Der Deutsche Lehrerverband Hamburg zur Bildungs- und Schulpolitik

26.05.2005 um 13:08 Uhr

Antrag an die Personalversammlung für das Personal an Hamburger Berufliche Schulen


Die Personalversammlung kritisiert den von der BBS und der Firma Mummert & Partner AG vorgelegten Bericht zur Evaluierung des Leh­rer­arbeitszeitmodells und weist wesentliche Aussagen des Be­richtes als wissenschaftlich unhaltbar zurück. Der Bericht ist gera­de den Anforderungen, die an eine Evaluierung des Arbeitszeit­modells an beruflichen Schulen zu stellen wären, nicht gerecht geworden.

Die Personalversammlung fordert die Senatorin ein wei­teres Mal auf, dieses Modell bereits für das Schuljahr 2005/ 2006 zurück­zu­ziehen. Gerade die höchst unterschiedlichen Durchschnittsfaktoren der untersuchten Beruflichen Schulen zeigen, dass dieses Modell nicht die Rahmenbedingungen bietet, auf denen sich eine Berufs­schul­reform aufbauen lässt.

 

 Antragsteller: Thomas Grundt, Olaf Krüger, Thomas Schuback

 

Die Kritik im Detail

 

·          Die Behörden-Vorgabe für die Evaluierung durch Mummert & Partner war,  zu unter­suchen, ob die ,,Relationen der Arbeitswerte zueinander nachvollziehbar und ver­tret­bar sind". Dieses konnte von Mummert & Partner nicht erfüllt werden, da eine wis­sen­­schaftlich begründete Berechnung der Arbeitszeitfaktoren für die einzelnen be­ruf­lichen Bildungsgänge nicht vorgenommen werden durfte.

 

Gerade diese Tatsache nimmt die Personalversammlung mit Empörung zur Kenntnis, da sie bereits in 2 Personalversammlungen die Behörde auf­ge­fordert hat, eine wissenschaftlich fundierte Berechnung vorzulegen. Es liegt immer noch nicht die Grobform einer Berechnung vor, wie sie für die an­de­ren Schulformen existiert.

 

  • Der Bericht ist in vielen Teilen von subjektiv gefärbten Aussagen geprägt und erfüllt damit nicht den Anforderungen, die an eine wissenschaftliche Untersuchung zu stellen wären.

 

  • Relevant wäre insbesondere auch eine Erfassung der Veränderung der Unter­richts­qualität und des damit verbundenen hohen Aufwands, da das Arbeitszeitmodell ge­ra­de auf der Tatsache aufbaut, dass das Kerngeschäft von Schule der Unterricht ist.

 

  • Die Stellungnahmen der Vertrauensausschüsse der einzelnen Schulen wurden nicht erkennbar in den Bericht eingearbeitet. Sie enthalten aber Aussagen über ge­stie­gene Belastungen für die Kolleginnen und Kollegen und geben Hinweise auf die Ab­striche, die bei der Hauptaufgabe ,,Unterricht" hingenommen werden mussten.

 


  • Die Verbesserungsvorschläge richten sich in erster Linie auf eine Steigerung der Pro­duktivität aus der Sicht des Arbeitsgebers.

 

    • Bereits im Ansatz zeigt sich, dass nur auf die alten Zahlen von 1997/98 zurückgegriffen wurde („Tamagotchi-Gutachten“ in NRW).  Hier wurde wiederum nur auf die Tatsache abgestellt, dass einige Kolleginnen und Kollegen in dem Bundesland NRW nicht den für uns anzustrebenden Sollwert von 1770 Stunden erreichen.

 

    • Nicht weiter darauf eingegangen wurde, dass der empirisch ermittelt Durch­schnittswert in NRW mit 1839 Stunden bereits erheblich höher lag als der Norm­arbeitswert. Auch in NRW erbringen viele Kolleginnen und Kollegen engagiert eine höhere Leistung, als der Arbeitgeber von ihnen verlangen konnte (bis zu 3000 Stunden). Hier wäre sogar aus der Sicht eines Arbeitgebers zu kritisieren, dass Mummert & Partner nicht Gefahr einer Über­­forderung der Kolleginnen und Kollegen sieht.

 

  • Die Personalversammlung kritisiert ausdrücklich, dass Mummert & Partner nur auf die Ge­fähr­dungsbeurteilung Progess hinweist, aber keine Aussagen über die Qua­lität dieser Projektform einer Gefährdungsanalyse trifft und nicht die Zusam­men­hänge mit der Lehrerarbeitszeit analysiert.  Dies wäre aber gerade unter dem Ge­sichts­punkt Beurteilung der Lehrerarbeitzeit und verordneten Mehrarbeit unbedingt not­wendig gewesen.

 

  • Die Personalversammlung weist die polemischen Ausführungen über die Arbeit der Personalräte und Gewerkschaften zurück. Der Stil des Berichtes und seine man­gelnde wissenschaftliche Haltbarkeit zeigen, dass hier gerade von den Mängeln des Arbeitzeitmodelles abgelenkt werden soll.

 

  • Die Personalversammlung ist der Meinung, dass sich aufgrund der vorliegenden Eva­lua­tion nicht belegen lässt, dass das in Hamburg praktizierte Arbeitszeitmodell dem ,,alten" Pflichtstundenmodell überlegen ist. Vielmehr gibt es viele konkrete Hinweise, dass dieses Modell zu Lasten der Unterrichtsqualität eingeführt wurde.

 

25.05.2005 um 13:50 Uhr

DLH zur De-Facto-Schließung der Staatl. Fremdsprachenschule in Hamburg

Sparbeschluss: Tod der  Staatlichen Fremdsprachenschule auf Raten!
Ende voriger Woche ist der Staatl. Fremdsprachenschule (SFS, H 15) die Entscheidung der Senatorin mitgeteilt worden, die seit über 40 Jahren bestehende einjährige Berufsfachschule für die kaufmännische Assistenz, Fachrichtung Fremdsprachen für Abiturienten zu streichen. Diese Entscheidung trifft die Schule ins Mark, da sie die Kernkompetenz Berufsbildung in Verbindung mit einer Sprachausbildung in den 3 Fremdsprachen Englisch, Französisch und Spanisch betrifft. Die verbleibende Berufsausbildung kfm. Assistenz für Realschüler sieht nur die 2 Fremdsprachen Englisch und Französisch vor.

Thomas Schuback (Vorstand DLH) kritisiert vehement diesen in vieler Hinsicht einmaligen Vorgang: „Der Sparbeschluss ist frauen- und innovationsfeindlich, unsozial und wird falsch begründet. Da die Kernkompetenz der Schule betroffen ist, bedeutet dies praktisch die Schließung der Schule. In Hamburg wird mehr und nicht weniger Fremdsprachenkompetenz benötigt.“

Hohe Anmeldezahlen

Thomas Schuback: „Die gestiegene Zahl der Anmeldungen spricht eine eindeutige Sprache. 2005 ist die Zahl der Anmeldungen um 35 % auf ca. 220 gestiegen. In der Berufsbildung kennt die Senatorin offensichtlich andere Gesetzmäßigkeiten als sie sonst für Schulen gelten: Hier soll eine Schule geschlossen werden, obwohl es mehr und nicht weniger Anmeldungen gibt.“

Hoher Praxisbezug

Olaf Krüger, seit ca. 30 Jahren Lehrer an der SFS u. stellvertr. Vors. kfm. Schulen DLH, verweist auf den Praxisbezug der Assistenzausbildung: „Die Ausbildung beinhaltet ein Praktikum und es wird in Lernfeldern unterrichtet. Das hohe Niveau der Absolventen in den Fremdsprachen wird gerade bei den Abiturienten international anerkannt. Die Schülerinnen weisen jedes Jahr durch herausragende Facharbeiten, in schulinternen und -externen Prüfungen (z. B. Prüfungen der ausländischen Handelskammern London, Paris und Madrid) ihr hohes Leistungsvermögen nach. Die Assistenz-Ausbildung an der SFS muss als berufliche Ausbildung sui generis angesehen werden.“

Kfm. Assistenzausbildung für Abiturienten von der Wirtschaft nachgefragt

  • Sowohl im Rahmen der Praktika als auch bei Kooperationen mit Unternehmen zeigt sich, dass die Ausbildung sehr hohe Kompetenzgrade schafft, welche exakt zu den Erfordernissen der Wirtschaft passen.
  • Angesichts zunehmend globalisierten Wirtschaftens steht die Notwendigkeit, vermehrt sprach- und wirtschaftskompetente Assistenten/Assistentinnen auszubilden, außer Frage. Dieses Profil wird von der SFS in Richtung interkulturelle Kompetenz weiterentwickelt.
  • Der Bildungsgang genießt belegbar seit 40 Jahren traditionell hohes Ansehen, wird ständig reformiert und hat bisher die hohe Qualität des Hamburgischen Bildungswesens repräsentiert. In anderen Bundesländern wurden erst wesentlich später ähnliche Bildungsgänge ins Leben gerufen.

Einseitige Argumentation und alternative Sparmöglichkeiten

Thomas Grundt (Vorstandsmitgl. kfm. Schulen DLH) äußert sein Unverständnis, dass die Senatorin so rigoros eine berufliche Schule einem vermeintlichem Sparziel opfert, ohne den Spareffekt auf Stichhaltigkeit  oder auf Alternativen hin zu prüfen: „Die Senatorin hat mit dem neuen Berufsbildungsgesetz seit April 2005 die Möglichkeit, die kfm. Ausbildung  zur Assistentin bzw. zum Assistenten bei einer anschließenden kfm. dualen Berufsausbildung anrechnen zu lassen. Auf diese Weise wäre der Sparbeitrag zum Haushalt der FHH gesichert. Andererseits ist es verständlich, dass Jugendliche, die studieren wollen,  vor einem Studium eine Berufsausbildung ergreifen, und wenn dies nicht mehr 1-jährig möglich ist, die Alternative einer dualen Berufsausbildung wählen dürften, selbst wenn diese dann z. B. 2 ½ Jahre dauert. Ich halte diese Verhaltensweise für rational und volkswirtschaftlich sinnvoll. Eine Berufsausbildung kombiniert mit tiefer gehenden beruflich ausgerichteten Fremdsprachenkenntnissen vor einem Studium kommt später der Wirtschaft zugute.“

Außerdem wird von der SFS vorgeschlagen, die Sprachausbildung bei einem anschließenden Universitätsstudium anrechnen zu lassen. Dies erfolgt bereits bzgl. des kfm. Lernbereiches, da in wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen die an der Staatlichen Fremdsprachenschule bescheinigten Rechnungsweseninhalte anerkannt werden.

Gerade der Bildungsgang der kfm. Assistenz  bietet einer nicht zu vernachlässigenden Zahl von Jugendlichen und Erwachsenen die ausgesprochen kostengünstige Möglichkeit einer Umschulung, wenn sie aus diversen Gründen ihren alten Beruf nicht mehr ausüben können. Diese würde ansonsten dem Staat auf einer anderen Art zur Last fallen.

Die Zahl der Studienabbrecher mit Studiengängen in den Fremdsprachen ist fast doppelt so hoch wie in anderen Studiengängen. Für diesen Fall bietet die Ausbildung an der SFS das Auffangnetz. Studienabbrecher, die anschließend eine duale Berufsausbildung einschlagen, fallen auch dem Haushalt der FHH zur Last.

Nicht berücksichtigte Berufsschulreform

Thomas Schuback äußert sein Unverständnis über die Streichung dieser Berufsausbildung zu diesem Zeitpunkt. „Am Donnerstag findet eine Personalversammlung zur Reform der Berufsschulen statt. Ich werde dort diese unsinnige Entscheidung vehement kritisieren. Sinnvoll wäre es, wenn sich die vorgesehene Arbeitsgruppe zu den vollzeitschulischen Bildungsgängen mit dem Problem der Abiturienten in der kaufmännischen Assistenz beschäftigen würde.“

Resultat des CDU-Haushaltsbeschlusses vom Dezember 2004, aber auch ein Opfer des mißlungenen Senatsplans, die Berufsschulen zu privatisieren!

Thomas Schuback äußert die Vermutung, dass gerade die Staatliche Fremdsprachen­schule auf dem Altar der verkorksten Berufsschulreform geopfert werden soll. Offiziell wird zwar von der Behörde die Streichung als Umschichtung aufgrund wachsender Schülerzahlen, der Finanzierung des Abiturs nach 12 Jahren und zusätzlicher Ganz­tagsschulen verkauft. Es wird aber auch intern auf die sog. Jesteburger Beschlüsse vom Mai 2002 verwiesen. Man erhoffte sich durch die Privatisierung der Berufsschulen eine „Effizienzdividende“, wie es in einem vertraulichen Senatsprotokoll hieß.

Staatliche Fremdsprachenschule vor dem „AUS“

Da allein mit einem Bildungsgang kfm. Assistenz fremdsprachlicher Richtung, aufbauend auf dem Bildungsabschluss mittlere Reife, die von der Wirtschaft geforderten Leistungen nicht erbracht werden können, bedroht die Einstellung des Bildungsganges für Abiturienten die Existenz der Staatlichen Fremdsprachenschule.

Dies wäre im Interesse vieler Jugendlicher zu bedauern. Es sollte zusätzlich bedacht werden, dass über 95 % der Absolventen junge Frauen sind und hiermit eine etablierte und fortschrittliche Möglichkeit der Bildung für Frauen gestrichen wird.

Im Interesse des Wirtschaftsstandortes Hamburg und der Jugend darf die Staatliche Fremdsprachenschule nicht auf Raten sterben.

Der DLH fordert die Senatorin auf:

  • Erhalten Sie die Assistenzausbildung für Abiturienten und nutzen Sie die Anrechnungsmöglichkeiten des neuen Berufsbildungs­gesetzes
  •  Erhalten Sie die drei Fremdsprachen an der SFS!
  • Bauen Sie die fremdsprachliche Berufsausbildung an der SFS aus!