Saint Sunniva in den Stahlkammern

16.10.2017 um 08:23 Uhr

Krallen

Stimmung: zuckersüß
Musik: keine

Bin noch nicht sicher, wie die Katze Babys Abwesenheit verdaut - Baby hat heute nach den Herbstferien wieder ihren ersten Schultag. Als ich Baby hingebracht hatte (weder sie noch ich hatten in der Nacht ein Auge zugetan), hatte sich Tinki (ich wollte sie ja eigentlich Hatschepsut, Zelda oder Dilip Raj Bahadur nennen, aber Baby protestierte lauthals gegen jeden meiner Vorschläge Fröhlich) in Babys Bett versteckt, schien jedoch die Dinge ruhig anzugehen.

Als sie mich bemerkte, sprang sie vom Bett herunter, rannte zu mir, verfolgte mich bei jeder Tätigkeit (besonders beim Auffegen ihrer Katzenstreu) und sauste eine Weile wie verrückt in der ganzen Wohnung herum, wobei sie Luftsprünge wie ein Handballstar vollführte. Nachdem sie ein Handtuch, mehrere Kastanien, eine leere Tüte Bonbons und ein vier Meter langes Gymnastikband erlegt hatte sowie ein paar Mal die Wäschetonne aus Stoff zähnefletschend und mit heftigen Krallenhieben zu einem Zweikampf herausgefordert hatte, liegt sie mir jetzt schnurrend auf dem Schoß und sieht nicht so aus, als wolle sie den Platz so bald wieder räumen :) Hat ja auch ganze Arbeit geleistet für so einen frühen Morgen.

Upps! Jetzt hat sie gerade meine Schulter erklettert und lässt sich darauf nieder. Sie klettert auch, um auf meinen Schoß zu gelangen, einfach an meinem Jeansbein hoch, wobei sie, autsch!!! ihre Krallen schon ziemlich kräftig gebrauchen muss, denn sie wiegt - wie Baby vorgestern ermittelt hat - schon rund 900 g :)

Immer ist was los mit dem Kätzchen, aber vor einigen Tagen war Baby ihretwegen in desperater Stimmung, weil Tinki sich von ihr nicht streicheln lassen wollte (beide waren unausgeschlafen, weil Baby mit ihrer Freundin und der Katze die ganze Nacht Quatsch gemacht hatten!) Baby kündigte an, Tinki nicht mehr zu füttern, weil sie "so ein unmögliches Vieh" sei, sie sogar angefaucht habe, außerdem sei sie nur noch am Katzenklo-Saubermachen, seit die da sei, und das werde sie ab sofort nicht mehr tun.

Ich schnappte nach Luft über so viel unreifes Benehmen und musste erst mal innerlich bis zehn zählen. Bin von meiner Tochter allerhand gewohnt, aber das ging nun wirklich zu weit. Immer hatte sie mich beneidet, weil wir früher so viele Tiere hatten - aber dass die Tiere jede Menge Arbeit machten und dass ich, sogar noch jünger als sie jetzt, streckenweise verantwortlich für ein Pferd, einen Esel und sechs Katzen war und sie ganz allein fütterte, tränkte und saubermachte - jeden Tag versteht sich! - das hatte sie wohl bis dato verdrängt. Und sie gibt vor, die Versorgung einer einzigen kleinen Katze sei die Hölle an Arbeit!!

Ich war ernsthaft wütend, erklärte ihr aber dennoch geduldig, dass es so nicht gehe. Sie sei verantwortlich für das Tier, wenn sie sich ein Tier anschaffe, und man könne eine Katze eben nicht zwingen, sich streicheln zu lassen, sie sei eben kein Hund. "Außerdem seid ihr all beide müde und habt schlechte Laune, sieh mal, Tinki schläft schon auf dem Sessel, jetzt lass die schlafen und geh auch selbst ins Bett." Natürlich marschierte Baby sofort zum Sessel, riss Tinki an sich, die genervt quietschte, verschwand aber in ihrem Zimmer und erkletterte ihren Adlerhorst. Ob sie schlief, weiß ich nicht, aber sie schien jedenfalls ruhig dazuliegen. 

Am nächsten Tag tat es ihr Leid, wie sie sich aufgeführt hatte, aber mir gibt es zu denken. Manchmal glaube ich, dass Baby eine gute Handvoll Gene von Rosemarie geerbt hat. Diese rasend machende Mischung aus absichtlich die Fakten ignorierender Sturheit,  auftrumpfender Besserwisserei und einem Auftreten wie die Axt im Wald oder, alternativ, wie ein hilfloses kleines Kind, damit andere das für sie tun, was eigentlich sie tun soll. So klein ist sie nämlich nicht mehr, dass sie nicht selbst wüsste, was für einen Unsinn sie manchmal von sich gibt und wie rücksichtslos sie ihre komplette Bezugsgruppe behandelt.

Der Kronprinz gibt natürlich wieder mir die Schuld, ich hätte sie zu sehr verwöhnt und würde ihr zu oft nachgeben, aber er beißt mit seinem Gebrüll und Geschimpfe und seinen Befehlen natürlich bei ihr erst recht auf Granit.

Gestern Abend, ich hatte gerade Tee gekocht, schaute ich noch mal online, was Terrorkid machte. Er hatte wenig Zeit, weil er gerade wieder Python mit einem Online-Lehrgang büffelte. Kam doch tatsächlich dieser geizige Blutfetischismus-Komsomolze von neulich auf W*hatsapp und traute sich, mich anzusprechen. Tolldreist.

"Hey."

"Wer ist hey."

"Ich bin's."

"Wer ist ich."

"M. Würde ich gern treffen."

(Ich bin ohnehin abergläubisch bei Männern mit M, die haben mir in der Vergangenheit nur Unglück gebracht.)

"Verpiss dich."

"Was."

"Tschüss."

"Nein. Komm."

Na gut, da verpisste eben ich mich, auch recht. Wütend

 



09.10.2017 um 17:18 Uhr

Der Haussegen (Waterboarding II)

Stimmung: als ob ich im Thermomix übernachtet hätte
Musik: Sugababes - Stronger

(Auftritt Haushaltsvorstand, mit sich steigerndem Gebrüll:) "Waaaaas ist das hier!! Es stinkt!!! Überall nach Katze!!! Und wie sieht es hier aus!! Guckmaguckmaguckma...da...DA...alles Krümel, alles verdammte Scheiß Katzenfutterkrümel. Ich werd hier noch bekloppt! Hatte ich nicht gesagt, du sollst verdammt nochmal...guck mal hiiiiier drunter...unter dem Tisch aufräumen!!!? Dass da endlich mal gesaugt wird? Und? Warum tust du es nicht??!! Kannst du nicht mal eine einfache Sache erledigen? Wie kann man nur so schlampig sein??? Ich kann da nicht saugen, verdammte Scheiße...!!! Nivaaaaaaa....! Steh verdammt noch mal AUF und schau dir den Dreck hier an. Ist das meine Tochter!!!? Welcher Messie, welcher Penner ist mir dazwischengefunkt? Hä???? Fra-au!!!! Ich komme nach Hause und alles ist verdreckt. Ihr lebt hier wie die Penner und es macht euch nicht mal was aus!!! Jeder macht hier nur, was er will...."

(Tochter, zischend) "Ich hasse dich!" (Tochter knallt die Tür zu)

(Auftritt seine Frau, gähnend, flüsternd, ihn streichelnd) "Bitte setz dich, du erschreckst ja die Katze... willst du einen Kaffee? ... Ich räume es gleich weg... die Katze hat leider in Babys Bett gepinkelt, weil sie sich nicht traute runterzuspringen... entschuldige... sie kann echt nichts dafür... normalerweise geht sie so brav aufs Katzenklo, wirklich toll ist das für so eine Kleine... ich fege auf... ich bin noch nicht dazu gekommen...das ist noch nicht ganz eingespielt hier alles...da, es ist schon weg... das Bett ziehe ich gleich noch ab... so... nimm mal die Katze...hör mal, wie die schnurrt, so süß...ich weiß, du bist müde... Baby, bitte räum das da unten jetzt weg, das dauert doch gar nicht lange...Jetzt beruhige dich bitte...ich mache das Fenster auf...siehst du, 's stinkt nicht mehr..."

Wie hieß der alte Spruch?

Männer, die keine Katzen mögen, versprechen keinen Ehesegen :)

Der Kronprinz entwickelt sich nachgerade zu einem Haustyrannen (man beachte den Satz "Jeder macht hier nur, was er will"), dabei versuche ich wirklich alles im Griff zu haben: Artikel, Bewerbungen (der Kronprinz zwingt mich, mich auf jeden Scheiß zu bewerben), Geldbeschaffung, sauberes Geschirr und Wäsche, Hausordnung, Verhandlungen mit Gläubigern, das Eheleben, das widerspenstige Kind, das neue Kätzchen...

Ich bin so müde und deprimiert, mein Kampfgeist ist am Ende, mir fehlen Liebe, Respekt und Geborgenheit, der alte Schützengraben hat uns wieder. Verzeih bitte, Kronprinz, dass ich mich jetzt nicht auch noch um Ommas Probleme kümmern kann, ich KANN nicht!

08.10.2017 um 04:58 Uhr

Der Papierkorb

Stimmung: jovial
Musik: Alex Kassel - Chasing The Dream

Die meisten Storyboards werden für den Papierkorb produziert, sagen Werber! Unseres auch: Nachdem unser anvisiertes Scamming-Opfer kein Geld rüberwachsen ließ, ja sich nicht einmal nach Nivas Befinden angesichts ihrer schlimmen Lage erkundigte (fehlende Empathie, der typische Webfehler im frontalen Kortex des Psychopathen?) läuft er mit einem Fußabdruck der Niva auf dem verlängerten Rücken rum :)

Zeitaufwand des Projekts: 96 Stunden

Ergebnis des Projekts: Null

Stimmung im Schurkenhauptquartier: Dennoch voneinander angetan (wie immer)

Zustand Niva: lebend, unverletzt und lachend

Zustand der Finanzen des Kronprinzenpalastes: Desaströs (also wie immer)

Verrückt

02.10.2017 um 14:53 Uhr

Gold und Stahl

Stimmung: skeptisch
Musik: 30 Seconds To Mars - Walk On Water

Ich starre grüblerisch auf meine Zahlen, sie sehen bedrohlich aus. Der Zufluss ist zu langsam und zu gering. Einige kleinere Drohbriefe konnte ich abwenden, da sind aber immer noch einige große Batzen zu stemmen. Der Kronprinz kam fluchend nach Hause, wieder standen nur 1600 auf seinem Gehaltszettel. Der Kronprinz war davon ausgegangen, dass er Nachtzuschlag bekäme, aber da ist nichts von Nachtzuschlag, und das, obwohl er regelmäßig schon gegen vier das Haus verlassen muss und bei manchen Kunden um fünf sein muss.

Erneute Lagebesprechung im Schurkenhauptquartier.

"...will mir 1000 mit Western Union schicken, das ist ja schon mal ganz gut für den Anfang."

"Vorher oder nachher?"

"Ich gehe mal davon aus, vorher..."

"Super. Wenn nicht, sagst du ab."

"Wenn aber doch, muss ich hin. Ich muss gestehen, ich bin etwas nervös. Der fantasiert so komische Sachen."

"Was denn?"

"Blut. Immer ist es Blut. Ich soll ein Video von meinen Tagen machen. Er will mir seine ganze Faust...die ist nicht gerade klein...du weißt schon... und außerdem will er mich piercen lassen. Durch den Nippel, und durch die Schamlippen... Was finden die Leute nur an diesem Scheiß...?"

"Hahaha, der guckt zu viele Pornos. Sag ihm, Piercing gibt es erst, wenn ihr verheiratet seid."

"Hahahaha, guter Plan. Eine einvernehmliche Scheidung kann er nämlich höchstgradig vergessen... Er hat sich übrigens gewundert, wie wir mit so wenig Einkommen überleben können... tja, diese Kunst beherrscht er natürlich nicht. Aber das ist nur gut.... außerdem ist es natürlich die Erklärung für die brenzligen Schulden, um die es hier geht.... Ich habe ihm jetzt erst mal gesagt, ich kenne kein Piercingstudio, das in der Lage ist, so was wirklich klinisch sauber zu machen, das seien ziemlich schwierige Stellen, wir müssten dazu erst ein gutes finden. Sah er ein... außerdem kommt mir kein billiges Metall da rein, es muss schon siebenhundertfünfziger Gold sein."

"Hahahahaha, du bist cool."

"Es ist sonderbar. Wenn er keine Sexfantasien von sich gibt, redet er ganz normal. Von seiner Arbeit, vom Haus, seinen Eltern, Kochen, Fußball...Von Florida. Darüber haben wir uns ziemlich lange unterhalten. Er will da ein Restaurant aufmachen und mich mitnehmen. Weil er nicht mehr ohne mich leben will... OMG. Ich habe eher den Eindruck, er will mich umbringen."

"Er bringt dich nicht um. Wenn er dir beim ersten Treffen weh tun sollte, sag ihm, das war das allerletzte Treffen! Ich schlag ihn zusammen."

"Ich muss gerade so lachen. Piercings piepsen am Flughafen..."

"Hahahahaha, ja, stimmt!"

Terrorkid hat morgen wieder ein Bewerbungsgespäch, und ich habe am Freitag eine Bewerbungsmappe in der Firma der Erzherzogin abgegeben. Was gibt es sonst Neues? Rosemarie muss sich wegen eines Dekubitus operieren lassen, Baby hat Herbstferien und ich schreibe Sachen für Sinck. Die "Letzte Runde" verzögert sich, da auch Sincks Frau zwischendurch ins Krankenhaus musste und er keine Zeit hatte, sich um die  "Letzte Runde" zu kümmern.

Wir haben hier in Dreilinden versucht, Bilder aufzuhängen. An manchen Stellen kam der Bohrer nicht durch.

Der Kronprinz hielt einen Detektor, den er von der Erzherzogin bekommen hatte, an die widerspenstigen Wände. Das Ding piepste laut und erzeugte schwirrende Zeichen auf seinem Display.

"Ich fass' es nicht! Was ist denn das?", sagte der Kronprinz. "Hier drunter ist Stahl."


30.09.2017 um 12:32 Uhr

"...making love with the devil hurts..."

Stimmung: pulverbeschichtet
Musik: 30 Seconds To Mars - Walk On Water

Vorzeiten gab es das ästhetische Konzept des absichtslosen Begehrens. Mit fortschreitender Kapitalakkumulation wurde es ersetzt durch das besitzenwollende Begehren. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, mit fortschreitender Ausweitung des Dienstleistungssektors bei Schrumpfung des landwirtschaftlichen Sektors gegen Null, wurde es allmählich durchsetzt mit dem benutzenwollenden Begehren, das Anfang des 21. Jahrhunderts die vorherrschende Form war.

Jetzt - wir nähern uns dem Ende des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts und die Kapitalakkumulation ist auf einige wenige Personen und Gruppen begrenzt - ist das Zeitalter des zerstörenwollenden Begehrens in vollem Gang.

Allen Begehrenskonzepten gemeinsam ist die Grundkonstellation: Jemand, ein Subjekt, Zugrundeliegendes, begehrt jemanden oder etwas, der oder das stets ein Objekt, ein Gegenüberliegendes, ist.

Wir, mein Terrorkid und ich, als ganz kleine Schurken, gesegnet mit Schauspieltalent, wachem Verstand und einer guten Portion körperlicher Attraktivität, begehren hier etwas, das viele wollen, aber wenige haben: Geld.

Lagebesprechung im Schurkenhauptquartier.

Es gibt absolut keinen Grund, die Sektkorken knallen zu lassen. (Es sei denn, man macht es so wie die beiden Typen aus einer Sektwerbung in den 90ern, die in einer Lounge sitzen. Der eine fragt kichernd: "Haben...wir...überhaupt...eine...Chance?" Der andere kichert zurück: "Nei-ei-ein", beide fallen sich brüllend vor Lachen in die Arme und entkorken ihren Sekt. (Das nenne ich Toughness - sogar Chancenlosigkeit kann ein Grund zum Feiern sein!))

Ich berichte.

"Er bietet mir alles an außer Geld. Schmuck, Wellnessurlaub, alle Lieblingsgerichte kochen, ..."

"Eeeeyyyy!!"

Ehering und guten Namen, die Übernahme der Hälfte aller Schulden meines kompletten Clans, ... "

"Hooooiiii!!!!"

"...inklusive der halben Schulden meines Jetzt-Noch-Ehemannes..."

"Ist nicht waaaaahr!!!!!!!"

".... unter einer Bedingung."

"Na....!!!!!! ... und ... die wäre?"

"Ich müsste den Kronprinzen verlassen und zu ihm ziehen. In sein Haus."

"In sein Haus! Dann ist er reich."

"Das heißt in Deutschland nix. Es kann auch sein, dass er verschuldet ist bis über beide Ohren... So weit ich erfahren konnte, ist die Einkommenssituation ideal... knapp unter viertausend plus Boni... Nicht schlecht der Specht... Jedenfalls hat er mir gestern pausenlos von diesem Haus vorgeschwärmt."

"Was ist denn das für ein Haus?"

"So ein kleines Haus. Mit einem Garten und einer Garage. Selbst gebaut. Mit einem Fitnessraum im Keller von 38 Quadratmetern."

"Und? Das klingt doch super. Fährst du hin?"

"Schönster. Bevor ich da einen Fuß reinsetze, überschreibt der mir das komplette Haus notariell auf meinen Namen und zwar schuldenfrei. Es kann nämlich sein, dass ich es nicht mehr lebend verlasse."

"Wieso denn das?"

"Er hat mir zwar viele Bilder von dem Haus gezeigt, erstaunlicherweise sogar vom Klosett... aber ... es fehlten konsequent die Bilder vom Schlafzimmer, vom Fitnessraum und, was am verdächtigsten ist, von der Außenansicht des Hauses.... Höchst beunruhigend, wenn du mich fragst.... Schon mal von den Fällen Fritzl, Kampusch/Priklopil, oder Höxter gehört?"

"Nee."

Ich kläre ihn im Telegrammstil auf, was selbst ausgebaute Keller in Mitteleuropa Sadisten für Möglichkeiten bieten, zumal hier jeder auf seinem Privatgelände alles tun und lassen kann, was er will, solange er damit keine Nachbarn zur Weißglut treibt. Letzteres ist äußerst leicht, wenn eine potenziell Nachbarn störende Aktivität verdunkelt und schallisoliert ausgeführt wird.

Terrorkid ist beeindruckt. Bei ihm werden Frauen gelegentlich mit Kerosin verbrannt oder mit Schwefelsäure verätzt, aber sexy findet das keiner. Es ähnelt dem Verbrennen von Gartenabfällen und kommt in keinem Pornofilm vor. (Es herrscht in seinem Land gutes, ländlich-sittliches und altbewährtes Begehrenskonzept 2: Man holt sich Besitz, und dann schaut man auf seinen Besitz. Unbenutzbar gewordenen Besitz muss man loswerden, und zwar bevor irgendein endloser und mit Blutrache verbundener Streit darüber ausbricht, wer den Besitz unbenutzbar gemacht hat und ob er das überhaupt durfte. )

Noch beeindruckter ist er, als er hört, was unser vermeintliches zukünftiges Scamming-Opfer alles mit dem schönen, angeblich ihm über jedes Maß hinaus den Verstand raubenden Körper der Niva anstellen will.

Gerade die Unberührtheit dieses Körpers vom Zeichnen, Ritzen, Stechen, Durchbohren, Schneiden, Klammern, Aufspießen, Zündeln, Einschnüren, die komplette Abwesenheit aller Zeichen sexuell motivierter mechanischer und thermischer Gewalt, scheinen ihn zu erregen. Dazu kommt die Unerfahrenheit der Niva mit - und ihr ausgeprägtes Abgestoßensein von - gerätegestütztem Theatersex auf irgendwelchen dunkel dekorierten und mit Haken, Schnüren und Ketten versehenen Schwerlastbühnen, plus Klamotten aus Industriematerialien.

Da er nicht weiß, dass Niva ihren eigenen bösen kleinen Plan verfolgt - der auf seine Geldbörse zielt, ihn aber sonst garantiert unverletzt lässt - hat er irgendwie, hinter ihrer neckischen Fröhlichkeit, dem süß-neugierigen Anstupsen nach Infos aller Art, dem ganzen gespielten Interesse an seiner Person, die liebe, freundliche Seele erkannt, die ihn mit all seinen Defiziten akzeptieren und retten wird.

Es klingt sogar absolut glaubwürdig, wenn er sagt, dass er die Niva liebt.

Da steht sozusagen ein prächtiges Wildpferd in seinem Vorgarten, das aufs Brandeisen wartet.

Für ihn ist unsere bescheidene abgebrannte Niva die Superjungfrau des 21. Jahrhunderts, und nachdem er sie angeschaut hat (Begehrenskonzept 1), besitzen will (Konzept 2) und benutzen will (Konzept 3), eröffnet er jetzt den gedanklichen Entwurf des Konzepts Vier:

Zerstörung.

(Wenn wir Drama wollen: Hier hätten wir es.)

Natürlich weiß er nicht, dass die zumindest optische Unberührtheit und makellose Schönheit der Zielregion in Nivas Körpermitte das Werk eines hervorragenden Chirurgen ist, der mit 32 Schlingen feinsten Catguts in Oldschool-Manier, nämlich in einstündiger Handarbeit, das wieder zusammengeschnürt hat, das der Durchtritt eines unnachgiebigen Objekts von vierunddreißig cm Durchmesser von derselben übrig gelassen hatte. Aber das hatte einen guten - und nur sekundär sexuellen - Grund, und der ist inzwischen 12 Jahre alt :))

Terrorkid, scheinbar ungerührt hinter seiner RayBan-Pilotenbrille hervor: "Oh. So einer ist das. LOL. Na ja. Sprich einfach nicht mehr mit ihm."

Ich vermute, dass die GIs von Abu Ghraib die gefangenen Iraker, die nackt und gefesselt vor ihnen standen und sie, leise Flüche murmelnd, aus wütenden oder, im schlimmeren Fall, aus spöttischen Augen anblitzten, einfach schön und begehrenswert fanden. Reflexartig setzten sie, als Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts ohne Hoffnung auf Kapital, aber unterwegs im Auftrag des Kapitals, Konzept Vier um: Zerstören.

Und es machte Spaß.

Äh, was ich jetzt aber eigentlich sagen wollte:

Ich geh' dann mal zur S*antander B*ank. Fröhlich