Fabs0rs Medien- und Gezuppelwelt

31.12.2006 um 10:46 Uhr

Wurst 2006!

von: Fabse

Langsam lichtet sich der Vorhang und in wenigen Stunden läutet lautes Geböller und Gedröhne das Jahr 2007 ein. Um ehrlich zu sein, kann ich es auch kaum erwarten, dass aus der sechs eine sieben wird, denn das vergangene Jahr war wirklich mehr als turbulent. Oftmals schraubten sich Ereignisse und Erkenntnisse in das Hirn bei denen man nicht umhin kam, sie mit einem laut geschrienen „Scheißdreck!“ zu honorieren. Genauer gesagt war 2006 ein Unjahr, dessen erste Hälfte schier unerträglich mit Wut und anderen negativ konnotierten Gefühlsregungen angereichert war. Und da Jahrespolls an sich schon furchtbar doof sind, bringen wir es jetzt mal fix hinter uns:

 

Filme 2006, die Spaß gebracht haben: (keine feste Reihenfolge)

Pan’s Labyrinth, Slither, Wolfcreek, Hostel, Capote, Walk the Line, Rocky Balboa, Borat und viele andere mehr

Filme, die so asozial waren, dass ich brechen musste:

Das Parfum, Das kleine Arschloch und der alte Sack, Deutschland- Ein Sommermärchen, 7 Zwerge- Der Wald ist nicht genug, Bloodrayne, Ich werde immer wissen was du letzten Sommer getan hast, World Trade Centre, Saw 3 und andere Filmkrüppel

Feine Bücher, die mein Regal erfreuten:

Arthur C. Danto – Kunst nach dem Ende der Kunst

Nietzsche – Gesammelte Werke

Funny van Dannen – Der Tag als Rosie kam

Wallraff – Der Aufmacher

2006 schallte vornehmlich aus den Boxen:

Mando Diao

The Pogues


The Strokes

Johnny Cash

Rob Zombie

Mediengruppe Telekommander



Größte Enttäuschungen 2006

Die Erkenntnis, dass mein Stalker-Freund so naiv ist und ernsthaft geglaubt hat er wäre anonym und rechtlich nicht zu belangen.

Ich! Manches Handeln und Walten hätte ich mir im Nachhinein besser mal verkniffen.

  
Schönste Momente 2006

Jeder Moment mit meiner Frau.

Interessantester Interviewpartner 2006

Tim Sullivan – Macht tolle Filme und ist absolut lustig.

Film des Jahres:

Pan's Labyrinth

Album des Jahres:

Mando Diao - Ode to Ochrasy

29.12.2006 um 01:07 Uhr

Bücherregal!

von: Fabse

Pünktlich zum Ausklang des Jahres 2006 wird heute noch mal ein Blick ins Bücherregal geworfen und kurz resümiert was es denn in den letzten Wochen an lesenswerter Lektüre vor die Augen gab. Diesmal setzt es dann auch gleich ein paar Einblicke in neu entdeckte Perlen von alten Bekannten an der Literaturfront, die sich auf holzfreiem Papier sehr wohl fühlen.

Wie kann es sein, dass ein Dosenöffner gleichermaßen im Museum of Modern Arts einen Stammplatz einnimmt und zeitgleich als alltäglicher Gebrauchsgegenstand co-existieren kann? Was macht bei scheinbar zwei völlig identischen Dingen den Kunstcharakter aus, der das eine dem anderen voraus hat? Arthur Coleman Danto, dessen „Kunst nach dem Ende der Kunst“ schon bei mir für Begeisterungsstürme sorgte, versucht sich in „Die Verklärung des Gewöhnlichen“ an einer Philosophie der Kunst und legt dabei viele unterschiedliche Zugänge mittels philosophischer Strömungen frei. Hier treffen Hegel, Nietzsche und Heidegger auf Lichtenstein, Warhol und Van Gogh. Selbst ein Telefonbuch kann einem Kriminalroman das Wasser abgraben wenn die nötigen Werkzeuge innerhalb der Kunstrezeption ihre Anwendung finden. Nicht nur inhaltlich sondern auch stilistisch ist das Ganze ein Vergnügen der Extraklasse, das einmal mehr beweist, dass Wissenschaft nicht spröde und sperrig sein muss.

Auf knapp 120 Seiten liefert Nietzsche hier Grundlegendes aus der Welt seines Denkens. Neben knallharten Abrechnungen mit Wegbereitern und ehemals bewunderten Freunden wie Richard Wagner, findet sich hier eine geballte Ladung an Aphorismen, die die Essenz von Nietzsches Philosophie enthalten. Neben „Der Antichrist“ wohl das beste Werk um einen Überblick und leichten Einstieg in das Gesamtwerk des selbst erklärten Anti-Idealisten zu gewinnen.

Dr. Detlev Schöttker vereinigt in seinem Buch eine Auswahl an wichtigen Texten zur Mediengeschichte und den theoretischen Zweigen der Analyse. Angefangen mit Platons Kritik an der Schrift, über Walter Benjamins „Das Kunstwerk in der Zeit seiner technischen Reproduzierbarkeit, Postmans zynischer Fernsehkritik, bis hin zum Kommentar zum Cyberspace und dem Internet als Rechtsraum vereinigt man hier Standardtexte. Als sehr ergiebiges Arbeitsbuch ebenso nützlich wie als unverzichtbares Nachschlagewerk in kompakter Form. Abgerundet wird der Einband durch einleitende Kommentare durch den Herausgeber, die kurz die jeweiligen Standpunkte und Einflüsse der vertretenen Strömungen in der Medienwissenschaft hervorheben.

 Nourmand und Marsh haben wieder zugeschlagen und eine große Auswahl an prächtigen Postermotiven des Horror-Films auf knapp 200 Seiten gebannt. Von raren Teaser-Plakaten zu „Friday the 13th“ bis hin zu polnischen Entwürfen zu Cronenbergs The Fly-Remake reicht dabei ihr Fundus. Thematisch geordnet nach Serienkillern im Film, Stummfilmklassikern und wichtigen Studios wie Hammer und Universal wartet hier eine wahre Fundgrube auf den Leser und Betrachter. Veredelt wird die großformatige Ausgabe aus dem Taschen-Verlag noch durch viele Infos zur Filmgeschichte, Designern und Filmschaffenden sowie einem Vorwort durch Sir Christopher Frayling.

27.12.2006 um 17:01 Uhr

FTB-News: Pan's Labyrinth (2006)

von: Fabse

  

Innerhalb des Studiosystems, das Hollywood sein Eigen nennt, rennen sich Autoren, die ihre Ideen mit im Gepäck haben ebenso die Füße wund wie auch Regisseure, die Finanziers für ihre Wunschprojekte suchen. In einigen Fällen ist hier auch ein so genannter Auteurs unterwegs, der neben dem selbst geschriebenen Buch auch um die eigene Realisation des Stoffes kämpfen muss. Schaut man sich beispielsweise mal die Vita des gefeierten Film-Wunderkindes Quentin Tarantino an, so entdeckt man, dass auch dessen Kreativität zuerst in Drehbüchern zu finden war, die andere Regisseure nach ihren Vorstellungen der Umsetzung bearbeiten durften. So auch geschehen, dass aus einem Drehbuch aus der Feder des späteren Pulp-Meisters gleich zwei Filme entstanden, die der Autor im Nachhinein verdammte: Während Tony Scott einen Teil des Buches als „True Romance“ auf die Leinwand brachte, veränderte Oliver Stone den zweiten Part nach eigenem Gusto und hob die Mediensatire „Natural Born Killers“ aus der Taufe. Lediglich die Fragmente der ursprünglichen Skript-Fassung waren letzten Endes noch enthalten.

 

Bekanntschaft mit jener Symptomatik durfte in den vergangenen Jahren auch der Mexikanische Filmemacher Guillermo del Toro machen, der nach seinem Independent-Debüt, dem Vampirfilm „Cronos“, zwar einen Fuß in die Studiotüren bekommen hatte, aber den Produzenten eher als Auftragsfilmer, denn als Autorenfilmer dienlich sein sollte. Inwiefern Studios und Produzenten die Finger mit im Spiel haben, wenn es darum geht die eigenen Ideen zu kastrieren, erlebte der frühere Make-up-Künstler del Toro bei seinem Folgewerk namens „Mimic“. Grund genug also, um mit dem eingefahrenen Gewinnen einen weiteren Ausflug in die Indie-Gefilde zu tätigen und mit dem anspruchsvollen „The Devil’s Backbone“ gleichermaßen eine Geistergeschichte wie auch ein Drama um den spanischen Bürgerkrieg der 30er Jahre abzuliefern. Weiterhin hatte der mollige Budweiser-Freund, dem Fan-Nähe mehr als nur ein statischer Begriff ist, zwei Traumprojekte in seiner Schublade schlummern, für die sich einfach keine Geldgeber finden lassen wollten: „Hellboy“ und „Pan’s Labyrinth“.

 

Schließlich konnte del Toro mit der Auftragsarbeit „Blade 2“ unter Beweis stellen, dass er zumindest für Comic-Adaptionen ein glückliches Händchen hat und nach längeren Querelen um die Finanzierung  und dem Hellboy-Zeichner Mike Mignola auf seiner Seite nahm auch das  Projekt um den roten Teufel Gestalt an. Im Fahrwasser des durch die Spider-man-Franchise implizierten Superhero-Hype erteilte man del Toro endlich grünes Licht. Bereits zu Zeiten der Hellboy-Produktion erwähnte der Regisseur mehrfach, dass sein „Devil’s Backbone“ nur der Auftakt einer Trilogie gewesen sei, mit deren Idee er schon lange  schwanger gehen würde. Laut eigener Aussage sei „Pan’s Labyrinth“ der Zwilling dieses Werks und bereits über mehrere Jahre würde ein Büchlein existieren, in das er Entwürfe und Ideen für jenen Film akribisch festhalte. Nachdem den meisten Studios den Stoff ablehnten gab sich del Toro entmutigt und vorerst wanderten seine Aufzeichnungen in Vergessenheit, bevor sie nach dem relativ erfolgreichen Hellboy wieder herausgekramt wurden. Kurzum verkündete man, dass „Pan’s Labyrinth“ nun endgültig Gestalt annehmen würde.

 

Als 2006 der fertige Film nun auf verschiedenen Festivals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, überschlugen sich die äußerst positiven Meldungen der Filmkritiker förmlich und das Publikum der Filmfestspiele von Cannes goutierte die Vorführung gar mit 22 Minuten ununterbrochener Ovationen für das Gesehene und seinem Schöpfer. Weitere Screenings folgten und neben knapp 30 Nominierungen aus Kritiker- und Zuschauerfraktionen folgten unter anderem noch acht Auszeichnungen in Kategorien wie „Bester Film“ oder „Beste Regie“. Folglich eine logische Konsequenz, dass nach so einer frenetischen Euphorie aus allen Lagern, der Streifen auch bei den Golden Globes und der 79. Oscar-Verleihung als bester ausländischer Film für Mexiko an den Start geht. Bei soviel Vorschußlorbeeren ist ein näherer, mit Skepsis bedachter,  Blick  also von Nöten, wenn man sich mit der Erwartung, ein potenzielles Meisterwerk zu sichten, behaftet vor die Leinwand bequemt.

 

Wenn der Vorhang sich lüftet findet man sich sogleich im Spanien des Jahres 1944 wieder: Fünf Jahre nach dem Bürgerkrieg vertritt der faschistische Franco-Handlanger Captain Vidal in der nördlichen Einöde des Landes immer noch ein Menschenverachtendes Regime und lässt auf Verdacht hin vermeintliche Revolutionäre und Kommunisten brutal verfolgen und töten. Inmitten der Kriegswirren kommen die zwölfjährige Ofelia und ihre Mutter Carmen in das Lager. Die hochschwangere Carmen soll Vidal einen männlichen Nachkommen schenken, doch Ofelia, die am liebsten Märchenbücher schmökert ist alles andere als glücklich über ihren neuen Stiefvater. Kurz vor der Ankunft im Lager begegnet dem Kind eine vermeintliche Libelle, die sich als Elfe entpuppt und Ofelia zu einem Faun geleitet, der sie über ihre wahre Bestimmung unterrichtet. Drei Prüfungen soll sie bestehen um ihr Schicksal zu erfüllen und die unsterbliche Prinzessin der Unterwelt zu werden. Während sich nun die Lage rund um das Quartier von Vidal dramatisch zuspitzt unterzieht sich Ofelia den Prüfungen des Fauns, die ebenso in einer fantastischen Welt parallel des Kriegsschauplatzes wie auch in der Realität Auswirkungen auf den Verlauf der Geschichte haben.

 

 

Schon die Eingangssequenz, in der scheinbar Blut in die Nase eines am Boden liegendem, noch namenlosen Kindes zurückfließen zu scheint, bereitet den Zuschauer auf die folgenden zwei Stunden Kinoerlebnis vor, in denen mit sämtlichen räumlichen und zeitlichen Dreh- und Angelpunkten der Orientierung bei der Rezeption gebrochen wird. Die filmische Welt, die del Toro hier auf der Leinwand ausbreitet gehorcht ihren eigenen Gesetzen und klare Trennlinien zwischen Fantasie und dem Grauen des Kriegsschauplatzes sind nicht mehr klar zu definieren. Episch eingefangene Bilder und ein gotischer Look, der dem Kino des Tim Burton nicht gänzlich fern liegt,  vermengen sich hier zu einer Symbiose mit expliziten Grausamkeiten, die der nüchternen und rauen Fotographie des Geschehens im Lager entstammen. Doch anstatt einen Kontrast zu bilden, wirkt die gezeigte Welt wie aus einem Guss. Die Märchenhandlung, die nicht nur metaphorisch ständig präsent ist, nimmt  sich zwar der Alice im Wunderland-Motive an, wenn es darum geht das Erwachsenwerden der Heldin auszuarbeiten und visuell den anderen Handlungssträngen entgegenzusetzen, aber ein wirkliches Herausfiltern der verschiedenen Handlungsstränge und Orte, so wie ihrer genauen topographischen Zuordnung scheitert an den nahtlosen Übergängen der Inszenierung.

 

Zentrale mythologische Elemente, wie auch religiöse Fragmente offeriert Pan’s Labyrinth nicht als einzelne Komponenten des cineastischen Uhrwerks, sondern setzt diese an Stelle eines Ganzen, an dessen Ende der Übergang in die Erwachsenenwelt als Symbiose mit der Natur und der Beherrschung des Gezeitenlaufes dargestellt wird. Die finale Interaktion mit einer unkontrollierbaren Umwelt und der Gesellschaft findet dadurch statt, dass aus einer Jenseitigen Welt heraus eine zweite Seinsform geschaffen wird, die die Realität unterminiert und gleichzeitig steuert. Immer wieder  fokussiert del Toro das Thema des Erwachens und dem damit verbundenen Blick auf Dinge, die innerhalb einer Kinderwelt noch im Verborgenen lagen. Verzicht auf alte Freuden, Opferbereitschaft und das Blut der Unschuld müssen zusammengeführt werden um die Welt von einem neuen Standpunkt aus zu erleben.

Sobald Ofelia am Anfang des Filmes das heraus gebrochene Auge in die Steinstatute einfügt, beginnt die Heldenwanderung an deren Ende ein allmächtiger Blick stehen wird.

 

Dem Grimm’schen Geist des Märchens verpflichtet gehört in „Pan’s Labyrinth“ ebenso der Auftritt eines Kinderfressenden Monsters wie auch die explizite Gewaltdarstellung zum Programm und trotz der kindlichen Heldin erwartet einen hier wahrlich kein Film für ein junges Publikum.

 

Neben den optischen Hochgenüssen und der Allegorie auf die Sagenwelt, die del Toro zaubert,  lebt der Film auch von einem fantastisch agierenden Cast und einem wirklich grandiosen Score aus der Feder von Javier Navarrete. Ja, die euphorischen Stimmen im Vorfeld waren berechtigt und was hierzulande erst gegen Ende Februar in die Lichtspielhäuser wandert ist definitiv der beste Film des Jahres 2006, auch – oder gerade weil – del Toro den Mainstream-Pfad  des Öfteren verlässt und mit manchen Sehgewohnheiten bricht. Zuschauer, die auf platte und seelenlose Leinwand-Vehikel Lust haben, sollten  den Streifen bitte meiden, aber wer großes Kino mit fantastischen und dramatischen Anstrich sucht, den erwartet hier ein neuer Kultfilm, der den Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung gekonnt perfektioniert. Schön, brutal, stimmig und zutiefst berührend explodiert del Toros Vision auf Zelluloid und vermag alle Sinne zu verzaubern.

 

10 von 10 !

07.12.2006 um 08:09 Uhr

Kitsch, Rotz und gute Taten.

von: Fabse

Dem findigen Geiste, dem „unsere“ Kultur auch fremd erscheinen mag, bleibt nicht verschlossen, dass irgendetwas was wohl mit dem Monat Dezember einhergehen muss die Menschen verzaubert: Bayerns Karnevalsaushängeschild Beckstein erzählt allem Volk, dass imaginäre Klamotten wie „Killerspiele“ schnell verboten werden müssen, die privaten TV-Anstalten beglücken uns permanent mit Anpreisung ihrer Scheißfilmeinkäufe und schneiden in ihre selbst beweihräuchernden Commercial geschickt ein paar Schneeflocken und immer mehr bekannte Berufsalkoholiker grüßen Passanten mit einem „Ho, ho, ho“ anstatt wie üblich nur rumzupöbeln um an etwas Geld für Sprit zu kommen. Gemeinhin nennt sich dieser Auswurf an Kuriositäten dann besinnliche Zeit. Überaus besinnlich erscheinen einen dann auch die kleinen Budenstädte, die sich auf den Marktplätzen jedes Furzkaffs breit gemacht haben.

Zwischen Fressbuden und Kinderkarussells, die widerwärtig mit Liedgut wie „Ihr Kinderlein kommet“ beschallt werden finden sich auch Stände, die einen Fundus von ekelhaften Kitsch bereithalten. Möglichst handelt es sich hierbei um Waren, die abgrundtief hässlich, nutzlos und überteuert in der Auslage vor sich hin gammeln. Wehe den, der wirklich auf die Idee kommen könnte, seinen Lieben daheim den unidentifizierbaren Dreck unter die Fichte zu legen. Unverbesserlichen Masochisten steht da schon die nächste Tracht Prügel ins Haus, wenn beispielsweise der auf dem Weihnachtsmarkt erworbene Holzkrüppel unter dem Baum hervorschielt und kein Familienmitglied sich zuständig fühlt mit etwas derartigen beschenkt zu sein. Doch auch zwischen nach Glühwein stinkenden Familienvätern, heulenden Blagen mit unverschämten Wunschzetteln und erbrochenen Mandeln findet der Bürger, der seine Sinne etwas zu schärfen weiß noch so etwas wie zwischenmenschliche Wärme und Zuneigung. Beobachte man doch einfach mal die Szenerie im Supermarkt, wenn man versucht, der alten Jäger- und Sammlerleidenschaft nachkommend, Nahrungsbestände zu sichern.

Der Mensch, der mit seiner Umwelt harmonieren möchte greift anstatt zum Einkaufswagen zu einem feschen Körbchen, denn wer nicht gerade Unmengen an Mampf in Richtung Kasse karren möchte, der überlässt halt den anderen Vorratsbeschaffern diese. Irgendjemand wird schon dankbar sein Wechselbalg in den kleinen Sitz des Fress-VWs pressen und freut sich darüber, dass auch mal die Hand entlastet ist und die Lendenfrucht ihn nicht immer zu den Süßwarenregalen zieht. So schlendert man nun durch den Discounter seines Vertrauens und wähnt sich der Sicherheit ja auch eine kleine gute Tat vollbracht zu haben. Doch dann zwischen billigem Fusel und der Theke mit dem Gammelfleisch passiert es: Unsere Augen erspähen etwas, das sich am ehesten als Unperson des Einkaufsalltags bezeichnen lässt.

Die Oma dort neben uns zeichnet sich durch ihr mangelndes Sozialverhalten aus, das sie ohne Scheu ihrer Umwelt feilbietet. In ihrem Wagen findet sich ein erbeutetes Kontingent an Zeug, das nicht mal einen halben Korb ausfüllen könnte: Eine „BILD der Frau“, eine Flasche Schnaps, ein Glas Bohnen und Hähnchenreste zum aufwärmen. Man stellt sich vor, wie diese Person wohl später zu Hause sitzen mag und furzend wie auch besoffen in ihrer Lektüre schmökert. Beim Lesen der neuesten Fickgeschichten des Boris Becker kommt ihr dann wohl auch der majestätische Gedanke, dass sie es nun dem Establishment ordentlich gegeben hat, da sie es sich schließlich leisten könne einen Wagen in Beschlag zu nehmen anstatt mit Boris im Körbchen zur Kasse zu wandern. Fassungslos bei dem Gedanken daran bewegt man sich nun zur Schlange der Konsumenten, die sich vor der Kasse gebildet hat, als plötzlich links von einen der Wagen der Konsumdenunziantin auftaucht. Meines Erachtens nach klappt das mit dem Bezahlen und dem fixen nach Hause schaffen der Fressalien ja auch so toll, da beim Bezahlen und dem Einordnen vor der Kasse ja so etwas wie Zivilisation vorhanden sein muss.

Die Menschenschlange zeichnet sich ja auch dadurch aus, dass sie sich in Reih und Glied nacheinander aufbaut und nicht nebeneinander, was bekanntlich zur Einkaufsanarchie führen könnte. Den Wagen also zu meiner linken zu positionieren scheint mehr als Missachtung meines privaten Raums auslegbar zu sein. Als Bewegung in das Treiben kommt hofft man dann noch, dass der Wagen der grauen Bestie sich noch vernünftig einordnen mag. Leider bleibt das allerdings ein Wunschtraum! Juhu, eine einzige Person schafft es binnen von wenigen Minuten das Einkaufserlebnis zu ruinieren. Trotzdem legt sich der Schein der Besinnlichkeit über das eigene Gemüt. Immerhin hat man sich besonnen und der Anarcho-Omi nicht aus dem Affekt heraus eine gescheuert. Nächstenliebe nenne man es.