Mittwoch - 9.8.2000
Mir ging es wieder besser. Kein Wunder, nach der Nacht. Ha ! Das Hauptproblem war aber eigentlich mein Magen, der wohl einfach nicht die Medikamente vertragen konnte. Deshalb bekam ich jetzt noch mehr Medikamente, die dafür sorgten, daß ich regulären Medikamente vertragen konnte. Gegen 8 Uhr kam, wie an jedem Tag, die Putzfrau herein, die aber diesmal sehr viel gründlicher putzte. Nicht, daß sie sonst einen schlechten Job gemacht hätte, aber an diesem Morgen putzte sie sich fast die Hände blutig. Wenig später kam dann noch die nette, hübsche Schwester ins Zimmer gestürzt und zupfte die Gardinen zurecht und erzählte mir, daß heute bei der Visite der Chefarzt dabei wäre und hier deshalb alles perfekt sein müßte. Ich sollte auch, sobald sich die Tür öffnen würde, sofort den Fernseher ausschalten. Und dann, eine halbe Stunde später, öffnete sich tatsächlich die Tür. Panisch drückte ich den Aus-Knopf der Fernbedienung und blickte voller Erfurcht in die leuchtende Aura dieses gottgleichen Mannes, der da durch die Tür schwebte. Ich weinte vor Glück, denn ich erblickte Schönheit und Perfektion. Nagut, das ist jetzt alles ein bißchen übertrieben, denn im Grunde war da ja nur dieser eine ältere Herr, der mir vor ein paar Tagen die Kamera ins Ohr gesteckt hatte. Dieser Mann, samt einer Horde anderer Ärzte (mit leicht geduckter Haltung, um ihre Demut auszudrücken) fragten nach meiner Befindlichkeit und teilten mir dann freudig mit, daß ich ab heute verstärkt Lauftraining machen sollte, weil das Gleichgewichtsorgan dsa Laufen komplett neu erlernen muß, und ich dann schon bald nach hause könnte. Dabei lächelte mich der hellhaarige Arzt besonders an, woraufhin ich zurücklächelte. Dabei zitterte aber aus unerfindlichen Gründen einer meiner Mundwinkel, woraufhin der Arzt mein Gesicht näher betrachtete, weil diese Entzündung, wegen der ich im hier war, auch die Gesichtsnerven zerstören konnte. War aber natürlich alles in Ordnung, und so zogen die Ärzte glücklich davon, und ich konnte wieder den Fernseher einschalten.
Davon hatte ich nur leider nichts viel, denn schon kam die nette, hübsche und eine gemeine, blonde Schwester ins Zimmer und ordneten an, daß ich nun draußen mal im Gang ein bißchen laufen solle. Devot, wie ich bin, folgte ich dem Befehl und marschierte unsicher den Gang entlang. Die nette, hübsche Schwester beobachtete das und lachte, wenn ich mich am Ende des Gangs wie ein Soldat um 180 Grad drehte. Das Bogenlaufen war eben noch ein bißchen schwierig. Drinnen dann, als sie die Sachen meines Zimmernachbarn ordnete, meinte sie, daß Männer wie kleine Kinder wären. Was hatte diese Äußerung wohl zu bedeuten ? Hmm...
Donnerstag - 10.8.2000
Mein Zimmernachbar wurde entklassen und ich bekam einen Neuen. Diesmal ein Fünfjähriger. Um Zwölf Mittags fing er plötzlich zu weinen an. Dann winkte er in Richtung Fernseher und wimmerte, ich soll ihn ausmachen, weil er schlafen will. Obwohl ich keine Kinder mag, gab ich nach. Da er aber nach eine halben Stunde immer noch nicht schlief, sagte ich "Na wenn Du nicht schläfst, kann ich auch wieder den Fernseher einschalten !" und tat selbiges. Später kamen meine Eltern, brachten Ersatz für die vollgekotzte Hose vom Dienstag. Und schon wieder weinte der Typ. Diesmal weil sein Vater nicht da war. Der kam dann irgendwann, war vermutlich froh, diese Heilsuse mal loszuhaben. Am Abend ging es dann weiter. Wieder sollte ich den Fernseher ausmachen, ich drehte ihn aber nur etwas leiser, woraufhin dieser eine Stunde lang weinte. Dann hatte er es satt und rannte zur Schwester, der bösartigen, Blonden. Die bat mich, den Fernseher noch leiser zu machen, und ging wieder. Daraufhin weinte der Fünfjährige weiter und lief wieder zur Schwester, die mich nun Zwang, den Fernseher auszuschalten. Man hätte ja auch die letzten Tage, als es mir so schlecht ging, Rücksicht auf mich genommen. Ist natürlich ein blödes Argument, denn das gehört ja mit zum Service. Nur unter großem Protest und dem Verlangen, den Typen ein anderes Zimmer zu geben, fügte ich mich. Während der Kerl sich nun langsam in den Schlaf weinte, fragte ich mich, ob es wohl nach einem Unfall aussehen würde, wenn er am nächsten Morgen mit seinem Kissen auf dem Gesicht gefunden werden würde.
Freitag - 11.8.2000
Am nächsten Tag wurde mein weinender Nachbar operiert, aber scheinbar nicht an den Tränenkanälen, denn als er später aufwachte, weinte er wieder. Seine Eltern ließen sich an dem Tag gar nicht erst blicken. Die schienen wirklich froh zu sein, ihn los zuhaben. Am Abend war der Kerl vom Weinen wenigstens so müde, daß er schlief und ich Fernsehen schauen konnte.
Sonnabend - 12.8.2000
Früh, als ich draußen mit den anderen Patienten auf dem Gang auf die tägliche Untersuchung wartete, staunte ich nicht schlecht. Da stand doch der Typ aus meinem Zimmer vor ein paar anderen Kleinkindern und gab an, nicht geweint zu haben, als man ihn gespritzt hatte. Ich hätte ihn in diesem Moment Lügen strafen können, vor all den anderen Kindern, aber ich beließ es dabei, ihn in dem Moment einen ganz bösen Blick zuzuwerfen. So richtig angst konnte ich ihm damit aber nicht machen.
Wieder im Zimmer kam dann die Schwester und entfernte dem Nervsack die Kanüle, durch die die Medikamente getropft werden. Und was hat er da gemacht ? Richtig, geweint. Seine Eltern holten ihn später ab und so hatte ich das ganze Wochenende das Zimmer für mich allein.
Die nette, hübsche Schwester war auch noch einmal in meinem Zimmer und erzählte mir, daß sie heute Abend mit der Familie ein Grillfest veranstaltet. Sie wollte scheinbar das Telefon des nun freien Bettes in ein anderes Zimmer bringen, bekam aber den Stecker nicht aus der Dose. Die gemeine, blonde Schwester (nicht zu verwechseln mit der bösartigen, Blonden) kam dazu und schnauzte die nette, hübsche Schwester an, daß sie keine Ahnung hätte. Als sie dann aber selbst nicht das Kabel herausbekam, freute sich die hübsche Schwester und wir lächelten uns beide an. Hach...leider habe ich sie seitdem nie wieder gesehen.
Sonntag - 13.8.2000
Heute kam es entgültig zur Konfrontation. Die bösartige, blonde Schwester, wollte mir tatsächlich früh das Fernsehen verbieten. Es war die gleiche Schwester, die mir schon am ersten Tag verbieten wollte, raus zu gehen und die mich aufforderte, das Fernsehen auszuschalten, weil das Nachbarsackgesicht geweint hatte. Diese Schwester versuchte nun, nachdem sie den Donnerstag anscheinend als Sieg gewertet hatte, mir das Fernsehen wegzunehmen. Man kann mir alles nehmen, ABER NICHT DAS FERNSEHEN !!!! Also erlebte sie mich mal von meiner anderen Seite, der dunklen, bösen Seite, wo anstatt meiner sonstigen Diplomatie pure verbale Gewalt herrscht. Am Ende konnte sie bloß noch den Satz einwerfen: " In anderen Krankenhäusern muß man für Fernsehen bezahlen. " Ich wunderte mich über das Argument und fragte: " Ja, na und ? " Schließlich war ich schon in anderen Krankenhäusern und hatte auch schon bei gleichem Fernsehkonsum bezahlt.
Später dann beim Tropfwechsel mußte sie aber noch eine Spitze loslassen. Sie fragte, ob meine Eltern kommen. Als ich verneinte, meinte sie, daß sie jeden Tag von Chemnitz nach Dresden fahren müßte und das es nun keine so riesige Strecke wäre. Wollte sie mich nun gegen meine Eltern aufhetzen ? Zwecklos, schließlich war ich es, der seinen Eltern jeden Tag sagen mußte, daß sie nicht kommen brauchen.
Montag - 14.8.2000
Früh wurde mir mitgeteilt, daß ich am nächsten Tag gehen könnte. Nach der morgentlichen Untersuchung mußte ich wieder in den Untersuchungsraum des Chefarztes, in dem vorerst nur ein paar Studenten warteten. Der hellhaarige Arzt schob die Ohrenklappe beiseite, fischte diverse Tamponaden aus dem noch angeschwollenen Ohr und wartete dann auf den Chefarzt. Als dieser kam und sich dazu bereitmachte, in mein Ohr zu schauen, merkte der hellhaarige Arzt an, daß er schon die Tamponaden entfernt hätte. Aber anstatt ihn dafür zu loben, grunzte ihn der Chefarzt an, daß er das selbst sehen würde. Mit meinem Ohr hingegen war aber scheinbar zufrieden.
Wieder zurück wurde mir mitgeteilt, daß ich in ein anderes Zimmer umziehen mußte. Seltsamerweise war das auch Zweibettzimmer, bloß halt schon mit Zimmernachbar, ein Junge etwa im gleichen Alter. Wir redeten nicht viel, denn ich kannte ihn ja gar nicht und war im übrigen sowieso nur damit beschäftigt, die Stunden rückwärts zu zählen. So verging der Tag.
Dienstag - 15.8.2000
Früh wurde noch ein kurzer Check gemacht, mir alles Wichtige gesagt, dann kamen auch schon die Eltern, mit denen ich, noch immer etwas unsicher auf den Beinen, das Krankenhaus verließ. Ich hatte es geschafft. Ich war wieder frei.