Innerhalb des Studiosystems, das Hollywood sein Eigen nennt, rennen sich Autoren, die ihre Ideen mit im Gepäck haben ebenso die Füße wund wie auch Regisseure, die Finanziers für ihre Wunschprojekte suchen. In einigen Fällen ist hier auch ein so genannter Auteurs unterwegs, der neben dem selbst geschriebenen Buch auch um die eigene Realisation des Stoffes kämpfen muss. Schaut man sich beispielsweise mal die Vita des gefeierten Film-Wunderkindes Quentin Tarantino an, so entdeckt man, dass auch dessen Kreativität zuerst in Drehbüchern zu finden war, die andere Regisseure nach ihren Vorstellungen der Umsetzung bearbeiten durften. So auch geschehen, dass aus einem Drehbuch aus der Feder des späteren Pulp-Meisters gleich zwei Filme entstanden, die der Autor im Nachhinein verdammte: Während Tony Scott einen Teil des Buches als „True Romance“ auf die Leinwand brachte, veränderte Oliver Stone den zweiten Part nach eigenem Gusto und hob die Mediensatire „Natural Born Killers“ aus der Taufe. Lediglich die Fragmente der ursprünglichen Skript-Fassung waren letzten Endes noch enthalten.
Bekanntschaft mit jener Symptomatik durfte in den vergangenen Jahren auch der Mexikanische Filmemacher Guillermo del Toro machen, der nach seinem Independent-Debüt, dem Vampirfilm „Cronos“, zwar einen Fuß in die Studiotüren bekommen hatte, aber den Produzenten eher als Auftragsfilmer, denn als Autorenfilmer dienlich sein sollte. Inwiefern Studios und Produzenten die Finger mit im Spiel haben, wenn es darum geht die eigenen Ideen zu kastrieren, erlebte der frühere Make-up-Künstler del Toro bei seinem Folgewerk namens „Mimic“. Grund genug also, um mit dem eingefahrenen Gewinnen einen weiteren Ausflug in die Indie-Gefilde zu tätigen und mit dem anspruchsvollen „The Devil’s Backbone“ gleichermaßen eine Geistergeschichte wie auch ein Drama um den spanischen Bürgerkrieg der 30er Jahre abzuliefern. Weiterhin hatte der mollige Budweiser-Freund, dem Fan-Nähe mehr als nur ein statischer Begriff ist, zwei Traumprojekte in seiner Schublade schlummern, für die sich einfach keine Geldgeber finden lassen wollten: „Hellboy“ und „Pan’s Labyrinth“.
Schließlich konnte del Toro mit der Auftragsarbeit „Blade 2“ unter Beweis stellen, dass er zumindest für Comic-Adaptionen ein glückliches Händchen hat und nach längeren Querelen um die Finanzierung und dem Hellboy-Zeichner Mike Mignola auf seiner Seite nahm auch das Projekt um den roten Teufel Gestalt an. Im Fahrwasser des durch die Spider-man-Franchise implizierten Superhero-Hype erteilte man del Toro endlich grünes Licht. Bereits zu Zeiten der Hellboy-Produktion erwähnte der Regisseur mehrfach, dass sein „Devil’s Backbone“ nur der Auftakt einer Trilogie gewesen sei, mit deren Idee er schon lange schwanger gehen würde. Laut eigener Aussage sei „Pan’s Labyrinth“ der Zwilling dieses Werks und bereits über mehrere Jahre würde ein Büchlein existieren, in das er Entwürfe und Ideen für jenen Film akribisch festhalte. Nachdem den meisten Studios den Stoff ablehnten gab sich del Toro entmutigt und vorerst wanderten seine Aufzeichnungen in Vergessenheit, bevor sie nach dem relativ erfolgreichen Hellboy wieder herausgekramt wurden. Kurzum verkündete man, dass „Pan’s Labyrinth“ nun endgültig Gestalt annehmen würde.
Als 2006 der fertige Film nun auf verschiedenen Festivals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, überschlugen sich die äußerst positiven Meldungen der Filmkritiker förmlich und das Publikum der Filmfestspiele von Cannes goutierte die Vorführung gar mit 22 Minuten ununterbrochener Ovationen für das Gesehene und seinem Schöpfer. Weitere Screenings folgten und neben knapp 30 Nominierungen aus Kritiker- und Zuschauerfraktionen folgten unter anderem noch acht Auszeichnungen in Kategorien wie „Bester Film“ oder „Beste Regie“. Folglich eine logische Konsequenz, dass nach so einer frenetischen Euphorie aus allen Lagern, der Streifen auch bei den Golden Globes und der 79. Oscar-Verleihung als bester ausländischer Film für Mexiko an den Start geht. Bei soviel Vorschußlorbeeren ist ein näherer, mit Skepsis bedachter, Blick also von Nöten, wenn man sich mit der Erwartung, ein potenzielles Meisterwerk zu sichten, behaftet vor die Leinwand bequemt.
Wenn der Vorhang sich lüftet findet man sich sogleich im Spanien des Jahres 1944 wieder: Fünf Jahre nach dem Bürgerkrieg vertritt der faschistische Franco-Handlanger Captain Vidal in der nördlichen Einöde des Landes immer noch ein Menschenverachtendes Regime und lässt auf Verdacht hin vermeintliche Revolutionäre und Kommunisten brutal verfolgen und töten. Inmitten der Kriegswirren kommen die zwölfjährige Ofelia und ihre Mutter Carmen in das Lager. Die hochschwangere Carmen soll Vidal einen männlichen Nachkommen schenken, doch Ofelia, die am liebsten Märchenbücher schmökert ist alles andere als glücklich über ihren neuen Stiefvater. Kurz vor der Ankunft im Lager begegnet dem Kind eine vermeintliche Libelle, die sich als Elfe entpuppt und Ofelia zu einem Faun geleitet, der sie über ihre wahre Bestimmung unterrichtet. Drei Prüfungen soll sie bestehen um ihr Schicksal zu erfüllen und die unsterbliche Prinzessin der Unterwelt zu werden. Während sich nun die Lage rund um das Quartier von Vidal dramatisch zuspitzt unterzieht sich Ofelia den Prüfungen des Fauns, die ebenso in einer fantastischen Welt parallel des Kriegsschauplatzes wie auch in der Realität Auswirkungen auf den Verlauf der Geschichte haben.
Schon die Eingangssequenz, in der scheinbar Blut in die Nase eines am Boden liegendem, noch namenlosen Kindes zurückfließen zu scheint, bereitet den Zuschauer auf die folgenden zwei Stunden Kinoerlebnis vor, in denen mit sämtlichen räumlichen und zeitlichen Dreh- und Angelpunkten der Orientierung bei der Rezeption gebrochen wird. Die filmische Welt, die del Toro hier auf der Leinwand ausbreitet gehorcht ihren eigenen Gesetzen und klare Trennlinien zwischen Fantasie und dem Grauen des Kriegsschauplatzes sind nicht mehr klar zu definieren. Episch eingefangene Bilder und ein gotischer Look, der dem Kino des Tim Burton nicht gänzlich fern liegt, vermengen sich hier zu einer Symbiose mit expliziten Grausamkeiten, die der nüchternen und rauen Fotographie des Geschehens im Lager entstammen. Doch anstatt einen Kontrast zu bilden, wirkt die gezeigte Welt wie aus einem Guss. Die Märchenhandlung, die nicht nur metaphorisch ständig präsent ist, nimmt sich zwar der Alice im Wunderland-Motive an, wenn es darum geht das Erwachsenwerden der Heldin auszuarbeiten und visuell den anderen Handlungssträngen entgegenzusetzen, aber ein wirkliches Herausfiltern der verschiedenen Handlungsstränge und Orte, so wie ihrer genauen topographischen Zuordnung scheitert an den nahtlosen Übergängen der Inszenierung.
Zentrale mythologische Elemente, wie auch religiöse Fragmente offeriert Pan’s Labyrinth nicht als einzelne Komponenten des cineastischen Uhrwerks, sondern setzt diese an Stelle eines Ganzen, an dessen Ende der Übergang in die Erwachsenenwelt als Symbiose mit der Natur und der Beherrschung des Gezeitenlaufes dargestellt wird. Die finale Interaktion mit einer unkontrollierbaren Umwelt und der Gesellschaft findet dadurch statt, dass aus einer Jenseitigen Welt heraus eine zweite Seinsform geschaffen wird, die die Realität unterminiert und gleichzeitig steuert. Immer wieder fokussiert del Toro das Thema des Erwachens und dem damit verbundenen Blick auf Dinge, die innerhalb einer Kinderwelt noch im Verborgenen lagen. Verzicht auf alte Freuden, Opferbereitschaft und das Blut der Unschuld müssen zusammengeführt werden um die Welt von einem neuen Standpunkt aus zu erleben.
Sobald Ofelia am Anfang des Filmes das heraus gebrochene Auge in die Steinstatute einfügt, beginnt die Heldenwanderung an deren Ende ein allmächtiger Blick stehen wird.
Dem Grimm’schen Geist des Märchens verpflichtet gehört in „Pan’s Labyrinth“ ebenso der Auftritt eines Kinderfressenden Monsters wie auch die explizite Gewaltdarstellung zum Programm und trotz der kindlichen Heldin erwartet einen hier wahrlich kein Film für ein junges Publikum.
Neben den optischen Hochgenüssen und der Allegorie auf die Sagenwelt, die del Toro zaubert, lebt der Film auch von einem fantastisch agierenden Cast und einem wirklich grandiosen Score aus der Feder von Javier Navarrete. Ja, die euphorischen Stimmen im Vorfeld waren berechtigt und was hierzulande erst gegen Ende Februar in die Lichtspielhäuser wandert ist definitiv der beste Film des Jahres 2006, auch – oder gerade weil – del Toro den Mainstream-Pfad des Öfteren verlässt und mit manchen Sehgewohnheiten bricht. Zuschauer, die auf platte und seelenlose Leinwand-Vehikel Lust haben, sollten den Streifen bitte meiden, aber wer großes Kino mit fantastischen und dramatischen Anstrich sucht, den erwartet hier ein neuer Kultfilm, der den Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung gekonnt perfektioniert. Schön, brutal, stimmig und zutiefst berührend explodiert del Toros Vision auf Zelluloid und vermag alle Sinne zu verzaubern.
10 von 10 !