Me, myself & I - (langsam lesen!)
Nun geht es also morgen auf deinen letzten Gang - oder besser gesagt: auf meinen letzten Gang in dieser Sache. Deine Asche haben sie schon vor 5 Wochen in einem dunklen Loch gebunkert, ein passender Ort, du hattest es nie so mit Frischluft.
Wenn man sich in diesem Land kein ordentliches Begräbnis leisten kann, passiert so was. Das kann man pietätlos nennen, würdelos, aber irgendwie passt auch das zu deinem Leben. Dein Selbstmitleid, deine Sofamentalität, deine Geistesfaulheit haben mich, seit ich dich kenne, angewidert - und mehr noch ekeln mich diese Eigenschaften, wenn ich sie teilweise an mir erkenne.
Du hast mich gezeugt, vor etlichen Jahren, und wie du dereinst so süffisant erzähltest, soll dabei ein Sofa umgefallen sein - wie bezeichnend. Das war auch schon die witzigste Geschichte, die uns verbindet. Ich habe mich vor Jahren entschlossen, herauszufinden, wer du bist und woher ich komme. Der zweite Teil dieser Suche ist noch lange nicht abgeschlossen.
Je mehr ich zu mir fand, desto weniger kam ich mit deiner stumpfen Vereinnahmung klar. Dein "mein Sohnemann" und "meine Enkeltochter" (die ich dir nie, nie leibhaftig vorgestellt hätte, die Fotos habe ich mir abgerungen!) prallten an mir ab. Du warst ein blinder Spiegel für mich, du hast mir die Ahnung von etwas angedeutet, was ich hätte sein können - du warst mein Abgrund, in den ich zu lange geschaut habe.
Ich habe dann den Kontakt zu dir wieder abgebrochen. Ich habe mein Leben lang nach einem Vater gesucht. Ich hätte einen Vater gut gebrauchen können! Jedes Kind braucht einen Vater! Aber für dich war ich gut genug, um bei deinen Nachbarn strahlend und stolz von deinem Sohn zu schwadronieren. Du meintest die Rolle, nicht den Menschen.
Als dann im Frühjahr der Anruf kam, du seist todkrank, habe ich dich noch mal im Krankenhaus besucht und das miese Spiel mitgespielt. Ich habe dir einen letzten Gefallen getan.
Morgen kommt der Deckel drauf. Ich bin jetzt alt genug, um zu wissen, dass ich das, was ich immer gesucht habe, nicht finden werde. Ich hoffe, das trifft nicht auf alles zu, was ich suche. Ich wurde praktisch mit dieser Wunde geboren, sie ist nie verheilt und wird es auch nicht. Aber sie wird mich nicht umbringen. Sie ist ein Teil von mir, ein Charakteristikum meiner Seele, entwurzelt von Anfang an.
Herr, gib' mir die Kraft, ein Vater zu sein.
cuZooN.
