Schatten sind viele

30.09.2005 um 11:31 Uhr

Der Herbst steht vor der Tür

von: Alcide

O, der Herbst, er naht bedrohlich heran. Jetzt kuschelt es sich morgens schon so wohlich angenehm in der Bettdecke und macht das Aufstehen um noch einen Tick unattraktiver als es ohnehin schon ist. Der Sommer geht auf leisen Sohlen, und tief in der winterlichen Höhle lauert das Prüfungsmonster auf mich, dem ich bis dahin noch täglich Opfer bringen sollte, um seinen Fängen zu entgehen...

Und auch die Zeit meiner beiden student. Hilfskräfte geht zuende, das Studium ruft, und ich muss wieder ein Jahr warten bis ich mich von ihrer Schönheit überfordern lassen darf.

26.09.2005 um 12:32 Uhr

Hochzeit

von: Alcide

Am Samstag war die Hochzeit von K. und Th. Es war wirklich ein sehr schönes, erhebendes Erlebnis und eine tolle Feier mit sympathischen Menschen, auch ein paar alten Schulkollegen, die mir mal sehr lieb waren. Dabei begann der Tag nicht sehr vielversprechend: ich bekam gleich eine Blase von den neuen Schuhen und versprühte beim Gehen die Eleganz eines angeschossenen Maulesels, aber im Laufe des Tages gewöhnt man sich daran. Nach der Trauung wurde ein Fußballspiel organisiert, was sehr schön war, weil dann dieses Zeremoniell-Formelle schnell weg war... Ich spielte nach drei Jahren auch das erste mal wieder Fußball, und war entsetzt darüber wie der Körper Bewegungsabläufe einfach verlernt. Ich spielte wie ein Anfänger; war aber natürlich trotzdem witzig. Und am Abend dann das Festmahl mit den üblichen Reden und in der Nacht dann noch Musik und Tanz... einfach eine gelungene, schöne Hochzeitsfeier...

20.09.2005 um 14:08 Uhr

Noch einmal...

von: Alcide

"Noch einmal, eh ich weiterziehe
und meine Blicke vorwärts sende,
heb ich vereinsamt meine Hände
zu dir empor, zu dem ich fliehe,
dem ich in tiefster Herzenstiefe
Altäre feierlich geweiht,
daß allezeit
mich deine Stimme wieder riefe.

 
Darauf erglüht tief eingeschrieben
das Wort: Dem unbekannten Gotte.
Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte
auch bis zur Stunde bin geblieben:
Sein bin ich - und fühl die Schlingen,
die mich im Kampf darniederziehn
und, mag ich fliehn,
mich doch zu seinem Dienste zwingen.
 
Ich will dich kennen, Unbekannter,
du tief in meine Seele Greifender,
mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,
du Unfaßbarer, mir Verwandter!
Ich will dich kennen, selbst dir dienen."

(Friedrich Nietzsche: Dem unbekannten Gott)

20.09.2005 um 14:01 Uhr

Schwere und Leichtigkeit

von: Alcide

Es ist mir wirklich unergründlich, was es mit diesem Geheimnis von Schwere und Leichtigkeit auf sich hat. In den letzten Monaten war mein Leben wohl eher von Schwere geprägt und vielleicht spiegelte sich das ja auch in dem ein oder anderen Beitrag dieses blogs wieder. Alles fiel so schwer, war so mühsam, keine Entscheidung wirklich geeignet, der Trägheit meines Geistes und meines Körpers entgegen zu wirken. Aber im Moment ist alles so wunderbar leicht und einfach und die Dinge, die mich sonst peinigen und auffressen, die scheinen sich in Gleichmut aufgelöst zu haben. Irgendwie vielleicht auch eine sehr sinnvolle Art mit Stress umzugehen, denn den hätte ich ja eigentlich, aber irgendwas in mir lässt ihn nicht an mich rankommen...

Im Moment gibt es kein Sollen, sondern mehr ein Na-ja-mal-sehen-was-wird... Da ist es 6Uhr morgens und ich habe eine schöne, harmonische, schlaflose Nacht verbracht und wie so häufig stehe ich dann vor der Entscheidung ohne Schlaf in die Arbeit zu gehen oder aber mich doch aufs Ohr zu legen, (denn müde wäre ich ja jetzt) und bis gegen 16Uhr zu schlafen. Gestern mache ich das eine, heute das andere, und beides geht...

15.09.2005 um 14:48 Uhr

Wer wenn ich schriee, hörte mich denn...

von: Alcide

"Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf
dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen
wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt
. ..."

(Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien, Beginn 1. Elegie)

13.09.2005 um 19:27 Uhr

Wieder zurück

von: Alcide

Der Aufenthalt in M. war eigentlich ganz schön, wenn auch nicht sonderlich spektakulär. Er war richtig erholsam, sah viel TV und schlief sehr lange. Mein Vater hat jetzt Kabelfernsehen und die 46 Kanäle überforderten mich zunächst enorm, weil ich beim Umschalten in den Werbepausen immer vergaß, was ich denn eigentlich vorher nochmal gesehen hatte. 

Am Samstagabend traf ich viele ehemalige Kollegen und Freunde. Es war richtig schön und ich fühlte mich wohl und akzeptiert unter ihnen. B. will mir sogar wieder schreiben. Ich hatte den Briefwechsel mit ihr vor zwei Jahren abgebrochen. Auch von U. umarmt und geküsst zu werden war wunderschön. Es gibt Menschen, die liebt man sein ganzes Leben und U. ist bestimmt einer dieser Menschen und es machte mich glücklich, dass ich in ihren Augen auch dieses Wissen um eine besondere Zusammengehörigkeit lesen durfte...

Mein Vater wollte auch, dass ich meine alten Sachen mal durchsehe, und eventuell was wegschmeiße, um Platz zu schaffen. War recht seltsam in diese Vergangenheit wieder einzutauchen, alte Zeichnungen anzusehen oder die Poster, die man an den Wänden hatte. Machte mich auch über meine alten Schallplatten, die ich seit 8 Jahren nicht mehr angehört hatte. Und so ergaben sich dann doch Momente annähernder Harmonie im Familienkreis: mein Vater sieht einen Krimi im TV, und ich höre mit Kopfhörer Ramones, Mano Negra oder die Pogues, während mein Bruder in seinen Zigarettenpausen auf dem Balkon immer mal wieder reinhört, den Kopf schüttelt und wieder weggeht...

07.09.2005 um 17:19 Uhr

Vor der Abreise

von: Alcide

Morgen fahre ich nach M. Seit April war ich nicht mehr dort und es kostet mich ehrlich gesagt etwas an Überwindung. M. ist nicht mehr die Stadt meiner Jugend, ich habe mich ihr total entfremdet und fühle mich unwohl dort.

Aber ich habe meine Freunde dort total vernachlässigt, ihre e-mails z.T. gar nicht beanwortet oder erst nach Wochen. Es ist wahrscheinlich nicht mehr möglich wieder da anzuschließen, wo wir aufgehört haben, bevor ich nach B. gegangen bin, aber ganz verlieren möchte ich sie auch nicht. Wenn sie nur nicht so verbürgerlicht wären, so verschmolzen mit ihren Rollen, die sie erdrücken, und auf die sie doch so stolz sind...

Auch meine Eltern sehe ich wieder. Irgendwann muss ich mal etwas über die Rolle meiner Eltern in meinem Leben schreiben. Andererseits habe ich mir auch vorgenommen nicht mehr schlecht über sie zu reden oder zu schreiben. Wird wohl in Schweigen enden...

Worauf ich mich freue ist das Zugfahren. Es ist irgendwie wie eine Metapher auf das Leben mit dem Unterschied, dass beim Zugfahren das Ziel i.d.R. feststeht und das finde ich irgendwie höchst entspannend und beruhigend. Man frisst sich durch die Zeit wie im richtigen Leben, aber man weiß im Moment was zu tun ist und wie es enden wird...

02.09.2005 um 12:42 Uhr

So wild nach deinem Erdbeermund

von: Alcide

L. hat uns gestern Klaus Kinski's Rezitationen von Gedichten Francois Villon's vorgespielt. Was hat dieser Mann für eine Kraft und Gewalt in der Stimme. War schwer beeindruckt...

"Du ... du ...
ich bin so wild nach deinem Erdbeermund,
ich schrie mir schon die Lungen wund
nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht,
da blüht ein süßer Zeitvertreib
mit deinem Leib die lange Nacht.
Da will ich sein im tiefen Tal
dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl."

(Francois Villon, dt. Bearb. Paul Zech: Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund)