Saint Sunniva in den Stahlkammern

27.02.2017 um 12:22 Uhr

"keine angst"

von: Amanita

Musik: Rihanna - Disturbia

Warum macht Terrorkid das? Warum nur? Mir gehen diese kranken Ideen im Kopf herum, wobei ich allerdings nicht einschätzen kann, ob ich diesen Quatsch wirklich tun oder nur eine Geschichte darüber erzählen soll. Möglicherweise letzteres. Aber wie ich Terrorkid kenne, ist das Ganze einfach ein Versuch, Macht zu gewinnen, und einzugreifen in eine Lage, die er absolut nicht ändern kann.

Für mich liegt eine große Kränkung darin, dass er meine Gefühle, von denen er weiß, dass sie vorhanden sind, sogar in erheblicher Stärke, scheinbar mit dem Holzhammer niederschlägt. In solchen Fällen weiß ich nie: Ist das er, oder ist das seine Kultur? Macht haben ist ja dort ein Bereich, in dem sich Männer zuhause fühlen wie ein Fisch im Wasser, alles andere ist mit Frauen nicht zu diskutieren.

Terrorkid hat mal gesagt, in seiner Familie sei es nicht nur unüblich, sich zu umarmen oder sonst wie Zärtlichkeiten auszutauschen, es sei sogar ein No-go, sich gegenseitig genauer anzusehen. Ich weiß nicht, ob das so stimmt. Was soll ich überhaupt glauben? So lange ich die nicht kenne, kann ich sie nicht einschätzen, und so lange kann ich, fürchte ich, auch ihn nicht einschätzen.

Nicht darüber nachdenken. Einfach nichts machen. Diese Allüren von ihm werden auch vorübergehen.

Hatte mal ein kleines Nachtlicht, das ich im Museumsshop gekauft habe. Wenn es leuchtete, erschien darauf der Schriftzug:

keine angst

Es ist kaputt gegangen.

Ich feile an einem größeren Text, der unbedingt fertig werden muss. Eigentlich gehöre ich ins Bett, weil ich komplett grippeverseucht bin, aber daran hindert mich das Fallbeil, das über uns allen baumelt.

25.02.2017 um 14:54 Uhr

Planschen und versinken

von: Amanita

Musik: Wang Chung - Fire In The Twilight

Terrorkid hat scheinbar Oberwasser. Die alten Fisimatenten haben wieder begonnen. Hat sich bekanntlich so ca. 2 Wochen nicht gemeldet, aber ganz verschwinden tut er ja bekanntlich nie, da brauche ich mir gar keine Hoffnungen zu machen.

Am Abend schaute ich aufs bluestacks, das sich noch rauer benahm als sonst und mich 100 Mal abschmiss, bevor es mich endlich hereinließ. Ich erkannte auch sofort den Grund. Terrorkid hatte mir eine 12 MB große Videodatei geschickt. Das bringt den Arbeitsspeicher ein bisschen an seine Grenzen. Ich klickte an und sah zu meiner nicht geringen Verwunderung ein gelangweilt dreinschauendes jüngeres Pärchen durchschnittlicher Attraktivität, das in einem Swimmingpool herumvögelte und dabei Wellen verursachte. Ich schaute ein bisschen zu, weil ich dachte, da käme vielleicht noch was, aber es kam nichts.

"WTF?" richtete ich eine eher lakonische Frage ans Terrorkid.

Seltsamerweise war er online, als hätte er auf einen Kommentar gewartet.

"Das ist ein Porno", erklärte er stolz.

"Das sehe ich. Der ist 12 MB groß und bringt meinen Rechner zum Absturz." (Terrorkid dürfte mein Default-Desinteresse an Pornos eigentlich grundsätzlich bekannt sein).

"Ich möchte das auch mal mit dir machen."

Ich grinste vor mich hin. (Terrorkid hat ein Default-Desinteresse an Swimmingpools, ja sogar an Badestränden. Ich vermute mal, dass er als Teenie nicht in dem Verein seines Landes aktiv war, der bei uns "DLRG" heißt. Sollte er schwimmen gelernt haben, beschränkte sich sein Training wahrscheinlich auf das Herumplanschen in einer größeren Monsunpfütze.)

"Klar, wieso nicht?", anwortete ich.

"Vor allem muss es in der Öffentlichkeit sein."

Jetzt stutzte ich. Das hatten wir doch schon mal.

Terrorkid? Wieder mal ein kleiner Racheakt gegen mich gefällig?

Klar. Die Rolle des Geliebten ist manchmal nicht die angenehmste, besonders in den Ferien, zwischen zwei Jobs, zu Weihnachten oder bei Familienfeiern. Geht Frauen in der entsprechenden Rolle genau so.

Können leider nicht zwei Männer heiraten (obwohl ich manchmal denke, das wäre doch mal eine Reform, die man in Betracht ziehen könnte) :)

Oooooookay. Verzeih mir, Terrorkid. Ich tue, was ich kann, das weißt du ja. Nun komm doch erst mal zurück, dann sehen wir schon...

Und schon gab er die passenden Tagesbefehle zu seiner Stimmung aus: Ich sollte aufhören, mit dem Kronprinzen zu schlafen, dafür eine Affäre mit einem beliebigen Landsmann von mir anfangen, jedoch auf gar keinen Fall mit einem seiner Landsmänner.

"Schade", sagte ich, "Ischie-Lil wäre wahrscheinlich eine leichte Beute", und lachte quer über den Bildschirm.

In Wirklichkeit war mein Adrenalinpegel in die Höhe geschossen. Ich kenne meine Pappenheimer. Wenn der Kerl anfängt, laut Geschichten auszufantasieren, die eine Drittperson (besser Viertperson) in meinem Flügel des Schlosses beinhalten, dann ist in seinem Flügel des Schlosses eine andere Frau im Spiel, und zwar reallife.

Ooooooooooooooooooooookay.

Die letzte, die es versucht hat, ist schreiend davongerannt, als sie die Wahrheit herausfand. Und hat von mir noch eine Breitseite hinterher gekriegt.

Damals hatte ich beschlossen, Terrorkid sei ab sofort tot und begraben, doch die rätselhafte Wirkung des Terrorkids ist eben die, dass er nie tot und begraben ist. Dabei stellte ich mir sogar vor, das Meer habe ihn an den Strand gespült und die Möwen hätten ihm die Augen ausgehackt. Es hat nichts genützt.

Wie mein eigener böser schwarzer Schatten ist er immer da, auch wenn die physische Entfernung zu mir eine halbe Äquatorbreite beträgt, wie meine eigene Rippe ist er mir nah, ich sehe ihn - so versuche ich mit mir selber zu witzeln - über meinem Teller schweben, wenn ich esse, nachts liegt er neben mir und kratzt mich mit seinem Haar, und wenn ich ihn über längere Zeit ignoriere, versetzt er mir über die Entfernung hinweg kleine Schläge und Schubse, etwa wenn ich am Fenster stehe und rauche.

Er formuliert das so: "Ich bin immer bei dir, und du gehörst mir, bis du stirbst, und noch darüber hinaus."

Ihr wolltet, dass ich stark bin. Jetzt schaut auf das Monster, das ihr geschaffen habt. So wie ich auf das Monster schaue, das ich geschaffen habe.

Gestern abend Strategiesitzung bei Sinck ("Letzte Runde"). Es wird nun außer der Hauptausgabe noch zwei Franchise-Publikationen geben. Habe meinen Preis hochgejagt. Sinck wurde käsebleich, sagte aber zu. Ich weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll, aber wer weiß, ob ich meinen Zeitarbeitsjob in 5 Wochen noch habe.

Der Kronprinz will die Nostromo verkaufen, und jetzt bin ich es, die ihn anfleht, das zu lassen, da ich voraussehe, dass er damit eine seiner großen biografischen Landmarken aus der Hand gibt. Darunter wird er leiden, und das lasse ich nicht zu. Ich argumentiere, dass wir schon viel Geld in die Nostromo gesteckt haben, und dass das, was er für sie bekommt, höchstens für 2 Tage reicht, also könne er sie doch besser behalten, mein Einkommen verbessere sich jetzt.  Er werde es bereuen, sage ich, und dass ich das unter gar keinen Umständen wolle. "Bitte, bitte, bitte behalte die Nostromo", sagte ich.

Moralsurfing.

Das stammt aus einem der klügsten Bücher über die Konsumwelt und die Befindlichkeit von Konsumenten, die ich kenne, geschrieben von zwei Werbern aus Berlin, bei denen ich mal auf einem Kickoff-Seminar war, auf dem es ausschließlich geschältes rohes Gemüse zu knabbern gab und eifrig darüber diskutiert wurde, wie man den Konsumenten nahelegen könnte, gentechnisch veränderte Lebensmittel anzupreisen. Leider fehlten ein bis zwei Gentechnikgegner bei dem Treffen - wir anderen waren eher so sorglos-hipstermäßig (und Ende der 90er war es noch nicht hip, als Hipster gegen Gentechnik zu sein - es war einfach nichts, das man als großartig bedrohlich empfand.)






14.02.2017 um 07:15 Uhr

Vor Sonnenaufgang

Musik: Sunrise Avenue - Prisoner of Paradise

Der Tag ist, wie es die ganzen letzten Tage gewesen ist, randvoll gepackt mit Aufgaben, Terminen und Angelegenheiten, um die ich mich kümmern muss, obwohl ich mich darum nicht kümmern will. Zu den banaleren Dingen gehört noch, dass Babys Schule uns mit der allergrößten Lässigkeit  auf Babys Halbjahrszeugnis warten lässt. Die anderen haben ihres schon vor rund 14 Tagen bekommen, aber Baby hatte an diesem Tag gefehlt. Seither kein Zeugnis, und keine Nachricht darüber, wo es abgeblieben ist. Babys Schule ist sowieso verrückt, aber diese dumme Sache kostet mich wieder die Zeit, eine Mail ans Sekretariat zu schreiben.

Die Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus ist, trotz allen modischen Transparenzgelabers, grottenschlecht, nie findet man einen Ansprechpartner, egal um was es geht. Diese edle Lehranstalt schottet sich ab wie eine Geheimgesellschaft. Telefonnummern, ja sogar Mailadressen der Lehrkräfte sind anscheinend nur gegen Einladungen zum Abendessen (oder direkte Bestechung von Schlüsselpersonen?) zu bekommen.

Außer natürlich, man heißt Gräfin von Loew (ihr lauscht hingerissen der komplette Elternabend inklusive anwesender Lehrer, sobald sie sich aus der Barbour-Jacke geschält, ihre Entourage umarmt und dann mit rauer Stimme das Wort ergriffen hat - natürlich hat die Gräfin stets eine hochwichtiges Statement vorzutragen. Mit gräflicher Autorität verkündete sie letztens, in der 8. Klasse gäbe es keinen Nachmittagsunterricht, und wie ich Ihre Exzellenz und ihre Auftritte bisher erlebt habe, wird man ihr bedingungslos gehorchen und dafür den ganzen Stundenplan umstellen! Manchmal sehne ich mich direkt nach meiner alten Feld-, Wald- und Wiesen-Lehranstalt mit ihrem zwar etwas wilden, ab und zu auch mal drogenabhängigen und im Chemiesaal tot umfallenden, aber ohne Allüren daherkommenden Publikum... )...

So langsam wird es hell. Eigentlich muss ich noch einem Werbetext den Feinschliff geben, den ich heute morgen um 2.30 Uhr fertig zu Word-Dokument gebracht habe und gleich liefern muss. Meine Auftraggeber sind plötzlich alle rührig, und ich muss das Aktivwerden für sie auf die späten Abendstunden verlegen, weil ich ja einen Vollzeitjob habe, und so sind die Nächte in letzter Zeit recht kurz. Ich renne an gegen die Drohbriefe, die Vollstreckungsbescheide, die Zwangsräumung (vor der der Kronprinz sich am meisten fürchtet, ich aber am wenigsten, da sie, nach allem, was mir bekannte Vermieter erzählen, nicht sehr leicht zu erreichen und vom Mieter relativ schnell abzuwenden ist, sofern er sich einigermaßen guten Willens zeigt).

Tschakka! Ich versuche die Nerven zu bewahren und mache meine Military Press und meine Sumo-Kniebeugen streng nach Anleitungsbuch, auch wenn der Kronprinz es bundeswehrmäßig findet. Bin immer noch etwas zu schlapp für einen kompletten Durchlauf im Anfängermodus, bessere mich aber schon spürbar. Haha! Wollen doch mal sehen, ob ich nicht im Verlauf eines Jahres die Kraft, Figur und Haltung einer Elitesoldatin habe (so in der Richtung verspricht es einem das Buch. Ich muss lachen, weil ich mir vorstelle, ich würde, im Kampfanzug mit einer G-36 auf den Knien, auf der Titelseite von Time abgebildet, weil ich mit nur einer Hand den IS ausgelöscht habe, mit der anderen ein Eischen haltend, von dem ich ab und zu ein Stückchen abbeiße). Verrückt

Scherz beiseite, es gibt andere Kriegsschauplätze, unter anderem ist Sinck wie ein Springteufel aus der Versenkung aufgetaucht und hat für kommenden Samstag zur ersten Strategiesitzung des Orga-Teams der neuen Ausgabe der "Letzten Runde" geblasen. Natürlich war damit zu rechnen. Doch hatte ich insgeheim gehofft, Sinck habe, nach nunmehr 6 Jahren, die Lust an dem Projekt verloren, nachdem die letzten zwei Lizenzausgaben sich als nichts als verlustreich und stressig entpuppt hatten. Ohne mit der Wimper zu zucken, notierte er sich meine beiden Bedingungen: deutliche Honorarerhöhung und keinerlei direkten Kontakt mit Kemmler, einem der Lizenznehmer, der mich Anno '15 mit seiner unangenehmen Mannschaft endlos getriezt hat, selbstverständlich ohne angemessene finanzielle Entschädigung, da Sinck mich mit der größten Lässigkeit zum gleichen unverschämt niedrigen Preis, zu dem ich für Sinck arbeite, an Kemmler weitervermietet hat, ohne mich vorher auch nur zu fragen!)

Jetzt aber muss der Tag beginnen, wie auch immer er endet. Auf geht's.

Terrorkid ist immer noch verschwunden.

12.02.2017 um 02:31 Uhr

Das Geländer

Stimmung: hellwach
Musik: Maroon 5 - Harder To Breathe

Im Laufe der Woche geschah es, dass ich plötzlich nicht mehr wusste, was ich tun sollte. Ein Totalausfall an Agilität, eine innere Erstarrung, ein Knoten, der sich nicht lösen ließ. Ich meldete mich auf Arbeit mit Migräne ab, ich hatte keine Migräne, aber etwas durchaus vergleichbar Lähmendes, als ob plötzlich alle Batterien gleichzeitig leer gelaufen wären.

Ich nahm mir vor, wenigstens an einer meiner dringlichsten Auftragsarbeiten, einer neuen Produktbroschüre für R*olf B*enz, zu schreiben, aber in meinem Kopf herrschte absolutes Dunkel. Baby war in der Schule, der Prinz auf Achse. Ich zog den Rollladen hoch, draußen hatte ein nichtssagend weißer Himmel alles erobert. Ich streckte die Nase raus, kein Geräusch, nirgends, kein Mensch, kein Hund, kein Vogel, kein Auto, kein Mülltonnengerassel, als sei alles in einer Zeitblase verschwunden.

Die Zigarette, die ich mir ansteckte, schmeckte mir nicht. Ich drehte mich zum Zimmer um, dieselbe Sache, diese unheimliche Stille, als sei ich der letzte noch lebende Mensch auf der Welt.
Wie in einem dieser Endzeitfilme, Atomkatastrophe oder so. In der Küche hatte die Phalaenopsis ihre erste Blüte des Jahres geöffnet, ein merkwürdiges, stahlhartes Reinweiß, wie aus dem 3-D-Drucker.

Ich hatte nicht mal Lust, den Rechner anzuwerfen. All die Schwätzer im Café Viereck, allen voran Hazy und Itschie-Lil, zwei teenagerhafte und by the way wnzigkleine Landsmännchen vom Terrorkid, deren Hobby es ist, einem ein Kotelett ans Ohr zu labern. Wobei zumindest Itschie-Lils (wie man diesen Namen spricht, weiß der Geier, ich muss ihn jedoch hoffentlich im Leben nicht aussprechen) Motivation klar sein dürfte, und wenn der sich hier tatsächlich auf der Hochschule oder auf neudeutsch University of Applied Sciences anmeldet, bin ich schnell mal weg!) Itschie-Lil ist von beträchtlicher Intelligenz, vermutlich ist er in seinem Job konsequent unterfordert, aber Terrorkid II wird er nicht, isch schwör auf Koran!

Ich fasste den Entschluss, ein kleines Workout zu machen, und machte ein paar military press gegen das Treppengeländer. Dabei kam nicht viel heraus, was aber nicht am Geländer lag, das noch eine der stabileren Einbauten in unserem Haus ist. Es scheint mich aber irgendwie doch positiv gefordert zu haben, jedenfalls spürte ich tags später jedes exotisch benannte Rückenmüskelchen. ("Warum machst du diese blödsinnigen Übungen?", tadelte mich der Kronprinz später. "Erinnert mich total an Bundeswehr!" "Ich hab kein Geld fürs Fitnesstudio und auch keins für 10.000 Ausrüstungsgegenstände", antwortete ich. "Und ich mache mir echt Sorgen um mein Aussehen und meine Gesundheit. Den ganzen Tag Schreibtisch und PC. Dir könnte es auch gut tun." Der Prinz tippte sich an die Stirn und verschanzte sich, nachdem er etwa 100 Verhandlungsmails an seine Gläubiger verfasst hatte, hinter einer FAZ-Woche.)

Kaum ist ein Monat der Geldknappheit und des eleganten Jonglierens mit der Dispositionsmasse überstanden, kommen auch schon die nächsten Forderungen, inzwischen haben sie die Größe von Monsterwellen angenommen. Mein bescheidenes Einkommen ist in nur 2 Tagen verballert, obwohl ich nichts davon einkaufe.

Jetzt kamen wieder 2 Drohbriefe vom Hauptzollamt, diese widerlichen gelben Zettel, ich glaube nicht, dass einer von euch die kennt, und ich schrie los, weil ich die Summe von 55,77 EUR versehentlich als 577 EUR gelesen hatte, was ich unmöglich hätte aufbringen können, nachdem ich noch 400 EUR für die Januarmiete aufzubringen habe und der Kronprinz wegen einer Forderung der B*erlin LBB von 606 EUR angedeutet hat, er könne nichts für die Februarmiete geben, was bedeutet, dass ich für diese 1.100 EUR aufzubringen hätte, was aber völlig unmöglich ist, weil ich noch 516 für B*erlin LBB und 112 für den Strom aufzubringen habe, dazu noch allerlei Kleinigkeiten wie Babys Bus und Mensa, sowie weil ich von irgendwas ja auch noch einkaufen muss!

Unser Einkommen müsste noch einmal um 1000 höher sein, um auch nur das Dringendste zu bezahlen. Das R*olf B*enz Ding bringt 350, aber nicht so schnell wie wir's bräuchten, kommt dazu ein A*uroport-Ding in derselben Höhe sowie eine Website für ein Familienunternehmen, das sogar 560 bringen würde, aber es geht alles viel zu langsam, bis dahin leben wir schon längst nicht mehr, Schreibblockade hin oder her, wie sollen wir...

Die Gedanken drehen sich im Kreis. Wir sind in einem Spiel, das wir nicht gewinnen können. Dabei ist ein bisschen Zeitgewinn alles, die Gläubiger haben ja bloß so eine Art Jungfräulichkeitswahn, jeder will der erste sein, der Zugriff auf den Kuchen hat, bevor ein anderer da war und den Kuchen weggefressen hat, weil es eben nur ein kleiner Kuchen ist, da kommt es auf Geschwindigkeit beim Zugriff an, sollen doch die Konkurrenten schauen, wo sie bleiben, bei der Plünderung dieses Mini-Privatstaates.

Nein, Kronprinz, gib die Theaterkarten zurück, und nein, ich unterschreibe keine Bürgschaft!! (Die Diskussion von neulich hat sich inzwischen noch einmal Wort für Wort wiederholt.)

Der zweitklügste Satz von meinem Ex-Therapeuten mit dem affigen Joseph-Beuys-Hut: "Und wo bleiben Sie bei all dem?"

Ja, wo?

Marius Müller-Westernhagen: "Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens musst du zahlen, zahlen, zahlen, zahlen, zahlen...."

Terrorkid hat es geschafft, via Bekannte eine neue Wohnung zu finden, so weit so gut. Das Letzte, was ich von ihm hörte, war, dass er nach günstigen Krankenversicherungen fragte, ich suchte ihm also dazu was raus, aber seit Tagen wieder nichts mehr, was in aller Welt plottet der wieder aus?

Er scheint wenigstens wieder einigermaßen gesund zu sein, obwohl er diesmal nicht in der Lage war, mir dermaßen die Breitseite zu geben wie sonst, aber es war auch nicht gerade nichts , und ich hatte wie immer das Gefühl, er sei nicht ganz real (wie bin ich hierhergekommen? und wer ist das?). Er hatte ziemlich Gewicht verloren (habe ihn schon in Neumond- wie auch in Vollmondversion gesehen, aber diesmal war es so extrem, dass das Teenagergesicht wieder zum Vorschein kam, trotz Vollbarts, an den ich mich auch erst mal gewöhnen musste), dazu eine sonderbare rötlich gefärbte Haarsträhne über der Stirn, die nur mit Mühe eine bestimmt fingerlange Narbe verdeckte, als habe Terrorkid in letzter Zeit eine fürchterliche Kopfwunde erlitten, über die er sich jedoch wie üblich konsequent ausschwieg, er sagte nur, ich solle die Stelle nicht anfassen.) Irgenwann bekam er einen Anruf, legte den Finger an die Lippen - es sei seine Family - und legte in einer irrsinnigen Geschwindigkeit in seiner Heimatsprache los: "Klickklackzackzack kalahari zickzacknobeldibobeldibabeldibinka, nee nee, mudschenni rhabarber rhabarber azalea extravaganzanza tabularasa!!!" Manche Wörter zog er in die Länge und sang sie, als ob er aus Maaa-haaa-haaaan-hei-eim käme, das klang hübsch, aber dann schien er ärgerlich zu werden und schnaubte noch ein paar Mal "nee, nee!" (Was übrigens exakt das Gleiche heißt wie auf deutsch, wie ich später auf Nachfrage erfuhr.)

Dann klickte er das Gespräch weg und wandte sich mir zu: "Hast du gehört, dass ich ärgerlich wurde?" "Ja", sagte ich. "Das war nicht zu überhören." "Ja, aber lauter als so kann ich mich gar nicht mehr ärgern. Das kommt von den Medikamenten. Früher hätte ich richtig losgebrüllt. Glaubst du das?" "Ja, allerdings", sagte ich. "Ich weiß, dass du brüllen kannst. Was wollten die denn von dir?" "Aaaaaachchch." Er winkte ab. "So eine Kusine von uns will von meiner Mutter eingeladen werden, aber meine Mutter will sie nicht einladen. Ich soll für sie vermitteln."

Ich grinste. Mir kam das komisch vor. Vor wenigen Monaten waren er und seine Family so zerstritten, dass sie kein Wort miteinander wechselten, und jetzt wird er schon wieder mit höherer Clandiplomatie beschäftigt. (Im übrigen gibt es solche Verwicklungen in meinem Clan auch). Alles in allem ist mir diese Familie ein Rätsel - was für einen Sinn soll es beispielsweise haben, von jemandem eingeladen zu werden, der einen nicht einladen will? Offenbar spielt es eine große Rolle, Einladungen zu bekommen - aber das heißt nichts, das komplette Terrorkid ist ein Rätsel.

Ich genieße es immer, wenn der Vorhang, der über seinem Leben dort liegt, ein Stückchen aufgeht und ich einen Blick auf den seltsamen Alltag dieser Leute erhalte. Allerdings hat dieser Alltag auch Scheußlichkeiten parat. Ich kann niemals erzwingen, Einblick in irgendwas zu kriegen, und Nachfragen bringt wenig bis gar nichts, aber manchmal erzählt er freiwillig etwas, und das sind dann ungeheuerliche Sachen.


31.01.2017 um 13:41 Uhr

Was es mit Eisendraht zu tun hat

Stimmung: immer noch leicht zittrig
Musik: Blue Boy - Remember Me

Das Eisendraht-Herz sollte man nicht überbewerten, viele Elemente der Saaldeko im Palazzo Ramschi DiCaputo basieren auf diesem Material, da es leicht ist und trotzdem noch viel draufgepackt werden kann. Paradestück ist der Kronleuchter :) Das Herz hat den Eisendraht als Formgeber und Stabilisator, man sieht aber fast nichts davon, weil es über und über mit Prismen und kleinen gläsernen Blumen und Kügelchen in allen Farben bedeckt ist.

Bin halt ne bekennende Kitschtante :) Aber es muss ganz bestimmter Kitsch sein, der anders ist als anderer Kitsch! Habe zum Beispiel auch einen neonfarbenen Hirschkopf an der Flurwand und einen neobarocken Fotorahmen in Schrillgrün!

Ich hatte mal 12 edle Eisendraht-Ornamente für den Weihnachtsbaum, die mit Blattgoldflitter bedeckt waren und im Kerzenlicht für einen ganz unirdischen Schimmer in der Tiefe des Weihnachtsbaum-Geästs sorgen. Findet man nicht überall, hatte sie einem der Hoflieferanten meiner Eltern bestellt, als ich noch einen anständigen Job hatte.

Auf diesen wunderbaren Glimmer-Effekt - und die Erinnerung an gute Zeiten - wollte ich auch Weihnachten '16 nicht verzichten, doch als ich die Schachtel auspackte, musste ich zu meiner Bestürzung feststellen, dass von den ursprünglich 12 noch ganze 5 der Ornamente vorhanden waren.

Die große Frage: Wo ist der Rest? konnte oder wollte mir meine bessere Hälfte nicht beantworten, sodass ich schon mutmaßte, er habe sie mir unter dem Popo weg bei eBay verramscht, was ich ihm, wie ich zugeben muss, nach allem durchaus zutraue.

Kurz, es entbrannte wenige Stunden vor Heiligabend ein fürchterlicher Streit, der darin gipfelte, dass der Kronprinz brüllte, mir seien ein paar Scheiß-Ornamente wichtiger als sein Seelenfrieden, während ich zurücknölte, ich wisse nicht, wofür ich mir die ganze Arbeit mache, wenn es ihm doch völlig wurscht sei, wie der Baum aussehe. Darauf stürzte er sich auf den Baum, um ihn umzuwerfen, und Baby setzte noch eins drauf und kam mit einem 20 cm langen Fleischmesser aus der Küche gerast, um, wie sie ankündigte, Selbstmord zu begehen.

Wir wir das alles wieder geradegebogen haben und doch noch in schönster Eintracht Weihnachten feierten - das gehört zu den vielen Dingen in unserer Family, über die man sich wundern kann.