Karel Svoboda ist tot
Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, Biene Maja, Nils Holgersson, Die Besucher, Der Fliegende Ferdinand, Wickie und die starken Männer, ...
Hat sich erschossen, weil er wohl unheilbar krank war.
Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, Biene Maja, Nils Holgersson, Die Besucher, Der Fliegende Ferdinand, Wickie und die starken Männer, ...
Hat sich erschossen, weil er wohl unheilbar krank war.
Musik: Sigur Ros - Untitled7
Meine Großeltern sind alle schon lange tot.
1986 starb meine Großmutter mütterlicherseits, die Einzige von meinen Omas und Opas, die ich wirklich gern hatte. Ich besuchte sie ja auch täglich, weil meine Mutter nur halbe Tage arbeitete und den Nachmittag über dann eben bei ihrer Familie verbrachte, wohnten doch neben meinem Opa in dieser Wohnung auch noch meine Tante samt deren Sohn. Meine Omi, den Begriff "Oma" verwendete ich nur für die unbeliebte Großmutter väterlicherseits, litt an starker Diabetes, und als sie wenige Jahre zuvor das Insulin wechselte, so wird es jedenfalls erzählt, ging es ihr seitdem immer schlechter. Als es ihr richtig schlecht ging, diagnostizierten die Ärzte Bauchspeicheldrüsenkrebs. Das wurde ihr aber nicht gesagt, sondern nur den Angehörigen, sodaß sie bis zuletzt dachte, sie würde wieder gesund werden.
Während ihrer letzten Woche färbte sich die Haut gelb, und wahrscheinlich auf Grund der ständigen Zufuhr von Morphium war sie zeitweise auch nicht mehr richtig bei Sinnen. Ich weiß noch, wie ich einmal in ihr Zimmer ging um mit ihr zu reden, sie mich stattdessen aber nur stumm anschaute, plötzlich eine Fratze zog und die Zunge heraussteckte, sodaß ich erschrocken aus dem Zimmer lief. Es war ein Dienstag gewesen, als ich früh von meiner Mutter geweckt wurde und seltsamerweise mein Opa im Wohnzimmer saß. Den Grund seines Besuchs kann man sich natürlich denken - meine Großmutter war in der Nacht gestorben und er war der Überbringer dieser Nachricht, aber meine Mutter sagte mir erst einmal noch nichts, sondern brachte mich ganz normal in den Kindergarten. Erst als sie mich nachmittags wieder abholte, sagte sie es mir.
Als wir dann wieder in der Wohnung meiner Omi waren, vermied ich es, ihr Schlafzimmer zu betreten. Ich wußte zwar eigentlich, daß man sie abgeholt hatte, aber irgendwie lag sie vor meinem geistigen Auge doch noch dort tot in ihrem Bett. Kurz bevor wir gegen Abend wieder gehen wollten, sagte meine Tante plötzlich, daß sie aus dem Schlafzimmer noch irgendwelche Handtücher holen mußte. Und scheinbar wollte ich diese Chance nutzen, doch noch dieses Zimmer zu betreten und meine Großmutter zu sehen. So sagte ich zu meiner Tante, daß ich mitkommen wöllte, blieb aber dann wieder stehen, weil mich die Angst übermannte. Und als sich meine Tante herumdrehte und fragte, warum ich denn nicht käme, bekam ich einen Panikanfall und schrie und weinte. Mein Cousin schaute mich entsetzt an und meine Mutter sagte "Ach, er denkt noch, sie liegt im Schlafzimmer."
Während der nächsten Jahre war der Tod scheinbar erst einmal andersweitig beschäftigt, dafür nahm er sich dann ab 1994 besonders viel Zeit für meine restlichen Großeltern.
Zuerst war mein Opa väterlicherseits an der Reihe. Er wurde eventuell von meiner Großmutter ermordet, denn trotz seiner schweren Erkrankung, die er hatte, standen die Chancen wohl nicht schlecht, daß er wieder gesund werden würde. Wie auch schon meine Großeltern mütterlicherseits führten meine anderen Großeltern jedoch keine gute Ehe, sondern eher eine Zweckgemeinschaft. Ich weiß nicht, warum sie sich nicht scheiden lassen haben - meine Oma war sehr auf ihr Ansehen bedacht, vielleicht lag es ja da dran. Jedenfalls, so berichtete meine Mutter, fragte sie die Krankenschwester, als diese nach meinem kranken Opa schaute, euphorisch "Der wird aber nicht wieder, oder ? Der wird aber nicht wieder ?", und als meine Mutter Abends noch einmal mit ihr telefonierte, hörte sie plötzlich im Hintergrund die Fenster zuschlagen. Meine Großmutter hatte dafür gesorgt, daß es in der gesamten Wohnung wunderbar durchzog, und überraschenderweise erkrankte mein Opa wenige Tage später zusätzlich noch an einer Lungenentzündung. Kurz darauf rief sie an und erklärte weinerlich, daß er gestorben sei.
Ihre Trauerzeit endete so ziemlich einen Tag nach der Beerdigung ihres Mannes. Ab dann mutierte sie zur lustigen Witwe; kaufte neue Haushaltswaren, teure Kleidung, plante Reisen, knüpfte Kontakte. Sie wollte nun all das nachholen, was sie seit vielen Jahren nicht mehr getan hatte. Nur ein halbes Jahr später kam dann plötzlich ein Anruf - eine Bekannte, mit der sie wenige Tage später verreisen wollte, hatte sich gewundert, daß bei ihr niemand mehr ans Telefon ging. Sie fuhr Abends zu ihrer Wohnung, und als niemand öffnete, ließ sie die Tür aufbrechen. Sie fand meine Großmutter auf dem Boden in ihren Fäkalien liegend, aber noch lebendig. Im Krankenhaus diagnostizierte man einen schwerer Schlaganfall.
Eigentlich ging mir ja das Wohlbefinden meiner Großmutter nicht sehr Nahe; wie schon erwähnt hatte ich kaum eine Bindung zu ihr. Aber wie ich sie dann so zum ersten Mal sah, fast bewegungslos in ihrem Bett liegend, das Wort "Furchtbar" war das Einzige, was sie noch sagen konnte, da kamen mir fast automatisch die tröstenden Worte über die Lippen, daß es ihr bestimmt bald wieder besser gänge. Das war natürlich gelogen, und eigentlich wollte ich nicht lügen. Aber man kann dann eben nicht anders.
In den nächsten Monaten machte uns meine Oma noch einige Sorgen, denn ihr Zustand wurde zwar nicht besser, aber stabil, sodaß die Umlagerung in ein Pflegeheim bevorstand, und das kostet natürlich. Im Sommer 1995, kurz bevor ich mit meinen Eltern in den Urlaub fuhr, besuchten sie meine Großmutter noch einmal: Meine Mutter berichtete später, daß meine Oma diesmal geweint hätte. Retrospektiv betrachtet kann man vermuten, daß sie wahrscheinlich doch noch verstanden hat, was um sie herum geschah, und bei der Visite wird wohl ein Arzt zum anderen gesagt haben, daß ihr Bein ambutiert werden muß, und daß sie so oder so wahrscheinlich bald stirbt. Während unseres Urlaubs rief meine Tante an, die sich während unserer Abwesenheit bereit erklärt hatte, nach meine Großmutter zu schauen, und berichtete uns von deren Tod. Für meinen Vater war die Nachricht aber nicht so schrecklich, wie die vom Tod seines Vaters.
Blieb noch mein Großvater mütterlicherseits. Dieser lebte inzwischen ganz gut in seiner eigenen, kleinen Wohnung. Meine Mutter und ihre Schwester hatten sich so abgesprochen, daß sich meine Mutter um das Grab meiner Omi, und meine Tante um meinen Opa kümmern würde. Meine Mutter wollte den Kontakt zu ihrem Vater auf ein Minimum halten. Er hatte damals wohl ab und zu meiner Tante an den Intimbereich gefasst, und als meine Mutter in die Pupertät kam und er es auch bei ihr versuchen wollte, hat sie ihm mit einem Messer verletzt und gedroht, ihm seinen Arm abzuschneiden. Ich persönlich habe aber irgendwie die Vermutung, daß in Wirklichkeit meine Mutter das stille Opfer war und meine Tante letztendlich dafür gesorgt hat, daß er das nicht mehr tut. Dadurch würde zumindest diese Einigung mehr Sinn ergeben, daß sich nun meine Tante um ihn kümmerte.
Im Juni 1996 jedenfalls erzählte meine Tante von einer merkwürdigen Sache. Mein Opa, der Sonntags immer zu ihr zum Essen kam, erzählte, daß seine Nachbarn ständig lauthals singen würden. Mein Cousin prüfte das während der nächsten Tage nach, konnte aber nichts feststellen. Beim nächsten Sonntagsessen berichtete er erneut von diesem Gesang; vorallem das "Rennsteiglied" würden seine Nachbarn ständig singen. Plötzlich sagte er "Hör Ihr, da ist es wieder !" und als ihn die anderen am Tisch erschrocken ansahen, fragte er "Denkt Ihr, daß ich spinne ?!". An den weiteren Verlauf kann ich mich nicht mehr so genau erinnern, aber es traten wohl danach auch noch andere Beschwerden auf, denn meine Tante brachte meinen Opa ins Krankenhaus. Dort wurde Krebs diagnostiziert; Bauchhöhlenkrebs, wenn ich mich richtig erinnere, und wieder wurde nicht er, sondern nur die Verwandten informiert.
Die Nachricht von seinem Tod erreichte uns erneut mitten im Urlaub, wieder von meiner Tante überbracht, die meine Mutter am Telefon mit dem Satz " Am ... ist die Beerdigung !" begrüßte. So richtig sicher stand wohl vorher noch nicht fest, daß er wirklich stirbt, denn meine Mutter war doch sehr geschockt. Und meine Tante hatte diese "einfühlsame" Form der Todesnachricht gewählt, weil sie ziemlich sauer war, daß sie nun nach meiner Großmutter im letzten Jahr schon wieder diese ganzen Formalitäten allein abwickeln mußte, während wir fröhlich Urlaub machten. Meine Mutter stand Abends im Garten der Ferienhütte und weinte. Als ich zu ihr kam, sagte sie zu mir "Und eigentlich wollte ich doch für dieses Schwein keine Träne vergießen."
Das neue Jahr beginnt nicht schön; Blumfeld lösen sich auf.
Da heißt es doch neuerdings auf deren Homepage, daß Jochen Distelmeyer in Absprache mit den anderen Mitgliedern beschlossen hat, die Band aufzulösen. Äußerst schade und auch ärgerlich, sind die doch mit ihrem letzten Album gerade zur Höchstform aufgelaufen.
"Absprache" klingt in dem Zusammenhang aber auch irgendwie seltsam. Wie sowas wohl aussieht ? Kommt da der Jochen fröhlich in den Bandbus und meint: "Hey Jungs, ich habe keinen Bock mehr auf Blumfeld. Habt Ihr etwas dagegen, wenn wir aufhören ? ", und die anderen dann "Nö ! Wir mochten den Erfolg, das Geld und die Band sowieso nicht !" - "Joa, ich wollte auch schon immer mal wissen, wie das so ist, arbeitslos zu sein." - "Stört mich auch nicht, Jochen. Ist ja auch langweilig, immer in der gleichen Band zu spielen." So eine Trennung im gegenseitigen Einverständnis stelle ich mir dann doch etwas komplizierter vor, wenn nur einer davon profitiert. Herr Distelmeyer kann sich jetzt erst einmal um seine Familie kümmern und irgendwann eine Solokarriere starten; aber als reiner Musikant ohne bekanntem Namen hat man es schon etwas schwieriger, wieder irgendwo unterzukommen. Darum sollte man wahrscheinlich auch niemals ein Instrument lernen, sondern lieber Gesangsunterricht nehmen, denn die wenigsten Trommler, Bass-Zupfer und Gitarren-Schrammler hatten nach einer Bandauflösung mit ihrem eigenem Material wirklich Erfolg.
Bleibt noch zu sagen, daß ich damit wohl Recht hatte, als ich in meinem Review zum letzten Blumfeldalbum einige Lieder in die Richtung interpretierte, daß sich Jochen Distelmeyer zwischen seiner Familie und dem Banddasein hin und hergerissen fühlt. Hätte nur nicht gedacht, daß er sich tatsächlich entscheiden würde, und diese Entscheidung Pro Familia heißt. Schade - kann ich da nur noch einmal sagen. Aber wie schon erwähnt, möchte er ja laut Manager trotzdem weitermachen; ich weiß nur nicht, ob das so gut klingt, wenn ein nicht mehr ganz so junger Musicman zu hause irgendwelche Schlager auf seinem Laptop zusammenfrickelt.
Musik: Blumfeld - Penismonolog