Saint Sunniva in den Stahlkammern

09.01.2018 um 00:25 Uhr

Die Zähen, die Schönen und die Verfluchten

Stimmung: wie Pik Sieben auf Rollschuhen
Musik: Catherine Wheel - I Wanna Touch You

So habe ich mir schon immer die Hölle vorgestellt: Ein Job, der ganz dringend, noch möglichst in dieser Minute, erledigt sein muss, aber an einem PC, der absolut nicht mitmacht und im entscheidenden Moment abstürzt, und vor irgendeiner Progress Bar, die zuerst ganz munter läuft und sich aufbaut, und dann bei 87 Prozent gnadenlos stehenbleibt.

Währenddessen muss man noch 1000 Anrufe entgegennehmen und unfreiwillig bei einem grässlichen Spiel mitspielen, das den bezeichnenden Namen "Eskalationsstufe" trägt und bei dem es darum geht, freundlich und ruhig zu bleiben und zu allem, was jemand an den Haaren herbeizerrt, um es einem an den Kopf zu werfen, "ja, natürlich, wird sofort erledigt" zu sagen, und dann in Form von 1000 E-Mails und Screenshots nachzuweisen, was man erledigt hat, damit das dokumentiert werden kann. (Ich habe zuerst geglaubt, das sei ein Stresstest, doch die, die schon länger dabei sind, sagen, das gehöre zum Alltag. Womöglich ist es allerdings ein Test unseres Großkunden für die Zuverlässigkeit der ganzen Firma, und heute hat es eben mich erwischt...)

Es ist aber völlig unmöglich, gleichzeitig per Fernsteuerung Herrn Hennes' Whitecard auszurollen und seine Mails zu reencrypten und daneben auch noch abzuchecken, welche Hardware für Frau Mayer-Fies bestellt wurde, ob Herrn Dr. Obermackers Nokia Lumia 920 1/7 XTC-Caramba schon im neu eingerichteten Projektstützpunkt in Mobile, Alabama, angekommen ist, sowie die sehr gute Frage zu beantworten, wo in aller Welt die neuen HR-Daten von Frau Zaziki-Kleepott, die nach Zagreb versetzt wird, bleiben. (Und dabei bitte nicht Frau Zaziki-Kleepott mit Frau Zaziki-Moospott verwechseln, weil letztere nicht nach Zagreb, sondern nach Karachi geht!)

"Wer sind denn Ihre Kontaktpersonen in Pyöngjang, Herr Grünfuhs? Herr Yong-Kun Um, Herr Kun-Um Yong und Herr Yun Kong-Um, ah ja, vielen Dank."  (Und versuch diese Herrschaften dann mal jemand in der Asien-Personendatei zu finden...tilt...tilt...tilt...) :))

Ich reiße mich sehr zusammen, kratze mich am Kopf und versuche erst mal in Ruhe zu überlegen, wen ich anmailen muss, um an Frau Zaziki-Kleepotts HR-Daten ranzukommen. Da stürmt schon ein Kollege herein und ruft: "Gerade haben Herr Kühl und Herr Danone angerufen, oder so ähnlich, sind das deine?" ("Deine" = Kunden, deren direkte Betreuerin ich bin.) Und ich antworte: "Moment...Kühl ist nicht meiner, aber Dohnanyi, so heißt der, das ist meiner."

Während ich dann die Nummer von Herrn Dohnanyi raussuche, die sich natürlich nicht in die Telefonanlagenmaske kopieren lässt, sondern die ich erst mal auf einen Zettel schreiben und dann in die
Telefonanlagenmaske eintippen muss - falls die Telefonanlage nicht abgestürzt ist - vergesse ich darüber die HR-Daten von Frau Zaziki-Kleepott, und natürlich vergesse ich ein Ticket für Herrn Hennes' nicht hundertprozentig funktionierent habende Reencryption aufzusetzen, und Himmelnochmal, ich wollte doch noch Frau Dr. Bonbonlutsch-Pumpernickel Bescheid sagen, dass sie wieder Zugriff auf ihren Account hat, usw. usw. ad nauseam.

So ging das den ganzen Tag. Es wurde hell, es wurde dunkel, dazwischen 8 Pötte Kaffee am Schreibtisch, und beißender Wind draußen an der Raucherecke, und plötzlich sagte jemand "Bist du noch immer hier, oder bist du schon wieder hier?"

Da fiel mir auf, dass zwölf Stunden vergangen waren und dass ich dringend nach Hause musste, wo bestimmt schon alle am Verhungern waren. Das konnte ich aber nicht sofort, weil irgendein Hausmeister, der unter anankastischem Schließ-Syndrom, auch Fortknoxismus genannt, leidet, wieder mal nicht nur die Einfahrt zum Parkhaus, sondern diesmal sogar das Rolltor unseres Hofes verbarrikadiert hatte. Das bedeutet, dass man, will man nach Hause kommen, zunächst auf Umwegen einen Schlüssel besorgen muss, und so verzögert sich die Abfahrt von der Gefängnisinsel noch um eine weitere halbe Stunde...

Mein Kopf war wie zugetackert, meine Arme und Beine verkrampft,
und ich verbiss mir mit Mühe vor Erschöpfung loszuheulen. Obwohl ich sogar einen großen Teil der Aufgaben geschafft hatte, hatte ich das Gefühl, noch nie einen solchen Mangel an Selbstwirksamkeit erlebt zu haben, und als ich abends mit dem Kronprinzen telefonierte, sagte ich: "Diesen Monat mag's gut sein, aber wenn es nächsten Monat so weitergeht, dann müssen die deutlich mehr zahlen, oder ich kündige." - "Ja, da hast du Recht, ausbeuten solltest du dich nicht lassen", meine Seine Hoheit, der seit Wochen laut darüber nachdenkt, uns wieder auf unseren Berg in Orlando-Alaska  zu repatriieren. "Dieses Experiment ist gescheitert!", sagt er kategorisch, und er lässt sich nicht umstimmen.

Abends, als ich mein abscheuliches Schnitzel vom Schnellimbiss verspeist (und die Hälfte der Katze abgegeben hatte, der es immerhin offenbar besser schmeckte als Katzenfutter), dachte ich, na ja, whatsappen wir mal zum Spaß unser grinsendes Teppichgespiel an.

Aber was war das? Statt nett zu flirten und zu charmieren, oder auch nur zu grinsen, verwandelte sich der Hübsche in einen genuinen, pöbelnden Vollproleten. Es war erstaunlich. Vielleicht hatte ihm seine Alte am WE die Hölle heiß gemacht wegen irgendwelcher komischer Bilder auf seinem Handy, oder er wurde von schlechtem Gewissen geplagt, oder es war Vollmond, jedenfalls brüllte er mich an: "Was willst du? Hau ab! Ich habe dich zwei Mal gef***t, das reicht!!!"

Ich wäre einfach sprachlos gewesen, wenn ich nicht Niva wäre, aber die Beleidigtheitsschleppe kann ich mir auch anlegen, also gab ich ihm wenigstens einen zarten Tritt zurück: "Oh, hast du das? Das muss ich wohl beim Blinzeln verpasst haben."

Oh Mann, war der wütend. Ich bereitete mich auf ein neues Spiel der Sorte "Eskalationsstufe, 2 Spieler, verschärft" vor, aber daraus wurde nichts, denn er fauchte: "Wehe, du textest mich noch einmal an!!" - "Na, blockier mich doch einfach", schlug ich vor, und er dann so: "Ich will dich nicht mal in meiner Blockiertenliste haben!"

Was soll man dazu noch sagen? Das brave Nerdbübchen hat mit den Naturgewalten gespielt und sich dabei ganz schlimm baba dreckig gemacht, sodass es am liebsten nicht mehr mit sich selbst am Tisch sitzen würde. Und weil die böse Niva das brave Bübchen zu schlimm baba Dreck verführt hat (?), wird sie jetzt eben geköpft.

Die Glückliche, die den mal heiratet. Nicht, dass es ihr noch zu aufregend wird, dem unscheinbaren Mädelchen... Wenn der seine Tage hat, ist er ungenießbar. Und außerdem geht er fremd. Ätsch Fröhlich Ein schönes Leben noch, Kinners!

Für mich gibt es allerdings auch einen neuen Aufreger, nein, den Aufreger schlechthin:

Terrorkid ist aufgetaucht.

Wie immer weiß ich nicht im Voraus, ob das Gutes bedeutet oder Schlechtes. Und wie immer beim Auftauchen Terrorkids, des Blutmondes meines Lebens sozusagen, flutet eine mächtige Droge mein Gehirn: Adrenalin.


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