Saint Sunniva in den Stahlkammern

14.07.2017 um 13:42 Uhr

Schwebend

von: Amanita

Stimmung: schwebend
Musik: Skunk Anansie - Brazen

Habe eine Mail bekommen, dass Babys neuer Reisepass fertig sei, und bin losgezogen, um ihn abzuholen. Freute mich darüber, dass wir den Pass im Dienstleistungszentrum des Stadtviertels beantragt haben. Das hat zwar nicht sehr oft pro Woche auf, aber dafür kommt man gleich dran, weil nichts los ist.

Unterwegs hatte ich ein ungewohntes Gefühl am Fuß. "Hey...ich kann... laufen", dachte ich verdutzt. Monatelang bin ich nur gehumpelt, wegen der scheußlichen Fersenspornschmerzen, aufgrund derer ich den Fuß in allen möglichen Schonhaltungen aufgesetzt und verdreht hatte. Daher das ungewohnte Gefühl: Der Fuß bewegte sich normal. Er trug Gewicht. Meine Schritte griffen aus und waren federleicht. Ich hatte das Gefühl zu schweben ... Die scheußliche Spritze gestern, die noch dazu ein hässliches schwarz verkrustetes Loch an der Innenseite meiner Ferse hinterlassen hat, hat sich wirklich gelohnt. Procain und Cortison. Manchmal ist eben ein Ende mit Schrecken &c. ... :)

Ich sollte hier ganz und gar nicht sitzen und schreiben, denn ich muss 1000 Dinge erledigen, vor allem: Kunden anrufen und Verabredungen für nächste Woche treffen - Baby aus dem Bett werfen - vor allem aber packen, packen, packen, und zwar so viele Kisten wir möglich, denn heute Abend beladen wir den gemieteten Sprinter, und der Kronprinz wird ungehalten, wenn keine volle Ladung erreicht wird und nicht alles fix und fertig zum Beladen parat steht. Morgen um 7 geht's los, tot oder lebendig!

Morgen Nachmittag sehen wir zum ersten Mal die Wohnung, und das sorgt für angenehme Gänsehaut :) Hoffentlich sind unsere Nachbarn keine Ekel, hier hatten wir mit der Nachbarschaft ein Riesenglück gehabt, und das war den immensen Preis unseres Palazzos eigentlich fast schon wert...

Die neue Wohnung ist auch nicht gerade billig, aber einen Tod muss man sterben, wie der Kronprinz sagt, und wir bekommen ein Stück Garten dazu. Perfekt!

Ende Juni hatten wir um eine Schulbefreiung für Baby gebeten, damit sie früher in die Sommerferien käme, weil in Niedersachsen die Sommerferien zu Ende sind, wenn sie hier beginnen. Wir bekamen keine! Unsere Schule ist der Meinung, Baby brauche keine Sommerferien, und sie würden Baby keine geben, so lange sie nicht behördlich mit Wohnsitz umgemeldet sei.

Natürlich hatten wir ewig lange keinen neuen Wohnsitz, weil die Wohnungssuche sich so hinzog. Auch zur behörlichen Ummeldung, bei der wir anwesend sein müssen, wird es zumindest bis nach dem großen Umzugstermin nicht kommen können, da der Kronprinz zwischen altem und neuem Job nur eine Woche frei hat.

Unsere Schule schaltete auf stur. Täte ihnen leid, aber so sei nun mal das Gesetz. Ihre schriftliche Antwort auf unsere Anfragen lautete: "...im Falle der Zuwiderhandlung...Erziehungs- und Zwangsmaßnahmen."

Zwangsmaßnahmen!! Ich höre noch Babys Klassenlehrerin, eine der falschesten Personen, denen ich je begegnet bin - wie ich inzwischen finde - wie sie im Elterngespräch zu uns mit Trauermiene sagte: "Ihr Kind... ist unglücklich... Ihrem Kind...geht es nicht gut... Ihr Kind... braucht Hilfe... Was können wir tun, um dem Kind zu helfen?..."

Nun, dem Kind könnt ihr offenbar am besten helfen, indem ihr ihm die Sommerferien streicht, unter Androhung von Zwangsmaßnahmen - nicht wahr, ihr Süßen? Ich fand schon immer, dass sich hinter vorgeblichem Gutmenschentum (ich benutze jetzt absichtlich dieses Wort, da unser Fall deutlich macht, wie wenig gut Gutmenschen im Zweifelsfall sind!) nichts als Herrschsucht und Kontrollwut verbirgt.

Aber sie hatte selbst empfohlen, dass Baby zur Kinderpsychologin geschickt werden sollte - und mir damit die allerbeste Waffe in die Hand gegeben, mit der ich sie jetzt schlagen konnte. Für die psychotherapeutische Behandlung braucht man nämlich eine ärztliche Diagnose, und die lautete in Babys Fall: Depression.
 

Ich also mit Baby zum Kinderarzt. Ihm den Fall geschildert. Er runzelte die Stirn.

"So etwas habe ich noch nie gehört! Das ist ja fast schon unzumutbar für das Kind. Wenn Sie erlauben, spreche ich selbst mit der Schule. Wenn die nicht einlenken, stelle ich ein Attest aus."

Als ich am nächsten Tag zu ihm kam, um das Ergebnis des Gesprächs zu erfahren, sagte er: "Sie haben mir nicht die volle Wahrheit erzählt! Ihr Baby hatte schon reichlich Fehltage! Die Schule hat gesagt, deshalb werde das Gesetz buchstabengetreu angewandt!"

"Ja, aber warum hatte sie die Fehltage? Weil sie krank war", erwiderte ich. "Sie ist seit April in psychotherapeutischer Behandlung wegen Depression, unter anderem weil sie in der Schule unglücklich ist. Zumindest die Klassenlehrerin weiß darüber Bescheid, vielleicht kennt aber die Direktion den Fall nicht so genau.... Die Lehrerin selbst hatte mir empfohlen, Baby zur Psychologin zu schicken, weil das Kind krank wirke und sich nicht konzentrieren könne. Was soll ich denn dazu jetzt sagen? Ich könnte zur Direktion gehen und zu Recht sagen: 'Ich habe Ihnen vor zwei Jahren ein gesundes, fröhliches, lernwilliges, begeisterungsfähiges, vielseitig interessiertes und selbstbewusstes Kind gebracht, das sich gefreut hat, auf diese Schule zu kommen. Was bekomme ich jetzt zurück? Ein verunsichertes, unglückliches, psychisch geschädigtes Wrack, das immer mal wieder mit Selbstmord droht, ganz besonders wenn es in die Schule muss. Was haben Sie eigentlich hier mit meinem Kind gemacht, dass es in so einem Zustand ist? ... Und Sie gönnen dem Kind nicht mal eine Erholungspause, damit es mit frischen Kräften einen Neustart machen kann!"

Der Kinderarzt schaute mich nachdenklich an. "Da haben Sie völlig Recht. Das sehe ich genau so."

Wenig später ging ich mit einem offiziellen Befreiungsattest wegen psychischer Erkrankung zum Schulsekretariat und gab ihn dort ab. Baby hat Ferien :P Na, wenigstens halbe Ferien.



Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.