder Glastür und mehreren Brauseköpfen von Nadelspitz-Regen über Mittelkörper-Massagebreitstrahl bis hin zum ein Meter breiten Wasserfall von ganz oben. Klasse. Doch das Doppelwaschbecken war die reinste Katastrophe. Das waren keine Waschbecken, sondern auf Holzsockeln montierte Zimmerbrünnchen. Sie bestanden aus einer flachen Glasschale, etwa so breit und so tief wie eine gewöhnliche große Fleischplatte mit Rand, aus grünlichem Glas. Darüber erhob sich senkrecht eine kleine, viereckige Metallstele mit einem kleinen schwarzen Dach. Dies muss der Wasserhahn sein, kombinierte ich scharfsinnig, und probierte aus, wie er sich betätigen ließe, nämlich mit Bewegungssensor. Das Wasser jedoch floss nicht oben heraus, sondern aus einem winzigen Löchlein ganz unten, am Fuß der kleinen Metallstele, sprudelte ein feines, bandartiges Bächlein heraus.

Da war ich nahe daran zu prusten. Putzeimer füllen - keine Idee.  In so einem Becken kann man sich weder Hände noch Haare, geschweige denn einen Pulli, ja noch nicht einmal einen BH waschen. Und hier befanden sich gleich zwei von diesen absolut unbrauchbaren Zierbrunnen in einem Badezimmer für zwei Berufstätige! Das war wohl das Super-Duper-Wahnsinnssonderangebot an diesem erfolgreichen Einkaufstag. Na ja. Sieht ja auf den ersten Blick auch ganz nett aus, gell!? Bis man dann  halt versucht etwas darin zu waschen.

Ähnlich schockiert war ich nur noch einmal, nämlich als ich in dem Haus einer winzigen Frau eine kreisrunde  Badewanne von etwa 2 1/2 m Durchmesser und 80 cm Tiefe gefunden habe. Ich selbst bin nicht gerade ein Zwerg und musste trotzdem eine Teleskopstange benutzen, um auch nur den Stöpsel aus dem in der Mitte des Beckens gelegenen Abfluss zu ziehen - ansonsten hätte ich in das Becken reinklettern müssen. Was will die bloß damit, schwimmen lernen?!, fragte ich mich grinsend.

Oder der Typ, der eine zugegeben spektakuläre grabsteinschwarz glänzende Marmortreppe in seinem Haus hatte. Sah in den ersten Stunden des ersten Tages sicher spektakulär aus. Aber kaum wird sie vom Fuß eines beliebigen Lebewesens berührt, hinterlässt dieser seine Spur. Und fällt ein Härchen, Farbkrümelchen oder Pulloverfaserchen daneben, dann stellt das glänzende Grabsteinschwarz diese unbedeutende Hinterlassenschaft so deutlich zur Schau wie in einem Museum. Nach wenigen Stunden gewöhnlicher häuslicher Beanspruchung sieht das Treppenhaus dann so aus wie in der New Yorker U-Bahn am Spätnachmittag. Einfach uuuuaaaaach!!!!

Ich selbst bekam auch mal ein Stück unbrauchbaren Quatschdesigns zum Geburtstag, nämlich eine schwere, viereckige, gläserne Magnettafel in Schneeweiß. Sah echt toll aus. Leider löste sich der Kleber, mit dem die Glasplatte an der Metallunterlage unvorsichtigerweise nur angeklebt war, in der Wärme unserer sommerlichen Wohnung auf und die ganze Herrlichkeit krachte von der Wand. Design oder Nicht-Design, auf jeden Fall Kaputt-Sein!!! :-))

Was gibt es sonst Neues? Nicht sehr viel. Prinz wartet auf seinen Arbeitsvertrag und fährt und fährt. Ich mache Veranstaltungskalender. Morgen habe ich das letzte Mal Hausi-Betreuung. Babys Halbsjahres-Elterngespräch brachte erfreuliche Ergebnisse, sie beeindruckt besonders mit Lese- und Sachkenntnissen. Ist eben mein Baby, haha! Ferner gibt es häusliche Kleinkonflikte, die mit Kirchgängerei zusammenhängen. Der Kronprinz ist ein eingefleischter Atheist, aber mein Job ist es, Baby auf die Erstkommunion vorzubereiten. Daher reiße ich mich am Riemen und scheuche sie und mich so oft es geht in die nahe gelegene Kirche. Der Prinz hat es stets hingenommen, dass Baby in der Bibel liest und den Reli-Unterricht besucht, nur zähneknirschend hat er ihrer Taufe zugestimmt. Ihm missfällt es aber, dass ich mit ihr in die Kirche gehe.

Gegen unsere Kirche kann man überhaupt nichts sagen, ich fühle mich in ihr echt zu Hause, denn sie wirkt witzigerweise wie das architektonische Kreuzungsprodukt der beiden modernen Kirchen, in die ich als Kind/Teeny am häufigsten gegangen bin (übrigens damals nicht einmal besonders gern!). Zudem ist sie nur ein paar Schritte von unserem Haus entfernt und hat langschläferfreundliche Gottesdienstzeiten. Die Gemeinde ist super nett, es gibt viele Angebote für Kinder und Familien, viel Musik, und auch unsere "geischdlingen Herrn" sind voll in Ordnung. Letztens hat unser Monsignore gar nicht nur Baby selbst, sondern sogar ihrem unvermeidlichen Kuschelhasi ein Kreuz auf die Stirn gemacht!! Cool! Dazu gibt es einen Diakon Dr. Liebherr, der ausgesprochen lieb ist und sogar psycholgische Sprechstunde für geplagte Gemeindeschäflein anbietet. Kann sein, dass ich da sogar mal hingehe, weil ich vor Babys Erstkommunion noch das Problem lösen muss, wie ich meine Eltern und den Kronprinzen an einen gemeinsamen Tisch bringen kann. Bisher beiße ich beiderseits auf Granit. Doch es hieße den Gedanken der Kommunion mit Füßen treten, wenn die zerstrittenen Familienmitglieder sich an diesem Tag weiterstreiten oder zumindest kein freundliches Wort miteinander reden würden. Niemand verlangt, dass sie sich jeden Tag zum Nachmittagskafee treffen! Aber sie könnten sich doch zumindest stillschweigend gegenseitig tolerieren, oder!?

Also, wie gesagt, eine nettere Kirche kann es kaum geben, und der Kronprinz hat keinen Grund, darüber abzulästern. Ich sage zu ihm, er solle nicht so "ossig" sein, und er wisse verdammt gut, wie nötig wir alle Erlösung hätten, so geplagt und schikaniert wie wir sind, und wie so wenig wir doch selbst in der Hand hätten, unser Leben zu gestalten (wenn man anfängt, darüber nachzudenken, verfällt man echt ins Elend - nach allem, was wir uns als 18-Jährige mal so ausgedacht haben, wie unser Leben mal sein und verlaufen würde...)

Zudem hat die Rosemarie sich begeistert geäußert, als ich vorschlug, wir könnten ja am nächsten Sonntag auch mal in ihre Kirche gehen, wenn bei uns keine ist, und nun glaubt der Kronprinz wie üblich, wie "Weiber" in seiner Familie machten Front gegen ihn.

Das ist ein Thema ohne Ende, aber ich muss trotzdem jetzt erst mal Schluss machen. Irgendwas wollte ich noch tun, bevor Baby von der Schule heimkommt. Was war das nur? Bitte sagt jetzt nicht "Küchenfußboden putzen" - aber genau das war's. Habe vorgestern die Ofentür ausgehängt, um das jahrhundertealte Bratfett aus den Ritzen zu schaben. Ofentür ist blitzsauber. Doch wir haben es selbst mit vereinten Kräften nicht geschafft, sie wieder einzuhängen.

Gestern habe ich einen doofen Witz gehört, den ein Russe erzählte. "Was sagt ein Russe, wenn er mit dem Flugzeug in der Türkei landet?" - "N-Jet!"

Baby wird Cowboy zu Fasching und hüpft Tag und Nacht im Kostüm und mit Colt und Steckenpferd rum. Habe ihr absichtlich noch keine 8-er Zündplättchen gekauft, um das Geknalle in Grenzen zu halten. Ihr aktueller Lieblingsheld ist Lucky Luke und sie beschafft sich auf jede erdenkliche Weise Comics von ihm.

 

 

 

 

 

 

25.01.2012 um 01:11 Uhr

Dadimm da dum daa daa

Stimmung: schläfrig
Musik: eh egal

Ich weiß nicht, was ich schreiben soll, weil der Kronprinz dermaßen laut schnarcht, dass ich meine eigenen Gedanken nicht höre. Der "Allgäu Airport" hat mir soeben seine neueste Bilanz gemailt, aber die werde ich mir erst morgen richtig anschauen. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall schickte ein mehrseitiges Statement mit qualitativen und evaluativen Forderungen an die neu eingerichteten Gemeinschaftsschulen. Das hatten die neulich schon mal, aber ich muss es trotzdem anschauen, es könnte sein, dass Neues dazugekommen ist.

Ich bin so wütend. Waaaaaruuuum eröffnet dieses Möbelhaus jetzt plötzlich erst im IV. Quartal? Und waaaaarum muss ich das aus dem Lokalkäseblatt erfahren statt von ihnen selbst? Wiiiird das überhaupt noch was? (Immerhin soll ja Weltuntergang sein, n'est-ce pas?) Wiiiiieee lange soll der Prinz noch für umsonst Lastwagen von A nach B bugsieren? Wiiieeeeesoooo zerschmeißt meine Tochter ihren Globus? Waaaarum antworten diese Idioten nicht, bei denen ich mich kurz vor Weihnachten in einem Anfall von Jahresendpanik noch beworben hatte, obwohl ich das eigentlich nicht tun wollte?!

Waaaaarum nehmen die Kinder in der Hausaufgabenbetreuung die Kreide, um die Wandtafel zu bekritzeln, NACHDEM man ihnen gesagt hat, sie sollten NICHT die Kreide nehmen und die Wandtafel bekritzeln? Und waaaaaaruuuum beginnen die Kinder sich auszuziehen (außer den Schuhen) und auf den Tischen herumzuhüpfen? Und wiiiiieeee hindert man sie daran? Waaaarum sind Lehrer solche Mimosen und ständig nur KRANK oder NICHT IN DER STIMMUNG, etwas zu erörtern? Waaaaaarum bin ich ich und nicht James Brown, Franka Potente oder Jake Gyllenhaal? (Aha, jetzt wird's philosophisch! Zudem bin ich wenigstens nicht dieser komische Kerl, der da in Norwegen Amok gelaufen ist oder der Käptn, der sei Schiff fluchtartig verlassen hat. Mir stellt wenigstens keiner so unangenehme Fragen).

Die Kinderchen sind schon komisch. Inzwischen kenne ich sie ja schon recht gut, aber sie sorgen für immer neue Überraschungen. Heute z.B. wollten sie die Jalousie unten haben, da sie - so der Tenor - die Sonne nicht vertrügen. "Wollt ihr es lieber grau?", fragte ich sie verblüfft. "Jaaaaa", riefen die Kinderchen. Ich könnte es ja noch verstehen, wenn irgendwo im Saal ein Fernseher oder PC liefe, aber das ist nicht der Fall. Ich jedenfalls bin für jeden kleinen Sonnenstrahl dankbar.

Nein, tut mir leid, vorhin, ja, da war ich wütend, aber jetzt bin ich eigentlich nur müde. Also vielleicht sollte ich jetzt einfach mal schlafen, das wäre ja das Vernünftigste, nicht wahr, wenn ich nicht zu schläfrig wäre den Rechner runterzufahren, die Treppe runterzuhumpeln, mich auszuziehen und in die Pofe zu legen. Das ist mir alles zu viel Aufwand. Mal ehrlich, ja.

Die Kamelie, um eure Frage zu beantworten, liebe Mitblogger: Die hat in der Zwischenzeit 90 % ihrer Blätter abgeworfen. Gefragt, warum sie denn die Kamelie aus dem 8 Grad kühlen, ungeheizten Eckschlafzimmer in das 20 Grad warme Vorderschlafzimmer gebracht habe, antwortete Rosemarie: "Ich habe mich mit ihr unterhalten und sie sagte, sie wolle wärmer stehen." Also so fängt's ja meistens an, ne? Ich wurde dann doch etwas unwirsch und befahl, die Pflanze in das kalte Zimmer zurückzubringen, egal, was sie gesagt habe. Pflanzen könnten nicht immer wissen, was gut für sie sei, da sie ja als Importware in fremden Gegenden leben müssten und zudem in Treibhäusern vorgezogen würden. Ob die Rosemarie dies aber befolgt hat, erfahre ich wohl erst in wenigen Tagen. Sie hat jedenfalls sehr verständnislos dreingeschaut.

Mich deucht, der Kamelie wäre es besser bekommen, ich hätte sie auf meinem Balkon hinter dem Windschutz stehen lassen. Aber nun müssen wir dem Schicksal seinen Lauf lassen.

 

18.01.2012 um 09:49 Uhr

Kameliendame

Stimmung: mühühüde
Musik: Roxette - The Look

Rosemarie. Meine Schwiegermutter. Immer präsent und eine routinierte Zeitdiebin. Jetzt quält sie mich schon den ganzen Winter mit einer ausgefuchsten Methode.

Die begann zunächst mit einem freundlichen Geburtstagsgeschenk. Und zwar handelte es sich um eine einen Meter hohe, prächtig rosa blühende Kamelie, die in weiten Kreisen Neid erweckte. (Für Interessierte hier die Bezugsquelle: M*ax B*ahr.) Die Kamelie stand in einem schönen Terrakottatopf auf meinem Balkon und prahlte mit ihren Blüten, und als die Zeit vorbei war, wuchs sie und prahlte mit glänzenden Blättern und sich steigernder Höhe. Im späten Sommer bekam sie gar eine dicke Frucht. So weit so gut und sehr erfreulich.

Nun aber Rosemarie. Bei jeden Besuch stürzte sie sich als erstes auf den Kamelienpott und fühlte, ob die Erde nicht zu trocken sei. Erschien ihr (subjektiv) das Erdreich ausgetrocknet, rannte sie augenblicklich nach der Gießkanne und goss aus Leibeskräften. Zunächst dankte ich herzlich für die Fürsorge. Etwa beim 12. Mal wagte ich den Einwand, die Kamelie sei bei mir in guten Händen, das sehe man ja an ihrem gesunden Zustand, und ich gösse sie durchaus regelmäßig. Keine Änderung des Verhaltens rosemarieseits.

Eines Tages packte Rosemarie den ganzen, etwa 10 kg schweren Kamelienpott und schaffte ihn mühselig hinter den Windschutz. Unter Ächzen stieß sie hervor: "Die Kamelie steht zu kalt." Mein Einwand, es habe immerhin etwa 26 Grad, wurde geflissentlich überhört.

Der Winter rückte an. Mein Plan war, die Kamelie bis Mitte November an Ort und Stelle zu belassen, da sie eine Plantagen-, keine Zimmerpflanze ist und da sie Kältereize zur Entwicklung von Blüten braucht. Anruf Rosemarie Mitte Oktober: "Es wird zu kalt. Die Kamelie muss rein."

Ich: "Ja, demnächst kommt sie rein. Im Moment steht sie noch gut draußen."

Paar Tage später, es regnete, frostete jedoch keinesfalls. Gutes Kamelienklima demnach. Anruf Rosemarie: "Hast du die Kamelie schon reingestellt?"

Ich, verwundert: "Nee. Ich sagte doch, dass sie jetzt noch draußen bleibt."

Ein Tag später. Der Kronprinz kommt von Rosemarie zurück, in der Hand einen großen Zinkeimer nebst Seilen.

Ich: "Wofür ist das?"

Er: "Für die Kamelie. Mutter schlägt vor, sie zu ihr in den Hausflur zu bringen."

Ich: "Nett von ihr. Aber es ist noch zu früh."

Kronprinz stellt den Eimer mit den Seilen in den Flur und vergisst die Angelegenheit.

Paar Tage später. Der November ist noch nicht angebrochen. Anruf Rosemarie: "Also, Niva, ich will ja nicht nerven. Aber die Kamelie ist noch nicht bei mir."

Ich: "Sie kommt demnächst. Im Moment ist es noch warm genug."

Rosemarie: "Morgen?"

Ich: "Mal sehen. Wochenende vielleicht."

Nächster Tag. Immer noch kein November. Anruf Rosemarie:"Ich will ja nicht nerven, und ich weiß, du hast wenig Zeit. Aber die Kamelie! Ich mache mir solche Sorgen. Kannst du sie nicht bringen?"

Ich (innerlich seufzend): "Ist gut, Rosemarie. Der Prinz bringt sie am Samstag."

Ankunft Prinz. Ich so zu ihm:  "Rosemarie will unbedingt die Kamelie in Sicherheit bringen. Könntest du...?" Prinz also am folgenden Wochenende (es hat immer noch 13, 14 Grad) den Kamelienpott in den Zinkeimer gewuchtet und mittels der Tragseile ins Auto gehievt. So. Problem gelöst. Denkt Niva.

Anruf Rosemarie wenige Tage später. "Ich will ja nicht nerven, aber die Kameeelie. Die verliert Blätter."

Ich: "Das ist normal. Es herbstelt."

Rosemarie: "Wie oft soll ich die gießen?"

Ich (innerlich schwer seufzend): "Immer leicht feucht halten. Wie immer eben. So einmal in der Woche gießen müsste im Flur reichen."

Paar Tage später. Der November ist da. Inzwischen hat es gefrostet, so dass ich finde, das Reinbringen der Kamelie habe seine Vorteile. Inzwischen scheint wieder die Sonne und es wird wärmer.

Anruf Rosemarie: "Die Kameeeelie."

Ich: "Was ist mit ihr?"

Rosemarie: "Die muss wieder raus."

Ich (jetzt hörbar seufzend): "Wir haben sie doch gerade erst reingestellt."

Rosemarie (jammernd): "Aber jetzt scheint doch die Sonne!"

Ich (ungerührt): "Soll sie scheinen. Die Kamelie kriegt im Flur genug Licht."

Rosemarie: "Ich will ja nicht nerven, aber es wäre doch gut, wenn...!"

Ich: "Der Prinz wird sich bedanken. Nee. Außerdem ist es schädlich, Pflanzen dauernd zu versetzen. Die Kamelie bleibt jetzt, wo sie ist."

Fürs erste gibt sie auf.

Paar Tage später. Anruf Rosemarie. "Die Kameeeelie!"

"Wasis' damit?"

"Die verliert Blätter."

"Rosemarie, es ist Herbst. Es ist normal, dass sie ein paar Blätter abschmeißt. Die meisten wird sie behalten, sie ist immergrün."

"Ich giiiiieße sie doch aber!"

"Ja. Gut. Vielen Dank."

"Soll ich sie nicht vielleicht ins unbenutzte Schlafzimmer stellen? Da ist es kühler."

"Aber da ist es zu dunkel. Ich finde, sie steht im Flur bestens. Mach dir doch nicht so viel Arbeit. Es ist völlig in Ordnung."

Einige Tage später. "Die Kameeeeeeeeeelie!"

"Was denn nun?"

"Ich hab sie jetzt ins Schlafzimmer gestellt. Meinst du, dass es da zu dunkel ist?"

Ich (nun deutlich genervt): "Nein. Die Kamelie kommt aus England. Da ist es im Winter auch nicht HELL. Jedenfalls nicht heller als in deinem Schlafzimmer."

Rosemarie: "Kannst du mir aus dem Internet nicht ein paar Pflegehinweise ausdrucken?"

Ich knirsche mit den Zähnen (erwähnte ich bereits, dass Rosemarie eine hoch begabte Zeitdiebin ist?), suche in wikipedia und drucke ihr das Ergebnis aus. Da steht Teegewächs, England, ganzjährig draußen, Ballen leicht feucht halten, kein Dauerfrost etc., zur Blüte allerdings Kältereize erforderlich, wie ich bereits Rosemarie mündlich erklärt habe. Der Prinz bringt Rosemarie den Zettel.

Paar Tage später. Anruf R.: "Ich weiß einfach nicht. Die Kameeeeeeeeeelie!"

"Was."

"Die rollt die Blätter ein!"

"Alle?"

"Nein, nur so ein paar. Was will sie nur?"

"Das mit den Blättern hat nix zu sagen. Es ist Winter. Sie will einfach ein paar Blätter einsparen. Gieß nicht zu viel. Nur so leicht feucht muss der Ballen sein."

"Bist du sicher?"

"Ja!" (Augen verdrehen meinerseits). "Du musst ihr das Gefühl geben, sie sei in England. 10 bis 12 Grad im Zimmer, leicht feucht, nicht zu hell, keine Prallsonne. Am besten wäre noch ein bisschen Wind. Aber der lässt sich ja schlecht ins Zimmer holen."

"Also gut. Mehr als 10 Grad sind es bestimmt nicht im Zimmer."

Paar Tage später. Anruf Rosemarie: "Ich weiß, ich nerve. Aber die Kameeeeeeeeelie!"

"Was hat sie denn?"

"Nichts eigentlich. Ich mache mir nur Sorgen, ob ich sie auch richtig..."

Ich (jetzt wirklich ärgerlich): "Rosemarie, du machst garantiert alles richtig mit ihr. Weißt du was? Ich schenke dir die Kamelie!"