Saint Sunniva in den Stahlkammern

06.12.2017 um 01:15 Uhr

Das erste Mal

Stimmung: skeptisch
Musik: keine

Ich bin schlaflos. Heute ist ein großer Tag. Weltpremiere!!! Ich werde zum ersten Mal in meinem Leben einen Relaunch Day abhalten, mich bei jemandem remote einloggen, eine Whitecard ausrollen, einen Desktop and Z Drive Backup restoren und Encryptions reencrypten.

Allerdings habe ich noch nicht rausbekommen, wie man die Restore-Batchdateien remote zu dem anderen rüberkopiert, aber das verraten mir hoffentlich morgen noch schnell ein paar Kollegen. ...

Ach, fragt mich lieber nicht, warum ich so komische Sachen mache oder wie ich dazu komme. Hätte mir das vor einem Jahr jemand aus dem Kaffeesatz gelesen, hätte ich ihn einfach ausgelacht. Aber never mind the bollocks - hier bin ich! Ich mache das, weil ich ja irgendwas machen muss, und weil ich, wenn ich richtig gut darin werde (was sich erst noch zeigen muss - es kann auch sein, dass ich eine absolute Null darin bin, weil es, wie bei allen Angelegenheiten in meinem Leben, keine Generalprobe gibt) hoffentlich mal gut verdiene. Oder jedenfalls besser als vorher :))) Und niiiiiieee wieder mit nicht zahlenden Kunden zu tun habe.

Heiliger Isidor von Sevilla (das ist der Schutzheilige des Internets, falls ihr es noch nicht wisst), hilf mir. Failure is not an option, amen !!! Ich muss noch schrecklich viel lernen. Ich hätte mir keinesfalls jetzt schon die Reife für einen Relaunch Day bescheinigt, aber irgendwann muss ich ja anfangen.

Der gr.K. begegnete mir heute auf dem Flur, aber abgesehen von einem kurzen Gruß kam keinem von uns ein Sterbenswörtchen über die Lippen. Er schaute zu Boden, fehlte bloß noch, dass er rot würde. Im W*hatsapp schaut er alle Naselang für ein paar Minuten herein, schweigt aber eisern. Pah, das kann ich auch :P

Na, mal schauen, wer länger durchhält, haha! Glücklicherweise sitzt dieses mirakulöse Wesen etwa 8 Türen weiter, in einem anderen Team, und meidet derzeit konsequent die Kaffeebar. Das finde ich albern. Inmitten aller anderen Leute kann ich ihn ja weder verführen, noch ihm eine kleben :) Außerdem habe ich ihm ja mein Verständnis und Einverständnis ausgedrückt, dass wir die Angelegenheit nicht weiterverfolgen. So what! Er ist eben, trotz allem Etwas-Habens, trotz blendener Zähne, Intelligenz, Augenbrauigkeit und Kräftigbeinigkeit, einfach kein Terrorkidmaterial, sorry, babe :)))

04.12.2017 um 01:04 Uhr

Die Seejungfrau fächelt sich mit der Flosse und lächelt

Stimmung: versonnen
Musik: Evanescence - Lithium

Also... Leut' gibt's! Ich habe ja bereits vom grinsenden Kollegen berichtet. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, wie es so schön heißt, und so haben der gr.K. und ich auf unsere Parkplatzromanze noch einen Tacken draufgesetzt. Natürlich fand, orthodox nach Bill Clinton, keinerlei 6 statt Fröhlich Die Clinton-Orthodoxie reichte uns jedoch bei weitem nicht, und wir verabredeten, uns fürs Wochenende zu verabreden. (Da haben wir's, dachte die Niva, das ist jetzt, Achtung, tadaaaaaa: Auftritt Terrorkid II.)

Doch plötzlich bekam der gr.K. kalte Füße - und das, obwohl er angeblich (ich betone: angeblich) von seiner Hauptfrau die offizielle Erlaubnis zum Seitenspringen hatte. Er zog die Notbremse und befahl der Niva freundlich, aber bestimmt, sich fortan aus seinem Leben herauszuhalten. Es sei denn, er entschließe sich noch mal anders. (Waaas?! Du hast se wohl nicht mehr alle, ist die Niva eine verdammte Nachttischlampe, dass du sie an- und ausknipsen kannst!!?)

Ich sage ja, Leut gibt's :) Lieber gr.K., mit offizieller Erlaubnis von zuhause, meintest du, auf einen kleinen spaßigen Konsumtrip zu gehen. Affären hat man halt in Europa, das gehört so zum Lifestyle. Das hattest du mal irgendwo gehört oder auf RTL 2 gesehen oder bei Facebook aufgeschnappt. Aber plötzlich fandest du dich bis zur Hüfte in der brausenden Atlantikbrandung. Und die riss an dir, dass du nicht mehr wusstest, wo du herkamst, was du wolltest und wie ums Verrecken du eigentlich da hingekommen bist. Du wolltest dich nur noch... verzaubert von dem fremden Element, in die Tiefe stürzen, und da erschrakst du fürchterlich, weil es nicht dein Element ist, und du hast dich aufgerappelt und mit aller Gewalt zurück an den Strand gekämpft, nein, nicht zur Strandbar, wo man immerhin noch reden könnte, sondern im Direktflug zurück in die heimische Blockhütte, wo du schnell und brav die Schuhe ausgezogen und dich hinterm Sofa versteckt hast, dass die Hausherrin dich nur ja vor den Naturgewalten verteidige, die dich da draußen umbringen wollen :))) Soooo einfach ist das eben nicht mit  dem European Lifestyle.

Es gibt Erlebnisse, die bestellt man, und es gibt Erlebnisse, die lassen einen nicht mehr als denselben Menschen zurück.

Die Seejungfrau winkt mit der Flosse, sammelt ein paar weiße Steine und lächelt rätselhaft. Keine Angst, gr.K. Ich habe dich gesehen. Ich habe dich gespürt. Du bist nicht mehr derselbe Mensch. Du kommst zurück.

25.11.2017 um 01:09 Uhr

Niva scheitert mit dem Versuch, leidenschaftlich gleichgültig zu sein

Stimmung: malign
Musik: Such A Surge - Jetzt ist gut

...und heult den ganzen Abend. Wobei ihr das angeblich waterproofe Volume-Mascara übers ganze Gesicht läuft.

Es ist der wasserreiche Abschluss einer äußerst flüssigen Woche, reich an abstoßenden liquiden Dingen und Ereignissen.

Am Montag wurde mir überraschend ein Zahn gezogen, und zwar stückweise, mit äußerstem Einsatz grober Kraft und dürftigem Ergebnis. Die Wurzelspitze blieb drin, und man hofft und betet, dass sie sich nicht entzündet. Darauf wartet man nun allseits gespannt, während man fleißig Blut in Taschentücher spuckt, ein großes Loch im Lächeln hat und nur einseitig kaut, und zwar ausgerechnet auf der Seite, wo ohnehin schon ein paar Molaren fehlen. Sehr effektiv. Und so malerisch.

Am Dienstag schiss die Katze ins Zimmer, weil sie am Abend zuvor fettige Brathuhnstückchen gefressen hatte und weil der Kronprinz auf die tolle Idee gekommen war, eine Spezial-Katzenkloplastiktüte unter die Katzenstreu zu legen. Das wäre ja im Prinzip sehr löblich, wenn nur die Katze sich ebenfalls über diese Neuerung gefreut hätte. Aber sie weigerte sich einfach, das Klo zu benutzen. Na, ratet mal, wer putzen durfte. Wie immer der A(llgemeine) A(rsch) v(om) D(ienst).

Am Mittwoch schrie und weinte die komplette Sippschaft. Die Gründe sind ziemlich verwickelt. In der endlosen und weit verzweigten Kausalkette spielten folgende Dinge eine Rolle:

Baby sollte ihr Smartphone abgeben, weil sie eine schlechte Note in Physik gekriegt hatte und außerdem nicht zur Psychologin gegangen war, worauf die Mama sagte, sie könne nicht ruhig zur Arbeit gehen, wenn sie sich nicht darauf verlassen könne, dass Baby das Richtige tue, worauf der Kronprinz lostobte, er solle wohl alleine arbeiten gehen, worauf seine Frau sagte, das sei nun mal Aufgabe des Mannes, vor allem wenn er auf einen ordentlichen Haushalt bestehe, was ja für den Kronprinzen vollauf zuträfe, worauf der Kronprinz schrie, wenn er gewusst hätte, dass seine Frau eine solche Prinzessin sei, habe er sie gleich verlassen, außerdem halte die Familie nicht mehr zusammen, jeder pflege nur sein Ego, nicht mal nach Orlando-Alaska begleite ihn seine Familie, worauf Baby schrie, sie wolle nie mehr dahin zurück, und Mama in die Bresche sprang, jemand müsse sich um Kind und Katze kümmern, die stünden ihr im Moment näher als eine alte Frau, die ihr Leben gelebt habe, außerdem kämen Martin und Madeleine auch, und schließlich sei auch das Geld nicht da, um schon wieder 600 km weit zu fahren, zumal ihre treuesten Paladine und Regenschirmverleiher, die B*erlin LBB, ihr jetzt die Brocken hingeschmissen hätten und fünftausend Euronen von ihr verlangten, worauf der Kronprinz damit angab, von ihm verlangte B*erlin LBB gar sage und schreibe zwölftausend Euronen, weshalb Baby zu Weihnachten keine S*witch (oder war es S*watch? irgendwas Überflüssiges, Überteuertes) bekäme - letzteres gefolgt von einem erneuten Tränenausbruch Babys - und überhaupt sei DER UMZUG ein riesiger Fehler gewesen, er würde am liebsten wieder alles rückgängig machen, nichts werde besser, alles nur immer schlimmer - zwischenzeitlich fegte er die Katze vom Sessel, weil sie den Stoff ankratzte , worauf Niva motzte, die Katze könne ja nichts dafür, und Baby kreischte "Ich hasse euch" (Kopfstimme) - und als Niva das Baby durch die Wand schluchzen und den Kronprinzen mit Selbstmord drohen hörte, vergrub sie den Kopf in den Armen, heulte ebenfalls und machte den oberschlauen Vorschlag, das Baby ins Internat zu den Großeltern zu schicken und dann einen Doppelselbstmord zu begehen (aber das hörte Baby glücklicherweise nicht).

Die Katze stolzierte, davon unberührt, über die Tastatur und zerkaute friedlich ein Palmenblatt.

Der Kronprinz und Niva einigten sich darauf, dass es am besten sei, jetzt eine schöne Tasse Tee zu trinken, von denen sich eine auf den Fußboden ergoss (was zum allgemein hohen Flüssigkeitspegel noch ein Quäntchen hinzufügte), nahmen je eine Schlaftablette, schliefen ein und träumten gar nichts oder schlecht oder dass sie tot seien (wie sie sich am Donnerstag gegenseitig erzählten). Masterticket, Masterplan, ohne Plan fahr'n, fahr'n, fahr'n fahr'n auf der Autobahn.

Am Donnerstag ging es weiter, weil Baby heimlich Cola gekauft, diese ausgetrunken und die leeren Flaschen einfach hinters Bett geworfen hatte.

Die Woche gipfelte dann darin, dass eine Kollegin auf der Schulung in Tränen ausbrach, weil sie glaubte, die Aufgaben niemals verstehen zu können. Niva selbst fand sich zu ihrer nicht geringen Überraschung zu vorgerückter Stunde mit dem grinsenden Typen vom vorigen Eintrag zwar nicht im Bett, jedoch immerhin auf dem Autositz wieder, was mit den entsprechenden Körperflüssigkeiten einherging, die zwar zu erwarten waren, Niva jedoch in Verwirrung stürzten, weil diese Aktion ja jetzt irgendwelche Konsequenzen in irgendeiner Form nach sich ziehen müsste, und sei es auch nur die Frage zu klären, ob es bei dieser Aktion bleiben oder es weitere geben würde.

Man ging fröhlich grinsend auseinander, 10 cm über dem Asphalt schwebend, mit der Abmachung, sich später auf W*hatsapp zu treffen. Als man dann aber vor besagtem saß, brach Niva aus reiner Verwirrung einen gigantischen Streit vom Zaun, sodass zumindest bei Niva weitere Körperflüssigkeit in Form von Tränen vergossen wurde und beim grinsenden Kollegen zumindest das Grinsen verschwand, weil er sich verteidigen wollte, aber gegen den Borderline-Zorn der Niva, gepaart mit ihrer gefinkelten Argumentationskraft, nicht ankam. Worum es bei diesem Streit ging, dauert leider sehr, sehr lange zu erklären (Kernthema: Frauen; Unterthema: Einstellung zu denselben), aber der ehemals grinsende Kollege kam, nachdem er Whatsapp wutentbrannt ausgeschaltet hatte, noch dreimal zurück, um zu schauen, ob die Niva noch was gesagt habe.

Hatte sie nicht.

"Wie soll ich dir denn jetzt noch in der Firma begegnen?", hatte der ehemals grinsende Kollege gefragt, worauf die Niva patzig geantwortet hatte: "Gar nicht! Wir sind ja nicht mal in derselben Abteilung!!" Und halt am besten den Rand und grinse jemand anders an, hatte sie noch gedacht (aber nicht gesagt).

Als dann zum krönenden Abschluss noch das stets un-liquide Terrorkid aufkreuzte und 200 Euronen schnorren wollte, war es endgültig vorbei, und im Geiste erschien der Niva ein riesiger Swimmingpool, auf dem im magisch wabernden blauen Schein der Unterwasserbeleuchtung ihre Leiche trieb, in deren nach oben gedrehten Augen sich die Sterne spiegelten.

Kelly Watch The Stars!!?

Ich schätze, ich werde die Firma so schnell wie möglich wieder verlassen, egal, was der Kronprinz sagt! (Er würde es mir selber ausdrücklich befehlen, wenn er wüsste, was geschehen ist!)


Z-Move! Masterticket to Hell!

23.11.2017 um 12:38 Uhr

Zähne

Stimmung: komisch
Musik: Alex Kassel - Chasing The Dream

Und wie bin ich jetzt hier wieder hingeraten?!

"Hier" ist in einem Gebäude namens HS-Campus, an der Kaffeebar im ersten Stock. Die Kaffeebar ist weiß und sehr aufgeräumt.

Ich habe etwas in der Hand, das wie eine Telefonkarte aussieht (falls ihr das noch kennt :) ) und Smartcard heißt. Es ist weiß, enthält einen Chip und es steht nix drauf.

Von meiner Hüfte baumelt ein kleines rundes Ding herab. Damit öffnet man hier Türen.

Die Espressomaschine gurgelt und leuchtet rot.

Ich nehme die Tasse und will gerade in den Schaum pusten, da ist da plötzlich mir gegenüber ein Grinsen.

Bräunliches Gesicht und geschätzt 64 Zähne. Weiß.

Ey Leute, was geht???!!!

Im Hintergrund höre ich Abkürzungen murmeln: AIT, VDI, AD, gAHD... (...und denke an den Rap "MfG, mit freundlichen Grüßen...")

Ich flüstere in das grinsende Gesicht: "Wie...wie lange bist du schon hier?"

Ich erwarte nicht wirklich eine Antwort.

"22", antwortet das Gesicht.

(Hatte nicht mal einer gesagt, die Antwort auf alle Fragen sei 42...?)

Das Grinsen persistiert.

Ich grinse vorsichtig zurück und verstecke mich hinter einem Bistrotischchen....

Neue Begriffe in meinem Leben: IMAC, Masterticket, Incident, Incident Group, KDB (nicht zu verwechseln mit KGB, was ich am Anfang zu hören geglaubt hatte Fröhlich, HR Event, SIAM ID, GDB ID, PersID, Setup Session, Whitecard, ZDrive Backup.

Ich schaue nach oben, ob ich vielleicht durch ein Kaninchenloch hier rein gefallen bin.

Jemand, der 27 wird, hat Mettbrötchen mitgebracht. Ich beiße hinein und hoffe, gleich nicht 10 Meter groß zu sein.

Einer aus meinem Team will sich dauernd vom Dach stürzen. Eine andere kennt eine, die ist mit 38 schon OmaVerrückt

Der Himmel ist dramatisch schön. Wenn es nicht gerade regnet.


01.11.2017 um 18:52 Uhr

Er lässt uns nicht fallen...

Stimmung: unschlüssig
Musik: keine

Wieder einmal glaubt der Kronprinz, jetzt sei der große Durchbruch da. Er gratuliert mir zum heutigen Bewerbungsgespräch, als hätte ich den Job schon in der Tasche - dabei besteht dazu nicht der geringste Anlass. Ich glaube nicht, dass ich den Job bekomme, und falls doch, werde ich mich dort bis auf die Knochen blamieren, weil ich das, was verlangt wird, überhaupt nicht kann.

Es werden 20 Leute für IT-T-Support gesucht, und davon habe ich keinen blassen Schimmer. Die Erzherzogin meinte, das sei egal, man suche in erster Linie Leute, die englisch sprächen, gefragt wurde ich allerdings heute ausschließlich nach IT. O.K., ich habe niemandem etwas vorgemacht... Das Baby ist nach wie vor depressiv und war schon wieder tagelang nicht dazu zu bewegen in die Schule zu gehen.

Gefragt, was für ein Problem sie diesmal habe, sagte sie, zur Schule gehen sei sinnlos, weil ihre Eltern auch zur Schule gegangen seien und dennoch nur Scheißjobs bekommen hätten. Dem kann man eigentlich nur zustimmen, aber mir wird ganz anders, wenn ich mich jetzt wegen meiner "Scheißjobs" auch noch vor meiner eigenen Tochter schämen muss...

Kein Geld, Waterboarding von meinen Eltern (die ich schon lange nicht mehr um Hilfe bitte - aber einmal waterboarden tut gut, rückt die Verhältnisse ins rechte Licht und lässt kein zu gutes Lebensgefühl bei dem Versagerhaufen aufkommen, denn ein gutes Lebensgefühl hat besagter Versagerhaufen nicht verdient).

Wollt ihr was über mein Lebensgefühl hören? Bitte sehr. Mutlosigkeit, nackte Verzweiflung und Traurigkeit, dazu das Gefühl, ganz allein auf dem Planeten zu sein. "Das Dasein in seiner Wesensbestimmtheit ist das Hinausgehaltensein in das Nichts..."

"Ich glaube nicht mehr an Gott", sagte der Kronprinz, und ich sagte (ich gebe zu, das war sarkastisch): "Ich schon. Schau mal, er hält uns zwar so ein kleines bisschen im 12. Stock an den Füßen aus dem Fenster, aber keine Angst, er lässt uns schon nicht fallen."

Immerhin hat sich für Terrorkid die ewige Pythonerei gelohnt... Er tritt in wenigen Tagen einen neuen Job an. Zwar verdient er da anfangs auch nicht gerade die Welt, aber dafür ist er zur Weihnachtsfeier nach London eingeladen. Neid :)

16.10.2017 um 08:23 Uhr

Krallen

Stimmung: zuckersüß
Musik: keine

Bin noch nicht sicher, wie die Katze Babys Abwesenheit verdaut - Baby hat heute nach den Herbstferien wieder ihren ersten Schultag. Als ich Baby hingebracht hatte (weder sie noch ich hatten in der Nacht ein Auge zugetan), hatte sich Tinki (ich wollte sie ja eigentlich Hatschepsut, Zelda oder Dilip Raj Bahadur nennen, aber Baby protestierte lauthals gegen jeden meiner Vorschläge Fröhlich) in Babys Bett versteckt, schien jedoch die Dinge ruhig anzugehen.

Als sie mich bemerkte, sprang sie vom Bett herunter, rannte zu mir, verfolgte mich bei jeder Tätigkeit (besonders beim Auffegen ihrer Katzenstreu) und sauste eine Weile wie verrückt in der ganzen Wohnung herum, wobei sie Luftsprünge wie ein Handballstar vollführte. Nachdem sie ein Handtuch, mehrere Kastanien, eine leere Tüte Bonbons und ein vier Meter langes Gymnastikband erlegt hatte sowie ein paar Mal die Wäschetonne aus Stoff zähnefletschend und mit heftigen Krallenhieben zu einem Zweikampf herausgefordert hatte, liegt sie mir jetzt schnurrend auf dem Schoß und sieht nicht so aus, als wolle sie den Platz so bald wieder räumen :) Hat ja auch ganze Arbeit geleistet für so einen frühen Morgen.

Upps! Jetzt hat sie gerade meine Schulter erklettert und lässt sich darauf nieder. Sie klettert auch, um auf meinen Schoß zu gelangen, einfach an meinem Jeansbein hoch, wobei sie, autsch!!! ihre Krallen schon ziemlich kräftig gebrauchen muss, denn sie wiegt - wie Baby vorgestern ermittelt hat - schon rund 900 g :)

Immer ist was los mit dem Kätzchen, aber vor einigen Tagen war Baby ihretwegen in desperater Stimmung, weil Tinki sich von ihr nicht streicheln lassen wollte (beide waren unausgeschlafen, weil Baby mit ihrer Freundin und der Katze die ganze Nacht Quatsch gemacht hatten!) Baby kündigte an, Tinki nicht mehr zu füttern, weil sie "so ein unmögliches Vieh" sei, sie sogar angefaucht habe, außerdem sei sie nur noch am Katzenklo-Saubermachen, seit die da sei, und das werde sie ab sofort nicht mehr tun.

Ich schnappte nach Luft über so viel unreifes Benehmen und musste erst mal innerlich bis zehn zählen. Bin von meiner Tochter allerhand gewohnt, aber das ging nun wirklich zu weit. Immer hatte sie mich beneidet, weil wir früher so viele Tiere hatten - aber dass die Tiere jede Menge Arbeit machten und dass ich, sogar noch jünger als sie jetzt, streckenweise verantwortlich für ein Pferd, einen Esel und sechs Katzen war und sie ganz allein fütterte, tränkte und saubermachte - jeden Tag versteht sich! - das hatte sie wohl bis dato verdrängt. Und sie gibt vor, die Versorgung einer einzigen kleinen Katze sei die Hölle an Arbeit!!

Ich war ernsthaft wütend, erklärte ihr aber dennoch geduldig, dass es so nicht gehe. Sie sei verantwortlich für das Tier, wenn sie sich ein Tier anschaffe, und man könne eine Katze eben nicht zwingen, sich streicheln zu lassen, sie sei eben kein Hund. "Außerdem seid ihr all beide müde und habt schlechte Laune, sieh mal, Tinki schläft schon auf dem Sessel, jetzt lass die schlafen und geh auch selbst ins Bett." Natürlich marschierte Baby sofort zum Sessel, riss Tinki an sich, die genervt quietschte, verschwand aber in ihrem Zimmer und erkletterte ihren Adlerhorst. Ob sie schlief, weiß ich nicht, aber sie schien jedenfalls ruhig dazuliegen. 

Am nächsten Tag tat es ihr Leid, wie sie sich aufgeführt hatte, aber mir gibt es zu denken. Manchmal glaube ich, dass Baby eine gute Handvoll Gene von Rosemarie geerbt hat. Diese rasend machende Mischung aus absichtlich die Fakten ignorierender Sturheit,  auftrumpfender Besserwisserei und einem Auftreten wie die Axt im Wald oder, alternativ, wie ein hilfloses kleines Kind, damit andere das für sie tun, was eigentlich sie tun soll. So klein ist sie nämlich nicht mehr, dass sie nicht selbst wüsste, was für einen Unsinn sie manchmal von sich gibt und wie rücksichtslos sie ihre komplette Bezugsgruppe behandelt.

Der Kronprinz gibt natürlich wieder mir die Schuld, ich hätte sie zu sehr verwöhnt und würde ihr zu oft nachgeben, aber er beißt mit seinem Gebrüll und Geschimpfe und seinen Befehlen natürlich bei ihr erst recht auf Granit.

Gestern Abend, ich hatte gerade Tee gekocht, schaute ich noch mal online, was Terrorkid machte. Er hatte wenig Zeit, weil er gerade wieder Python mit einem Online-Lehrgang büffelte. Kam doch tatsächlich dieser geizige Blutfetischismus-Komsomolze von neulich auf W*hatsapp und traute sich, mich anzusprechen. Tolldreist.

"Hey."

"Wer ist hey."

"Ich bin's."

"Wer ist ich."

"M. Würde ich gern treffen."

(Ich bin ohnehin abergläubisch bei Männern mit M, die haben mir in der Vergangenheit nur Unglück gebracht.)

"Verpiss dich."

"Was."

"Tschüss."

"Nein. Komm."

Na gut, da verpisste eben ich mich, auch recht. Wütend

 



09.10.2017 um 17:18 Uhr

Der Haussegen (Waterboarding II)

Stimmung: als ob ich im Thermomix übernachtet hätte
Musik: Sugababes - Stronger

(Auftritt Haushaltsvorstand, mit sich steigerndem Gebrüll:) "Waaaaas ist das hier!! Es stinkt!!! Überall nach Katze!!! Und wie sieht es hier aus!! Guckmaguckmaguckma...da...DA...alles Krümel, alles verdammte Scheiß Katzenfutterkrümel. Ich werd hier noch bekloppt! Hatte ich nicht gesagt, du sollst verdammt nochmal...guck mal hiiiiier drunter...unter dem Tisch aufräumen!!!? Dass da endlich mal gesaugt wird? Und? Warum tust du es nicht??!! Kannst du nicht mal eine einfache Sache erledigen? Wie kann man nur so schlampig sein??? Ich kann da nicht saugen, verdammte Scheiße...!!! Nivaaaaaaa....! Steh verdammt noch mal AUF und schau dir den Dreck hier an. Ist das meine Tochter!!!? Welcher Messie, welcher Penner ist mir dazwischengefunkt? Hä???? Fra-au!!!! Ich komme nach Hause und alles ist verdreckt. Ihr lebt hier wie die Penner und es macht euch nicht mal was aus!!! Jeder macht hier nur, was er will...."

(Tochter, zischend) "Ich hasse dich!" (Tochter knallt die Tür zu)

(Auftritt seine Frau, gähnend, flüsternd, ihn streichelnd) "Bitte setz dich, du erschreckst ja die Katze... willst du einen Kaffee? ... Ich räume es gleich weg... die Katze hat leider in Babys Bett gepinkelt, weil sie sich nicht traute runterzuspringen... entschuldige... sie kann echt nichts dafür... normalerweise geht sie so brav aufs Katzenklo, wirklich toll ist das für so eine Kleine... ich fege auf... ich bin noch nicht dazu gekommen...das ist noch nicht ganz eingespielt hier alles...da, es ist schon weg... das Bett ziehe ich gleich noch ab... so... nimm mal die Katze...hör mal, wie die schnurrt, so süß...ich weiß, du bist müde... Baby, bitte räum das da unten jetzt weg, das dauert doch gar nicht lange...Jetzt beruhige dich bitte...ich mache das Fenster auf...siehst du, 's stinkt nicht mehr..."

Wie hieß der alte Spruch?

Männer, die keine Katzen mögen, versprechen keinen Ehesegen :)

Der Kronprinz entwickelt sich nachgerade zu einem Haustyrannen (man beachte den Satz "Jeder macht hier nur, was er will"), dabei versuche ich wirklich alles im Griff zu haben: Artikel, Bewerbungen (der Kronprinz zwingt mich, mich auf jeden Scheiß zu bewerben), Geldbeschaffung, sauberes Geschirr und Wäsche, Hausordnung, Verhandlungen mit Gläubigern, das Eheleben, das widerspenstige Kind, das neue Kätzchen...

Ich bin so müde und deprimiert, mein Kampfgeist ist am Ende, mir fehlen Liebe, Respekt und Geborgenheit, der alte Schützengraben hat uns wieder. Verzeih bitte, Kronprinz, dass ich mich jetzt nicht auch noch um Ommas Probleme kümmern kann, ich KANN nicht!

22.09.2017 um 11:26 Uhr

Niva und Idschie-Lil frühstücken zusammen

Stimmung: kennt ihr das, wenn man angeekelt ist und dennoch lachen muss?
Musik: Moody Blues - Nights in White Satin

Idschie-Lil klingelt online an. "Wunderschönen guten Morgen, Niva!"

"Guten Morgen, Idschie-Lil. Was machst du gerade?"

"Frühstücken. Es gibt Chapatti und Spiegeleier." (Er schickt ein Bild.)

"Oh, das sieht aber knusprig aus!"

"Habe ich selbst gebraten! Willst du mit frühstücken?"

"Aber ja! Ich habe gerade großen Hunger!"

Ich hole mir Kaffee und ein Schoko-Croissant und schicke davon ein Bild. "Guten Appetit, Idschie-Lil!"

"Danke gleichfalls, Niva! Erzählst du mir was?"

"Hmmmm. Eine richtig schöne, deftige Geschichte aus meinem Kulturkreis?"

"Au ja!"

"Die musst du hören. Also. Ich gehe ins Hangouts und da sitzt dieser Tätowierte."

"Was, der schon wieder! Na, herzlichen Glückwunsch!"

Ich winke ab und beiße ins Schokocroissant. "Also, er erzählt mir, dass er neulich einen Dreier gemacht hat."

Idschie lacht. "Alle Männer mögen Dreier!"

"Scheint fast so. Dann fragt er mich, ob ich gerne Dreier mache! Nee, sage ich, lieber ess' ich einen Regenwurm!"

Idschie lacht so, dass er sich fast am Chapatti verschluckt. Dekadenz aller Art freut ihn, besonders wenn sie mit Sex zu tun hat.

Ich fahre fort: "Und dann habe ich ihn gefragt, ob er eine Frau für einen Dreier weiß. Ja, sagt er, er könne eine fragen. Willst du denn einen machen? Mit zwei Frauen? fragt er mich und reibt sich schon die Hände. Ich antworte, ich will gar nicht, aber ich muss! Es soll ein Geburtstagsgeschenk sein!"

"Was?", fragt Idschie und hört auf zu kauen.

"Ja, und er sagt, o.k., aber dafür verlange ich etwas. ...Was denn, frage ich.... Dich, sagt der Typ."

Pause bei Idschie.

"Könntest du bitte das Thema wechseln?", fragt er dann.

Dekadenz ist herrlich, aber offenbar nicht zum Frühstück....








19.09.2017 um 12:52 Uhr

Wo es kein Drama gibt

Stimmung: gut
Musik: Nickelback - Feed The Machine

Einer meiner Kunden hat ein bisschen was bezahlt. Juhu, ich muss heute nicht zur Pfandleihe! Die Arbeit geht mir leichter von der Hand als die ganzen Monate davor. Und heute Abend gibt's Grüüüüüünkohl :) ... Mit!!!! .... Brägenwurst!!!!

In der Wohnung ist es immer noch knackekalt.

Die Stoffrollos, die ich gewaschen habe, trocknen - bei einer Luftfeuchtigkeit von 62 Prozent - kein Stück. Wahrscheinlich werden sie schimmeln, ich muss sie von neuem waschen.

Habe es vermieden, mich in Hangouts einzuloggen. Da lauert ein tätowierter Maulheld, um mir sein bestes Stück zu zeigen. Das beste Stück mag zwar für gewöhnliche krude Ansprüche gut sein, doch verleiht es mir leider keinerlei Wärme, Behaglichkeit oder Energie, weder äußerlich noch innerlich.

Immer druff mit'm Holzhammer! Geht's nicht ein bisschen flamboyanter, du Baumarktkunde, du ins Regal langender Discountkäufer, du auf den Mund gefallenener, valiumgepowerter One-Size-Fits-All-Komsomolze? Ich glaube dir, dass du Stehvermögen hast. Ich glaube dir sogar, dass du dein Stehvermögen behieltest, wenn du mich live sähest. Aber das, was du zu geben hast, suche ich nicht, und das, was du von mir willst, gebe ich dir nicht.

Das Internet ist immer für Unterhaltung gut, aber Romantik kann es nicht, trotz Millionen von Mitspielern. Der Schwarm ist nicht romantisch. Und, allen Behauptungen der Technokraten zum Trotz, nicht mal sonderlich intelligent. Im Gegenteil. Ja, ich will etwas. Ich will! Intelligenz! Fantasie!! Flamboyanz!!! Geheimnisse!!!! Gefühle!!!!! Draaaaaaaaamaaaaaaaaaaaaaa!!!!!!

Es gibt auf der ganzen Welt kein Terrorkid II. Sieh dieser Tatsache ins Auge, mach eine Eisskulptur und atme weiter, Saint Sunniva auf dem Betonsockel! Etwas wird geschehen, denn es gibt die Ewigkeit.

Ich gehe ins Bad und schminke mich. Haha, denke ich, wenn's drauf ankommt, bin ich nach wie vor The Face. Sooooooo sehen Sieger aus. Nur Mut. Mein Personalausweis ist auch fertig. Und im nächstgelegenen Tierheim gibt es sage und schreibe 60 junge Kätzchen, weshalb ich mit Baby in den nächsten Tagen einen Ausflug ebendorthin machen werde.  

16.09.2017 um 09:43 Uhr

Das Jägerhirn

Musik: keine

Vor zwei Jahren gab es einen Weltkongress zum Thema AD(H)S und noch immer kämpft dieser hirnorganische Sonderstatus hierzulande um Anerkennung. Wenn überhaupt, wird die Sachlage entweder mit endloser psychologischer Wühlarbeit in der Familie des/der Betroffenen verschlimmbessert (wobei das zu Streitigkeiten in der Familie führt, aber nicht im Geringsten nützt) oder aber - das ist noch der angenehmere Fall - mit Antidepressiva bekämpft (was zwar die gesellschaftliche Usability des AD(H)S-lers erhöht, ihn aber müder und unkreativer macht).

Ein US-Wissenschaftler beschreibt den AD(H)S-ler im Vergleich zum Nicht-AD(H)S-ler als "Jägerhirn vs. Bauernhirn": Der Jäger plant nichts, und die Uhrzeit ist ihm ziemlich egal. Es kommt halt, wie's kommt. Aber sobald er eine heiße Spur aufgenommen hat, verfolgt er sie bis zum bitteren Ende, notfalls ohne Essen und ohne Schlaf. Der Bauer versteht nicht, wie man so ungeregelt leben kann, bewundert jedoch, wenn es ein gutes Jagdergebnis gibt, und fragt sich, wie dieser desorganisierte Mensch das hingekriegt hat.
Hyperfokussierung heißt das Phänomen.

Der Jäger pfeift aufs Steinesammeln und Unkrautjäten auf dem Acker (im Alltag: einen Plan machen und sich daran halten, aufräumen, rechtzeitig irgendwas fertig haben, Ordnung halten). Er pfeift auch meistens auf regelmäßige Versammlungen und Besprechungen. Das können die Bauern machen, das ist ihre Stärke. Manchmal lässt der Jäger sich tagelang nicht blicken, und wenn, grüßt er kaum, weil er innerlich mit was beschäftigt ist, das der Bauer garantiert für Unsinn, zumindest aber für unnütz hält... Wenn aber plötzlich ein Typ da steht und den Acker an sich reißen will, schlägt der Jäger zu.

Der Jäger liefert das Wild nicht pünktlich zu irgendeiner Uhrzeit, sondern dann, wenn er es hat. Wenn aber der Bauer hinfällt und sich den Fuß bricht, ist der Jäger der Erste und Ausdauerndste, der hilft, und zwar ohne darüber nachzudenken, wie viel Zeit es ihn kostet.

ADS ist erblich. Meine Tochter, die kleine Jägerin (sie liebt Aloy, die Jägerin aus "Horizon Zero Dawn"), stammt in direkter Linie von einer großen Jägerin ab. Ein typischer Konflikt von "Jägerin" Niva mit "Bäuerin" Anzengruber (Projektorganisatorin): "Warum schaffst du es nicht pünktlich zu sein? Immer bist du zehn bis fünfzehn Minuten zu spät."

"Tut mir Leid, der Bus ist mir vor der Nase weggefahren. Ich versuche es wirklich, das kannst du mir glauben... Aber hier, zwei DIN-A-Vier-Seiten Ideen für die Aktionswoche."

"Was, hast du die schon gemacht? Wann das denn?"

"Heute Nacht, als ich mit den Texten fertig war."

Das Team Anzengruber/Niva konnte auf die Dauer nichts werden, trotz gegenseitiger Sympathie - wenngleich Ideen von Niva auf der Aktionswoche umgesetzt wurden. Frau Anzengruber verzieh Niva ihr ewiges Zu-Spät-Kommen nicht (das sie als Affront wertete), und Niva verzieh Frau Anzengruber nicht, dass sie gute Ideen und schnelles Arbeiten der "kleinlichen" Pünktlichkeit nicht vorzog.

Aber das sind kleine Probleme. Das Baby hat die weit größeren Probleme, da sie es nicht schafft, Dinge zu lernen, die keine heiße Spur eines Jagdwildes, sondern eindeutig Bauernkram sind (z.B. Verbformen, Zahlenreihen, Formeln). Die Schule besteht zu einem großen Teil aus diesem Bauernkram und wird auch von Bauern geführt, weswegen Jägerin Baby schlecht bewertet wird. Wir müssen uns schnellstens um eine geeignete Therapie, vielleicht sogar mit Medikamenten, kümmern, bevor alles den Bach runter ist. Im Moment hat der Schulwechsel geholfen, neue Besen kehren gut, aber wir wissen, dass das Problem sich jederzeit wieder zeigen kann...

Ein typisches ADS-ler-Problem nervt mich gerade: Bis Mitte nächster Woche will ich ein bestimmtes Interview fertig geschrieben haben, ich kann jedoch im Moment den Collegeblock nicht finden, der die Notizen dazu enthält. Dabei glaubte ich, alles, aber einfach alles für die aktuelle Arbeit Wichtige in zwei bestimmte Taschen gepackt zu haben. Die Taschen sind da, die Sachen auch - nur eben die Notizen zu diesem verflixten Interview nicht. Es ist aber sehr wichtig, zudem bin ich in Arbeitsstimmung, und ich hasse es, Sachen suchen zu müssen!!!

Gut, ich habe zuvor auch noch ein, zwei andere Dinge zu schreiben, die ebenfalls wichtig sind, und inzwischen taucht das Interview vielleicht doch noch auf. Es taucht dauernd was auf, sogar die drei Metallfüße von des Kronprinzen Kugellampe (die aber nicht ich, sondern er verpackt hatte, und die auch ewig nicht aufzufinden waren).

Inzwischen trinke ich meinen erbärmlichen Instantkaffee (vom Kronprinzen verächtlich "Muckefuck" genannt - er höchstselbst bevorzugt Filterkaffee, den er "Marketenderware" nennt), lasse das Baby schlafen, warte darauf, ob vielleicht Terrorkid wach wird, und wasche die beiden Stoffrollos, die ich immer die "kolonialzeitlichen" nenne, in der Badewanne. Die sollen nämlich aufgehängt werden, sobald Geld da ist unnd ich neue Metallhaken zur Befestigung der Stangen, an denen sie befestigt sind, besorgen kann. Die alten Haken gehören ebenfalls zu den Dingen, die schlicht nicht mehr auffindbar sind (wetten!! Sobald die Rollos hängen, tauchen sie auf! :)) )

Gestern Abend brachte ich den Kronprinzen zum Bahnhof. Er wollte die Nacht mit ein Mal umsteigen durchfahren, um die Carpathia aus der Werkstatt abzuholen. Ansonsten dreht sich sein ganzes Denken derzeit nur um Rosemarie (die im Übrigen wieder komplett fit ist - hatte ich's nicht prophezeit! - und alles verweigert, was es zu verweigern gibt, allem voran die verordnete Reha!) und darum, wie sehr er seinen Job hasst. Er drängt mich dazu, wieder einen Vollzeitjob anzunehmen (meine Verachtung gegenüber Männern, die ihre Frauen auf Krampf arbeiten schicken, selbst aber höher bezahlte, doch anstrengendere Jobs verweigern, ist grenzenlos).

Ihm ist die neue Wohnung zu kalt, zu unordentlich, und auch sonst hat er allerhand zu meckern - obwohl DER UMZUG seine ureigene Idee war und er so gut wie keine Arbeit damit oder Kosten dadurch hatte, im Gegensatz zu mir!! Ich habe an der neuen Wohnung nichts zu meckern :) Immerhin hat er bei seinem letzten Trip in die alte Heimat den kippsicheren Titan-Barium-Keramik-Elektroofen mitgebracht (ebenfalls meiner!), sodass wir jetzt immerhin ein warmes Badezimmer haben, wann immer wir es brauchen. Kalte Wohnung ist mir ziemlich egal, aber kaltes Badezimmer ist ein No-Go! Für Baby auch! Und die muss man sowieso ins Badezimmer schleifen, für ihr "Jägerhirn" gehört Duschen/Baden eher zu den lebensunwichtigen Dingen (diese Sichtweise ist mir aus meinen eigenen Teenyzeiten allerdings völlig unbekannt. Ich weiß gar nicht, wie oft mein Vater an die Tür geballert hat, wenn er hörte, dass ich wieder mal duschte, oder gar badete - er fand, ich verschwendete Wasser und Heizenergie! Er selbst ging ins Betriebsschwimmbad, duschte dort und wusch sich die Haare, damit das zuhause nicht die Energiekosten in die Höhe trieb :))))

Offenbar sind Menschen wie mein Paps daran schuld, dass Betriebsschwimmbäder heutzutage einfach nicht mehr angeboten werden. Dabei könnte sich eine größere Firma 10 Fitnessräume, 100 Tischkicker und 1000 Lachyogakurse sparen, wenn sie ein hübsches Schwimmbad mit Sauna, Wasser-Turngeräten und Wärmeliegen hätte, so wie sisch dat in meiner Teenyzeit jehörte - plus natürlich heutzutage eine wunderschöne, geschlängelte Rutsche mit ordentlichem Plumps, da ja Treppensteigen gut für den Kreislauf ist und schöne Waden macht, und optional auch einen Whirlpool für gemütliches Networking ohne Alkohol und Puffbesuch :))) )

Terrorkid schrieb gestern, dank Python werde er wohl bald wieder einen Job haben, das Echo auf seine Bewerbungen sei jetzt deutlich positiver. Na, das walte Hugo, mein (im wahrsten Sinne des Wortes) Teuerster !! Im nächsten Leben kaufe ich mir lieber Rennpferde, die schwindeln wenigstens nicht :P Ich habe auch kein Geld mehr und wieder einmal verdammte Zahlungsprobleme, aber das ist den beiden Herren wie üblich völlig egal.

Den Kronprinzen sollte es allerdings interessieren, dass wir die neue Wohnung allein aufgrund meiner Schufa-Losigkeit gekriegt haben, denn heutzutage können nicht nur Banken, sondern es kann jeder beliebige Scheißer in die Schufa gucken und tut es auch, und egal um was für Schulden es sich handelt, es beschneidet dem Menschen das Grundrecht auf Freizügigkeit!! Wie der Schuldenturm des Mittelalters - da gibt es wirklich keinen Unterschied.

Meine persönliche Hitliste der dämlichsten Songs dieses Sommers (Radio-Abschaltquote 100 Prozent):
1. Wohin - willst - du - wohinnnn - gehst - du - (keuch - keuch - japs - japs)
2. Ohne-plan-fahrn-ohne-plan-fahrn
3. Mypreddyliddlegal-way-girl (dideldumdididumdum) gal-way-girl

(dideldumdididumdum)
viertens. Unnnnduuuuusetzmichschachmatt!

(Mal einen dämlichen Song spielen geht für mich in Ordnung, aber diese Nullnummern werden den ganzen Tag auf allen Sendern runtergenudelt, sagt mal, Sender, wie hoch ist eigentlich euer Schmiergeld!!!?)

09.09.2017 um 13:30 Uhr

Kalt

Musik: Calvin Harris feat. Pharrell Williams, Katy Perry & Big Sean - Feels

Der Kronprinz ist schon wieder weg, diesmal mit einem Mietwagen, um unsere allerletzten Sachen abzuholen und um Rosemarie zu besuchen, der es den Umständen entsprechend brillant geht (dafür hat er neulich sein Leben riskiert!!), das Baby schnarcht noch, es ist grau und regnet. "Diese Wohnung ist viel zu kalt", beschwerte er sich gestern, "die verdammte Heizung geht nicht! Wie kann man erst ab Oktober heizen!!" Seit neuestem glaubt er nämlich, DER UMZUG sei die größte Schnapsidee seines Lebens gewesen, ein riesiger Fehler, ein nicht wieder gut zu machende Idiotie, entsprungen seinem Traum, seine Kindheit wieder zum Leben zu erwecken.

Wie seine Kindheit war, kann ich nicht beurteilen, und ob die Gegend dem Vergleich zu früher standhält, natürlich ebenso wenig! Für mich ist es hier alles neu, aber mir gefällt's sehr gut, das Wetter ist wie in meiner rheinländischen Heimat, und das Baby fühlt sich wohl, hat Freundschaften geschlossen und bringt seit neustem Einsen und Zweien, statt Fünfen und Sechsen, nach Hause.

Aus meiner Perspektive war also DER UMZUG keinesfalls eine Schnapsidee - obwohl ich am Anfang diejenige war, die DEN UMZUG für eine Riesen-Eselei hielt und ihn nur befürwortete, weil ich aus dem alten Trott raus musste und weil das Baby dringend einen Neustart brauchte, ganz woanders, wo man sie nicht kannte. Wenn einen sowohl die Lehrer als auch die Mitschüler immer in dieselbe Schublade stecken, bleibt einem nichts anderes als Land zu gewinnen - und außerdem bringt das frische Kräfte!

Während ich dem Kronprinzen eine zweite Bettdecke bezog, erinnerte ich ihn sanft daran, dass wir das Gespräch über die Septemberkälte in der alten Wohnung schon haargenau so geführt hatten - auch die wunderbare großstädtische Fernwärme kam erst ab Oktober durch die Rohre, und man brauchte mehr Decken, mehr heiße Getränke und dickere Pullis. Der Kronprinz hat's nur vergessen und will auf Krampf Haare in der neuen Suppe finden. Aber das macht die Erschöpfung, die ich ebenso spüre. Habe immerhin in den letzten paar Tagen endlich wieder ein paar vernünftige Texte für meine Kunden verfasst und verschickt.

Das wurde höchste Zeit. Die Telekom hat, wie in einem High-Tech-Land zu "erwarten", sage und schreibe "nur" fünf Wochen gebraucht, unseren Anschluss freizuschalten. Der Elektronikshop, wo wir den Telekomvertrag abgeschlossen hatten, hatte uns, nachdem ich lauthals meinen Unmut kundgetan und gesagt hatte, der internet- und telefonlose Zustand sei existenzvernichtend,  eine Zeitlang mit einem kostenlosen Mobilrouter ausgeholfen, aber der konnte keine unendliche Menge Daten übertragen, und so war das auch keine Dauerlösung.

Als wir dem Griechen, bei dem wir schon ein paar Mal gegessen haben, von unserem Telekom-Trouble erzählten, antwortete der, dass wir noch von Glück sagen könnten: Bei ihm habe es ganze acht Wochen gedauert, und das mit einem Restaurantbetrieb!

Deutschland, deine T*elekom von Gottes Gnaden! Im Ausland hat die den allerbesten Ruf, denn große Firmen bekommen natürlich im Handumdrehen alles, was sie wollen. Hier braucht sich keiner aufzuregen, dass laut über höhere Gebühren für schnelles Internet nachgedacht wird, es ist doch schon längst gängige Praxis, dass Großzahler bevorzugt behandelt werden. Allerdings hatte ich gedacht, es handle sich um Tage, nicht Monate Unterschied im Arbeitstempo des rosa Riesen...Wütend

Ich trödle so vor mich hin, trinke meine - für Außenstehende - gruselige M*axwell House-Instantkaffeeplörre und genieße den Zustand, dass mich keiner um Punkt irgendeine Uhrzeit irgendwo hinhetzt, und schiebe geistig-virtuell die noch nicht aufgehängten Bilder an den Wänden hin und her, um die effektvollste Position herauszufinden.

Habe nicht die geringste Lust zu telefonieren oder auf W*hatsapp mit Terrorkid zu quatschen, der seit einigen Tagen wieder in Spanien ist. Wie er das wieder durchgesetzt hat, hat er mir nicht verraten, doch ist offenbar jetzt sein Plan, gründlich Python zu lernen, um damit Geld verdienen zu können. Hazy behauptet, er - Hazy - verdiene bereits eine zweistellige Eurosumme stündlich damit, aber Terrorkid sagt, dass Hazy nicht das Geringste von Python versteht und außerdem permanent schwindelt. Seine angebliche spanische Freundin sei ein pures Phantom.

Als ich Hazy fragte, wie es seiner Freundin denn gehe, sagte der, sie sei schon wieder in Spanien, sie sei nur für 1 Semester als Austauschstudentin da gewesen, jetzt aber suche er sich zur Abwechslung eine deutsche Freundin. Hazy? Er würde aussehen wie Danny DeVito, wenn Danny DeVito 26 wäre und einen Lockenkopf hätte. Na ja, mit Schlauheit und einem guten Humor kann man schließlich auch landen, unmöglich ist das ganz und gar nicht, zumindest bei Damen, die das Ungewöhnliche liebhaben. Bin jedenfalls gespannt :))) Fröhlich

Habe immer noch nicht rausgefunden, warum die beiden Curryritter sich eigentlich gegenseitig hassen, zumal sie leugnen, dass sie sich hassen. Im Zweifelsfall ist die Ursache sicher weiblichen Geschlechts... Genug des Geschwätzes, ich bin auf der Jagd. Ich spekuliere gerade auf Baisse bei Rouladenfleisch, das es gestern beim P*enny gab. Wenn es niemand gekauft hat, schnappe ich es mir (hoffentlich) zum Wochenend-Supersparpreis und mache am Sonntagabend Rouladen, die mögen wir alle, und auch der Kronprinz ist wieder mit seinem schrecklichen Schicksal versöhnt.

Hurrikan Irma rast mit Windgeschwindigkeiten bis zu 210 km/h auf das Anwesen meiner Eltern zu (sie selbst sind glücklicherweise gerade in D, sonst wäre ich außer mir vor Sorge).

14.07.2017 um 02:47 Uhr

Der Fluch des Falke-e-en, der Fluch...des Falkeeeen...

Stimmung: will Pfirsichtorteletts
Musik: The Prodigy - Smack My Bitch Up

Nachdem ich heute eine Spritze in den Fuß bekommen hatte, seitlich in den Fersenknochen - was derart weh tat, dass ich schrie wie am Spieß und mir die Tränen nur so über die Wangen liefen, sodass die ganze Praxis froh war, als ich wieder draußen war - stand mir der Sinn nach etwas leichter Unterhaltung, und ich entblockte den doofen Idschie-Lil wieder, einfach so, um zu sehen, was passieren würde.

Dieser hobbylose Kerl bemerkte es sofort, kam angerannt und quasselte drauflos. Ich bereute es alsbald, dass ich ihn entblockt hatte, weil er es wie üblich schaffte, mich innerhalb weniger Minuten auf die Palme zu bringen.

"Willst du meine Geschäftspartnerin werden?", zirpte er. "Wir machen einen Deutsch-Englisch-Übersetzungsdienst auf und bieten den im Netz an. Wir teilen Hälfte-Hälfte."

"Muss ich da was bezahlen?", fragte ich misstrauisch. (Die Geschäftsmodelle von Idschie-Lil zeichnen sich dadurch aus, dass sie so sind wie der ganze Typ, nämlich montags bis freitags dumm wie Brot und samstags und sonntags dümmer als die Polizei erlaubt. Das heißt, dienstags und mittwochs hat er keine dummen Geschäftsideen, denn an diesen Tagen ist er nie da - wohl in dummen Geschäften unterwegsBeschäftigt)

"Nein, nein. Ich gehe auf das Bieterportal und wenn da einer einen Auftrag hat, biete ich mit. Dann schicke ich dir das und du übersetzt es. Was kannst du denn übersetzen?"

Deinen Namen mit Arsch-und-Friedrich, dachte ich missmutig. Das klang mir nämlich wieder mal nach so einer Angelegenheit, bei der ich die ganze Arbeit haben und dafür null Euro aufs Konto bekommen würde.

"Ich kann alles übersetzen", sagte ich gähnend. "Zeitungen, Wissenschaftstexte, Gebrauchsanweisungen, Romane, diese Aufschriften, die auf Voodoopuppen sind, Plakate, Werbung, Briefe, Speisekarten..."

"Super! Dann melde ich uns gleich an", freute sich Idschie-Lil.

"Moment", sagte ich, "du bietest? Was bietest du denn?"

"Uns. Und unseren Preis", sagte Idschie stolz.

"Von was für Preisen sprechen wir hier?", fragte ich misstrauisch. "Ich muss dich darauf hinweisen, dass ich bei solchen Arbeiten gewöhnlicherweise 60 Euro pro Stunde oder 120 Euro pro Normseite koste."

"Ohje, das wird nicht gehen", sagte Idschie, schon etwas kleinlauter. "Die Konkurrenz ist sehr groß, und wenn wir mit solchen Preisen ankommen, kriegen wir keinen Zuschlag."

"Na, und, an was für einen Preis hast du denn gedacht?", fragte ich.

"Na ja... so ungefähr... 'n Fünfer pro Text?"

"Idschie! Anscheinend hast du das Handbuch "Geschäfte für Anfänger", Kapitel 1, Seite 1 nicht gelesen. Da steht: Zweck des Geschäftemachens ist Geld verdienen."

"Wenn wir erst mal 'n paar Aufträge gehabt haben, sind wir bekannt und können mehr verlangen..."

"Idschie!! Dann sind wir bekannt als die billigen Nutten von der Ecke Industrieweg/Carl-Benz-Straße. Ich mach mir doch keine Arbeit, wenn ich damit für den Strom meines Rechners mehr ausgebe als ich verdiene, das kannst du doch wohl verstehen."

Idschie seufzte. "Na gut, es war ja nur 'ne Idee."

"Hast du deine amerikanische Freundin schon gefragt?", wollte ich wissen.

"Nee."

"Vielleicht kann die auch übersetzen? Was macht die denn beruflich?"

"Nichts. Die ist Hausfrau."

"Dann ist sie wohl reich? Hausfrau ist man nur, wenn ein Einkommen für beide reicht, was es aber in der Regel nicht tut, vor allem in Amerika."

"Weiß ich nicht."

"Das ist doch die mit den Riesenmöpsen?", foppte ich ihn. "Dann hat die sich wohl vom Geld ihres Alten auch noch ihre Möpse richten lassen."

"Waaas?"

"Also ja. Super. Rechne mal 22.000 Euro, wenn sie noch dazu ihre Nippel auf das obere Drittel vom Silikonball hat setzen lassen..."

"Was redest du denn da?"

"...und mir bietest du hier 'n Job für'n Fünfer an. Weißt du was, Idschie? Ich erschieße dich mit einer Makarov."

"LOL! Hahahaha, du bist immer so lustig...! Du hast doch gar keine Makarov!"

"Wenn ich in Braunschweig bin, kriege ich eine", schwindelte ich.

"Wo liegt denn Braunschweig?"

"So ungefähr 7000 Kilometer von dir. Egal, da darfst du sowieso nicht hin. Flieg lieber nach Amerika und schau dir die Frau an, die einen Kerl, von dem sie nicht schlecht lebt und der ihr sogar neue Möpse für 22.000 Euro kauft, mit dir hintergeht", grollte ich.

"Du missverstehst das total", verteidigte sich Idschie.

Ich glaubte ihm kein Wort.

"Wenn ich die sehe, erschieße ich die auch mit meiner Makarov."

"Ich muss gehen", behauptete Idschie. Das sagt er immer, wenn ihm nichts mehr einfällt (also selten).

"Na, dann tschüss", sagte ich und sah mir eine Minute lang an, wie das Häkchen hinter dem Schlusssatz grau blieb. Er war entfleucht. Nicht nur doof, sondern auch ziemlich schwache Nerven.

Ich dachte an meine imaginäre Makarov, machte die Geste eines Schusses und kicherte vor mich hin. Aber dann dachte ich wieder an die grässliche Spritze und an all den Stress, den ich wegen des Umzugs, und Babys Schule und deren grober bürokratischer Willkür, sonst noch so hinter mir hatte, und da wollte ich eher wieder weinen.

"Idschie, du bist ein solcher Spackoid", murmelte ich, und mir war bewusst, dass ich wie zwölf klang und mich auch so verhielt.

Was meine Mutter wohl sagen würde, wenn sie wüsste, was ich für dämliche Unterhaltungen führe, und mit was für Leuten? Die würde denken, ich hätte nicht mehr alle Latten am Zaun und gehörte eingewiesen, dachte ich.

Da ist sie doch selbst dran schuld, sie hat mich hier reingejagt, dachte ich dann. Das wäre ihr die gerechte Strafe.

Gestern hat der Kronprinz verzweifelt nach einer Spedition gesucht, die bei unserem Umzug das Grobe übernehmen kann. Angeblich sagte Nr. 1 ab und Nr. 2 kostete 2.300 EUR.

Da ich ja sowieso anscheinend hier den ganzen Umzug allein machen darf, obwohl er nicht mal meine ureigene Idee war, machte ich mich auf die Suche nach einer Spedition. Nach zehn Minuten Internetrecherche und Rumtelefonieren hatte ich eine.

Ja, sie hätten Platz für uns in der letzten Juliwoche und würden diese Strecke übernehmen. Ich sollte nur die Start- und Zieladresse, die Lage der Wohnungen eine Liste mit den größten Möbelstücken mailen. Was ich tat. Ich mailte auch, dass wir etwa 60 bis 80 Kisten brauchen würden (da wir zuvor schon einen Stapel Kisten, die Fahrräder und anderen leichten Krempel mit einem Kleintransporter hinbringen werden).

Eine Stunde später kriegte ich ein reelles Angebot.

Ich dann den Kronprinzen angerufen. "Hoooooheiiiit", trällerte ich, "alles wird gut. Wir fliegen mit dem Falken."

"Häääh?"

"Unsere Spedition. Dogan, welches da heißt 'Falke', wird unseren Krempel fahren."

"Geiiiil. Wie hast du das geschafft?"

"War nicht so schwierig. Man muss es halt nicht nur bei den Großen probieren, die jeder namentlich kennt. Und dadurch, dass wir keine Küche ab- und aufzumontieren haben, was ja die schlimmste Arbeit ist, wird es sehr kostengünstig. ... Kannst du raten, wie groß der Gesamtinhalt unseres Palazzos ist?"

"Nööö...?"

"31 Kubik! Das haben die berechnet. Und du behauptest immer, es sei zu viel", grinste ich. "Beim 'Messie-Team' war mal ein Messie, der hatte 26 Kubik allein an Müll!"

"Bei uns ist auch ziemlich viel Müll", murrte der Kronprinz, der, wie schon mal erwähnt, auf Einrichtungen steht, die aussehen wie in einer Möbelausstellung. Wenn's nach ihm ginge, dürfte nicht mal ein Notizzettel irgendwo auf dem Tisch liegen und schon gar keine Pflanze auf einem Fensterbrett stehen ("die machen alles schmutzig").

"Es wird ja noch ein bisschen geschrottet, die kaputte Truhe beispielsweise", erinnerte ich ihn.

"Ach ja, stimmt... Jedenfalls hast du das toll hingekriegt."

"Haaaah! Ich freue mich! Jetzt kann's losgehen", rief ich.

Ich weiß nicht, was es ist, eigentlich habe ich Umzüge immer gern gehabt. Liegt es an der langen Zeit, die wir hier verbracht haben, oder daran, dass ich den Ort, an dem ich Baby bekommen und bis dahin aufgezogen habe, verlasse, dass diesmal das Grübeln die Abenteuerlust überwiegt? Etwas geht zu Ende, das spüre ich, es liegt eine seltsame Wehmut in der Luft, aber das ist nicht das Seltsamste. Manchmal habe ich den vagen Eindruck einer unbestimmten Bedrohung, als würde etwas Schreckliches geschehen, nachdem hier in unserem Palazzo zum letzten Mal die Haustür hinter uns zugeschnappt ist.

Haltung, St. Sunniva auf der Säule, du bist einfach nur nervös, das ist alles.




11.07.2017 um 13:09 Uhr

Im Funkleitstrahl, kurz vor der Einflugschneise

Stimmung: wirr
Musik: Anastacia - Sick and Tired

Jetzt haben wir auf den allerletzten Drücker doch noch eine richtige Wohnung im Zielgebiet gefunden, aus den Dauercampern in spe werden also doch wieder ordinäre Mieter :) Das verdanken wir einem wagemutigen kleinen Schurkenstück von der Niva.

Seine Hoheit der Kronprinz war schon in einen für ihn völlig untypischen Zustand der Verzweiflung abgesackt, und er murmelte wirres Zeug vor sich hin, in dem auffallend oft das Wort "Schufa" vorkam. Doch die Schwäche des Kronprinzen ist die Stärke der Niva (und vice versa!)

"Schufa, wassis Schufa? Hasch du Problem Digga?", skandierte die Niva fröhlich. "Isch nix kenn Schufa. Isch probier ohne Schufa, Alda."

(In "immobilienscout20" werden die Leuts immer aufgefordert, eine Schufa-Selbstauskunft runterzuladen, das ist aber keinesfalls Pflicht - wenn überhaupt, kann ein Vermieter Schufa frühestens dann verlangen, wenn der Mieter mit gezücktem Füller vertragsunterschriftsbereit vor ihm sitzt.... Und überhaupt: Was geht das irgendwen an, welche Kreditverträge wir laufen haben und bei wem, solange wir keine Wohnung kaufen? Den neuen Vermieter geht vielleicht an, ob wir Mietschulden haben, doch das geht extra, mittels schriftlicher Vorvermieter-Auskunft!)

Ich textete in Frage kommende Anbieter an: "Wir brauchen dringend wegen Arbeits- und Schulbeginn... Ersparen Sie sich Arbeit mit Bewerbern und Besichtigungen, wir mieten unbesehen und zahlen sofort!"

Zwei der Anbieter verkrochen sich ganz schnell hinterm Sofa und stellten sich tot. ("Das ist doch ganz und gar verdächtig - das sind bestimmt Terroristen!")

Der dritte schickte uns einen Vertrag.

107 Quadratmeter. Kein Balkon, aber Stück Garten.

Konditionen i.O., wenn auch nicht gerade locker.

Kleintiere (wichtig für Baby) erlaubt.

Dörfliche Umgebung (wichtig für Baby), aber mit Infrastruktur (Läden, Bäckerei etc.)

Entfernung zum Verwandtendorf ca. 10 km (Verpflichtung zum Eintritt in denselben Schützenverein entfällt, Angst der Verwandten vor ständigem Auf-den-Leib-Rücken unsererseits entkräftet).

Entfernung zu Stadt, Schule, Arbeitsplatz Seiner Hoheit: Jeweils ebenfalls rund 10 km. (Näher hatten wir es bisher auch nicht.)

Wir unterschrieben und zahlten.

Wir alle sind gespannt wie die Flitzebogen. Natürlich ist die Wohnung wieder mal am oberen Rand dessen, was wir ausgeben wollen und können, und wir wissen genau genommen gar nichts, nur ein paar Fotos haben wir gesehen, aber betrachten wir das Ganze mal als ein riesengroßes Ü-Ei und als ein spannendes Abenteuer.

Tadaaaaaaaa - wir haben eine Adresse!

Und nun kann die Generalmobilmachung beginnen.

15.06.2017 um 03:53 Uhr

Waterboarding

Stimmung: ich lasse mir nichts anmerken
Musik: Sisters of Mercy - No Time To Cry

Was kriegst du denn später mal für eine Rente?

Wie willst du denn später mal leben, von dieser Rente?

Wie schaffst du es, in einem Bundesland mit nahezu Vollbeschäftigung keine Arbeit zu finden?

Bist du sicher, dass du dich mit genug Energie reinkniest? 

Dein Kind ist verstockt und voller Komplexe!

Du bist schuld, wenn dein Kind untergeht!

Du lässt das Kind den bequemsten Weg gehen, genau wie sein Vater es immer gemacht hat!

Dein Unglück ist deine Partnerwahl!

Du hast den nächsten besten genommen!

Trenn dich endlich von dem Kerl!

Trenn dich endlich von deinen Eltern!

Du lässt dir viel zu viel gefallen!

Du bist ein schlechtes Vorbild!

Ich will nicht wie du werden, sonst werde ich ja arbeitslos!

So einen Scheiß wie du will ich nie machen!

Warum setzt du dich nicht besser durch?

Warum machst du mir alles madig?

Du hast mich nicht lieb!

Warum sagst du dem nicht mal ordentlich die Meinung?

Warum sagst du denen nicht mal ordentlich die Meinung?

Warum schläfst du dauernd?

Du bist zu dick!

Du kommst zu nichts!

So erreichst du nichts!

Ich bringe mich um!

Wenn einer sagt, du siehst gut aus, lügt er, weil er was von dir will!

Auf einem alten Fahrrad lernt man fahren!

Hast du dich aufgegeben?

25.05.2017 um 12:53 Uhr

Die Großfamilien

Stimmung: auf alles gefasst
Musik: Cake By The Ocean

Der Kronprinz hat es geschafft - der neue Job ist ihm sicher. Es wurde ihm sogar angeboten, er könne Disponent werden. Sobald wir ein Häusl zum akzeptablen Preis gefunden haben, kann der Umzug beginnen.

600 km, und unsere Seelen sind schon vorausgeflogen. Wer Schwierigkeiten macht, ist Rosemarie. Die sollte eigentlich mitziehen, in ein "Betreutes Wohnen"-Apartment nahebei, aber sie sitzt der Illusion auf, sie schaffe es hier schon. Sie gehört jedoch zu den Menschen, die "von allein" auf eine Idee kommen müssen, und so glauben wir, sie wird nach einem Weilchen Bedenkzeit nachgeholt werden wollen.

Ich sage immer zu ihr: "Denk dir doch mal - du wärest mit deiner Großfamilie zusammen, so wie du es dir immer gewünscht hast! Du kannst die Leutchen jederzeit treffen und was mit ihnen unternehmen, es kann immer jemand für dich einkaufen oder dich fahren, und wenn du lieber deine Ruhe hast, ist das auch kein Problem."

Dieser Gedanke scheint ihr durchaus verlockend, aber noch schafft sie es nicht, sich von ihrer altgewohnten Umgebung zu lösen. Sicher ist das schwieriger für sie als für uns andere, aber ich glaube, das Argument mit der Großfamilie hat schon Gewicht für sie, zumal ihre Freunde von früher nach und nach sterben oder, alternativ, völlig abdrehen, sodass kein normaler Umgang mehr möglich ist. Außerdem hat sie sich mit ihrem Sohn Martin derart zerstritten, dass er als Kümmerer in Zukunft erstmal ausfällt, und ihm hatte es nichts ausgemacht, an jedem zweiten Wochenende mal schnell hier vorbeizujetten und wichtige Dinge für sie zu erledigen.

Baby freut sich auf den Umzug, vor allem, wenn sie ein Hündchen bekommt (das hängt aber noch von Verschiedenem ab), aber im Moment ist alles wichtig, was sie freut. Denn die Psychologin meint, das Kind sei depressiv, wir sollten sie schnellstmöglich einem Kinderpsychiater vorstellen, um ein geeignetes Medikament für sie zu finden.

Mich alarmiert das, weil Depressionen ohnehin in der Familie liegen und man die Gefahr sehr ernst nehmen muss, aber ich bin froh, dass man heutzutage weiß, dass auch Kinder Depressionen haben können, und dass es geeignete Arzneimittel gibt (zu meiner Zeit war es noch nicht der Fall, es gab zwar psychologische Unterstützung, doch mussten depressive Phasen mit allen Konsequenzen bei fortlaufendem Schulalltag erlitten werden, und das hat sicher nicht zum Besten auf meine psychische Gesamtkonstitution gewirkt!)

Was Terrorkid betrifft, ist der im Moment bei seiner Großfamilie und damit erstmal aufgeräumt. Er hat gesagt, er werde in ein paar Wochen zurück sein. Doch bezweifle ich, dass der Clan ihn gehen lässt (Stichwort "Turban in den Familienfarben aufsetzen":) ) Ein ältester Sohn ist ja dort nicht ganz unwichtig.

Wie seinen Andeutungen zu entnehmen ist, ist Mama Razia ernsthaft krank, das heißt, sie will ihre Kinderchen um sich haben, und da Terrorkid in D bislang keine Arbeit gefunden hat, gibt es für ihn keinen Grund sich fernzuhalten. Außerdem scheint der Clan Geld zu brauchen, sodass erwünscht ist, dass Terrorkid sich erst mal dort einen Job sucht, was wegen seiner guten Ausbildung recht aussichtsreich ist (wenngleich auch die Gehälter unter aller Kanone sind, aber für den Clan sicherlich hilfreich).

Terrorkid hat, wie ich seinen wirren und knappen Nachrichten der letzten Tage entnehme, sehr mit sich gekämpft, ob er überhaupt fliegen sollte. Eigentlich wollte er nicht hin, doch er hat's letztendlich doch getan (die Gesundheit der Mutter ist ein starkes Argument - die Schwierigkeiten, hier einen guten Job zu bekommen, ein weiteres). Jetzt ist er im allgewaltigen Zugriff des Clans, und auf dessen Boden.

Dass er zurückkommen will, glaube ich ihm - die Frage ist, ob er es kann...

Wie sagt der Kronprinz immer so schön? "Tja, einen Tod musst du sterben - " 

23.05.2017 um 18:11 Uhr

Ich versuche...

Stimmung: in den Abgrund starrend
Musik: David Bowie - Thursday's Child

...immer mal wieder, Terrorkid anzuwhatsappen.

Ich will ihn wenigstens noch einmal sehen, bevor der Verschwindefluch seine Wirkung getan hat. 

Er liest die Nachrichten. Aber er antwortet nicht mehr.

19.05.2017 um 22:44 Uhr

Tirili, tirilo, tirila-a :)

Stimmung: also geht's noch :)
Musik: EAV - Küss die Hand, Herr Kerkermeister

Mal wieder, und wie bei uns üblich, hängt der Haussegen schief. Weil! Der Prinz hat nächste Woche ein Bewerbungsgespräch in der Gegend, in die der Umzug geplant ist. (Erster Househunt endete schon, statt mit einem schnellen Zuschlag, mit einem preisbedingten Totalflop! Aber das wäre auch zu schön gewesen.)

Der Umzug ist Thema Nr. 1 (ich muss bereits Tag und Nacht Ladungen für den Recyclinghof zusammenstellen - Hauptproblem ist Baby, unser Messie, der sich grundsätzlich nicht trennt. Ich werde ihr morgen eine "Dennis-Karl-Kiste" hinstellen (der unerschrockene Entrümpler aus "Das Messie-Team"), daneben eine "Vielleicht"-Kiste, damit ihr das Sortieren leichter fällt.)

Da ich zunächst mal in der anvisierten neuen Gegend keinerlei Kundschaft habe und dort wie hier nach einer Zeitarbeitsfirma suchen muss, die was für mich hat, sind wir, neben einer Miete, die nur halb bis 5/8 so hoch ist wie hier, auf einen Kronprinzenverdienst angewiesen, der diesen hier erreicht, wenn nicht gar toppt. Andernfalls muss der Kronprinz "nein" zu dem potenziellen Arbeitgeber sagen, und entsprechend angespannt ist er jetzt.

Während er also angespannt am Tisch saß und die Zähne in ein Stück Melone schlug, während er auf Fred wartete, der ihn zu einem Politikwissenschaftsvortrag abholen wollte (der Glückliche darf auf einen Politikwissenschaftsvortrag, und ich muss enrümpeln, wie fair ist denn das!!?), rief ausgerechnet meine alte Dame aus Amerika an. Ob ich nicht den Sommer über als Gesellschafterin bei Mrs. F. bleiben wolle, sie habe ihre letzte Gesellschafterin verloren, weil deren Mutter ins Pflegeheim gemusst habe und sie jetzt nach Baltimore sind, und sie habe Angst allein im Haus. Sie würde gut zahlen, ich würde toll untergebracht (oh ja, ich kenne das Haus von Mrs. F., es ist mit allen Schikanen!) und sie würde, sofern sie nicht ins Krankenhaus müsse, immer für mich kochen (oh ja, sie kocht sagenhaft! Außerdem wohnen meine Eltern einen knappen Kilometer entfernt.)

"Warum nicht?", sagte ich. "Falls sich mit der neuen Arbeit jetzt nichts ergibt..." Plötzlich hatte ich Heimweh nach der prächtigen Siedlung mit ihren Palmen und Golfplätzen, und Baby würde sicher auch gerne ein paar Wochen da verbringen, Strand und Pool und Ausfahrten und jede Menge wilde Tiere, ganz abgesehen davon, dass die Großeltern sie natürlich gewaltig verwöhnen (nur Smartphone und PlayStation sehen sie nicht so gern!)

"Ich werd's ihr vorschlagen", sagte meine Mutter. Sie weiß, wenn meine Antworten sehr einsilbig sind und wenig Emotionen verraten, dass der Kronprinz mithört. (Der Kronprinz und meine Mutter können sich seit einem gigantischen Streit Anno '10, von dem keiner mehr weiß, worum es da eigentlich ging, absolut nicht riechen.) Deshalb beendeten wir das Gespräch ziemlich schnell.

Und richtig, kaum hatten wir aufgelegt, da giftete der Kronprinz schon los: "Was baldowert ihr hinter meinem Rücken aus? Will die uns wieder mal auseinanderbringen? Hast du den Umzug vergessen?" Er ließ sich überhaupt nicht beruhigen, glaubte mir nicht, dass der Vorschlag auch für mich überraschend gekommen sei, und Baby mitnehmen, das gehe ja nun mal gar nicht, das sehe nach Trennung aus, etc. etc. Mehr als "Aber Prinz...Prinz...aber..." kriegte ich gar nicht heraus, weil er mich nicht zu Wort kommen ließ.


Dann klingelte glücklicherweise Fred. Der Kronprinz schaltete auf fröhlich und ließ sich nicht das Geringste anmerken, als er die Jacke überwarf und sich verabschiedete, aber seine Augen sagten Wir sprechen uns noch. Kronprinz wittert beim kleinsten eigenen Schritt, den ich unternehme, gleich Hochverrat, während er durchaus häufig sein eigenes Ding verfolgt und selbstverständlich davon ausgeht, dass ich damit einverstanden bin.

Schon allein deshalb packt mich der Trotz. Ein paar Wochen in Amerika verbringen, Mrs. F. spazierenfahren, für sie einkaufen, mich mit ihr unterhalten und fernsehen stelle ich mir durchaus netter vor als die bedrückte Stimmung, der Stress hier in unserem räumungsklagebedrohten Palazzo und so banale Fragen wie die, wie viele Tischtücher ich behalten soll (eigentlich essen wir derzeit immer von Sets, aber Tischtücher braucht man eben auch mal zwischendurch... und sie kosten schauerlich viel, wenn man sie neu kauft... und selbst wenn es schäbige sind, kann man sie noch zum Verpacken und, nicht zu vergessen, zum Quilten oder für eine Halloweenparty benutzen... :))

Hatte heute im Abstellraum ganz hinten einen zugebundenen Gelben Sack gefunden. Was war drin? Ein Kopfkissen mit echten Gänsedaunen. Das konnte nur von Rosemarie stammen. Es war ziemlich dreckig. Ich freute mich dennoch mega über den Fund, weil der Kronprinz ein neues Kissen brauchte. Ich würde es bei 60 Grad waschen, trocknen und das alte wegschmeißen. Sicherheitshalber zog ich, bevor ich die Waschmaschine anschmiss, einen Bezug mit Reißverschluss über das Kissen. Das erwies sich als kristallkugelmäßige Hellsicht :) Nach dem Waschgang öffnete ich den Bezug und sah innendrin prompt, statt des erhofften sauberen Kissens, einen fetten Haufen zusammengeklumpter dunkler Daunen. Das Kissen hatte sich einfach aufgelöst. Ein paar Fetzen der Umhüllung ließen sich noch finden, völlig mürbe und durchlöchert. Hatten wohl schon Mäuse drin genistet. Wohl bekomm's ihnen, dachte ich, die hatten eine echte Luxussuite. Na, dann geht eben dieses zum Recyclinghof. Ich packte es nass wie es war in den Gelben Sack zurück und stellte den beiseite zum Abtransport.

Grübelte noch eine Menge über den Kronprinzen, die aktuelle Sachlage (es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Hartz IV und einem neuen Zeitarbeitsjob, der mir just gestern von der lieben Zuhälter(=Zeitarbeits-)firma Cargo in Aussicht gestellt wurde, aber noch nicht fix ist) sowie Hazy und Terrorkid nach. Letztere benehmen sich nach wie vor sonderbar. Whatsapp heute. Ich frage Hazy: "Hast du Terrorkid heute gesehen?" - Hazy darauf: "Nee, ja, ich weiß nicht." - "Wie? Hast du, oder hast du nicht?" - "Was weiß ich! Nein, hab ich nicht. Geh mir doch nicht dauernd mit dem auf den Zeiger." - "Jetzt erklär mir doch endlich mal, warum ihr euch zerstritten habt!" - "Wir haben uns nicht zerstritten, er geht mich einfach nichts an, und ich ihn nichts, ja?" Ergo bin ich so schlau als wie zuvor. Und Terrorkid selbst ist nicht viel gesprächiger, kaum dass er grüßt. Er habe ein Problem. Aha, ganz was Neues! Terrorkids zweiter Vorname ist "Problem". "Welches denn?", frage ich (und hoffe, dass er sich keine Kohle von mir leihen will). Aber er sagt einfach gar nichts!

Später sagt er, es gebe bei ihm ein Familienproblem. Oh, Neuigkeiten! Der Name dieser Familie lautet übersetzt "Sehr große, sehr traditionsreiche Familie mit jeder Menge absolut riesengroßer Probleme" :) Würden Terrorkid und ich heiraten, könnte ich meine Probleme noch beisteuern, dann wäre der Problemreichtum des Clans Weltliga"Was denn für eins?", frage ich, werde jedoch auf "später" vertröstet.

Der Rest ist Schweigen und das dauert bis zur Stunde an. (Ich vermute, dass irgendjemand daheeme sich den Fuß mit der Axt abgehackt hat, an Cholera erkrankt ist, vom IS entführt oder vom örtlichen Imam mit einem grauslichen Bannfluch belegt wurde, und jetzt hat Terrorkids Papa, der früher für Zia-ul-Haq Rebellen massakriert hat und auch heute noch niemals ohne Knarre aus dem Haus geht, bei Todesstrafe befohlen, Terrorkid müsse so-fort heimwärts jetten, den Turban in den Familienfarben aufsetzen und zu seiner Rechten sitzend am Großen Familienrat teilnehmen, damit das Problemchen alsbald gelöst werden könne :) ) Na ja. Wenigstens geht es nicht um Geld :)))

11.05.2017 um 01:15 Uhr

Was ich mir wünsche...

Stimmung: wie Black Gold mit'm Viertelbruch (Kentucky Derby 1928)
Musik: Nine Inch Nails - Every Day is Exactly The Same

...also, wenn ich so direkt gefragt werde, z.B. vor Geburtstagen, oder generell vom Leben, kann ich meistens gar nichts Richtiges antworten. Vielen Leuten fällt wenigstens irgendwas ein, z.B. "mehr Geld", "eine Weltreise", "Hauptsache Gesundheit", "5 Kilo abnehmen", "beim Hawaii-Ironman mitmachen", "Traumpartner finden", "einen Hund mit süßen Schlappohren" (das ist natürlich Baby!)... .

Mir fällt in der Regel nix ein (das war nicht immer so).

Jetzt aber, beim Elternteilgespräch mit Babys Psychologin, kam es ganz prägnant aus mir heraus, wie bei so einer komischen Souvenirmedaillenpressmaschine, wo man oben ein 5-Cent-Stück und unten einen Euro reinsteckt, ein Motiv wählt und draufdrückt, und dann purzelt eine zwingend nutzlose, aber sehr blanke Medaille mit Neuschwanstein, dem Funkturm, dem tollen Bomberg oder Hitlers Klo heraus.

"Ich wünsche mir eine geheime Wohnung!!!"

(Die 5-Cent-Münze war das Gesprächsthema "Privatsphäre und Abgrenzung". Baby z.B. schließt einfach ihre Tür ab, wenn sie ihre Ruhe haben will, ich habe keine Tür, die ich abschließen könnte.)

Erstaunt darüber, dass ich den Wunsch so präzise formulieren konnte, stellte ich später fest, dass der Wunsch echt ist.

08.05.2017 um 16:18 Uhr

Kein Gott, kein Staat, kein Fleischsalat

Stimmung: kaffeedurstig
Musik: Nits - Sun In An Empty Room

Komme vom ausführlichen Termin mit Herrn Klast, meinem neuen Fallmanager, zurück. Für einen Fallmanager ist er ganz in Ordnung. Er wies mich an, wie ich meinen Lebenslauf anders anordnen sollte, und dass ich möglichst meine Tochter nicht erwähnen solle.

"Das können Sie im Gespräch immer noch tun. Sagen Sie dann: Die Betreuung ist geregelt... Die Arbeitgeber wollen nicht, dass Sie, wenn dem Kind morgens schlecht ist, lospreschen, um es von der Schule abzuholen. Natürlich können Sie das, wenn es vorkommt, das ist keine Frage. Es ist nur so, dass man sie nicht unnötig darauf aufmerksam machen sollte..."

"Komisch, mein Mann wird von Arbeitgebern nie danach gefragt", wende ich ein.

"Tja, die Arbeitgeber meinen immer, dass grundsätzlich die Mama zuständig ist. Davon können sie zwar nicht von vornherein ausgehen, aber das tun sie eben. Wie ein Reflex."

"Das ist die Realität", seufze ich achselzuckend.

Er schaut auf den CV, den ich extra für ihn ausgedruckt hatte, und schaut mich scharf an. "Wie alt ist denn Ihr Bewerbungsfoto?"

"Sechs Monate", schwindle ich tolldreist.

"Also, wenn ich das Gefühl habe, die Person, die vor mir sitzt, ist gar nicht die Person auf dem Foto, dann macht das, sagen wir mal, einen seltsamen Eindruck."

Grinsen, Niva, grinsen...! "Jaja, ich weiß, die Haare sind inzwischen schon wieder ein bisschen... und ich trage gerade kein Make-Up..."

"Für diesmal ist's gut. Lassen Sie bald mal wieder ein neues machen, ja?"

"Okay. Wenn das bloß nicht immer so teuer wäre..." (Es ist erheblich zu teuer, dafür, dass ich sowieso nur Absagen kriege - aber das spreche ich natürlich nicht aus.) 

Es gibt neue Auflagen: Man muss pro Monat 8 Bewerbungen nachweisen und Fahrtkosten für einen Bewerbungstermin vorab beantragen. Ich bekomme eine neue Zeitarbeitsfirmenliste (71 stehen insgesamt drauf - Donnawedda, in so einer klaustrophobischen Gegend!), eine Adresse der Schuldnerberatung, einige Angebote von befristeten Jobs, die ich in den nächsten Tagen bewerbungsmäßig durchnudeln soll- ein paar davon klingen sogar recht gut - , und einiges mehr.

Klast schaut in die elektronische Jobcenterjobbörse. (Deren Tätigkeiten-Stichwortsammlung, by the way, auch mal SEO-optimiert werden könnte.) "Kaufmännisch... kaufmännisch... SAP... Nein, das ist alles nix. Sie können es versuchen, klar, aber Sie haben dafür keine Ausbildung."

"Bewerbe ich mich auf das, wofür ich eine Ausbildung habe, bin ich nicht flexibel. Bin ich flexibel, habe ich nicht die passende Ausbildung..."

Wir lachen darüber, weil ich das witzig gemeint habe, obwohl es eigentlich nicht witzig ist. Galgenhumor ist definitiv einer meiner Softskills - aber hat man Galgenhumor, gibt man zu, am Galgen zu hängen, und das ist auch nicht witzig.

"Was ist denn das hier Schönes?", frage ich und nehme einen Flyer von einem kleinen Stapel, der auf dem Tisch ausliegt.

"Das ist eine Studie der Uni über den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und psychischen Problemen", erklärt Klast. "Haben Sie denn psychische Probleme aufgrund von Arbeitslosigkeit?"

"Natürlich. Ich nehme Antidepressiva", sage ich. "Sonst würde ich jede Nacht schreiend aufwachen. Na ja, es ist schon etwas beängstigend, wenn man nicht weiß, wie man alle diese monströsen Schulden bezahlen soll. Oder wenn man eine Absage kriegt, weil man zu groß ist, wie mir mal passiert ist."

"Sie sollten sich freuen, wenn jemand so ehrlich ist, das zu sagen. Normalerweise kriegen Sie nur eine Absage, ohne dass Sie wissen warum."

"Das stimmt. Habe ich auch positiv registriert. Aber letztendlich, wenn man dann zuhause sitzt und drüber nachdenkt, bedeutet das: Ich muss hungern, und mein Kind muss hungern, weil ich ein paar Zentimeter größer bin als der Durchschnitt. Das tut ungeheuer weh, zumal ich ja an meiner Größe nichts ändern kann. Ich trage eben keine High-Heels, aber das ist schon so ziemlich alles... Nur so als kleines Beispiel für psychische Belastung... Und dann soll man fröhlich sein, optimistisch und positiv, weil man ja sonst erst recht keine Chance hat. A propos, gibt es irgendeinen Glücklichen, den Arbeitslosigkeit nicht psychisch belastet?" "Keine Ahnung. Na ja, melden Sie sich halt bei der Studie. Bisschen Geld gibt's auch."

Ich bedanke mich, verabschiede mich und klemme mir meine jetzt noch fettere Akte unter den Arm. Die Papierindustrie muss ja geradezu boomen. Zuhause frieren die Stiefmütterchen vor sich hin, sie versuchen tapfer zu blühen (positiv denken!) aber sehen zerlumpt aus. Die alaska-tauglichen Hornveilchen dagegen sind offenbar im Kühlhaus groß geworden, die wuchern in wilden Büscheln.

Der Kronprinz kommt, wir halten Familienrat. Es geht um den Umzug. Auch so ein Thema. 

05.05.2017 um 00:01 Uhr

Durch die Stahlkammern...

Stimmung: ominös
Musik: keine

..dröhnt die Angst wie ein Hammer auf dickes Metall, und mit jedem Herzschlag wird es mehr.

Ich sehe dich, Unheil, ich spüre dich, Angst, da bist du, Adrenalin, komm her und lass uns anfangen.