Saint Sunniva in den Stahlkammern

02.10.2017 um 14:53 Uhr

Gold und Stahl

Stimmung: skeptisch
Musik: 30 Seconds To Mars - Walk On Water

Ich starre grüblerisch auf meine Zahlen, sie sehen bedrohlich aus. Der Zufluss ist zu langsam und zu gering. Einige kleinere Drohbriefe konnte ich abwenden, da sind aber immer noch einige große Batzen zu stemmen. Der Kronprinz kam fluchend nach Hause, wieder standen nur 1600 auf seinem Gehaltszettel. Der Kronprinz war davon ausgegangen, dass er Nachtzuschlag bekäme, aber da ist nichts von Nachtzuschlag, und das, obwohl er regelmäßig schon gegen vier das Haus verlassen muss und bei manchen Kunden um fünf sein muss.

Erneute Lagebesprechung im Schurkenhauptquartier.

"...will mir 1000 mit Western Union schicken, das ist ja schon mal ganz gut für den Anfang."

"Vorher oder nachher?"

"Ich gehe mal davon aus, vorher..."

"Super. Wenn nicht, sagst du ab."

"Wenn aber doch, muss ich hin. Ich muss gestehen, ich bin etwas nervös. Der fantasiert so komische Sachen."

"Was denn?"

"Blut. Immer ist es Blut. Ich soll ein Video von meinen Tagen machen. Er will mir seine ganze Faust...die ist nicht gerade klein...du weißt schon... und außerdem will er mich piercen lassen. Durch den Nippel, und durch die Schamlippen... Was finden die Leute nur an diesem Scheiß...?"

"Hahaha, der guckt zu viele Pornos. Sag ihm, Piercing gibt es erst, wenn ihr verheiratet seid."

"Hahahaha, guter Plan. Eine einvernehmliche Scheidung kann er nämlich höchstgradig vergessen... Er hat sich übrigens gewundert, wie wir mit so wenig Einkommen überleben können... tja, diese Kunst beherrscht er natürlich nicht. Aber das ist nur gut.... außerdem ist es natürlich die Erklärung für die brenzligen Schulden, um die es hier geht.... Ich habe ihm jetzt erst mal gesagt, ich kenne kein Piercingstudio, das in der Lage ist, so was wirklich klinisch sauber zu machen, das seien ziemlich schwierige Stellen, wir müssten dazu erst ein gutes finden. Sah er ein... außerdem kommt mir kein billiges Metall da rein, es muss schon siebenhundertfünfziger Gold sein."

"Hahahahaha, du bist cool."

"Es ist sonderbar. Wenn er keine Sexfantasien von sich gibt, redet er ganz normal. Von seiner Arbeit, vom Haus, seinen Eltern, Kochen, Fußball...Von Florida. Darüber haben wir uns ziemlich lange unterhalten. Er will da ein Restaurant aufmachen und mich mitnehmen. Weil er nicht mehr ohne mich leben will... OMG. Ich habe eher den Eindruck, er will mich umbringen."

"Er bringt dich nicht um. Wenn er dir beim ersten Treffen weh tun sollte, sag ihm, das war das allerletzte Treffen! Ich schlag ihn zusammen."

"Ich muss gerade so lachen. Piercings piepsen am Flughafen..."

"Hahahahaha, ja, stimmt!"

Terrorkid hat morgen wieder ein Bewerbungsgespäch, und ich habe am Freitag eine Bewerbungsmappe in der Firma der Erzherzogin abgegeben. Was gibt es sonst Neues? Rosemarie muss sich wegen eines Dekubitus operieren lassen, Baby hat Herbstferien und ich schreibe Sachen für Sinck. Die "Letzte Runde" verzögert sich, da auch Sincks Frau zwischendurch ins Krankenhaus musste und er keine Zeit hatte, sich um die  "Letzte Runde" zu kümmern.

Wir haben hier in Dreilinden versucht, Bilder aufzuhängen. An manchen Stellen kam der Bohrer nicht durch.

Der Kronprinz hielt einen Detektor, den er von der Erzherzogin bekommen hatte, an die widerspenstigen Wände. Das Ding piepste laut und erzeugte schwirrende Zeichen auf seinem Display.

"Ich fass' es nicht! Was ist denn das?", sagte der Kronprinz. "Hier drunter ist Stahl."


30.09.2017 um 12:32 Uhr

"...making love with the devil hurts..."

Stimmung: pulverbeschichtet
Musik: 30 Seconds To Mars - Walk On Water

Vorzeiten gab es das ästhetische Konzept des absichtslosen Begehrens. Mit fortschreitender Kapitalakkumulation wurde es ersetzt durch das besitzenwollende Begehren. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, mit fortschreitender Ausweitung des Dienstleistungssektors bei Schrumpfung des landwirtschaftlichen Sektors gegen Null, wurde es allmählich durchsetzt mit dem benutzenwollenden Begehren, das Anfang des 21. Jahrhunderts die vorherrschende Form war.

Jetzt - wir nähern uns dem Ende des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts und die Kapitalakkumulation ist auf einige wenige Personen und Gruppen begrenzt - ist das Zeitalter des zerstörenwollenden Begehrens in vollem Gang.

Allen Begehrenskonzepten gemeinsam ist die Grundkonstellation: Jemand, ein Subjekt, Zugrundeliegendes, begehrt jemanden oder etwas, der oder das stets ein Objekt, ein Gegenüberliegendes, ist.

Wir, mein Terrorkid und ich, als ganz kleine Schurken, gesegnet mit Schauspieltalent, wachem Verstand und einer guten Portion körperlicher Attraktivität, begehren hier etwas, das viele wollen, aber wenige haben: Geld.

Lagebesprechung im Schurkenhauptquartier.

Es gibt absolut keinen Grund, die Sektkorken knallen zu lassen. (Es sei denn, man macht es so wie die beiden Typen aus einer Sektwerbung in den 90ern, die in einer Lounge sitzen. Der eine fragt kichernd: "Haben...wir...überhaupt...eine...Chance?" Der andere kichert zurück: "Nei-ei-ein", beide fallen sich brüllend vor Lachen in die Arme und entkorken ihren Sekt. (Das nenne ich Toughness - sogar Chancenlosigkeit kann ein Grund zum Feiern sein!))

Ich berichte.

"Er bietet mir alles an außer Geld. Schmuck, Wellnessurlaub, alle Lieblingsgerichte kochen, ..."

"Eeeeyyyy!!"

Ehering und guten Namen, die Übernahme der Hälfte aller Schulden meines kompletten Clans, ... "

"Hooooiiii!!!!"

"...inklusive der halben Schulden meines Jetzt-Noch-Ehemannes..."

"Ist nicht waaaaahr!!!!!!!"

".... unter einer Bedingung."

"Na....!!!!!! ... und ... die wäre?"

"Ich müsste den Kronprinzen verlassen und zu ihm ziehen. In sein Haus."

"In sein Haus! Dann ist er reich."

"Das heißt in Deutschland nix. Es kann auch sein, dass er verschuldet ist bis über beide Ohren... So weit ich erfahren konnte, ist die Einkommenssituation ideal... knapp unter viertausend plus Boni... Nicht schlecht der Specht... Jedenfalls hat er mir gestern pausenlos von diesem Haus vorgeschwärmt."

"Was ist denn das für ein Haus?"

"So ein kleines Haus. Mit einem Garten und einer Garage. Selbst gebaut. Mit einem Fitnessraum im Keller von 38 Quadratmetern."

"Und? Das klingt doch super. Fährst du hin?"

"Schönster. Bevor ich da einen Fuß reinsetze, überschreibt der mir das komplette Haus notariell auf meinen Namen und zwar schuldenfrei. Es kann nämlich sein, dass ich es nicht mehr lebend verlasse."

"Wieso denn das?"

"Er hat mir zwar viele Bilder von dem Haus gezeigt, erstaunlicherweise sogar vom Klosett... aber ... es fehlten konsequent die Bilder vom Schlafzimmer, vom Fitnessraum und, was am verdächtigsten ist, von der Außenansicht des Hauses.... Höchst beunruhigend, wenn du mich fragst.... Schon mal von den Fällen Fritzl, Kampusch/Priklopil, oder Höxter gehört?"

"Nee."

Ich kläre ihn im Telegrammstil auf, was selbst ausgebaute Keller in Mitteleuropa Sadisten für Möglichkeiten bieten, zumal hier jeder auf seinem Privatgelände alles tun und lassen kann, was er will, solange er damit keine Nachbarn zur Weißglut treibt. Letzteres ist äußerst leicht, wenn eine potenziell Nachbarn störende Aktivität verdunkelt und schallisoliert ausgeführt wird.

Terrorkid ist beeindruckt. Bei ihm werden Frauen gelegentlich mit Kerosin verbrannt oder mit Schwefelsäure verätzt, aber sexy findet das keiner. Es ähnelt dem Verbrennen von Gartenabfällen und kommt in keinem Pornofilm vor. (Es herrscht in seinem Land gutes, ländlich-sittliches und altbewährtes Begehrenskonzept 2: Man holt sich Besitz, und dann schaut man auf seinen Besitz. Unbenutzbar gewordenen Besitz muss man loswerden, und zwar bevor irgendein endloser und mit Blutrache verbundener Streit darüber ausbricht, wer den Besitz unbenutzbar gemacht hat und ob er das überhaupt durfte. )

Noch beeindruckter ist er, als er hört, was unser vermeintliches zukünftiges Scamming-Opfer alles mit dem schönen, angeblich ihm über jedes Maß hinaus den Verstand raubenden Körper der Niva anstellen will.

Gerade die Unberührtheit dieses Körpers vom Zeichnen, Ritzen, Stechen, Durchbohren, Schneiden, Klammern, Aufspießen, Zündeln, Einschnüren, die komplette Abwesenheit aller Zeichen sexuell motivierter mechanischer und thermischer Gewalt, scheinen ihn zu erregen. Dazu kommt die Unerfahrenheit der Niva mit - und ihr ausgeprägtes Abgestoßensein von - gerätegestütztem Theatersex auf irgendwelchen dunkel dekorierten und mit Haken, Schnüren und Ketten versehenen Schwerlastbühnen, plus Klamotten aus Industriematerialien.

Da er nicht weiß, dass Niva ihren eigenen bösen kleinen Plan verfolgt - der auf seine Geldbörse zielt, ihn aber sonst garantiert unverletzt lässt - hat er irgendwie, hinter ihrer neckischen Fröhlichkeit, dem süß-neugierigen Anstupsen nach Infos aller Art, dem ganzen gespielten Interesse an seiner Person, die liebe, freundliche Seele erkannt, die ihn mit all seinen Defiziten akzeptieren und retten wird.

Es klingt sogar absolut glaubwürdig, wenn er sagt, dass er die Niva liebt.

Da steht sozusagen ein prächtiges Wildpferd in seinem Vorgarten, das aufs Brandeisen wartet.

Für ihn ist unsere bescheidene abgebrannte Niva die Superjungfrau des 21. Jahrhunderts, und nachdem er sie angeschaut hat (Begehrenskonzept 1), besitzen will (Konzept 2) und benutzen will (Konzept 3), eröffnet er jetzt den gedanklichen Entwurf des Konzepts Vier:

Zerstörung.

(Wenn wir Drama wollen: Hier hätten wir es.)

Natürlich weiß er nicht, dass die zumindest optische Unberührtheit und makellose Schönheit der Zielregion in Nivas Körpermitte das Werk eines hervorragenden Chirurgen ist, der mit 32 Schlingen feinsten Catguts in Oldschool-Manier, nämlich in einstündiger Handarbeit, das wieder zusammengeschnürt hat, das der Durchtritt eines unnachgiebigen Objekts von vierunddreißig cm Durchmesser von derselben übrig gelassen hatte. Aber das hatte einen guten - und nur sekundär sexuellen - Grund, und der ist inzwischen 12 Jahre alt :))

Terrorkid, scheinbar ungerührt hinter seiner RayBan-Pilotenbrille hervor: "Oh. So einer ist das. LOL. Na ja. Sprich einfach nicht mehr mit ihm."

Ich vermute, dass die GIs von Abu Ghraib die gefangenen Iraker, die nackt und gefesselt vor ihnen standen und sie, leise Flüche murmelnd, aus wütenden oder, im schlimmeren Fall, aus spöttischen Augen anblitzten, einfach schön und begehrenswert fanden. Reflexartig setzten sie, als Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts ohne Hoffnung auf Kapital, aber unterwegs im Auftrag des Kapitals, Konzept Vier um: Zerstören.

Und es machte Spaß.

Äh, was ich jetzt aber eigentlich sagen wollte:

Ich geh' dann mal zur S*antander B*ank. Fröhlich


27.09.2017 um 15:38 Uhr

Niva und Terrorkid spielen Schurken

Stimmung: nervös
Musik: Lion's Head - See You

"Ich habe also jetzt zwei Karriereoptionen. Wenn ich das Geld bekomme, bevor es geschieht, bin ich eine Scammerin."

"LOL."

"Wenn ich es bekomme, nachdem es geschehen ist, bin ich eine Prostituierte."

"Ach was! Du bist Robin Hood. Du nimmst was von einem Reichen und gibst es den Armen."

"Wie man's nimmt! Es gibt noch eine dritte Möglichkeit. Wenn es geschieht und ich bekomme das Geld nicht, bin ich ein armes Schwein."

"Hm."

"Ist riskant."

"Ja. Du schaffst das schon."

"Meinst du wirklich..."

"Trau dich. Mach ihn heiß."

"Heißer geht's gar nicht."

"Gut."

"Wenn er mich umbringt?"

"..."

(Hintergrund dieses "Masterplans": Hier sind vier Leute, darunter ich, mit massiven Geldproblemen ohne Aussicht auf Rettung. Wenn der Kronprinz nicht innerhalb 2 Wochen etwa fünftausend Euronen an einen seiner Kreditgeber zahlt, kriegt er ein Verfahren an den Hals. Wenn Kronprinz und Niva nicht bis zum 1.10. 1700 Euronen an einen weiteren Gläubiger zahlen, bekommen sie alle beide ein Verfahren an den Hals. Einen weiteren Kredit bekommen sie nirgends, und zum Verkaufen haben sie auch nichts. Eben bis auf....)

17.09.2017 um 02:14 Uhr

Admin!!! Himmela****undwolkenbruch!!!!!

Stimmung: grrrrrr!
Musik: nix Musik!

Houston, wir haben ein Problem!! Admin, wo steckst'n du? Bitte schwing dein Ding! Seit Tagen ist nix mit der Produktion von Blogbustern, weil wir nicht richtig hier reinkommen!!!!

Und bitte schmeiß endlich die Jordans raus, die haben absolut nichts mitzuteilen!! Und falls du sie nicht rausschmeißt, kassier sie wenigstens ab :)

06.09.2017 um 07:05 Uhr

Der Kronprinz und sein Schutzengel

Stimmung: grrrrrrrrr
Musik: keine

Der Unfall des Kronprinzen war aus folgendem Grund passiert: Rosemarie, hatte wieder mal einen ihrer spektakulären Zusammenbrüche inszeniert und wurde ins Krankenhaus gebracht. (Das tut sie seit dem Umzug öfters!)

Im Glauben, ihr letztes Stündlein hätte geschlagen, raste ihr braver Sohn noch am selben Abend los, um ihr die Hand zu halten - und das, obwohl er an dem Tag schon um vier Uhr morgens aufgestanden war, 13 Stunden Dienst absolviert und dann gerade mal ein hastiges Abendessen runtergewürgt hatte.

Und ich sach noch: Mann, mach dat nich! Schlaf erst ein paar Stunden und fahr dann am Morgen, meinetwegen um vier oder fünf, du kannst jetzt eh nichts für sie tun, wer weiß, ob du nachts überhaupt ins Krankenhaus gehen darfst, und schon gar auf die Intensivstation! Das Sekundenschlafproblem hat er nämlich schon lange, weil er selten richig ausschlafen kann.

Was macht der? Stürzt augenblicklich los, 600 km Fahrt, zwischendurch schläft er mal ne halbe Stunde. Um fünf am Morgen ist er 20 km vor dem Ziel, verlässt die Autobahn, kommt durch ein Dorf - die Strecke kennt er gut, die Straße führt ein bisschen bergauf - an dessen Ende die Straße sich gabelt. Statt also halbrechts zu lenken, fährt er geradeaus und crasht in die Leitplanke. Der hat echt 'nen Schutzengel, aber dem sind Blechschäden egal.

Das Auto ist jetzt bis zu drei Wochen in der alten Heimat in der Werkstatt, und ich hab's hier täglich mit einem maulenden Baby zu tun, das es zu viel verlangt findet, mit dem Fahrrad einen Kilometer zur Bushaltestelle zu fahren, besonders wenn es regnet, ich muss dauernd in die Innenstadt, um Geld zu beschaffen, weil der Herr meins verballert hat (ich musste praktisch den kompletten Umzug, alle Neuanschaffungen, die Versorgung von drei Menschen während der ganzen Zeit, die Hin- und Herfahrerei sowie natürlich sämtliche Mieten, Doppeltmieten und Miet-Altschulden tragen, während die Hauptsorge meines Haushaltsvorstandes herumliegenden Krümeln und Stäubchen gilt!)

Mein Auto nimmt natürlich der Herr, weil der am frühesten aufstehen muss. Muss ich mein Auto an einem Tag mal haben, muss ich zunächst, meistens noch mitten in der Nacht, den Herrn zum Dienst (12 km), anschließend das Baby zur Schule (10 km) fahren, danach in aller Hektik meine eigenen Besorgungen sowie Einkäufe absolvieren, dann wieder das Baby, am Nachmittag dann den Herrn abholen (abermals 10 bzw. 12 km). Verspäte ich mich bei einem der beiden, klingelt ununterbrochen das Mobilfon, weil die Herrschaften nicht warten wollen (das Klingeln nützt zwar nichts, wenn ich hinter einem Trecker oder Schwertransporter festhänge oder auf der Warschauer Allee nichts geht - den Herrschaften ist das aber egal, es demonstriert Herrschaft!)

Rosemarie ist derweil keinesfalls gestorben, sie muss nicht mal an die Dialyse, hieß es zum Schluss. Sie wird wohl bald entlassen und kann den nächsten Zusammenbruch inszenieren. Zuhause ist sie die kränkste und hilfloseste Person der Welt, schmählich im Stich gelassen von zwei schändlichen Kreaturen, die behaupten, ihre Söhne zu sein. Im Krankenhaus oder gegenüber der Pflegegutachterin gibt sie dagegen die Olympiasiegerin und strotzt vor Gesundheit, Energie und guter Laune.

Im Krankenhaus übrigens wurden die Söhne gefragt, was der Wille, oder mutmaßliche Wille, ihrer Mutter sei: Im Zweifelsfall reanimieren?

Sie wussten es nicht, nickten aber, unabhängig voneinander befragt, diensteifrig: "Reanimieren, reanimieren!"

Im Zweifelsfall Dialyse?

"Natürlich, Dialyse, Dialyse!"

Wobei R. zu den Patienten gehört, die sich sämtliche Schläuche, ob lebensrettend oder nicht, grundsätzlich erst mal rausreißen, keine Erklärung akzeptieren und, nachdem die Pflegerin alles mühsam wieder hineingestopft hat, die Schläuche abermals rausreißen, dabei zuverlässig aus dem Bett fallen, jeden Versuch vereiteln, sie wieder hineinzubugsieren, und tagelang über die blauen Flecken klagen, die sie sich bei ihrer kleinen sportlichen Übung zugezogen haben.

Kein Wunder, dass das Akutkrankenhaus sie jetzt in die geriatrische Klinik überstellt hat - sollen die den Kampf aufnehmen!

Auf jeden Fall ist sie quieklebendig, und dafür fährt sich mein Männe beinahe zu Tode. Haste Töne? So brave Söhne, und Rosemarie schimpft nur über sie.


22.05.2017 um 23:50 Uhr

Wie viel denn noch?

Stimmung: wie das Wildpferd, das in einem türkischen Film so lange unter Wasser gedrückt wird, bis es sich nicht mehr wehrt
Musik: Rammstein - Jetzt kommt die Sonne

Und wieder endet ein wunderschöner langer Tag im Irrenhaus A*llgäuer Steige. Es wäre kein wunderschöner langer Tag, wenn in den letzten paar Stunden nicht noch sehr viel passiert wäre. Und zwar dieses hier:

Das Baby hat sich mit Depressionen (?), zumindest einer schweren Traurigkeitsattacke ins Bett gelegt, obwohl es in der Deutscharbeit eine gute Note hatte und ihm eine Belohnung in Aussicht gestellt wurde.

Der Kronprinz fürchtet sich davor, dass ihm beim Bewerbungsgespräch ein unzureichendes Gehalt angeboten wird. Er fürchtet den Kredit, der geplatzt ist, und er fürchtet, dass wir keine Wohnung bekommen wegen Schufa. Und der Kronprinz ist kein Mensch, der sich besonders leicht fürchtet (ich habe mir schon oft seine Furchtlosigkeit gewünscht...)

Immer noch waldbrandartige Kopfschmerzen.

Pueraria mirifica ist der letzte Nebbich, außer fett wird man davon gar nichts. Ich fühle es, und die Waage hat es prompt bestätigt, nachdem ich eine neue Batterie eingelegt und sie mittels eines zerknüllten Stückchens Tempo am Rausfallen gehindert habe.  (o.K., manche Leute ziehen es vor, fett zu sein als faltig, denen mag das Wunderpülverchen helfen ;)) Für die Kohle bei dem Effekt hätte ich mir lieber zwei fünfgängige Menüs plus anschließender doppelter Portion Torte im Maritim gönnen sollen :)

Die Zeitarbeitsfirma hat nicht angerufen.

Terrorkid verlässt noch in dieser Woche das Land. ... ... ... ...

Terrorkid macht mich wahnsinnig, aber ich kann ohne Terrorkid nicht leben...! Ich habe nicht einmal den Ansatz einer Idee, wie das gehen soll... ... ... ...

Erstmals in meinem Leben werde ich jetzt meine Antidepressivadosis von 20 auf 40 mg steigern. Das ist die erlaubte Tageshöchstdosis.

Wohl bekomm's, und möge mich der Teufel holen, wenn er mich noch sexy findet (was ich nicht glaube). 

15.05.2017 um 15:52 Uhr

Steh auf und geh

Stimmung: wie jemand, der sechs Stunden in den Keller gesperrt und ebenso lange verprügelt wurde
Musik: keine, weil der MP3er aufgeladen werden muss

Auf mein Klopfen hin fliegt die zitronengelbe Stahltür von Zimmer 237 auf, und eine überschminkte Person mit Pandaaugen schießt heraus und fährt mich an: "Bisschen spät, wie!?" (...Damit du gleich weißt, wer hier der Chef im Ring ist, du Scheiß-Hartz-IV-Loser!)

Sie mustert mich verärgert von oben bis unten.

"Der Bus ist unpünktlich wegen der Baustellen!" Das gebe ich ihr genau so zurück wie den Blick von oben bis unten. (...Ich bin vielleicht Hartz IV, aber immer noch größer, schöner und stilvoller angezogen als du, du dumme Schlampe!)

Sie ist glücklicherweise nicht meine Sachbearbeiterin, sondern ihre deutlich freundlichere Kollegin im selben Büro, aber dennoch lässt man mich, um eventuell aufkeimenden Zorn zu ersticken, eine halbe Stunde auf dem stillen Stuhl warten. Obwohl außer mir kein Mensch da ist. Mir egal. Das gehört zum Zeremoniell. Heute ist schließlich Hauptantragsabgabe. Von mir im Stillen "Galazeremonie der Heruntergelassenen Hose mit Musik und Festbeleuchtung" genannt.

Ich kenne das Verfahren. Was ich allerdings noch nicht weiß, ist, dass sich die Bedingungen seit dem letzten Mal verschärft haben.

Ich habe mir genug Zeit und was zu lesen mitgebracht. Kaffeeautomat wäre schön, aber dann wäre es ja keine Strafe mehr. Nächstes Mal Kaffee selber mitbringen, notiere ich mir im Hinterkopf.

Der Hauptantrag hat mich mehrere Stunden Arbeit gekostet, er ist 32 Seiten lang (HA wie Hauptantrag, nebst Anlage EK (Einkommen) plus Anlage EKS (Einkommensschätzung der folgenden 6 Monate aus selbständiger Tätigkeit), Anlage WEP ("Weitere Person im Haushalt über 25 Jahre" nebst Anlage EK, Anlage KI (Kind), Anlage VM (Vermögen - "hier haben Sie vergessen, alle Girokonten - IBANs einzutragen" - nebst Autokreditvertrag, Kilometerstand, Monat der Erstzulassung etc.), Anlage UKH (Unterkunft und Heizung inkl. exakter Quadratmeter- und Baujahrzahl sowie Belege aller Nebenkosten der aktuellsten Abrechnung, jeweils einzeln aufgeschlüsselt in Heizung und Nicht-Heizung. Wer es wissen muss: Warmwasser wird zwar beheizt, gehört aber zu "Nicht-Heizung").

Einige Zahlen, Daten und Unterlagen musste auch der Kronprinz beisteuern.

Die Sachbearbeiterin checkt jede Einzelheit, die ich mitgebracht habe. Wie immer geht es mit den Pässen los, obwohl die bereits, mitsamt knackfrischen Meldebescheinigungen, eingereicht und kopiert worden sind.

"Für das Kind müssen Sie aber einen neuen Pass beantragen."

"Das dauert doch ewig. Und kostet viel zu viel", sage ich. "Reicht da nicht die Meldebestätigung und der Eintrag in meinem Pass?"

"Nein, ich kann das so nicht bearbeiten. Sie müssen zumindest einen beantragen und den Nachweis von der Stadt bringen, dass er beantragt wurde." Na gut, das Kind braucht eh mal einen Pass. Heißt für mich etwa 50 Euro, plus 30 für Bilder, 2 x 4,60 extra Fahrtkosten (einmal für Bilder, einmal für Antrag), 1 Stunde Schlangestehen.

Beim Unterhaltsnachweis an Liane ("Warum sind das hier 370 Euro, und nicht wie sonst 350?" - "Hmmm, keine Ahnung, das sollte wohl extra Taschengeld sein, oder für was, das sie anschaffen musste...") stellt sich heraus, dass der Kronprinz beim letzten Mal vergessen hat, einen seiner Auszüge beizulegen.

Der muss natürlich kopiert werden, und dann kommen die Fragen dazu. "Was sind das hier für 8,07 Euro, die am soundsovielten bar eingezahlt wurden?" -

"Also, das weiß ich wirklich nicht. Wir haben getrennte Konten. Vielleicht waren das Münzen aus seinem Portemonnaie", sage ich.

"Was ist Momox?"

"Oh, das ist so ein Portal, wo man Bücher verkaufen kann. Das gibt manchmal ein paar Euro."

Sie sieht mich misstrauisch an. "Das machen Sie aber nicht professionell, oder?"

Ich muss fast lachen. Wenn 13,50 (oder so) irgendwie professionell sind, dann sind wir wahrscheinlich Vollprofis.

"Was ist denn das hier? Edelmetalle Oststadt GmbH?"

"Edelmetalle? Also, davon weiß ich gar nichts... das müsste Ihnen mein Mann sagen..."

Ich spüre Übelkeit in mir aufsteigen. "Edelmetalle", das ist wirklich schlecht. Kann dieser quatschige Ankäufer sich nicht irgendwie diskreter nennen, Metal Lounge etwa, Ku-Klux-Kupfer oder Silver Surfer? Die Summe ist klein, doch allein das Stichwort Edelmetalle kann in unserer Zwangslage die schrecklichsten Folgen haben. ("Besitzen Sie Vermögen, d.h. Gemälde, Sammlerstücke, Edelmetalle....?" Angekreuzt: Nein...)

"Ich notiere jetzt alle Daten auf dem Auszug, die unklar sind, und Ihr Mann nimmt schriftlich dazu Stellung. Sie können das dann einfach unten am Empfangstresen abgeben."

Sie schreibt aus dem Kontoauszug des Kronprinzen nicht weniger als fünf Daten und Summen auf, die "unklar" und damit erklärungsbedürftig sind (und vermutlich darauf hinweisen, dass wir ungerechtfertigterweise 7 Ölquellen, einen Rembrandt, ein Schloss in Frankreich und einen kompletten Fußballverein besitzen). Dabei ist der arme Mann hier nicht einmal derjenige, der etwas beantragt hat, im Gegenteil, er ist der, der arbeitet - aber eben mit drinhängt, weil wir eine Bedarfsgemeinschaft sind.

Ich selbst hatte bereits zwei solcher Erklärungen schriftlich abgeben müssen:

Konto xxx-00, 23.03.2017, 135 Euro, von Ehemann gegeben zur Überweisung von Studiengebühren für Tochter Liane, siehe Überweisung selbes Konto am selben Tag.

Konto xxx-00-3/4, 28.03.2017, 150 Euro von Kreditkarte, zur Überweisung an 2 bedrohliche Gläubiger, siehe Überweisungen selbes Konto am selben Tag.

("Von den Kreditkarten brauche ich jeweils einen Kontoauszug.")

"Bis wann brauchen Sie die Statements?"

"Je schneller ich die kriege, desto schneller kann Ihr Antrag bearbeitet werden."

"Gut. Heute könnte es allerdings etwas knapp werden", versuche ich trotz sich verstärkender Übelkeit einen dummen Witz.

"Tut mir leid, wenn Ihnen das alles etwas streng vorkommt, aber wir geraten sonst unter Verdacht, Steuergelder zu verschwenden."

"Ohjeeeeee", jetzt grinse ich tatsächlich, "wenn über jede mögliche Steuerverschwendung so genau nachgedacht würde, gäbe es vermutlich keine."

"Tja..." Die Sachbearbeiterin grinst ebenfalls.

"Ich hatte gehofft, heute gar nicht hier sein zu müssen", sagte ich. "Warum bekomme ich nicht einfach einen neuen Job? Dann könnten wir uns alle diesen Aufwand hier sparen."

"Sie werden bestimmt wieder einen finden", versuchte sie mich zu trösten. "Sie schaffen das, ganz bestimmt."

"Vor zwei Jahren hätte ich das auch noch geglaubt", erwiderte ich, "jetzt nicht mehr."

...Vielleicht war es reiner Zufall, dass ich den Job bei Powerman gekriegt habe. In meinem Alter kriege ich nie wieder einen Job.

Ich stand auf und bedankte mich. Eine ungeheure Schmerzwelle schoss aus meinem Fuß herauf, als ich ihn nach dieser längeren Zeit des Sitzens wieder belastete. Herr Plast und sein Problem mit meinem Foto fielen mir ein. 

Da fühlte ich plötzlich meine komplette Widerstandskraft einbrechen, und ich schaffte es gerade noch aus dem Zimmer und ins Erdgeschoss aufs Besucherklo, bevor ich, die sonst so starke Niva, in hemmungsloses Weinen ausbrach. (Auf dem Flur und in der Empfangshalle war niemand - Mittagspause.)

Am liebsten hätte ich zu jemandem geschrien wie ein kleines, verletztes Kind, das angefahren auf der Straße lag, damit er mich tröstet und mir versichert, dass ich bestimmt, aber ganz bestimmt nicht sterben muss.

Aber zu wem? Kronprinz? Mutter? Vater? Gott?

Jeder ist allein. 

10.04.2017 um 17:29 Uhr

Bla, bla, Murks, alles in Ablage P :P

Stimmung: unterirdisch
Musik: irgendein Scheiß von Marteria

Ich fühle mich nicht gut, bzw. ich fühle mich gar nicht, bin höchstens ein bissl destruktiv. Alles läuft Sch***e , so viel Kraft habe ich gar nicht in den Oberschenkeln, dass ich jedem, bei dem ich Lust dazu hätte, einen Tritt verpassen könnte! Gestern unternahmen wir mit Freunden einen Ausflug auf die Hohenzollernburg, das war ziemlich nett, aber dann fingen die an, von baldigen Enkelkindern zu reden (die sind jünger als wir!), und da grinste ich: "Was, ihr sprecht von Enkeln, und ich bin am Überlegen, ob ich noch mal schwanger werden soll?!"

07.04.2017 um 12:29 Uhr

Arschlochparade mit neuem Tambourmajor

Stimmung: hähhhhhh?!
Musik: Lenny Kravitz - Circus

Klingelt das Telefon. Ich hin. Nix. Aufgelegt. Klingelt das Handy. Ich hin. Typ von Zeitarbeitsfirma HELLER KELLER ist dran.

"Ey Sie!"

"Ja?"

"Sind Sie allein zuhause? Hehehe."

"Hahaha, in dieser Minute schon."

"Hehehe. Ich wollt noch mal nachfragen, hehe."

"Nachfragen?"

"Suchen Sie, äh, Abwechslung?"

"Hm. M-m. ... Häh?"

"Ich meine."

"Was?"

"Von Ihrem Mann."

"Ach sooooo. Hahaha. Nein, äh, eigentlich nicht."

"Ich meine, kann ja mal vorkommen, ich meine, ne? Kein Sex mehr, oder so."

"Häh? Ach so. Danke. Neinnein, bin so weit ganz gut bedient."

"Na ja, äh, also, ich meine, falls wir uns mal auf einen Kaffee treffen, und so. Könnte ja so und so ausgehen, nä?"

"Prust. Könnte, ja. Also. Vielen Dank."

"Sie sind also brav?"

"Hehehe, ich bin brav."

"Nicht dass Sie sich jetzt angebaggert fühlen, nö?"

"Neinnein. Fragen kost ja nix, ne. Hahaha."

"Schade, ey. Hihihi. Ja, also, was ich eigentlich sagen wollte, der Job ist leider doch schon weg."
"Oh. Na ja. Da kann man nichts machen. Danke für die Info."

"Schönes Wochenende noch!"

"Danke. Ihnen auch."




21.12.2016 um 09:35 Uhr

Und wieder...

...sehen wir merkwürdiges, scheinbar planloses Agieren, das konsequente Verschweigen des Mittelteils und das Werfen von Nebelkerzen seitens der Politik, was die schrecklichen Ereignisse in Berlin angeht.

Mir verursacht nicht nur das Geschehen selbst Magenschmerzen, sondern dazu noch der Teil des Geschehens, der uns offensichtlich nicht bekannt werden soll.

Hat man schon mal einen Trauergottesdienst gesehen, bei dem keine Bilder der Opfer aufgestellt werden, und ihre Namen weder verlesen noch im Gebet erwähnt werden?

Wer sind die Getöteten? Wer hat sie im Visier gehabt?


24.11.2016 um 01:16 Uhr

Wer auch immer...

Musik: Tiamat - Gaia

...in dieser schrecklichen Seifenoper die Regie führt - er sprudelt nur so von grausigen Einfällen. Nichts, aber auch gar nichts bleibt den Darstellern, die sowieso nicht gerade ein Dreamteam sind und noch dazu unter Dauer-Burnout leiden, erspart. Aber genau das ist ja unser Markenzeichen, nicht wahr? Ab und zu gibt's ne kleine Pause. Dann stopfen wir uns eine Zigarette ("Winston" steht drauf, "Pall Mall", oder gar, halt dich fest, "Benson & Hedges", aber drin ist übelste Bahndamm-Ostseite) und schauen verstohlen auf die Handyuhr (die Nomos und die Movado sind, wo auch sonst, in der Pfandleihe. Morgen gehe ich sie mal wieder besuchen, um zu schauen, wie es ihnen geht).

43 Fälle heute, dann zum Pferdehof gerast, dann ein Kundengespräch, dann einkaufen... Dazwischen 3 oder 4 Minuten, in denen das bluestacks funktioniert, und das genügt, um das Neueste zu erfahren.

"Was...ist....das?"

Ich stoße einen lautlosen, absolut nicht wiederholbaren Fluch aus.

"Das" ist das neueste Foto von Terrorkids Fuß. Sieht nicht schön aus. Ich vertiefe mich in den Anblick des formlosen Gebildes mit der bizarren Maserung aus Schwarz, Grau und Dunkelblau. Da, wo mal Muskeln und Sehnen waren, ist jetzt eine spannungs- und kraftlose Gewebsmasse, die seitlich auseinanderstrebt. Da sind noch Zehen erkennbar, aber die sind rabenschwarz, irgendwie tot, jedenfalls derart Stalingrad , dass man sich nicht mehr vorstellen kann, wie sie ursprünglich mal aussahen.

"Das tut höllisch weh. Innendrin fühlt es sich an, als sei es verfault.
Ich kann es nicht mal mehr mit dem Finger antippen. "

Was ich mir verdammt gut vorstellen kann.

"Ich muss bestimmt operiert werden. Was meinst du?"

"Ja, musst du", antworte ich schlicht und denke: Gut, dass du nicht gefragt hast, ob du deinen Fuß behalten wirst. Das ist nämlich mehr als zweifelhaft, Hoheit. "Morgen spätestens um 8 bist du im Krankenhaus, ja?"

"Aber soll ich nicht erst nächste Woche zum Dermatologen gehen?"

"Vergiss diesen Dermatologen ganz schnell, ja?! Das ist keine Hautsache mehr. Das ist ein Gangrän, wenn ich je eins gesehen habe, und es darf keine Verzögerungen geben. Das ist wichtig. Morgen um Punkt 8, oder besser noch gleich heute."

Terrorkid bejaht. Mogen früh will er hin. Er ist so kleinlaut, wie ich noch nie erlebt habe.

Ich grüble. Verdammt, wie kann...? Das Amoxi hatte doch angeschlagen, warum also jetzt plötzlich diese Wende zum Schlechten? Vielleicht ist ein resistenter Stamm dabei gewesen... Ich verstehe zu wenig von der Materie, ich fürchte allerdings, dass spanische Ärzte noch weit weniger davon verstehen.

Ich musste wieder aus dem Netz und Terrorkid zumindest für die nächsten paar Stunden seinem Schicksal überlassen. (Später ging er nicht mehr online.)

Wenn er seinen Fuß verliert?

Wenn er stirbt?

Hallo, Drehbuchteam? Hallo, Regie?!! Diese Seifenoper fängt jetzt an, echt hässlich zu werden.

Ich sank erst mal auf die Bettkante und wartete ab, bis der Schwindel sich legte, dann gab ich mir einen Ruck. Baby musste vom Pferdehof abgeholt werden.

Wenn ich nur irgendwie...
 


18.11.2016 um 02:05 Uhr

Bevor wir umfall'n, fall'n wir lieber auf...

Stimmung: gebügelt
Musik: Wolfsheim - Find You're Gone

Bei uns hängt mal wieder der Haussegen schief. Grund: Gestern Abend hat irgendein Blödmann aus dem Café Viereck, von dem ich seit mindestens 'nem Jahr nichts mehr gehört habe, sich darin gefallen, mir eine alberne SMS aufs Handy zu jagen, was er sonst eigentlich noch nie getan hat, was allerdings auch nicht allzu schlimm gewesen wäre, w e n n nicht z u f ä l l i g e r w e i s e der Kronprinz mein Handy ausgeliehen gehabt hätte, weil er seins am Containerbahnhof vergessen hatte, und somit ich wieder Schimpfe abbekam, was ich in diesem Fall absolut nicht verdient hatte.

Ich wollte die Schimpfe an den Verursacher zurückgeben, doch es gelang mir nicht, weil er wider Erwarten nicht ins Café Viereck zurückgekehrt war, und mein Handy funktioniert naturgemäß nicht, und so stopfte ich mir nur zornig eine Pall Mall und zog am Fenster Bilanz, während der fette Nachbar von gegenüber sich wie immer in seinem fabrikhallenmäßig erleuchteten Badezimmer ohne Vorhänge vor dem Spiegel das Brusthaar ausdünnte und geräuschvoll ins Waschbecken rotzte, dass es ungelogen über die ganze Straße zu hören war.

Das Ergebnis meiner Bilanz lautete in etwa Der Mensch ist doch ein erbärmliches Geschöpf und Die erbärmlichsten Geschöpfe von allen sind im Café Viereck unterwegs, und dann schweiften meine Gedanken wieder ab zu den geballten Erbärmlichkeiten dieser Woche ab:

Babys Lehrerin motzt mich an, weil Baby ihre Kollegin Frau Puttbus-Bindestrich-Schlagmichtot nicht gegrüßt hat, als die auf dem Bike an ihr bergauf vorbei geprescht ist (hier geht's nur bergauf, über bergab spricht man nicht), ihr gefällt Babys Hautfarbe nicht (neben Babys Noten) und dass wir uns nicht darum reißen, in die Eltern-Whatsappgruppe einzutreten (wir erbärmlichen deklassierten Kreaturen - doch unserer Deklassiertenstolz verbietet es uns, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, denen gegenüber wir uns als Deklassierte outen müssen könnten).

Der erste Arbeitslohn betrug 930 Euro und er war in 2 Tagen wieder ausgegeben (Kronprinz befahl, 535 davon für die Miete und 50 für die Rückzahlung einer Leihgabe von Martin zu geben, mit dem Rest stampfte ich Kreditkarte 1 frei). Heute war die ganze Inbox voll mit schwierigen und langatmig zu bearbeitenden Fällen, so dass ich nur 36 schaffte, aber im Gegensatz zu meiner Kollegin Jekaterina ist mir das schnuppe, wenn es Tage gibt, an denen ich 50 schaffe!

Jekaterina schafft ohnehin am meisten von uns allen, aber sie kann oft nicht einschlafen - sagte sie heute - , denn sie glaubt, dass etwas Schreckliches passiert, wenn sie weniger als 50 schafft. Was soll groß passieren? Übernommen werden wir doch eh nicht, haha :) "Warum gibt's in unserer Gruppe so viele Raucher?", fragte Ronny, ich sagte: "Na, wir sind doch die Fremdenlegion", und alle lachten.

Jekaterina ist nebenher auch noch freischaffende Übersetzerin. Manchmal kriegt sie Anrufe und säuselt dann mit leiser Stimme Ungarisch ins Telefon. Das höre ich leidenschaftlich gern, aber ich verrate das nicht, ich schaue stur auf den Bildschirm und donnere die - mit Abwandlungen meist gleiche - Befehlskette ins Keyboard: 2017 anlegen Familienmitglieder Einkommen BLG festsetzen Mandat bestätigen OK übernehmen schließen schließen Briefoption 1/2 Mandatsreferenz Empfänger RD drucken...

Ich tue so, als spiele ich eine Art PC-Spiel und wolle den Highscore knacken.

Das lenkt so schön ab!

Vom ewigen Krach. Vom Terrorkid, das zwar jetzt gesund, doch ein wenig ernüchtert ist, weil seine ersehnten Recruiter sich nicht gerade beeilen (hatte ich genau so vorhergesehen), und außerdem schlechte Laune hat, weil ich gesagt habe, es müsse jetzt ohne Wenn und Aber einen Job haben, und wenn's in 'ner Fabrik ist, und solle daher zum nächsten R*andstad oder M*anpower gehen, nein, eher noch galoppieren, und nein, nicht nächste Woche, sondern jetzt gleich!!! Er versprach, es zu tun, aber manchmal kriegt er die einfachsten Dinge nicht auf die Kette. Na ja. Geht mir ja oft ähnlich, aber er hat nicht die Zeit, auf irgendwelche Recruiter zu warten, die 60 weiteren Bewerbern haargenau dasselbe versprechen wie ihm. Wir kennen diese Vertretertypen ja schon :)

Der B1-Syrer aus dem Café Viereck plaudert munter in merkwürdigem Deutsch daher. Er geht jetzt in den B2-Kurs. Tapfer, tapfer! Aber sehr viel lernen die da nicht, Satzkonstruktionen sind ein Buch mit 7 Siegeln für ihn, selbst wenn man auf jede Art Konjunktiv verzichtet, und ich kann keine guten Erklärungen, nur Bedeutungsbeispiele für so wichtige und omnipräsente Wörtchen wie "doch" und "noch" liefern. Der Typ will dauernd, dass ich ihn besuche, aber ich treffe grundsätzlich keine Viereckler (mehr), denn deren zweiter Vorname lautet stets - gleichgültig in welcher Sprache - "Schwierigkeiten".

Freiheitsstatue, komm her und nimm mich in die Arme!

Warum ausgerechnet ich? Es gibt genug andere, und sie sind alle freundlich, manche sogar hübsch. Wahrscheinlich sind sie auch nicht 2 Köpfe größer als du :)))

Und findest du wirklich, es ist eine gute Idee, im neuen Heimatland als erstes eine Affäre anzufangen?

Es gibt bei so etwas keine Generalprobe!

Deutschland, du großer, kalter, stampfender Maschinensaal, wo schlägt dein Herz?

Wir kennen die Antwort nicht, aber sie ist irgendwo zu finden.



25.10.2016 um 00:33 Uhr

Das Rote

Stimmung: schwindender Druck
Musik: Goldfrapp - Riding A White Horse

Ich erschrak, als ich das Foto sah. Über den ganzen Fuß zogen sich riesige rote Flecken. In Höhe der Zehen waren sie in Schwarz übergegangen und irgendwie verkrustet.

Aber sie ziehen sich nicht über das Fußgelenk hinauf. Das ist keine Sepsis. Noch nicht.

Ich finde genug Vergleichsbilder im Netz.

"Geh wieder ins Krankenhaus", sagte ich zu ihm.

"War ich doch schon. Die nehmen das überhaupt nicht ernst."

"Die müssen das ernst nehmen. Geh sofort hin. Und bleib da!"

"Die sagen, ich soll zum Dermatologen gehen. Der hat aber erst im Januar wieder Termine frei."

"Hör zu.
Vergiss den Dermatologen. Das ist eine verdammte Phlegmone.Im Januar !! Im Januar bist du tot."

Er ist zu schwach, um aufzusitzen. Er klappert mit den Zähnen vor Fieber.

("Du bist tot...." Selbst als Gedanke in meinem eigenen Kopf klingt das völlig unwirklich. Terrorkid ist tot... Wir sind doch nicht in Hollywood!! Oder in Stalingrad?!)

"Ist gut. Ich gehe hin. Morgen."

"Jetzt. Und du fährst."

"Die schicken mich wieder weg. Das sind Rassisten."

"Selbst Rassisten können dich nicht einfach sterben lassen. Das ist doch verrückt."

"Du hast keine Ahnung."

Oder du keine Krankenversicherung.

Ich denke daran, meinen Bruder einzuschalten. Er soll Wind machen und die "Rassisten" in ihrer Landessprache anbrüllen, dass ihnen die Ohren wegfliegen. Aber dazu müsste ich ihn erst mal erreichen, er ist nicht in der Stadt... und er würde garantiert von mir eine Erklärung für das Spektakel erwarten.

Sei's drum. Wenn es nicht anders geht, liefere ich eine Erklärung. Ich fühle mich auf elende Weise verantwortlich für dieses Schlamassel.

Ich werfe einen Blick in meinen Giftschrank.

Was ist das absolute Ich-kille-alles-unter-1-mm-was-sich bewegt-Antibiotikum?

Clindamycin. Es ist keins da.

"Ich maile an meine Schwester", sage ich zu Terrorkid, "dass ich mal wieder fürchterliche Zahnschmerzen habe, dass mir aber das Geld für eine Krone fehlt. Sie stellt mir ein Rezept aus. Ich schicke dir das Zeug dann. Es ist wirklich gut. Du stirbst auf keinen Fall. Nicht, solange ich's verhindern kann" (Smiley...)

Und dann möge uns Gott helfen. Wenn das Zeug i.v. gegeben werden muss, was bei der Schwere der Infektion angebracht sein könnte, dann bin ich mit meinem Latein am Ende.

Anderntags, am späten Abend, das Rezept ist schon gekommen - meldet er sich. Er war im Krankenhaus, schon um 8, und die haben ihm eine 15-Tages-Serie Amoxicillin verschrieben.

Das ist zwar nicht der Ultrakiller, aber immerhin vielversprechend. Er habe sofort eine genommen. Fieber immer noch über 40. An dem Tag habe er dreimal das Bewusstsein verloren.

Die nächsten zwei Tage ist er nicht erreichbar. Lebt er noch? Ich beiße die Nägel, lasse mir aber sonst nichts anmerken.

Jetzt gerade die Entwarnung: Er lebt noch, der Fuß sieht immer noch scheußlich aus und verursacht Schmerzen, aber er sei "zu 25 % besser."

Puh. Das war... knapp.



21.10.2016 um 22:54 Uhr

Härtefälle

Stimmung: nervös
Musik: Stereoact feat. Kerstin Ott - Die immer lacht

"Was guckt ihr denn alle so traurig?", schallt eine fröhliche Stimme durch den Raum. Ein Typ hat die Tür zu unserem Büro aufgerissen und den Kopf hereingesteckt. Vier Gesichter wenden sich ihm zu. Ich bin die erste, die antwortet, obwohl ich am weitesten von der Tür entfernt sitze.

"Wir sind die Härtefälle!"

Wir, das neue Härtefälle-Team - das sind insgesamt 12 Zeitarbeiter - sollen bis zum Jahreswechsel allen hier Versicherten, die die Bedingungen erfüllen, Zuzahlungsbefreiungskärtchen ausstellen und den Vorauszahlungsverkehr dafür in die Wege leiten. Es handelt sich um eine fünfstellige Zahl von Leutchen, und während wir, unter Anleitung dreier netter Damen, mit vier verschiedenen Computerprogrammen gleichzeitig jonglieren, um zu checken, ob sie auch tatsächlich die Bedingungen erfüllen und wie hoch ihr maximaler Eigenbeitrag bis zur Befreiungsgrenze ist, laufen täglich Hunderte neue Anträge ein.

Gemessen an Polymer Electrics, oder an der Schmelzkäsefabrik, wo ich mich vor 3 Wochen vorgestellt habe, oder gar am Küchendienst, ist das geradezu ein edler Job, der sogar seine lustigen Seiten hat. Wir schauen nämlich nicht traurig, sondern konzentriert.

Es ist das schickste und neueste Büro, in dem ich je war, auch das aufgeräumteste - und das ruhigste. Es ist fast schon unheimlich. Nie klingelt das Telefon. Nie platzt jemand herein. Keine als Eisbären oder Plüschblumen verkleidete Promotion-Typen, die Softdrinks, Mangas oder Meet & Greet-Tickets mit irgendeiner Teenyband in irgendeinem Schwimmbad verteilen (obwohl das eigentlich schade ist) :) Kein Geschrei auf dem Flur, kein MTV-Gedröhn, kaum Kisten, ausrangierte Monitore und Papierberge, die von einer Ecke in die andere geschleppt werden, damit sich jemand dorthin setzen kann, wo der Plunder zuvor noch gelegen hat.

Keine Verrückten, die reinplatzen, um Gedichte vorzutragen oder sich beschweren, dass sie auf 100 Fässern Bier sitzengeblieben sind, weil zu ihrer Motörhead-Gedenkparty im extra angemieteten Tennisclub kein Mensch gekommen ist, weil gleichzeitig irgendein Fußballspiel lief (in diesem speziellen Fall konnten wir in unserer Agentur natürlich nichts zur Rettung des verkorksten Abends tun, da wir mit der Organisation desselben nicht betraut gewesen waren, doch wir konnten unser Mitgefühl aussprechen, eine Motörhead-CD nebst Poster frisch vom Verlag überreichen, ein Motörhead-Interview abspielen, ein Fass Bier kaufen, eine schöne Tasse Kaffee und ein Vitaminchen spendieren, und was man sonst noch so zum Trost unglücklicher Mitmenschen in einer Programmagentur machen kann).

Ich ertappe mich dabei, dass ich Ehrgeiz entwickle, stolz bin, wenn ich fehlerfreier und schneller werde, und ich wünschte nur, dass der Job verlängert wird ("wir sind jung und brauchen das Geld!"). Doch das weiß die Firma bisher selbst nicht. Wir sind sozusagen ein Experiment, das sich erst mal in der Praxis bewähren muss.

Der Abteilungschef ruft uns unerwartet in den Seminarraum. Wie eine Schulklasse traben wir den Flur entlang. Er wartet, bis wir alle sitzen, und grinst die ganze Zeit. "Ich weiß ja nicht, welche Arbeitsmarktschicksale Sie all schon hinter sich haben", wendet er sich an die Gruppe, "einige von Ihnen haben ein Gesicht gemacht, als dächten Sie 'Oh Gott, jetzt werde ich öffentlich angeprangert und dann darf ich meine Sachen packen'" - ich hatte an dieser Stelle die Stirn zu einem Antwortgrinsen, weil mich arbeitsmarktmäßig absolut nichts mehr erschrecken kann - "aber so ist es nicht. Im Gegenteil. Alle Coachs haben mir ein blendendes Feedback gegeben. Sie sind alle" (wie war das hübsche Wort noch?) "...Performer und sehr engagiert. Diesem Lob schließe ich mich an!"

Jetzt grinsen alle. Allgemeine Zufriedenheit. Es war auch kompliziert genug, zumal auch die Technik gelegentlich mit größeren Störfällen dazwischengefunkt hatte.

"Bis einschließlich nächste Woche werden wir weiter daran arbeiten, Qualität in Sie hineinzubringen." (Betriebswirtschaftssprech ist manchmal unfreiwillig komisch. Mein innerer Simultanübersetzer springt ein: 'Auf null Fehler kommen bis Ende nächster Woche.')

"Dann steigen wir in die Quantität ein." (Mein innerer Simultanübersetzer ist gleich da: 'Schlagzahl deutlich erhöhen bis zu einer noch zu nennenden Fallzahl pro Tag.'")

"Im Dezember erreichen wir das Maximum an zu bearbeitenden Fällen. Bis Jahreswechsel müssen wir das alles hinter uns haben. Das erwarten unsere Controller. ... Wir sind absolut sicher, dass dieses Ziel mit diesem Team zu erreichen ist." Das hört man als Team nicht ungern. Wir gehe absolut konform mit unseren befristeten Besitzern, zumal jeder und jede von uns seine eigene Agenda verfolgt. Ich beispielsweise will eine Verlängerung erreichen, wenn aber daraus nichts wird, von Manpower an einen ähnlichen Ort mit ähnlichen Aufgaben geschickt werden. ("Wir sind jung und brauchen das Geld!") :)

18.09.2016 um 00:27 Uhr

Angezählt, reloaded

Musik: Anastacia - Sick and Tired

Am Freitag war ich bei Herberger auf der Arbeitsagentur und berichtete, was ich in letzter Zeit alles unternommen hätte, einen Job zu bekommen, was für Gelegenheitsjobs ich bisher gemacht hatte, wie die Finanzlage ist & c. Herbergers Kollegin und Assistentin (er ist halb blind) entgleisten immer mehr die Gesichtszüge, je weiter ich erzählte. "Mir ist egal, was für einen Job Sie mir vermitteln", betonte ich mit aller Leidenschaft, die ich aufbrachte, "schicken Sie mich in Doppelschichten, schicken Sie mich das Wochenende durcharbeiten, schicken Sie mich in den Schlachthof, oder Mülltonnen ausspülen, das mache ich auch, Hauptsache, es bringt was ein!"

Herberger, der ein netter Mensch ist, hängte sich sogleich ans Telefon, um mich Bekannten aus den finsteren Gefilden der Zeitarbeit vorzustellen, und ich hoffte, er würde sagen, dass ich gleich hinlaufen sollte und danach direkt zur Probeschicht. Obwohl ich nichts gegessen hatte, hätte ich das ohne zu zögern gemacht, hätte ich mir halt unterwegs schnell eine Semmel geholt.

"...ausgebildete Redakteurin, will in die Produktion... hat keine kaufmännische Ausbildung... hat sich zuletzt bei Kayser Polymer Electrics vorgestellt... nein.. sie ist fuffzig...
keine gesundheitlichen Einschränkungen ... ja...danke."

Das Gespräch war schnell zu Ende. Er wandte sich mir zu.

"Arbeitgeber dürfen Ihnen nicht sagen, was ihnen an Ihnen nicht gefällt. Aber ich darf es Ihnen sagen. Wollen Sie's hören?"

"Sicher", antwortete ich.

"Also, erstens sind Sie eine Frau. Können Sie 50-Kilo-Säcke tragen?"

Ich schüttelte den Kopf. "Ich habe gelegentlich 20 Kilo gestemmt, aber nicht den ganzen Tag lang, sondern ein paar Mal am Tag."

"Sehen Sie? Das ist der Grund, warum Produktionsfirmen lieber Männer einstellen. Das zweite ist, Sie sind schon älter..." "Aber mein Rücken ist komplett heil, und offiziell habe ich noch 17 Jahre bis zur Rente", warf ich ein.

"Das mag alles stimmen, aber die Unternehmen interessiert das leider nicht. Der dritte Punkt ist..."

(Sie haben die falsche Haarfarbe? ... Sie sprechen kein Syrisch-Aramäisch? ...Sie haben keine Erfahrung mit dem Flux-Kompensator? ... Sie sind Adolf Hitler wie aus dem Gesicht geschnitten? ... Sie stinken....?)

"Sie sind überqualifiziert."

"Heißt das, ich muss verhungern, nur weil ich ein bisschen überqualifiziert bin? Das kann doch nicht sein! Ich bin doch nicht zu blöd, an einer Montagestation zu arbeiten, nur weil ich vorher irgendwann mal was anderes gemacht habe!"

"Bitte nehmen Sie das nicht persönlich. Ich weiß, Ihre Situation ist unangenehm. Probieren Sie es weiter. Sie haben ja von uns die Liste mit Zeitarbeitsfirmen bekommen." Er hält mir noch zwei oder drei Ausdrucke von Stellenangeboten hin, die über Zeitabeitsfirmen hereingekommen sind.

Ich nicke, wage aber noch einen weiteren Vorstoß. "Und wenn ich meinen Lebenslauf ein bisschen fälsche? Studium abgebrochen, keine Ausbildung, Hausfrau, Mutter, Gelegenheitsjobberin?"

Herberger verzieht das Gesicht. "Ich darf Ihnen dazu nicht raten. Wenn es auffliegt, können Sie wegen Betrugs angezeigt werden."

"Ich erfinde ja nichts dazu, das ich nicht habe. Ich lass' nur was weg, was ich habe. Wer sollte der Sache überhaupt nachgehen?"

Herberger hebt entschuldigend die Hände. "Machen Sie, was Sie denken, ich darf Ihnen jedenfalls nicht zuraten."

Ich bewahre die Contenance, bedanke mich bei beiden und gehe nach draußen. Es ist der letzte schöne, heiße Tag. Ich stecke mir eine Kippe an, lehne mich an einen Müllhäuschenzaun und spüre, wie mir ungewollt und ohne mein Zutun die Tränen übers Gesicht laufen.

Lebenslauf fälschen!! Am liebsten hätte ich beide Fäuste bis zum Ellbogen durch das nächste etwas altmodische, einfach verglaste Fenster gestoßen. (Gegenüber hätte es ein passendes Gebäude, das ich kenne, gegeben.) Hände unbrauchbar: Erwerbsunfähigkeitsrente immerhin fast 600 Euro.

Aber wie kann ich dann noch richtig für mein Kindchen da sein? Ich muss dem Kindchen helfen, und nicht das Kindchen mir. Immerhin kriegte ich dann wenigstens in Bruder's Lifestylehouse, die eine umfangreiche Schul- und Büromaterialienabteilung haben, diese verflixten Folien, die die Kids alle jetzt un-be-dingt brauchen. 14,80 Euro für ein Zehnerpaket.

Innerlich tippte ich mir an die Stirn und beschloss, beim Elternabend zu motzen.
Man stelle sich nur mal vor, dass man das - nebst 1000 anderen Dingen, z.B. 9,95 für ein Englisch-Workbook, 6 für diesen komischen Minenbleistift, 5 für abwaschbaren Folienschreiber, 28,50 für Hefte, Heftumschläge (jedes Fach eine ganz bestimmte, vorgschriebene Farbe!), Tintenpatronen (Lamy, denn die haben die für Baby einzig akzeptablen Linkshänderfüller), Ringbuchblätter ("einmal liniert mit Rand, 6-fach, Lochung, einmal mit Notenlinien, 2-fach-Lochung, einmal kariert mit Seitenkopf ohne Rand und 4-fach Lochung...."), Kunstmappe, Farben und andere Kleinigkeiten von Hartz IV bezahlen muss. Dazu kommen noch die aberwitzig hohen Busmonatskartenkosten, die Versicherungen, Mensakosten, Klassenkasse, Fahrten und Eintrittsgelder, Lektüren, Musikunterricht plus Insrumentenmiete... Na, Frau von der Leyen, wie bezahlt man das mit Ihrem großzügigen Bildungs- und Teilhabepaket?
 

By the way, neue Turnschuhe und einen größeren Badeanzug braucht Baby demnächst auch wieder mal.
 

Zuhause rief ich gleich, es war noch nicht 12, bei einer der auf den Zetteln stehenden Zeitarbeitsfirmen an. Sie suchten zehn Produktionshelfer für das Großunternehmen Riehl Aircargo, zwar ein paar Kilometer entfernt, soll jedoch gut zahlen, wie ich von verschiedenen Leuten gehört habe, die schon mal dort tätig gewesen waren.

"Ja, Herr Herberger hat mir schon Ihre Daten gemailt. ... Diese Vorgeschichte, ich muss es Ihnen leider sagen, das geht gar nicht.
Der Kunde wird Sie ablehnen."

(Klingt ja wie: Ihre kriminelle Vergangenheit...)

"Ich habe nicht vor, verdeckt zu recherchieren. Dafür bezahlt mich keiner. Ich möchte nur Geld verdienen."

"Es hat keinen Sinn, glauben Sie es mir.
Nein, tut mir leid. Es ist sinnlos, dass Sie herkommen."

Ich bedankte mich und legte auf.


Den Rest des Tages reinrassige Suizidgedanken.

Davon lenkte mich die Pressemitteilung, die App Marketing Agency - natürlich mal wieder ganz kurzfristig - bei mir bestellt hatte, auch nicht ab. Aber das ist ja für mich nicht anspruchsvoller als Luftmaschen häkeln. Leider bringt es nur ein paar Groschen ein, und das erst Mitte nächsten Monats oder sonst wann, was in unserer Lage verdammt an Alices weißes Kaninchen mit der Uhr erinnert.

16.09.2016 um 00:04 Uhr

Angezählt

Stimmung: hoffentlich nur paranoid
Musik: Linkin Park - Castle of Glass

Rosemarie lag friedlich und gar nicht mal krank aussehend im Bett, als Kronprinz und ich sie heute besuchten und ihr Sachen brachten. Wir fanden einen herrenlosen 20-Euro-Schein, und da er nicht Rosemarie gehörte und sonst niemand im Zimmer war, steckte der Kronprinz ihn ein. Gerade im rechten Moment, denn dann öffnete sich die Tür und eine Kurdin (?) mit Kopftuch wurde hereingebracht. Sie sah sehr freundlich aus, doch wie ich Rosemarie kenne, wird sie einen Temperamentsausbruch bekommen. Sonstige

Zuhause bekam mein Baby einen Temperamentsausbruch, weil ich böse und doofe Mama ihr noch keine beschreibbaren Folien gekauft hatte (das ist der neueste Fimmel ihrer Lehrer/innen, da es zum Lehrplanwechsel fast alle Bücher neu gegeben hatte. Was einerseits schön ist, doch den Eltern zusätzliche Kosten auferlegt, in Form besagter Folien nebst abwaschbarem blauem und schwarzem Stift, damit die Folien über die Buchseiten gelegt werden und auf diese Weise z.B. Tabellen und Lückentexte ausgefüllt werden können. Theoretisch könnte man das Problem auch durch ein bisschen Abschreiben/-zeichnen lösen, doch das kann der Generation Smartphone zur Schonung der Daumen nicht zugemutet werdenSonstige).

Nach dem Mittagessen zog ich los ins Weberei Center, um Folien und Stifte sowie, halt dich fest, einen Minenbleistift Stärke 0,5 zu kaufen, denn auch ohne den kann die Generation Smartphone einfach keinen vernünftigen Schulalltag überstehen. Ich habe in meinem ganzen Leben einen solchen Apparat noch nie gebraucht. Aber egal, Mama ist ja brav und beteiligt sich am staatlich erzwungenen Sponsoring der Schreibwarenproduzenten. Prompt waren die Folien ausverkauft, auch im nächsten Laden. Mal wieder umsonst Zeit und Benzin verpulvert.

Ich verließ dennoch aufatmend das Center, weil mir eine Lawine aus Menschenleibern entgegenrückte. Heute war nämlich Einschulungstag und so mussten sämtliche Eltern von i-Dötzchen gleichzeitig losstürmen, um alle Schulsachen nach Liste einzukaufen....Habe das auch ein paar Mal durchstehen müssen, es gehörte zu den jährlichen Höhepunkten des Schreckens. Auf keinen Fall wollte ich wegen ein paar albernen Folien in diesen Moloch hineingeraten. Morgen ist auch noch ein Tag!

Jetzt sollte ich eigentlich schlafen, aber ich bin mal wieder vom Café Viereck genervt. Immer diese blöden Heinis, die einem Liebesarien vorsingen, anderen Frauen aber ebenso, und, wenn man sie deshalb kritisiert, auch dann noch plump abstreiten, diese Frauen übehaupt zu kennen, selbst wenn man es ihnen per Screenshot beweist.

Ausgeschissen, und wieder einer tot! Syrischer Flüchtling, B1-Kurs, verheiratet, 6 Kinder. Na, im Smartphone-Reihenanbaggern brauchen die jedenfalls keinen Kurs.
Mir egal, ob das Nazi ist, ich spreche es trotzdem aus. Die Menschheit ist in einem noch viel ärgeren Zustand, als die Medien behaupten, und zwar nicht nur das vielzitierte Dunkeldeutschland.

Man sollte mal ein Buch veröffentlichen, indem man einfach nur die dümmsten Sprüche, die triefendste Anmache, die vertracktesten Verschwörungsheorien, die verpeiltesten Propagandareden zitiert, die einem 1 Woche lang auf einem Tablett serviert werden. ("Worte, die die Welt nicht braucht", gesammelt im September 2016 in sozialen Netzwerken, von...) Wenn es erlaubt wäre, könnte man das Ganze auch noch mit hübschen Fotos garnieren, z.B. mit zwei dicken alten Damen in blauen Nyloncorsagen, die sich zum Whatsapp-Sex mit Smartphone-Nummer präsentieren (wobei das eigentlich Unappetitliche nicht so sehr die alten Damen, sondern noch mehr die sperma- und sabbertriefenden Kommentare sind, die dazu veröffentlicht werden), Menschen, die sich den ganzen Rücken mit Nähnadeln gespickt haben, Leuten, die ihren Hintern mit Photoshop aus Doppelte aufgepumpt haben und dergleichen Späße mehr. Infinite jest!

Ich würde den Dschihadisten durchaus glauben, dass sie eine solche Welt vernichten wollen - wenn, ja wenn sie nicht selbst dauernd mit Wonne darin schwelgen würden. Google und andere Konzerne haben deren Heimatländer längst als die mit Abstand regelmäßigsten und meistausgebenden Normal- und Pervers-Porno-Konsumenten der Welt entlarvt, und da der meiste Porno aus den USA kommt, ist klar, wer hier die Herrscher und wer die Beherrschten sind - und zwar für immer und ewig!

Gestern abend bemerkte ich, dass ich eine sonderbare Delle 10 cm neben dem Nabel habe, etwa doppelt so groß wie eine Euromünze. Ich drückte darauf und hustete kräftig, ob es ein Bruch sei, aber es war keiner. Es war auch keine Druckstelle vom Gürtel. Vermutlich ist es ordinäres Fett, dachte ich, da muss ich wohl wieder mal die Kohlehydrate reduzieren. Ich stellte mich auf die Waage, hatte aber kaum Gewicht zugelegt. Dennoch hatte ich eindeutig Schwabbelmasse am Bauch, die dort ganz und gar nicht hingehörte und die, aufgrund des von der Waage angezeigten Gewichts, auch gar nicht da sein dürfte. Wo mochte das herkommen? Ich fühlte mich alles andere als wohl in meiner Haut. Ich ging näher auf den Spiegel zu und entdeckte mehr seltsame Dinge.


(o verflucht)

Es schien mir, als habe der Körper mancherorts seine Umrisse verlassen, trete über die Ufer oder als sei die Haut an manchen Stellen nicht mehr richtig fest.

(was!!!)

Ich zupfte und zog eine Weile an diesen Stellen, aber sie gaben immer wieder nach. Jetzt wollte ich es wissen und begab mich vor den Spiegel im Erdgeschossklo, der Tageslicht bekommt.

(WTF!)

Jemand schien mit so einem Ritzmesser, das man für Linolschnitte benutzt, und zwar mit dem dünnsten, das es gibt, über Nacht an meinem Gesicht herumgeschnitzelt zu haben. Besonders um die Augen und am Kinn. Ich betrachtete mich von mehreren Seiten.

 Mir fiel einfach nichts zu meinem Anblick ein, nur meine Augen wurden immer größer und ängstlicher.

Es war kein Zweifel möglich. Ich bin markiert. Wie ein Straßenbaum, der zum Fällen vorgesehen ist, mit einem Kreuz bezeichnet wird.

Aber wie kann das so schnell gehen? Oder ist es schon länger da und die tiefstehende, aber starke Sonne lässt es einfach deutlicher hervortreten?

Wie auch immer - ich bin angezählt.

Auf dieses Endzeiterlebnis am eigenen Leib wird man nicht vorbereitet.

An Menschen wie Rosemarie erkenne ich, was für Entsetzlichkeiten auf mich warten.

Am Morgen verzichtete ich auf das Korsagentop und zog ein einfaches Top mit weißer Tunika an. Da war wenigstens die Schwabbelmasse nicht zu sehen. Plötzlich machten mir alle meine chicen Klamotten keinen Spaß mehr.

Ich weiß, dem Kronprinzen brauche ich mit solchen Geschichten nicht zu kommen, erstens hat er selber ziemlich viel Biomasse, was ihn lange nicht genug stört, um nicht deftigst an jedem Buffet zuzulangen, zweitens wird er etwas von hysterischen Weibern mit Pseudoproblemen sagen, und drittens hat er noch andere Sorgen. Geld zum Beispiel.

(...und Terrorkid kommt nie mehr zurück... und wenn, kann ich mich in diesem Zustand überhaupt zeigen?)

Burka wäre manchmal gar nicht so schlecht...

14.09.2016 um 23:52 Uhr

Stahlkammern (X): Es ist nicht Lehman Brothers...

Stimmung: sinister
Musik: 3 Doors Down - She likes to do it in the dark

Tagsüber immer noch 33 Grad. Den ganzen Tag in vollem Galopp. Musste Rosemarie, die, irgendwann in den frühen Morgenstunden, aus noch zu ermittelnden Gründen, ihre Wohnung komplett verwüstet hat, "vergaß", ihren Rettungspiepser zu benutzen, vom Nachbarn vom Boden aufgehoben wurde (ein Rätsel ist, wie sie dem die Tür aufmachen konnte - oder stand die schon seit gestern Abend offen?!) und halb angezogen auf einem Hocker saß, als ich um kurz vor 8 in die Wohnung kam, in die Agaplesion-Klinik bringen. Sie glaubt, sie sei im Heim, obwohl ihr noch auf der Fahrt dorthin scheinbar völlig klar war, dass es sich um ein geriatrisches Krankenhaus handelt.

"OMG", ist derzeit die am meisten ausgesprochene Floskel im engsten Familinkreis. Was, wenn sie ein Pflegefall wird? Sie scheint eine explosionsartig anwachsende Form von Demenz zu haben, dazu hat sie zahlreiche Schmerzen, ist jedoch bei erstaunlichen Kräften, sie hat einen großen, tonnenschweren, vollgepackten Nachtschrank umgeworfen, dito einen Sessel, das Bett komplett abgedeckt und ist offenbar dann zwischen all den Möbelstücken und herumgeworfenen Gegenstände Parkour gelaufen. Genauer Ablauf der Ereignisse und Anlass bis jetzt unbekannt.

Sie scheint nicht verletzt zu sein und war bei der Aufnahme in die Agaplesion völlig gleichmütig und gelassen. Sie wusste nicht, wie man den Namen des Kronprinzen schrieb, aber Datum und Geburtstag, sie behauptete, es gehe ihr gut, sie schlafe bestens, sie esse und verdaue auch bestens (wir haben tagelang nichts als Klagen über alle diese Daseinsbereiche gehört), sie habe keine Schmerzen außer im rechten Knie. Noch vor 2 Tagen hatte sie über unaufhörliche Schmerzen geklagt. Das BWK war nach 10 Tagen der verschiedensten Untersuchungen und Diagnoseverfahren völlig am Ende seines Lateins und wollte sie gleich ins Agaplesion überstellen, aber sie weigerte sich und sagte, sie wolle sich erst umziehen. Kronprinz holte sie also ab. Ich hielt es für keine gute Idee ihr nachzugeben, aber zwingen konnten wir sie ja schlecht.

Zuhause begann sie wieder augenblicklich zu klagen, sie wolle jetzt doch ins Agaplesion, aber wir brauchten dazu dann wieder eine Überweisung vom Hausarzt. Der sagte, ich solle gleich mit ihr und dem BWK-Abschlussbericht vorbeikommen. So schleppte sie sich die Treppe runter (was aber schon bedeutend besser ging als vor ihrem Aufenthalt im BWK) und wir rollten bei 38 Grad durch die Innenstadt (alles voller Baustellen, und diesen schönen Zustand ("Sexy Kalender 2018: Die schönsten Frauen/Männer im Stau!") dürfen wir jetzt noch bis mindestens 2020 genießen, hieß es aus dem städtischen Bauministerium). Ich fluchte schon innerlich, weil ich den ganzen Tag schon Besorgungen gehabt hatte, völlig verschwitzt war und eigentlich noch eine Bewerbung präparieren musste. Das konnte ich vergessen. Na ja.

In der Praxis dann bestand Rosemarie darauf, ihre Entscheidung widerrufen zu wollen, doch der Arzt und ich drohten ihr an, dass, wenn sie das jetzt glücklicherweise freie Agaplesion-Bett (das ursprünglich für sie geplante war selbstverständlich schon wieder belegt) wieder sausen ließe, es tagelang dauern könnte, bis wieder eins frei werde. Da fügte sie sich schließlich und so kam es zu dem Termin heute morgen um 9. Hätte sie sich bei ihrem Amoklauf verletzt, hätte ich sie sogleich wieder mit 110 ins BWK zurückschicken müssen...

Jetzt ist sie erst mal da, ich atmete fürs erste auf und erledigte ein paar weitere unaufschiebbare Dinge, Bank, dringende Schulsachen, das Verköstigen von zu unterschiedlichen Zeiten heimkehrenden Familienmitgliedern, Baby zu einer Freundin bringen etc. Ich wollte noch Rosemaries Nagelschere und Hausschuhe irgendwie in dem Chaos suchen, doch der Gedanke, mich dann wieder auf 1000 baustellenbedingten Umwegen  durch den dicksten Verkehr quälen zu müssen, machte mich völlig mutlos, ich verschob die Aktion auf morgen Vormittag. Ich hatte nicht mal Lust aufs Internet

(Terrorkid, wer sind die komischen Leute auf deinem neuesten Bild auf Spinnstegram?)


und schmiss mich aufs Bett,

(und warum werdet ihr da mit Tomaten beschmissen?
Tomatenschmeißparty? )

einer willenlosen Starrsucht

(
Ist das am Ballermann oder wo?)

hingegeben. Ich wollte mich nicht mehr mit merkwürdigen Fragen

(Wie kommst du da hin, und auf welche merkwürdige Weise bist du plötzlich zu Geld gekommen?)



beschäftigen.

Ich hoffe, die finden bei Agaplesion etwas heraus und können vor allem das Schreckliche irgendwie verhindern, das wir alle befürchten (selbstverständlich haben sowohl Rosemarie selbst wie auch der Kronprinz und Martin bisher jeden Gedanken an solche Eventualitäten völlig verdrängt, sodass jetzt die ganze Sippe wie vom Fallbeil getroffen ist - obwohl das Thema in den Medien ja schon fast dauerpräsent ist. Immer nach dem Motto: "Uns betrifft das doch nicht.").

Gerade stand ich auf dem Balkon, um eine zu rauchen, reckte den Kopf in den sanften Wind (nachts immer noch 20 Grad, unfassbar) und schaute in die Sterne (Terrorkid?),
MP3er auf den Ohren, wie zu Teeniezeiten - als könnte mich ein DeLorean mit Fluxkompensator wieder zurückbringen - die Rattenfängerstimme von Alphaville im Ohr ("This place is so crowded, you feel so alone, cause you are eye to eye with him...") Da zog ein Feuerschweif in einem schier unendlich langen flachen Bogen über den südlichen Horizont.  Zu dem unbekannten Wesen, das alle Wünsche kennt, flüsterte ich nur "Bitte..." weil mir kein einzelner Wunsch einfiel.

Der Kronprinz verhandelt seit drei Wochen mit allen seinen Gläubigerbanken, charmiert am Telefon, sagt immer wieder: "Meine Frau hat sich angemeldet bei... Meine Frau hat Probearbeit bei... Das kann ich Ihnen nicht sagen... Bitte, was soll ich Ihnen sagen.. Verstehen Sie, es ist... Wir versuchen alles....Meine Frau dies... meine Frau jenes..." Frist um Frist schindet er heraus. Danach läuft er ins Badezimmer, um sich zum 101. Mal zu übergeben. Vor Erschöpfung. Vor Angst. Der große, starke Kronprinz. Der, der immer lacht. Er hat auch mir den Befehl erteilt, mir nichts anmerken zu lassen. Ich bin sein Faustpfand, sein As im Ärmel. Aller Augen sind auf mich gerichtet. Die ganze Welt hängt schweigend an meinen dünnen Handgelenken. Wenn ich allein bin, bleiben mir alle Schreie im Hals stecken, ich atme nur tief.

Ab heute gewährt niemand mehr Aufschub. Unsere Flugbahn ist berechnet. Wenn nicht ein Wunder geschieht und ich eine Arbeit oder wenigstens irgendwoher Geld bekomme, rast dieses heillos überladene Fahrzeug am 17. Oktober, Mitternacht, mit voller Besetzung und 180 km/h gegen die Wand.

Bitte... 

08.09.2016 um 23:52 Uhr

Große Magellan'sche Wolke

Stimmung: besiegt
Musik: The Cure - A Forest

Ich hätte mir keine Gedanken machen müssen. Keine Gedanken, und keine Hoffnung. Eine ganze Woche Urlaub geopfert, um zur Probe zu arbeiten. Das Resultat: Danke und Arschtritt. Wie immer.

Ich bin ihnen nicht mal einen lausigen Zehner pro Stunde wert. (Obwohl ja in meinem Fall noch Zeitarbeitsgebühren für die Firma dazugekommen wären, also sagen wir mal 26 pro Stunde.)

Die Verzweiflung ist abgründig, die Angst rast, indirekt proportional zu den Kontoständen, aufwärts in Richtung Stratosphäre.

Wir können auf niemandes Gnade hoffen. Wir sind geschlagen.

Der Kommentar das Kronprinzen: "Hach, nimm das doch nicht immer so persönlich." (Ausgerechnet er! Der mir drei Mal pro Woche vorrechnet, dass es auf mein Einkommen, und meins allein, ankommt, ob wir überleben oder nicht...)

Kommentar meiner Mutter: "Vielleicht hast du ja kein Fingerspitzengefühl?" (Nachtreten konnte die schon immer sehr gut...) und: "Dann müsst ihr eben Insolvenz anmelden." (Einer Versager - Tochter zu helfen ist ja eine Schande für anständige Menschen...)

Dieser kalte Schweiß auf der Stirn. Dieses jämmerliche Gefühl des Kontrollverlustes. Wenn man sich absolut wertlos vorkommt. Wenn man glaubt, es nicht verdient zu haben, auf der Welt zu sein. Wenn man sich ritzen möchte, die eigenen Haare büschelweise ausreißen, den Spiegel mit der Faust zerschlagen, jeden einzelnen der möglicherweise gefühllosen, auf jeden Fall versagt habenden Finger mit dem Hammer zerschmettern. Das Hohngelächter der ganzen Welt im Rücken. Nicht mehr atmen können vor Ekel. Versagt versagt versagt versagt versagt versagt....

Dies könnte ich machen: Marcumar, den altbewährten Blutgerinnungshemmer, auf Vollspiegel hochfahren, was erfahrungsgemäß etwa eine Woche dauert. In diesem Zustand verursacht jeder aufgekratzte Mückenstich eine Blutpfütze auf dem Boden. Ich müsste dann nur mit einem spitzen Gegenstand ein paar einfache Ornamente, beispielsweise "III", in jedes Bein ritzen. Meet the reaper! Aber das wird daran scheitern, dass ich nicht mehr genug Marcumar im Giftschrank habe. 


10.08.2016 um 23:37 Uhr

Das Schreien

Stimmung: dumpf
Musik: Elle Gold - Ex's & Oh's

Ich finde diese Schrift hier ganz nett, deshalb probiere ich sie jetzt einfach mal aus. Habe Café Viereck eingeschaltet, rede jedoch dort nichts, warte, ob sich Terrorkid mal zeigt. Im Grunde ist das Unsinn, Terrorkid kann ganz gut auf sich aufpassen, das muss ich nicht tun. Wahrscheinlich will Terrorkid überhaupt nicht mit mir reden, sonst täte er es ja.

Ich musste Kaffee und Kuchen vorbereiten und auf ausdrücklichen Wunsch des Kronprinzen den Eingangsbereich, die Tische und die Küche saubermachen, ich biss die Zähne zusammen und tat es, so ordentlich und so rasch ich konnte. Doch dann warf ich einen Blick auf meine Kontostände, und der Zusammenbruch kam so schnell wie von einem Zimmer ins andere zu gehen. Ich hatte einen Auftrag der Agentur App vor 8 Wochen abgeschlossen, wartete brav mit meiner Rechnung, bis sie o.k. gaben, berechnete 450, zog aus Kulanz 100 auf ihren Wunsch ab ("zu viel Luft in den Seiten" - jaja, die Form war vorgegeben, aber gute Kunden muss man pflegen.... das heißt, bisher waren es gute Kunden...) Ich wartete aufs Geld, das nicht kam. Ich telefonierte. "Ja, wir haben es angewiesen."

Ich wartete aufs Geld, das nicht kam, während die Riesenfäuste der großen Abbuchungen Verwüstungen auf dem Konto anrichteten. Ich schleppte ein Schmuckstück zur Pfandleihe ("ist ja nur zur Überbrückung"), um geliehene Kohle zurückzuzahlen. Ich wartete weiter aufs Geld, das mit ebenso hartnäckiger Regelmäßigkeit nicht kam, wie ich die Kontostände checkte.  Ich telefonierte. "Tschuldigung, wir haben's vergessen, wir haben's jetzt aber angewiesen." Ich wartete. Die ersten Abbuchungen kamen zurück, nebst Strafgebühren. Ich nahm weitere Drittmittel auf. Ich wartete. Das Geld kam nicht. Ich wieder telefoniert. "Ja, also, ich weiß auch nicht, die Buchhaltung. Ich weise es heute noch an." ...

Heute morgen piepste es auf dem Handy. Das war die Berlin LBB. "Ihre Kreditkartenrechnung beträgt..." Ich raste zu den Kontenreports. Kein Geld. Ich griff zum Hörer. Tuten, klicken, tuten. AB. "Hier Niva. Bitte um Rückruf." Das gleiche im Züricher Büro.


Der Rückruf kam selbstverständlich nicht.

Ich weiß auch nicht, ob das einer kennt, wenn eine gigantische Welle der Verzweiflung, die sich über lange, lange Zeit aufgebaut hat, innerhalb einer Zehntelsekunde an ihrem eigenen Gewicht zusammenbricht. "350", schrie ich ins Zimmer hinein. "Ich habe dafür gearbeitet, ihr Idioten. Ich habe etwas anderes liegenlassen, um euch an erste Stelle zu setzen." Seit dem Vortag war meine Kreditkarte wegen Überschreitung des Limits gesperrt. "350. 350. 350. Ich bin um 100 runtergegangen. Auf 350. Und nicht mal die kriege ich." Ich flüsterte die füchterlichsten Schimpfwörter und wünschte ihnen und ihrem versnobten Laden die Daesh an den Hals. Sinnloses Flüstern, sinnlos wie diese Arbeit geleistet zu haben, und sinnlos wie mein ganzes Leben.

Im selben Moment klingelte das Telefon. Ich sprang auf, weil ich dachte, App sei es endlich. Es war meine Mutter. Ich sprudelte hervor, was geschehen war, von Schluchzen unterbrochen.

Ich habe mal eine widerliche Gerichtsreportage aus den USA gelesen. Eine Clique 14- bis 16-jähriger Mädchen hatte, angeblich aus Rache, ein 12-jähriges Mädchen, das die Clique für seine besten Freundinnen hielt, spätabends aus dem Haus gelockt, ohne dass sie ihren Eltern Bescheid gesagt hatte, in einem Auto weggefahren, schließlich in den Kofferraum gesperrt und sie irgendwo in den Feldern mit dem Radkreuz erschlagen. Die Mädchen sagten schließlich gegeneinander aus. "Irma" (oder wie das größte Mädchen hieß) "schlug Sandra auf den Kopf, traf sie nicht richtig und schlug noch ein paar Mal zu, sie verdreht die Augen und fiel zurück, da haben wir den Kofferraumdeckel zugeknallt und dachten, das war's, aber als wir nach ein paar Kilometern wieder angehalten und nachgeschaut haben, lebte sie noch, sie hat gemerkt, dass der Deckel wieder aufging, hat uns aber nicht mehr erkannt. Sie hat gerufen "Mama, Mama", und da haben wir noch mal zugeschlagen..."

Im letzten Moment, wenn gar nichts mehr geht, heißt es, rufen alle Menschen nach Mama. Sie soll mit den magischen Kräften, die nur die eigene Mutter hat, alles wieder zum Guten wenden, nicht zulassen, dass das Baby, das sie geboren hat, durch fremde Gewalt, die nur spielen will, der das Baby nichts bedeutet, aus der Welt gerissen wird.

Und manchmal ist sie dann einfach nicht da. An ihrer Stelle nur das große, tosende, gleichgültige, Tod bringende Nichts.

Das ist, was meine antwortete:

"Du rufst nur an, wenn du Geld brauchst. Sonst lässt du es dir gutgehen und kaufst sinnloses Zeug, genau wie dein Mann." "Ich wollte nicht um Geld bitten", schniefte ich. "Ich erzähle nur, was mir gerade passiert ist. Ich will kein Geld von euch. Ich gehe zur Pfandleihe." "Dass du noch mehr vom Familinschmuck verramscht?" (Das Armband meiner Großmutter hat sie mir bis heute nicht verziehen. In Wirklichkeit vrzeiht sie mir aber etwas anderes nicht: Dass ich arm bin. Dass ich der lebende Bweis bin, dass ihre eiserne Regel nicht stimmt: Dass man alles erreichen könne, was man will, wenn man sich nur genug anstrenge.

"Mensch, ich habe dir doch erzählt, warum..."

"Du hättest uns fragen können!"

"Ich wollte euch weder um Geld bitten noch von meinen Problemen erzählen. Weißt du, wie ich mich schäme? Ich traue mich ja nicht mal mehr, auf Babys Klassenfest zu gehen...." (Das stimmt. Sogar heute, als ein Typ vorbeikam, dem der Kronprinz sein Fahrrad verkauft hatte, fürchtete ich mich, der könne durch meine weißen Festkleider nicht nur bis auf mein abgenagtes Skelett, sondern bis auf meine abgeräumten Konten schauen.) "Lächerlich", schnaubte meine Mutter. "Weißt du, wie viele Rechnungen deines Vaters erst nach der dritten Mahnung oder gar nicht bezahlt worden sind? Das ist doch überall das Gleiche." "Mama", schrie ich, "das war sicher sehr unangenehm und unrechtmäßig, aber ich glaube, ihr könnt euch das trotzdem nicht so ganz vorstellen. Stell dir mal vor, alle Rechnungen meines Vaters wären nicht bezahlt worden, und ihr hättet trotz Arbeit null Einnahmen gehabt."

"So ein Quatsch", unterbricht sie mich.

"So ist es aber bei mir", schreie ich. "Und ich weiß nicht mehr, was ich tun soll, ich kann nicht mehr weiter, ich kann nicht mehr, wisst ihr das, ich laufe weg und lasse nichts mehr von mir hören..."

"Sehr gut", sagt sie im Ton höchster Zufriedenheit, "nimm das Kind und verlass ihn endlich."

"Hallo? Mama?! Ich glaube, du verstehst nicht ganz. Das Kind nehme ich dann nicht mit."

"Was bist du für eine Mutter", brüllt sie.

"Ich kann für das Kind nicht sorgen. Zusammen mit dem Kind bin ich abhängig von diesem Mann, dem du so viel 'Sympathie' entgegenbringst. Um es knallhart zu sagen. Verstehst du?"

Ich habe eine ganz trockene Kehle vom Schluchzen, gleichzeitig bin ich aufgebracht, dass sie sich weigert den Kern des Problems zu sehen, wie hartnäckig ich sie auch mit der Nase darauf stoße.

Was bist du für eine Mutter, Mama? Du hast mich auch einmal im Arm gehalten, mich an blühenden Rosen vorbeigetragen, so erzähltest du mir, und dass eins der ersten Worte, die ich sagte, "Feuer" war. Ich war kleiner und zarter als Baby es je war, und ich wurde schon im ersten Jahr so krank, dass ihr um mein Leben gefürchtet habt.

Und als ich dann groß und scheinbar stark war, habt ihr mich direkt in das Feuer hineingestoßen, und ihr verachtet mich, weil ich verbrenne.

04.08.2016 um 03:09 Uhr

Niemand wird

Stimmung: wie jemand, der mit dem Daumen eine Laus zerquetscht
Musik: Broken Bells - The Changing Lights

"Erlöse mich" --- Wieder mal so ein Urschrei von irgend so einem Gespenst aus dem Café Viereck, meiner Geisterbahn mit Echtzeiteffekt. Ich ? Dich ? Niemand. Wird. Dich. Erlösen. So wie auch mich. Niemand. Erlöst! --- Deine Erlöserin sitzt 1288 km über das extrem aufgeheizte Mittelmeer hinweg von dir entfernt und schaltet jetzt ab. Ruhe im Karton! Dunkel wird der Wald und stille sein.

Der Besuch heute bei der "verfolgten" Freundin war, statt einer lustigen "Ghostbusters"-Show, ein einziger Horror. Die beiden sind in einem allumfassenden Wahnsystem gefangen. In die Wohnung wird weder Dreck noch Gift von irgend jemandem geblasen. Nichts dergleichen. Die Wohnung ist ganz einfach seit etwa 6 Monaten nicht mehr geputzt und aufgeräumt worden. Der Junge hat Diabetes in fortgeschrittenen Stadium. Ganz schwarze Zehen und überall offene Wunden. Irgendwann kippte er einfach um und lag vor der Treppe wie ein 150 kg schwerer Mehlsack.

Diese Leute brauchen dringend Hilfe, aber nicht so, wie sie es sich vorstellen. Habe den Kronprinzen mobilisiert und der will sich an die Verwandten wenden. Ich habe mich als Putzfrau angeboten, der Anwalt, der dabei war, will sich auch einklinken.

Das arme Baby war komplett verstört. Hätte ich gewusst, was auf uns zukommt, hätte ich sie nicht mitgenommen!