Letzte Nacht
Musik: Patrick Wolf - This Weather
Laut einer uralten Bauernregel bringt es Glück, wenn man Blitze fotografiert und die Bilder in sein Blog stellt. Also...

Und zum Schluß noch eine kleine Hommage:
Musik: Patrick Wolf - This Weather
Laut einer uralten Bauernregel bringt es Glück, wenn man Blitze fotografiert und die Bilder in sein Blog stellt. Also...

Und zum Schluß noch eine kleine Hommage:
Liebes Tagebuch,
Eigentlich dachte ich ja, es wäre seit einem Monat klar, daß wir heute ins Kino gehen würden, aber Torsten rief doch noch einmal an, um zu fragen, ob wir heute ins Kino gehen würden. Später holte er mich ab und wir fuhren ins "Weltecho", nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Kino, das es früher mal in Chemnitz, also eigentlich Karl-Marx-Stadt gab, weil sich hinter dem Namen nun inzwischen das Voxxx-Kino verbirgt, welches sich nach seinem Umzug einfach umbenannt hat. Klingt etwas verwirrend und ist damit natürlich der perfekte Ort, um sich den neuen Film von David Lynch anzuschauen. 4€ Eintritt wollte der Lichtspielleiter haben, wegen Überlänge. Als ob ihn ein drei-Stunden-Film so viel mehr kostet, als wenn er einen zwei-Stunden-Film zeigen würde ! Kapitalist !
Drinnen wurden wir von etwa fünf Personen begrüßt, was wohl zusammen mit den vier weiteren Personen, die kurz darauf noch dazustießen, Torstens erweiterter, mir bisher völlig unbekannter Freundeskreis darstellte. Auffällig war, daß die beiden, später dazugekommenen Mädchen alle Leute in der Runde mit einer Umarmung samt Kuß begrüßten. They're all a fucking punch of hippies ! Oder eine Sekte ? Immerhin schienen sie alle recht nett zu sein, so halbwegs. Eigentlich hatte ich ja nur einmal mit einem der Mädchen geredet, in der Pause, die nach Zweidrittel des Films eingeschoben wurde, und sie hauptsächlich mit meinen großartigen Theorien zugetextet. Als der Film vorbei war, wiederholte sie in einem abwertenden Ton eine meiner wunderschönen Ideen, nur weil der Film für sie zu kompliziert war. Und Torsten fragte sie im selben, abwertenden Ton, ob er sich denn DAVON die DVD kaufen würde - dieses kleine Dummerchen... Ich glaube, sie ist eine Sexistin und hält Jungs generell für dumm. Dabei war sie die Einzige im Kinosaal, die sich lauthals gefragt hat, wie es denn möglich ist, daß sich die Protagonistin selbst begegnen kann. Könnte ja etwas mit der ab da einsetzenden Selbstreflektion zu tun haben, aber David Lynch ist ja ein Mann - der macht so etwas Schlaues nicht. In dem Film ging es bestimmt um Zeitreisen und Menschenklone... Bah ! Als ich Torsten mal fragte, ob er denn ein paar...interessante...Mädchen kennen würde, sagte er, daß da nichts für mich dabei wäre, weil ich doch jemanden bräuchte, zu dem ich heraufschauen kann, er aber nur Mädchen kennt, auf die ich herabblicken würde. Mal davon abgesehen, daß er wohl sowieso nur schon Vergebene kennt (wie erträgt er eigentlich auf Dauer die Anwesenheit von drei glücklichen Paaren ?!), hatte er wohl tatsächlich recht.
Aber nun gut, an so einem speziellen Abend denkt man sowieso nicht an die Einsamkeit, sondern an die Zweisamkeit - der junge Mann und der Lynch-Film. Meine Affaire mit dem Meisterwerk. Ein Abstinenzler im Bilderrausch.
Was waren doch die letzten Tage in Chemnitz aufregend gewesen ! Als das neue Kinoprogramm publik wurde, verbreitete sich die Nachricht wie ein Strohfeuer im Hochsommer: "Inland Empire", das neue Meisterwerk von David Lynch, würde hier bei uns in Chemnitz aufgeführt werden. Am Tag der frohen Kunde gab es überall Hupkonzerte, die Menschen liefen aus den Häusern und tanzten auf den Straßen, und am Abend fand über dem Stadtzentrum ein eindrucksvolles Höhenfeuerwerk statt, zwei Stunden lang. Gestern war es dann soweit. Alle Bürger, viele davon als ihre Lieblingscharaktere aus den Lynchfilmen verkleidet, versammelten sich auf dem Marktplatz vor dem Rathaus, wo unter einem bombastischen Konfetti-Regen unsere Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig die eingeflogene Filmrolle feierlich in Empfang nahm und dem Besitzer des örtlichen Kinos "Weltecho" übergab, der sie dann mit einem bunt geschmückten Rasenmäher in sein Kino fuhr. An dieser Stelle möchte ich mich entschuldigen, daß ich davon keine Fotos schießen konnte, aber mein Elefantenmann-Kostüm machte es mir unmöglich, die Kamera zu bedienen.
Es war jedenfalls für uns alle ein ganz großartiger Tag, zumal Chemnitz ja eine wichtige Rolle im kreativen Schaffensprozess David Lynchs einnimmt. Zum Beweis dieser Ausschnitt aus einem Interview: "Q: How did you came up with the name >Lost Highway<. Lynch: That's a funny story. I was in Germany, looking for new sponsors. When we were driving on a highway from Munich to Dresden, we reached an area they call >Chemnitz<. It was a terribly deserted wasteland in the middle of nowhere. I thought, there would be a city, or at least a small town...or even a tiny village, but it was just a boring nothingness, and for me it felt like...the highway had lost it's destination, it's former course. There it was, the name for my next movie: Lost Highway !"
Solus hatte Kopfschmerzen und war müde, drei Stunden lang einen komplizierten Film zu konsumieren hinterläßt eben doch seine Spuren. Aber als er endlich wieder allein war, machte er sich sogleich an die Arbeit, ein kleines Review über den gesehenen Film zu schreiben, damit in seinem kargen, traurigen Blog endlich mal wieder etwas zu lesen wäre. Thomas überlegte kurz und begann dann mit seiner abgenutzten, leicht vergilbten Tastatur etwas zu schreiben...
David Lynch ist auf seine alten Tage recht großmütig geworden. Liefert er doch in seinem neusten Film "Inland Empire" gleich zu Anfang ein paar Ansätze, wie man sein Werk besser nachvollziehen kann. Manche werden es kaum glauben, aber der Mann möchte tatsächlich, daß man seine Filme versteht. Also so ein bißchen zumindest, denn auch dieser seltsame Einstieg in die Handlung läßt genug Raum für Interpretationen. Drei Hasenmenschen sitzen in einem Raum, unterhalten sich zusammenhanglos - an einigen Stellen ertönt eingespieltes Publikumsgelächter, scheinbar vollkommen unpassend. Sind das schon konkrete Hinweise, welche Handlungsstränge man glauben darf, und welche nicht ? Vielleicht möchte Lynch seine schnell zur Überinterpretation neigenden Fans darum bitten, nicht alles so ernst zu nehmen. Aber warum sitzen da eigentlich Hasenmenschen ? Tiere sind diesmal wichtig und stellen wohl eine Analogie zu den Charakteren da. Ein Mann erzählt, daß er Hunde mag, und bettelt dann hundsgleich alle nahestehenden Personen um Geld an, während der Frauenheld in einer Szene wie eine Ratte an einer Scheibe herumschnüffelt. Aber für wen steht dann der Steinlöwe am Eingang des Anwesens ? Oder ist das mit diesen Analogien doch eine falsche Spur ? - und schon ist man als Zuschauer gefangen, in David Lynchs perfidem Gedankenspiel.
Dabei ist die Handlung anfangs noch recht transparent. Eine Schauspielerin bekommt eine Rolle für einen Film angeboten, woraufhin in ihrem Mann die Eifersucht hochkocht, ist doch somit ihr Filmpartner ein attraktiver, nicht ganz unschuldiger Schauspieler. Bei dem Film selbst, so stellt sich bald heraus, handelt es sich um ein Remake eines nie beendeten, polnischen Films, der als verflucht gilt, weil dessen Hauptakteure ums Leben kamen. Die Protagonistin, die eigentlich Keine ist, hat hingegen ein ganz anderes Problem. Scheint doch das Drehbuch die Erinnerungen an ein dunkles, bisher vollkommen verdrängtes Kapitel aus vergangenen Zeiten zu reaktivieren. Davon getrieben durchschreitet sie die Tür in ihre Vergangenheit und ihr Unterbewußtsein. Und schon passiert es - die Handlung zerspringt entgültig in mehrere Zeitebenen, Nebenhandlungen, falschen Nebenhandlungen und der noch immer in der Ferne herumgeisternden Rahmenhandlung. Aber keine Angst, da es sich um einen Prozess der Erkenntnis und der Wiedererweckung verdrängter Erinnerungen handelt, geschieht das alles in einer für Lynch-Verhältnisse recht linearen Abfolge.
Fuhr die Handlung in "Lost Highway" auf einem Möbiusband herum und war in "Mullholland Drive" eine fantasievolle Collage, dreht die Handlung diesmal wie eine Schallplatte ihre Runden und wird dabei von einer feinen Nadel abgelesen. Ab und zu kann die Nadel natürlich einmal springen, und eine Schallplatte kann man auch mal wenden, oder spiegeln, wie die Anfangs-Szene so schön zeigt, aber so durcheinandergewürfelt, wie befürchtet, ist "Inland Empire" nicht, auch wenn viele Menschlein, wahrscheinlich durch das wilde Finale verstört, das komplette Gegenteil behaupten. Am Ende verwandelt sich nämlich dann doch alles in das befürchtete, scheinbar unüberwindbare Chaos. Aber es ist auch nicht schlimm, einfach mal den verstörend seltsamen, wunderschön atmosphärischen Bilderrausch auf sich einregnen zu lassen, zumal man bis dahin wirklich gut unterhalten wurde, denn Lynchs Können besticht nicht nur darin, beeindruckende Kunstwerke zu schaffen, sondern auch, daß er bei den Zuschauer das nötige Interesse weckt, sich seiner Kunst hinzugeben. So ist es dann doch gar nicht so problematisch, daß der Film drei Stunden andauert, denn auch wenn man nicht alles begreift, bleibt der Film trotzdem spannend und kurzweilig. Und was besonders schön ist; am Ende der Vorführung hat jeder im Kinosaal einen anderen Film gesehen.