Schatten sind viele

31.03.2005 um 14:41 Uhr

Krücken im Nichts

von: Alcide

Morgen ist der 1. des Monats... eine herrliche Einrichtung, dass man 12x im Jahr die Möglichkeit hat wieder bei eins anzufangen... Ich werde täglich um 6.10Uhr aufstehen, ich werde nur gesunde Dinge essen, ich werde regelmäßig und nicht zu erschöpfend Sport treiben, ich werde wenn ich in der Arbeit bin arbeiten, ich werde rein sein in Tun und Denken... bis ans Ende... oder so lange bis mich der Anspruch perfekt sein zu wollen wieder zurückwirft in die Realität meiner absoluten Ort- und Ziellosigkeit, in dem die leitbildhaften Selbstansprüche sich als das entpuppen, was sie sind: Krücken im Nichts.

31.03.2005 um 14:33 Uhr

Verwirrungen

von: Alcide

Eine sehr gefährliche Art mit Liebeskummer umzugehen ist die, sich selbst zu negieren, sich unsichtbar zu machen und damit jedem Anspruch auf Liebesbedürftigkeit von vornherein den Boden zu entziehen. Gegen den Verliebtheits- und Leidenssumpf wird mit der Trockenlegung des ganzen Komplexes aus Gefühlen und Emotionen reagiert... Dadurch beraubt man sich nicht nur der Möglichkeit gemocht zu werden, es ist ein Generalangriff auf die Fundamente des Daseins... Mitleid, Güte, Empathie werden geopfert für ein wohl doch nie zu erreichendes Ideal aus abgeklärter Kontrolle...

29.03.2005 um 17:18 Uhr

Bedingungslose Entgrenzung zum Unendlichen...

von: Alcide

Es gab eine Zeit, in der der Wahlspruch Rimbauds großen Eindruck auf mich machte... Im Moment verspüre ich keinen Bezug zu Begriffen der Transzendenz wie Ewigkeit oder Unendliches. Man wird auf Dauer müde selbstgeschaffenen Illusionen anzuhängen...

29.03.2005 um 16:51 Uhr

Alles Sein ist gemäß

von: Alcide

Mein Leiden rührt von der Tatsache, dass ich etwas möchte, das ich nicht haben kann. Will etwas leben, was mir nicht vergönnt ist zu leben. Das Material meiner Träume verdurstet in der Wüste meines Schicksals...

24.03.2005 um 16:11 Uhr

Schwermut

von: Alcide

Bin ganz offenbar nicht welt- und menschenkompatibel... Welchen Gebrauch kann ich von der Welt machen? Was kann ich einbringen, um hier irgendwem zu nützen? Wo liegt meine Begabung? Die liegt wohl darin, mich von Welt und Menschen zu isolieren, mich ihnen nicht anzupassen, sondern mich ihnen zu entziehen. Ein Leiden wird immer gegen ein anderes ausgetauscht. Das Leben hat keine Lösung. Es ist keine Patience, die irgendwann einmal aufgeht... Es ist einfach nur das, was es ist...

23.03.2005 um 16:16 Uhr

Homöopathie der Liebe

von: Alcide

In knapp zwei Stunden werde ich mit Claudia ins Kino gehen - irgendein alter Stummfilm-Klassiker. Ich hoffe er ist schön langweilig, so dass ich ungeniert meinen eigenen Eingebungen und Gedanken nachhängen kann... Danach werde ich mit ihr noch was trinken gehen: bis jetzt waren meine Nervosität und meine Anspannung jedesmal wie weggeblasen, wenn ich mit ihr zusammen war. Begriffe wie Leidenschaft oder Begehren sind erst dann wieder aktuell, wenn sie nicht mehr um mich ist. Sie ist Gift und Gegengift zugleich...

22.03.2005 um 13:38 Uhr

Da ich noch um deinen Schleier spielte...

von: Alcide

„Da ich noch um deinen Schleier spielte,
Noch an dir, wie eine Blüte hing,
Noch dein Herz in jedem Laute fühlte,
Der mein zärtlichbebend Herz umfing,
Da ich noch mit Glauben und mit Sehnen
Reich, wie du, vor deinem Bilde stand,
Eine Stelle noch für meine Tränen,
Eine Welt für meine Liebe fand.

Da zu Sonne noch mein Herz sich wandte,
Als vernähme seine Töne sie,
Und die Sterne seine Brüder nannte
Und den Frühling Gottes Melodie,
Da im Hauche, der den Hain bewegte,
Noch dein Geist, dein Geist der Freude sich
In den Herzens stiller Welle regte
Da umfingen goldne Tage mich [...]“

(Friedrich Hölderlin: An die Natur, Strophe 1u.2)

22.03.2005 um 13:34 Uhr

Ich habe keine Angst

von: Alcide

Gestern lief 'Io non ho paura' im Fernsehen... War wieder sehr angetan von dem Film... Neben der Handlung als solcher, hat der Film vor allem die Grundstimmung eines Sommers in der Kindheit zum Thema... Sommer war nicht nur eine Jahreszeit, eine kalendarische Begebenheit, Sommer war energetische Fülle, in die wir auf unbestimmte Zeit eintauchten und die es uns ermöglichte das Leben von innen zu fühlen und nicht von außen zu betrachten...

21.03.2005 um 13:34 Uhr

Sein oder Nicht-Sein

von: Alcide

Zunehmend wird mir gewahr wie sehr ich die Zuneigung Claudias für mein Glück brauche. Ich sehne mich nach ihr. Ich verlange nach ihr. Und wie immer überfällt mich Panik, wenn ich mich dem Faktum der Außenabhängigkeit von Glück gegenüberstehen sehe. Ich will sie nicht brauchen.
'Wen vermögen wir denn zu brauchen...' setzt Rilke in einer seiner Elegien an, aber anstatt das Dasein des Engels anzurufen, würde ich das stärkere Dasein hemmungslos für mich beanspruchen wollen...
Ich habe zwei Probleme: zum einen, dass ich Claudia begehre und deshalb leide, zum anderen, dass ich mich nach einem Sein sehne, in dem die Begierde nach Claudia nicht ist...

21.03.2005 um 13:24 Uhr

Selbstkritik

von: Alcide

Am Freitag bin ich Claudia gegenüber gesessen: Es geht ihr besser. Das merke ich daran, dass sie Flitter, Rüschen und Fransen trägt. Vielleicht meint sie auch, dass es ihre erotische Ausstrahlung betonen würde und ihr einen Hauch von Verruchtheit geben würde... Ich muss mir eingestehen: ich mag nicht, wenn es ihr gut geht. Vielmehr sehne ich mich nach ihren nassen, tiefen, liebesbedürftigen Augen... Ich habe ein Problem...

18.03.2005 um 18:23 Uhr

Murakami's Helden

von: Alcide

Gestern wollte ich Claudia erklären, was mich an Murakami's Helden so fasziniert... Konnte es nur schwer in Worte fassen... Ich lallte etwas von Brüchen in der Biografie, verfehlten Lebensentscheidungen, aber das trifft es nicht... Wahrscheinlich liegt es weniger daran, was ihnen passiert, als wie sie die Niederlagen und die Trauer, von denen ihr Leben heimgesucht wird, hinnehmen...

Murakami macht deutlich, dass das Leben schwer ist, und dass kein Weg daran vorbei führt sich dieser Schwere zu stellen... Das Große an den Murakami-Charakteren ist ihr Verzicht auf Ablenkung, ihr Verzicht auf müde, selbsttrügerische Ausflüchte... Sie stellen sich dem Schmerz, und sehen zu, ob sie daran zerbrechen oder ihn durchschreiten.

18.03.2005 um 17:57 Uhr

Byron und ich

von: Alcide

Heute abend werde ich in unserer Literaturrunde das englische Dreigestirn Byron, Shelley und Keats vorstellen. Ich habe mich mit ihrem Leben so sehr vollgesogen, dass ich ein Theoretisieren über sie beinahe als Affront gegen die Kreatürlichkeit empfinde.... Habe fast so etwas wie schlechtes Gewissen deswegen... So wenig Tat, so wenig Mut... zu wenig Erde in meinem Leben... Es gibt kaum einen größeren Gegensatz zwischen Byron und mir.