Saint Sunniva in den Stahlkammern

25.11.2017 um 01:09 Uhr

Niva scheitert mit dem Versuch, leidenschaftlich gleichgültig zu sein

Stimmung: malign
Musik: Such A Surge - Jetzt ist gut

...und heult den ganzen Abend. Wobei ihr das angeblich waterproofe Volume-Mascara übers ganze Gesicht läuft.

Es ist der wasserreiche Abschluss einer äußerst flüssigen Woche, reich an abstoßenden liquiden Dingen und Ereignissen.

Am Montag wurde mir überraschend ein Zahn gezogen, und zwar stückweise, mit äußerstem Einsatz grober Kraft und dürftigem Ergebnis. Die Wurzelspitze blieb drin, und man hofft und betet, dass sie sich nicht entzündet. Darauf wartet man nun allseits gespannt, während man fleißig Blut in Taschentücher spuckt, ein großes Loch im Lächeln hat und nur einseitig kaut, und zwar ausgerechnet auf der Seite, wo ohnehin schon ein paar Molaren fehlen. Sehr effektiv. Und so malerisch.

Am Dienstag schiss die Katze ins Zimmer, weil sie am Abend zuvor fettige Brathuhnstückchen gefressen hatte und weil der Kronprinz auf die tolle Idee gekommen war, eine Spezial-Katzenkloplastiktüte unter die Katzenstreu zu legen. Das wäre ja im Prinzip sehr löblich, wenn nur die Katze sich ebenfalls über diese Neuerung gefreut hätte. Aber sie weigerte sich einfach, das Klo zu benutzen. Na, ratet mal, wer putzen durfte. Wie immer der A(llgemeine) A(rsch) v(om) D(ienst).

Am Mittwoch schrie und weinte die komplette Sippschaft. Die Gründe sind ziemlich verwickelt. In der endlosen und weit verzweigten Kausalkette spielten folgende Dinge eine Rolle:

Baby sollte ihr Smartphone abgeben, weil sie eine schlechte Note in Physik gekriegt hatte und außerdem nicht zur Psychologin gegangen war, worauf die Mama sagte, sie könne nicht ruhig zur Arbeit gehen, wenn sie sich nicht darauf verlassen könne, dass Baby das Richtige tue, worauf der Kronprinz lostobte, er solle wohl alleine arbeiten gehen, worauf seine Frau sagte, das sei nun mal Aufgabe des Mannes, vor allem wenn er auf einen ordentlichen Haushalt bestehe, was ja für den Kronprinzen vollauf zuträfe, worauf der Kronprinz schrie, wenn er gewusst hätte, dass seine Frau eine solche Prinzessin sei, habe er sie gleich verlassen, außerdem halte die Familie nicht mehr zusammen, jeder pflege nur sein Ego, nicht mal nach Orlando-Alaska begleite ihn seine Familie, worauf Baby schrie, sie wolle nie mehr dahin zurück, und Mama in die Bresche sprang, jemand müsse sich um Kind und Katze kümmern, die stünden ihr im Moment näher als eine alte Frau, die ihr Leben gelebt habe, außerdem kämen Martin und Madeleine auch, und schließlich sei auch das Geld nicht da, um schon wieder 600 km weit zu fahren, zumal ihre treuesten Paladine und Regenschirmverleiher, die B*erlin LBB, ihr jetzt die Brocken hingeschmissen hätten und fünftausend Euronen von ihr verlangten, worauf der Kronprinz damit angab, von ihm verlangte B*erlin LBB gar sage und schreibe zwölftausend Euronen, weshalb Baby zu Weihnachten keine S*witch (oder war es S*watch? irgendwas Überflüssiges, Überteuertes) bekäme - letzteres gefolgt von einem erneuten Tränenausbruch Babys - und überhaupt sei DER UMZUG ein riesiger Fehler gewesen, er würde am liebsten wieder alles rückgängig machen, nichts werde besser, alles nur immer schlimmer - zwischenzeitlich fegte er die Katze vom Sessel, weil sie den Stoff ankratzte , worauf Niva motzte, die Katze könne ja nichts dafür, und Baby kreischte "Ich hasse euch" (Kopfstimme) - und als Niva das Baby durch die Wand schluchzen und den Kronprinzen mit Selbstmord drohen hörte, vergrub sie den Kopf in den Armen, heulte ebenfalls und machte den oberschlauen Vorschlag, das Baby ins Internat zu den Großeltern zu schicken und dann einen Doppelselbstmord zu begehen (aber das hörte Baby glücklicherweise nicht).

Die Katze stolzierte, davon unberührt, über die Tastatur und zerkaute friedlich ein Palmenblatt.

Der Kronprinz und Niva einigten sich darauf, dass es am besten sei, jetzt eine schöne Tasse Tee zu trinken, von denen sich eine auf den Fußboden ergoss (was zum allgemein hohen Flüssigkeitspegel noch ein Quäntchen hinzufügte), nahmen je eine Schlaftablette, schliefen ein und träumten gar nichts oder schlecht oder dass sie tot seien (wie sie sich am Donnerstag gegenseitig erzählten). Masterticket, Masterplan, ohne Plan fahr'n, fahr'n, fahr'n fahr'n auf der Autobahn.

Am Donnerstag ging es weiter, weil Baby heimlich Cola gekauft, diese ausgetrunken und die leeren Flaschen einfach hinters Bett geworfen hatte.

Die Woche gipfelte dann darin, dass eine Kollegin auf der Schulung in Tränen ausbrach, weil sie glaubte, die Aufgaben niemals verstehen zu können. Niva selbst fand sich zu ihrer nicht geringen Überraschung zu vorgerückter Stunde mit dem grinsenden Typen vom vorigen Eintrag zwar nicht im Bett, jedoch immerhin auf dem Autositz wieder, was mit den entsprechenden Körperflüssigkeiten einherging, die zwar zu erwarten waren, Niva jedoch in Verwirrung stürzten, weil diese Aktion ja jetzt irgendwelche Konsequenzen in irgendeiner Form nach sich ziehen müsste, und sei es auch nur die Frage zu klären, ob es bei dieser Aktion bleiben oder es weitere geben würde.

Man ging fröhlich grinsend auseinander, 10 cm über dem Asphalt schwebend, mit der Abmachung, sich später auf W*hatsapp zu treffen. Als man dann aber vor besagtem saß, brach Niva aus reiner Verwirrung einen gigantischen Streit vom Zaun, sodass zumindest bei Niva weitere Körperflüssigkeit in Form von Tränen vergossen wurde und beim grinsenden Kollegen zumindest das Grinsen verschwand, weil er sich verteidigen wollte, aber gegen den Borderline-Zorn der Niva, gepaart mit ihrer gefinkelten Argumentationskraft, nicht ankam. Worum es bei diesem Streit ging, dauert leider sehr, sehr lange zu erklären (Kernthema: Frauen; Unterthema: Einstellung zu denselben), aber der ehemals grinsende Kollege kam, nachdem er Whatsapp wutentbrannt ausgeschaltet hatte, noch dreimal zurück, um zu schauen, ob die Niva noch was gesagt habe.

Hatte sie nicht.

"Wie soll ich dir denn jetzt noch in der Firma begegnen?", hatte der ehemals grinsende Kollege gefragt, worauf die Niva patzig geantwortet hatte: "Gar nicht! Wir sind ja nicht mal in derselben Abteilung!!" Und halt am besten den Rand und grinse jemand anders an, hatte sie noch gedacht (aber nicht gesagt).

Als dann zum krönenden Abschluss noch das stets un-liquide Terrorkid aufkreuzte und 200 Euronen schnorren wollte, war es endgültig vorbei, und im Geiste erschien der Niva ein riesiger Swimmingpool, auf dem im magisch wabernden blauen Schein der Unterwasserbeleuchtung ihre Leiche trieb, in deren nach oben gedrehten Augen sich die Sterne spiegelten.

Kelly Watch The Stars!!?

Ich schätze, ich werde die Firma so schnell wie möglich wieder verlassen, egal, was der Kronprinz sagt! (Er würde es mir selber ausdrücklich befehlen, wenn er wüsste, was geschehen ist!)


Z-Move! Masterticket to Hell!

23.11.2017 um 12:38 Uhr

Zähne

Stimmung: komisch
Musik: Alex Kassel - Chasing The Dream

Und wie bin ich jetzt hier wieder hingeraten?!

"Hier" ist in einem Gebäude namens HS-Campus, an der Kaffeebar im ersten Stock. Die Kaffeebar ist weiß und sehr aufgeräumt.

Ich habe etwas in der Hand, das wie eine Telefonkarte aussieht (falls ihr das noch kennt :) ) und Smartcard heißt. Es ist weiß, enthält einen Chip und es steht nix drauf.

Von meiner Hüfte baumelt ein kleines rundes Ding herab. Damit öffnet man hier Türen.

Die Espressomaschine gurgelt und leuchtet rot.

Ich nehme die Tasse und will gerade in den Schaum pusten, da ist da plötzlich mir gegenüber ein Grinsen.

Bräunliches Gesicht und geschätzt 64 Zähne. Weiß.

Ey Leute, was geht???!!!

Im Hintergrund höre ich Abkürzungen murmeln: AIT, VDI, AD, gAHD... (...und denke an den Rap "MfG, mit freundlichen Grüßen...")

Ich flüstere in das grinsende Gesicht: "Wie...wie lange bist du schon hier?"

Ich erwarte nicht wirklich eine Antwort.

"22", antwortet das Gesicht.

(Hatte nicht mal einer gesagt, die Antwort auf alle Fragen sei 42...?)

Das Grinsen persistiert.

Ich grinse vorsichtig zurück und verstecke mich hinter einem Bistrotischchen....

Neue Begriffe in meinem Leben: IMAC, Masterticket, Incident, Incident Group, KDB (nicht zu verwechseln mit KGB, was ich am Anfang zu hören geglaubt hatte Fröhlich, HR Event, SIAM ID, GDB ID, PersID, Setup Session, Whitecard, ZDrive Backup.

Ich schaue nach oben, ob ich vielleicht durch ein Kaninchenloch hier rein gefallen bin.

Jemand, der 27 wird, hat Mettbrötchen mitgebracht. Ich beiße hinein und hoffe, gleich nicht 10 Meter groß zu sein.

Einer aus meinem Team will sich dauernd vom Dach stürzen. Eine andere kennt eine, die ist mit 38 schon OmaVerrückt

Der Himmel ist dramatisch schön. Wenn es nicht gerade regnet.


01.11.2017 um 18:52 Uhr

Er lässt uns nicht fallen...

Stimmung: unschlüssig
Musik: keine

Wieder einmal glaubt der Kronprinz, jetzt sei der große Durchbruch da. Er gratuliert mir zum heutigen Bewerbungsgespräch, als hätte ich den Job schon in der Tasche - dabei besteht dazu nicht der geringste Anlass. Ich glaube nicht, dass ich den Job bekomme, und falls doch, werde ich mich dort bis auf die Knochen blamieren, weil ich das, was verlangt wird, überhaupt nicht kann.

Es werden 20 Leute für IT-T-Support gesucht, und davon habe ich keinen blassen Schimmer. Die Erzherzogin meinte, das sei egal, man suche in erster Linie Leute, die englisch sprächen, gefragt wurde ich allerdings heute ausschließlich nach IT. O.K., ich habe niemandem etwas vorgemacht... Das Baby ist nach wie vor depressiv und war schon wieder tagelang nicht dazu zu bewegen in die Schule zu gehen.

Gefragt, was für ein Problem sie diesmal habe, sagte sie, zur Schule gehen sei sinnlos, weil ihre Eltern auch zur Schule gegangen seien und dennoch nur Scheißjobs bekommen hätten. Dem kann man eigentlich nur zustimmen, aber mir wird ganz anders, wenn ich mich jetzt wegen meiner "Scheißjobs" auch noch vor meiner eigenen Tochter schämen muss...

Kein Geld, Waterboarding von meinen Eltern (die ich schon lange nicht mehr um Hilfe bitte - aber einmal waterboarden tut gut, rückt die Verhältnisse ins rechte Licht und lässt kein zu gutes Lebensgefühl bei dem Versagerhaufen aufkommen, denn ein gutes Lebensgefühl hat besagter Versagerhaufen nicht verdient).

Wollt ihr was über mein Lebensgefühl hören? Bitte sehr. Mutlosigkeit, nackte Verzweiflung und Traurigkeit, dazu das Gefühl, ganz allein auf dem Planeten zu sein. "Das Dasein in seiner Wesensbestimmtheit ist das Hinausgehaltensein in das Nichts..."

"Ich glaube nicht mehr an Gott", sagte der Kronprinz, und ich sagte (ich gebe zu, das war sarkastisch): "Ich schon. Schau mal, er hält uns zwar so ein kleines bisschen im 12. Stock an den Füßen aus dem Fenster, aber keine Angst, er lässt uns schon nicht fallen."

Immerhin hat sich für Terrorkid die ewige Pythonerei gelohnt... Er tritt in wenigen Tagen einen neuen Job an. Zwar verdient er da anfangs auch nicht gerade die Welt, aber dafür ist er zur Weihnachtsfeier nach London eingeladen. Neid :)