Saint Sunniva in den Stahlkammern

19.05.2017 um 22:44 Uhr

Tirili, tirilo, tirila-a :)

Stimmung: also geht's noch :)
Musik: EAV - Küss die Hand, Herr Kerkermeister

Mal wieder, und wie bei uns üblich, hängt der Haussegen schief. Weil! Der Prinz hat nächste Woche ein Bewerbungsgespräch in der Gegend, in die der Umzug geplant ist. (Erster Househunt endete schon, statt mit einem schnellen Zuschlag, mit einem preisbedingten Totalflop! Aber das wäre auch zu schön gewesen.)

Der Umzug ist Thema Nr. 1 (ich muss bereits Tag und Nacht Ladungen für den Recyclinghof zusammenstellen - Hauptproblem ist Baby, unser Messie, der sich grundsätzlich nicht trennt. Ich werde ihr morgen eine "Dennis-Karl-Kiste" hinstellen (der unerschrockene Entrümpler aus "Das Messie-Team"), daneben eine "Vielleicht"-Kiste, damit ihr das Sortieren leichter fällt.)

Da ich zunächst mal in der anvisierten neuen Gegend keinerlei Kundschaft habe und dort wie hier nach einer Zeitarbeitsfirma suchen muss, die was für mich hat, sind wir, neben einer Miete, die nur halb bis 5/8 so hoch ist wie hier, auf einen Kronprinzenverdienst angewiesen, der diesen hier erreicht, wenn nicht gar toppt. Andernfalls muss der Kronprinz "nein" zu dem potenziellen Arbeitgeber sagen, und entsprechend angespannt ist er jetzt.

Während er also angespannt am Tisch saß und die Zähne in ein Stück Melone schlug, während er auf Fred wartete, der ihn zu einem Politikwissenschaftsvortrag abholen wollte (der Glückliche darf auf einen Politikwissenschaftsvortrag, und ich muss enrümpeln, wie fair ist denn das!!?), rief ausgerechnet meine alte Dame aus Amerika an. Ob ich nicht den Sommer über als Gesellschafterin bei Mrs. F. bleiben wolle, sie habe ihre letzte Gesellschafterin verloren, weil deren Mutter ins Pflegeheim gemusst habe und sie jetzt nach Baltimore sind, und sie habe Angst allein im Haus. Sie würde gut zahlen, ich würde toll untergebracht (oh ja, ich kenne das Haus von Mrs. F., es ist mit allen Schikanen!) und sie würde, sofern sie nicht ins Krankenhaus müsse, immer für mich kochen (oh ja, sie kocht sagenhaft! Außerdem wohnen meine Eltern einen knappen Kilometer entfernt.)

"Warum nicht?", sagte ich. "Falls sich mit der neuen Arbeit jetzt nichts ergibt..." Plötzlich hatte ich Heimweh nach der prächtigen Siedlung mit ihren Palmen und Golfplätzen, und Baby würde sicher auch gerne ein paar Wochen da verbringen, Strand und Pool und Ausfahrten und jede Menge wilde Tiere, ganz abgesehen davon, dass die Großeltern sie natürlich gewaltig verwöhnen (nur Smartphone und PlayStation sehen sie nicht so gern!)

"Ich werd's ihr vorschlagen", sagte meine Mutter. Sie weiß, wenn meine Antworten sehr einsilbig sind und wenig Emotionen verraten, dass der Kronprinz mithört. (Der Kronprinz und meine Mutter können sich seit einem gigantischen Streit Anno '10, von dem keiner mehr weiß, worum es da eigentlich ging, absolut nicht riechen.) Deshalb beendeten wir das Gespräch ziemlich schnell.

Und richtig, kaum hatten wir aufgelegt, da giftete der Kronprinz schon los: "Was baldowert ihr hinter meinem Rücken aus? Will die uns wieder mal auseinanderbringen? Hast du den Umzug vergessen?" Er ließ sich überhaupt nicht beruhigen, glaubte mir nicht, dass der Vorschlag auch für mich überraschend gekommen sei, und Baby mitnehmen, das gehe ja nun mal gar nicht, das sehe nach Trennung aus, etc. etc. Mehr als "Aber Prinz...Prinz...aber..." kriegte ich gar nicht heraus, weil er mich nicht zu Wort kommen ließ.


Dann klingelte glücklicherweise Fred. Der Kronprinz schaltete auf fröhlich und ließ sich nicht das Geringste anmerken, als er die Jacke überwarf und sich verabschiedete, aber seine Augen sagten Wir sprechen uns noch. Kronprinz wittert beim kleinsten eigenen Schritt, den ich unternehme, gleich Hochverrat, während er durchaus häufig sein eigenes Ding verfolgt und selbstverständlich davon ausgeht, dass ich damit einverstanden bin.

Schon allein deshalb packt mich der Trotz. Ein paar Wochen in Amerika verbringen, Mrs. F. spazierenfahren, für sie einkaufen, mich mit ihr unterhalten und fernsehen stelle ich mir durchaus netter vor als die bedrückte Stimmung, der Stress hier in unserem räumungsklagebedrohten Palazzo und so banale Fragen wie die, wie viele Tischtücher ich behalten soll (eigentlich essen wir derzeit immer von Sets, aber Tischtücher braucht man eben auch mal zwischendurch... und sie kosten schauerlich viel, wenn man sie neu kauft... und selbst wenn es schäbige sind, kann man sie noch zum Verpacken und, nicht zu vergessen, zum Quilten oder für eine Halloweenparty benutzen... :))

Hatte heute im Abstellraum ganz hinten einen zugebundenen Gelben Sack gefunden. Was war drin? Ein Kopfkissen mit echten Gänsedaunen. Das konnte nur von Rosemarie stammen. Es war ziemlich dreckig. Ich freute mich dennoch mega über den Fund, weil der Kronprinz ein neues Kissen brauchte. Ich würde es bei 60 Grad waschen, trocknen und das alte wegschmeißen. Sicherheitshalber zog ich, bevor ich die Waschmaschine anschmiss, einen Bezug mit Reißverschluss über das Kissen. Das erwies sich als kristallkugelmäßige Hellsicht :) Nach dem Waschgang öffnete ich den Bezug und sah innendrin prompt, statt des erhofften sauberen Kissens, einen fetten Haufen zusammengeklumpter dunkler Daunen. Das Kissen hatte sich einfach aufgelöst. Ein paar Fetzen der Umhüllung ließen sich noch finden, völlig mürbe und durchlöchert. Hatten wohl schon Mäuse drin genistet. Wohl bekomm's ihnen, dachte ich, die hatten eine echte Luxussuite. Na, dann geht eben dieses zum Recyclinghof. Ich packte es nass wie es war in den Gelben Sack zurück und stellte den beiseite zum Abtransport.

Grübelte noch eine Menge über den Kronprinzen, die aktuelle Sachlage (es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Hartz IV und einem neuen Zeitarbeitsjob, der mir just gestern von der lieben Zuhälter(=Zeitarbeits-)firma Cargo in Aussicht gestellt wurde, aber noch nicht fix ist) sowie Hazy und Terrorkid nach. Letztere benehmen sich nach wie vor sonderbar. Whatsapp heute. Ich frage Hazy: "Hast du Terrorkid heute gesehen?" - Hazy darauf: "Nee, ja, ich weiß nicht." - "Wie? Hast du, oder hast du nicht?" - "Was weiß ich! Nein, hab ich nicht. Geh mir doch nicht dauernd mit dem auf den Zeiger." - "Jetzt erklär mir doch endlich mal, warum ihr euch zerstritten habt!" - "Wir haben uns nicht zerstritten, er geht mich einfach nichts an, und ich ihn nichts, ja?" Ergo bin ich so schlau als wie zuvor. Und Terrorkid selbst ist nicht viel gesprächiger, kaum dass er grüßt. Er habe ein Problem. Aha, ganz was Neues! Terrorkids zweiter Vorname ist "Problem". "Welches denn?", frage ich (und hoffe, dass er sich keine Kohle von mir leihen will). Aber er sagt einfach gar nichts!

Später sagt er, es gebe bei ihm ein Familienproblem. Oh, Neuigkeiten! Der Name dieser Familie lautet übersetzt "Sehr große, sehr traditionsreiche Familie mit jeder Menge absolut riesengroßer Probleme" :) Würden Terrorkid und ich heiraten, könnte ich meine Probleme noch beisteuern, dann wäre der Problemreichtum des Clans Weltliga"Was denn für eins?", frage ich, werde jedoch auf "später" vertröstet.

Der Rest ist Schweigen und das dauert bis zur Stunde an. (Ich vermute, dass irgendjemand daheeme sich den Fuß mit der Axt abgehackt hat, an Cholera erkrankt ist, vom IS entführt oder vom örtlichen Imam mit einem grauslichen Bannfluch belegt wurde, und jetzt hat Terrorkids Papa, der früher für Zia-ul-Haq Rebellen massakriert hat und auch heute noch niemals ohne Knarre aus dem Haus geht, bei Todesstrafe befohlen, Terrorkid müsse so-fort heimwärts jetten, den Turban in den Familienfarben aufsetzen und zu seiner Rechten sitzend am Großen Familienrat teilnehmen, damit das Problemchen alsbald gelöst werden könne :) ) Na ja. Wenigstens geht es nicht um Geld :)))


Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.