Saint Sunniva in den Stahlkammern

31.07.2017 um 21:03 Uhr

Das Finale

von: Amanita   Kategorie: Komische Gebäude

Stimmung: erst mal'n Kaffee :)
Musik: Wolfsheim - Find You're Gone

In wenigen Stunden werden die grünen Lichter auf dem Router verlöschen und ich verschwinde im Funkschatten des Anbieterwechsels (haben bei V*odafone das Sonderkündigungsrecht ausgeübt, es dauert aber dann noch ein paar Tage, bis wir wieder online sind). Daher noch schnell ein paar Zeilen.

Das Schlimmste des Umzugs ist vorüber - der Großtransport am 26. Mit 31 Kubik hatte der Spediteur uns berechnet, uns 75 Kisten gebracht - und hatte sich doch verschätzt. Gegen 13 Uhr hieß es "Nichts geht mehr", und bei sage und schreibe 38 Kubik wurde der Lkw, jetzt schon leicht überladen, verschlossen. Von 7.30 an schufteten die Umzugshelfer wie gedopt, ich auch - während der Kronprinz lieber sorgsam sein historisches Faller-Häuschen mit vierfachem Klebeband sicherte, als eine Kiste vollzupacken.

Da wir schon 23 Kisten in Dreilinden hatten und 36 bei IKEA und weitere 75 vom "Falken" gekauft hatten - und der Kronprinz insgesamt 4 und Baby 2 gepackt hatten - komme ich auf nicht weniger als 128 Kisten, die ich innerhalb ein paar Tagen allein gepackt habe.

Es goss in Strömen, als sich unser Konvoi auf die A 7 begab, und es hörte bis hinter Würzburg nicht auf. Doch je mehr wir uns Braunschweig näherten, desto heller wurde es, und ein dramatisch schöner, gewittriger, goldüberfluteter Himmel begleitete uns, bis es dunkel wurde. Wir trafen gegen 8 ein. Der Lastwagen kam eine Stunde nach uns an, so haben wir noch kurz mit dem Vermieter und mit der Erzherzogin gequatscht. Dann ging es ans Auspacken und Montieren. Die Erzherzogin hatte einen großen Topf Suppe, reichlich belegte Brötchen, Kaffee, Wasser und Bier mitgebracht - und zu Babys Freude natürlich auch Benja und Diana. Die drei rannten aufgeregt herum und begannen dann in Babys neuem Zimmer, das sich immer mehr mit Kisten füllte, zu spielen.

Ich weiß nicht, mit was der "Falke" seine Mannen gedopt hatte (Pervitin?), aber die beiden Kurden unter seinem Kommando schufteten ohne Unterlass bis 3 Uhr morgens und wollten nicht einmal was essen, nur ein bisschen Kaffee und Wasser trinken. Kaum, dass sie ächzten - selbst bei den schwersten Teilen nicht. Oh Wunder, sie hatten meinen Schrank der Schrecken tatsächlich im Arbeitszimmer untergebracht - einen Wolkenkratzer von einem Schrank, schwerer als eine Krönungskutsche, ein Erbstück aus der Adenauerzeit. Ich hatte bis zum Schluss Bammel, er könne zu hoch sein.

Auch Babys Hochbett stand wieder wie eine Eins, obwohl das ein gefinkeltes Teil mit 'zig anschraubbaren Extras ist. Habe reichlich Trinkgeld dem Rechnungsbetrag hinzugefügt. Da ich aber nicht sicher war, dass der Chef das nicht für sich behalten würde, habe ich den beiden Jungs nochmal je einen Fünfziger extra zugesteckt, als der Chef gerade nicht hinsah.

Die Erzherzogin und ich halfen, indem wir leichtere Sachen nach oben schleppten (Stühle, Korbsessel, Lampen, Einzelteile...), der Kronprinz war allerdings verschwunden unter dem Vorwand, er müsse etwas in die Garage bringen. (Er hatte sich zum Schlafen ins Auto gelegt!!!! VerrücktZur Strafe habe ich ihm hier gestern, nachdem er Babys Fahrrad in unser Auto gepackt hatte, um das Fahrrad herum bis zur Decke Stofftaschen, Kleinteile und Plastiktüten gestapelt. Da durfte er dann gestern Nacht auch schleppen, denn es war niemand zum Helfen da - hähäh :))))Sonstige

Das Wochenende verbrachten der Prinz und ich ohne Baby im alten Marmorpalast, da wir noch vieles zu erledigen hatten (z.B. Ärzte, ich auch noch Kundschaft - musste heute z.B. mit Sinck zu einem Bestattungsunternehmen, das Groß-Anzeigenkunde bei der "Letzten Runde" ist und für das ich eine Themenseite schreiben muss.)

Prinz hatte mit Rosemarie alle Hände voll zu tun, unsere liebe alte Drama-Queen musste natürlich prompt mit Verdacht auf einen erneuten Schlaganfall ins Krankenhaus gebracht werden. Fünf Stunden später stand sie mit dem Kronprinzen, gestiefelt und gespornt und mit ihrem besten Strohhut, auf der Matte und wollte mit dem Prinzen einkaufen gehen. Es war nur ein kleiner Blutdruckabfall gewesen! Fast packte mich die Wut, weil sie den Kronprinzen daran hinderte in der Wohnung zu arbeiten, obwohl das dringend notwendig war, und weil die Beiden natürlich auch die ganze Zeit das Auto besetzt hielten. Es stand auf dem Klinikparkplatz rum. So war am Ende nichts in der Bücherei abgegeben, zur Post und zum Recyclinghof gebracht worden, und laden hatte natürlich auch niemand können...

Währenddessen schwitzten Martin, der seine Hilfe beim Anstreichen angeboten hatte, und ich beim Abkleben und Streichen von Babys ehemaligem Zimmer. Weil Martin nicht Rosemarie begegnen wollte (die beiden sind seit Monaten zerstritten!) zischte er mit sicherem Instinkt 2 Minuten, bevor Seine Hoheit und Rosemarie vom K*aufland zurückkehrten, ab...

Der Kronprinz ist gestern Nachmittag abgedüst, und ich halte hier noch bis morgen die Stellung. Schriftkram erledigen, Kundengespräche, so lange wir noch Telefon/Internet haben, weil der Axel von InterFace nur noch diese Woche da ist, bevor er in Urlaub geht, und wenigstens noch 2 Sachen vorher in trockene Tücher gebracht werden sollen (Geldnachschub könnte bei mir wirklich nicht schaden! Der Umzug verschlingt fast so viel Geld wie Scotts Antarktisexpedition!Traurig).

Es ist merkwürdig, hier in der ausgeräumten, dunklen Höhle an einem Bistrotischchen zu sitzen und zu schreiben, es ist etwa so gemütlich wie eine leere Theaterbühne bei "Arbeitslicht", wo einem das dunkle Loch mit den unbesetzten Zuschauerrängen entgegengähnt. Ich schlafe auf einer neu gekauften Luftmatratze und habe es eigentlich recht bequem, nur habe ich vergessen genug frische Wäsche einzupacken. Macht nix, dann gehe ich eben dreckig, Umzug ist nun mal mit Dreck gekoppelt :) Ab und zu rumpelt ein Gewitter vorbei.

Heute Morgen wurde ich von einem rhythmischen Dröhnen geweckt, das das ganze Haus beben ließ. Das waren die Dachdecker mit den neuen Betonelementen für das Flachdach. Immer denke ich, die Bude stürzt ein und ich werde von panzersperrengroßen Betonklötzen begraben...

Habe auch wieder das Abbruchhaus besucht und festgestellt, dass ich mit meiner Einschätzung, es ginge jetzt langsamer, richtig lag. Hatte am Freitag noch ein Viertel des Hauses gestanden, so steht jetzt noch ein Achtel.

Am Freitag sahen eine Menge Leute zu, wie die Abrissbagger, auf dem Schuttberg auf ihren Ketten schwankend, ihre dinosaurierhaften Köpfe drehten und wendeten und mit spitzen Zähnchen immer wieder organische Teile aus der Westflanke ihrer Beute rissen. Dünn und zerzaust, aber immer noch monumental, ragt sie jetzt in den Himmel, nach wie vor neun Stockwerke hoch. Ich glaube, der Plan ist, nicht wandweise von West nach Ost abzureißen, sondern rund um die Betonsäule herum, die das Rückgrat des Gebäudes bildet.

Also wird am kommenden Wochenende keine letzte Wand, sondern ein letzter Schacht stehen. Der Balkon im 9. Stock, von dem aus ich imme geraucht und heruntergeblickt habe, ist noch da, der Konferenzraum auch, doch die Büros sind bereits verschwunden. FREIRAUM FÜR ALLE #nocapitalism hat ein Sprayer übers Wochenende im Erdgeschoss an der Wand hinterlassen.

Bevor ich am Freitag zum Abbruchhaus ging, schaute ich an Babys Exschule vorbei, um wie abgesprochen im Sekretariat das Zeugnis und die restlichen Sachen von Baby zu holen. Auch dort hatten inzwischen Bagger und Bauarbeiter das Regime übernommen, der ganze Bau war abgesperrt. Es sollte an der Rückseite einen Zugang zum Sekretariat geben, doch ich fand keinen, alles war verschlossen. Da bekam ich einen Anfall von Borderline-Zorn und trat ein paar Mal brüllend gegen ein, zwei Türen. Prompt kam jemand gelaufen.

"Was ist denn, was ist denn, nun machen Sie doch nicht so einen Lärm, wir haben doch eine Klingel!"

"Tut mir leid, die habe ich gar nicht bemerkt", grinste ich, "vielen Dank fürs Aufmachen!" Im Sekretariat bekam ich einen großen Umschlag ausgehändigt, der Babys Zeugnis, ein paar selbst verfertigte Poster und ein Abschiedsgeschenk der Klassenlehrerin enthielt."

"Die Frau R. fand es so schade, dass Baby nicht zur Abschiedsfeier gekommen ist", flötete die Sekretärin. R., du verlogenes Stück, dachte ich wütend, antwortete aber freundlich: "Ja, wir fanden das auch sehr schade, Baby wäre so gerne gekommen, aber gerade an dem Termin war unser Möbeltransport, da war leider gar nichts zu machen. Jedenfalls vielen Dank für die Sachen, wir melden uns noch bei Frau R...."

Ich machte, dass ich rauskam, ohne zuvor in die Kiste mit Gratis-Äpfeln zu greifen, die immer dort steht, damit sich jeder bedienen kann. Mit Babys Sachen setzte ich mich vors Gerichtsgebäude, um auszuruhen, zog das Zeugnis aus dem Umschlag und las. Na, immerhin hat Baby zwei Zweien, das wird sie ein bisschen trösten, dachte ich.

Auf Seite 2 standen in winzigkleiner Schrift die vernichtenden Worte:

Anastasia Isabel Carlotta Garbarek wird NICHT versetzt

"...aber sie sollte schon noch zur Abschiedsfeier kommen und schön Flöte spielen und nette Lieder singen mit den Klassenkameraden, mit denen sie im September nicht ins Schullandheim fahren wird", ging es mir durch den Kopf. "Was für eine öffentliche Demütigung. Das ist doch blanker Zynismus." Ich konnte nicht verhindern, dass mir die Tränen in die Augen schossen, während drüben das Abbruchhaus weiter ausgeweidet wurde und der inzwischen stärker gewordene Verkehr gleichgültig dahinfloss.

Nun ja, wenn jemand heulend vor dem Justizpalast sitzt, dann fällt es wirklich niemandem auf - immerhin könnte ja gerade mein Mann verurteilt worden sein oder sonst etwas. Nein, hier ist bloß ein kleines Mädchen gebosst und seelisch misshandelt worden... Jedenfalls, die Tritte gegen die Tür hatten sie sich redlich verdient und für mein teenagerhaftes Verhalten schämte ich mich nicht im Geringsten (manchmal bin ich halt Babys große Schwester) :)

(Der Kronprinz hätte mir allerdings gehörig den Kopf gewaschen deswegen.)

Machte noch einen Kurzfilm vom Abriss, tigerte in Richtung Frauenärztin, wo ich die Spirale allerdings noch nicht gelegt bekam, weil dazu die Periode abgewartet werden sollte (war aber nicht unglücklich darüber, da mich's vor dem Eingriff gruselt). Immerhin bekam ich eine komplette Untersuchung nebst Ultraschall, mit dem erfreulichen Ergebnis "all systems go".

Ging dann nach Hause, bzw. in mein Exzuhause, überreichte dem Kronprinzen die Sachen, damit er sie Baby mitbringen konnte, briet zum Mittagessen Maultaschen (Küchensachen gibt's hier ja noch) und bestellte später im Netz, aus reinem Trotz, eine wunderschöne Kommode für den Fernseher (unsere alte war vor längerer Zeit zusammengebrochen und auf dem Recylinghof gelandet, wir brauchten also ohnehin eine) in höchst wunderlichem Leuchtendblau. Wenn die Farbe wirklich so ist wie auf der Abbildung, dann ist es die eigenartigste und prächtigste Fernsehkommode auf dem ganzen Planeten. Vielleicht ist ein Dschinn drin?

Terrorkid leistet bereits geheime Wühlarbeit, um wieder zurückzukommen. Seine Familie weigert sich allerdings partout, ihre Mangoplantage für ihn zu verkaufen. So ein Ärger aber auch!

"Lass mal", sagte ich, "wir machen das schon. Bringst du mir und Baby 'ne Mango mit?", fragte ich.

"Ist im Flieger nicht erlaubt. Aber ich schicke euch 'ne ganze Kiste", prahlte Terrorkid, das Früchtchen.

Mangoplantage!! Je obster die Nahrung, desto vita die Mine! Der Papa von Madame Oyarzabal, meiner unfähigen katalanischen Schwägerin, hat übrigens eine Feigen- und Pfirsichplantage. Jetzt fehlt nur noch eine Erdbeer- oder Kirschplantage, und wir könnten alle zusammen eine Smoothiefabrik aufmachen :)))

Ssssssssssssso!! :) FröhlichFröhlich

P.S. Habe bis eben gearbeitet und tatsächlich noch was zustande gebracht.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenAquarius schreibt am 31.07.2017 um 22:10 Uhr:"In wenigen Stunden werden die grünen Lichter auf dem Router erlöschen"
    Unverhofft kommt oft :-)
    Und das mitten beim Eintrag schreiben!
  2. zitierenAmanita schreibt am 31.07.2017 um 22:54 Uhr:Neenee, die grünen Lichter sind noch da :) Ich will nachher versuchen, noch ein bisschen zu arbeiten. TV habe ich ja nicht mehr und müde bin ich noch nicht, ich trinke Kaffee und mampfe dabei Kekse :))
  3. zitierenlousalome schreibt am 01.08.2017 um 07:54 Uhr:Wenn du irgendetwas wissen wilst, was hier wo ist, guter Arzt oder, oder, oder ... schick mir ne PM! : )
  4. zitierenmijoni schreibt am 01.08.2017 um 20:02 Uhr:Bloger- Treffen im Norden 😎

Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.