Schatten sind viele

28.11.2005 um 14:32 Uhr

Schnee

von: Alcide

Schön, auch bei uns hat es endlich geschneit... Ich mag den Schnee so sehr: wie er alles weiß macht, alles zudeckt und Stille über das Land legt. Auch wenn ich ihn nie mehr so riechen und schmecken kann, wie ich das als Kind noch konnte. Aber nichts, was ich lieber täte im Moment als an meinem Schreibtisch zu sitzen, eine Tasse Kaffee nippend und aus dem Fenster hinauszusehen. Der Prozess der Hässlichmachung der Welt scheint für Momente ausgesetzt...

Auch der Nachbar schräg gegenüber hat wieder seine alljährliche Weihnachtsbeleuchtung rausgehängt: ein paar wild übereinandergeworfene Lämpchen, die abwechselnd und leidlich unmotiviert durcheinander blinken - ein ziemlich jämmerlicher, aber irgendwie auch bemitleidenswerter Anblick...

25.11.2005 um 12:52 Uhr

... und such ein Anderes immer

von: Alcide

Täglich geh ich heraus, und such ein Anderes immer,
Habe längst sie befragt, alle die Pfade des Lands;
Droben die kühlenden Höhn, die Schatten alle besuch ich,
Und die Quellen; hinauf irret der Geist und hinab,
Ruh erbittend; so flieht das getroffene Wild in die Wälder,
Wo es um Mittag sonst sicher im Dunkel geruht;
Aber nimmer erquickt sein grünes Lager das Herz ihm,
Jammernd und schlummerlos treibt es der Stachel umher.
Nicht die Wärme des Lichts, und nicht die Kühle der Nacht hilft,
Und in Wogen des Stroms taucht es die Wunden umsonst.
Und wie ihm vergebens die Erd ihr fröhliches Heilkraut
Reicht, und das gärende Blut keiner der Zephyre stillt,
So, ihr Lieben! auch mir, so will es scheinen, und niemand
Kann von der Stirne mir nehmen den traurigen Traum?

(Friedrich Hölderlin: Menons Klagen um Diotima, 1. Strophe)

24.11.2005 um 14:22 Uhr

... die ewig gleichen Diskussionen um die letzten Dinge

von: Alcide

Gestern abend saß ich mal wieder mit L. und T. zusammen. Es kam mal wieder zu einer dieser Diskussionen um die letzten Dinge schlechthin: T. war ja früher immer ein ganz arger Atheist, aber seit einiger Zeit (wenn ich böse wäre würde ich behaupten, seitdem er seine Lebenspartnerin gefunden hat) kommt er doch mit so Sprüchen wie "Aber vielleicht gibt es da doch etwas" oder "Ich mein, irgendwie muss doch mal alles angefangen haben"... Und L., früher meine Quelle für katholisches Brauchtum aller Art, hat sich im Laufe der Jahre zu einem regelrechten Zertrümmerer von metaphysischen Ausflüchten jeder Art entwickelt.

Nun gut, wir sprachen mal wieder über die Gottesbeweise und T. ist ein Freund des Beweises der eine erste Ursache von allem, einen Schöpfungsakt für notwendig erachtet. L. entgegnete ganz kantianisch, dass das Denken in Kausalitäten eben nur eine menschliche Eigenschaft, eine Kategorie des menschlichen Seins ist, dass es durchaus annehmbar sei, dass es bezogen auf lange Zeitabstände anderweitige Gesetzmäßigkeiten geben könne, wie das ja auch in der Physik zu beobachten ist, wo in der Quantenphysik, in der Beobachtung des Kleinsten eine ganz andere Realität vorherrscht als wir sie gewohnt sind. Da kann ein Teilchen an zwei Orten gleichzeitig auftreten oder das beobachtete Teilchen weiß sogar, dass es beobachtet wird (also wirklich abgefahren!).

Ich versuchte dann T. argumentativ etwas unter die Arme zu greifen, indem ich anmerkte, dass es aber doch seltsam ist, dass es überhaupt irgendwas gibt, sei es Bewusstsein oder Materie, warum nicht viel mehr Nichts ist. L. daraufhin: das Spektrum der Möglichkeiten ist so unendlich immens hoch, dass es eben auch die Möglichkeit von "etwas" gab.

Aber da konnte ich ihm nicht beipflichten, ein "Nichts" kann doch nicht Bestandteil eines Spektrums von Möglichkeiten des Seins sein, entweder es ist Nichts oder Irgendetwas, aber ein Nichts neben anderem Etwas gibt es doch nicht. Oder doch?

15.11.2005 um 19:33 Uhr

Doch noch was zum Barock

von: Alcide

Noch ein Nachtrag zum Abend-Gedicht von Gryphius (ja, da müssen wir  durch ;o) Es gibt da diesen Ärger über Versäumnisse der Vergangenheit. Ich habe das Gryphius-Gedicht ja bestimmt schon 100x vorher gelesen, aber habe mich nie an Zeile 5 gestoßen: "Der port naht mehr und mehr sich / zu der glieder Kahn."

Weiß irgendwer, was damit gemeint ist? Ist port der Hafen oder die Pforte oder der Mond, und was hat es mit den gliedern und dem Kahn auf sich, eine Gliederkarre? ein Sarg? Ich hatte immer nur Olli Kahn vor Augen, damit war ja denn jede lyrische Ebene hoffnungslos verloren... Eine Zeile und 3 Worte, die ich nicht verstehe... Abgründe tun sich auf!

15.11.2005 um 18:58 Uhr

Zwei schöne Gedichte von Gryphius

von: Alcide

 

So, Klausur ist überstanden... Es ging so lala... Tendenz 4+, aber mit Deutsch-Noten ist das immer so eine Sache, sehr subjektiv das Ganze, hab' mich bislang selten richtig benotet gefühlt, entweder zu gut oder zu schlecht...

Ich habe mich für einen Gedicht-Vergleich zweier Gryphius-Gedichte entschieden. Wenn ich schon 4 Stunden herumsitze und mein Hirn überlasten muss, dann doch auch bitte mit zwei wirklich schönen Gedichten, und deshalb hab' ich das Thema gewählt. Beim Bearbeiten ist mir dann allerdings aufgegangen, dass die sprachliche Analyse der anderen Themen einfacher gewesen wäre... Kam dann gegen Ende auch in wirkliche Zeitnot und meine groß-konzipierte Synthese viel dann doch eher mickrig aus... Hier noch die beiden Gedichte von Gryphius, sozusagen zum Abschluss meiner Einträge zum Barock.

Abend

"Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /
Und führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
Verlassen feld und werck / Wo Thier und Vögel waren
Trawert itzt die Einsamkeit. Wie ist die zeit verthan!

Der port naht mehr und mehr sich / zu der glieder Kahn.
Gleich wie diß licht verfiel / so wird in wenig Jahren
Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.
Diß Leben kömmt mir vor alß eine renne bahn.

Laß höchster Gott mich doch nicht auff dem Lauffplatz gleiten
Laß mich nicht ach / nicht pracht / nicht lust / nicht angst verleiten.
Dein ewig heller glantz sei vor und neben mir /

Laß / wenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen /
Und wenn der letzte Tag wird mit mir abend machen /
So reiß mich auß dem thal der Finsterniß zu dir
."

An die Sternen

"Ihr Lichter, die ich nicht auf Erden satt kann schauen,
Ihr Fackeln, die ihr Nacht und schwarze Wolken trennt,
Als Diamante spielt und ohn Aufhören brennt;
Ihr Blumen, die ihr schmückt des großen Himmels Auen,

Ihr Wächter, die, als Gott die Welt auf wollte bauen,
Sein Wort, die Weisheit selbst, mit rechten Namen nennt,
Die Gott allein recht misst, die Gott allein recht kennt;
Wir blinden Sterblichen! Was wollen wir uns trauen!

Ihr Bürger meiner Lust, wie manche schöne Nacht
Hab ich, indem ich euch betrachtete, gewacht?
Herolden dieser Zeit, wenn wird es doch geschehen,

Dass ich, der eurer nicht allhier vergessen kann,
Euch, derer Liebe mir steckt Herz und Geister an,
Von andern Sorgen frei werd unter mir besehen
?"

 

11.11.2005 um 16:50 Uhr

Mein Kreuz mit dem Kaufhaus

von: Alcide

Hab' ich schon mal erwähnt, dass ich es hasse Einkaufen zu gehen. Gut, am Supermarkt führt kein Weg vorbei, da muss man eben durch. Aber sonst meide ich Zentren, an denen Ware ausgelegt wird, die käuflich zu erwerben ist, wie der Teufel das Weihwasser. Steckt wohl irgendein frühkindliches Traum dahinter, aber auch egal, will's gar nicht aufarbeiten, ist auch billiger so...

Nun ist es allerdings bei meinen Rennradausflügen doch schon bedenklich kühl geworden, und so um den Kopf herum und an den Füßen will man nicht frieren. Ich also rein ins örtliche Sport-Geschäft, gleich Lage gecheckt, Verkäufer war auch schon da, genau Windstopper, die Überzieher für die Schuhe, Mütze gut, nehme ich, nein Spiegel brauch' ich nicht, 5% Skonto, ja, danke, nett, zack zack, Sprint zur Kasse... Und nachdem ich nun endlich alles bezahlt habe, die Einkaufstüte schon in der Hand Richtung Ausgang ansetze, da teilt die Kassierin mir noch mit, ich könne jetzt im 5. Stock (!) mit einem Wurf auf die Dartscheibe bis zu 50% meines Einkaufspreises zurückhaben (aber vielleicht auch nur einen Gutschein für den nächsten Einkauf, so genau hab' ichs nicht verstanden). Also, was tun? Und da sie mich so erwartungsvoll ansieht mit ihren dunklen Augen, in der Erwartung ich müsse ihr doch gleich vor Freude um den Hals fallen, und ich eigentlich ja auch durchaus ansprechbar bin für sportliche Herausforderungen, was diese perfiden Marketinggeier mit ihren Kundenkarten und Vorteilskarten, mit denen sie glauben uns Kunden einen Gefallen zu tun, ohne zu merken, dass sie einen damit vergraulen (mich zumindest...) ja auch genau wissen und beabsichtigen, stackste ich also hochgradig missmutig wieder hoch in den 5. Stock. Dort sehe ich allerdings nur einen Kleinkinder-Erlebnispark, und weit und breit keine Dartscheibe... Was tun? Jetzt auch noch nachfragen, das wäre zu viel gewesen für mein den Einzelhandel und seine Methoden hassendes Herz... ich also wieder runter und raus, raus... Na ja, immerhin 15min Kaufhaus ausgehalten, einen Einkauf getätigt, und es ist noch nicht mal Weihnachten. Bin richtig stolz auf mich... ahh, aber gereizt hätte es mich doch irgendwie zu werfen.

11.11.2005 um 13:01 Uhr

Filip Zesen und die Fremdwörter

von: Alcide

Es gab und gibt ja zu allen Zeiten Menschen, die sich berufen und wohl auch befähigt fühlten die deutsche Sprache zu reformieren. Da gibt es diejenigen, denen es wirklich gelungen ist, etwa den mittelalterlichen Mystikern, die neue Worte erfinden mussten, um neue Empfindungen überhaupt ausdrücken zu können; Worte wie "Abgeschiedenheit", "Andersheit" gehen auf sie zurück. Oder natürlich Martin Luther hat mit seiner Bibelverdeutschung viele Redewendungen und Begriffe in den deutschen Sprachschatz eingeführt, den wir heute ganz natürlich verwenden (z.B. "Herzenslust", "Denkzettel", "Feuereifer").

Bei meinen Prüfungsvorbereitungen bin ich auch in der Barockzeit über einen Sprachreformer gestoßen, dessen Programm ich hier in möglichster Kürze kundtuen möchte. Und zwar geht es um Filipp von Zesen (1619-1689), einen Hamburger Dichter, immerhin Begründer einer eigenen Sprachgesellschaft, der "Teutschgesinnten Genossenschaft" und als Dichter durchaus mit einem Gefühl für Klang und Erfindungskraft begabt. Aber in seinem Reformwillen die deutsche Sprache von allen Fremdwörtern zu befreien ist er wohl ein klein wenig übers Ziel hinausgeschossen: hier ein paar Beispiele für Fremdwörter und wie er sie ersetzt wissen wollte: Papst = Großerzvater; Pistole = Reitpuffer; Fenster = Tageleuchter; Opfer = Schlachtgabe; Fieber = Zittersucht/Wechselweh; Spiegel = Schauglas; Nase = Leschhorn; Natur = Zeugmutter; Teppich = Prunktücher; Minute = Zeitblick. Auch die mythologischen Götternamen waren ihm ein Dorn im Auge, und so machte er sich daran neue, deutsche Götternamen zu erfinden: Diana = Weidinne; Mars = Heldreich; Venus = Lustinne/ Libinne/ Lachmund/ Schauminne; Cupido = Liebreiz/ Lustkind; Neptun = Wassereich/ Schwümmahrt.

11.11.2005 um 12:22 Uhr

Prüfung ante portas

von: Alcide

Am Montag hab' ich dann endlich meine Zwischenprüfung. Muss dazu nach S. in Österreich ins dortige Studienzentrum fahren. Hoffe, dass es mir erspart bleiben wird ein Hotel nehmen zu müssen. Aber ich freue mich beinahe schon auf die Klausur, nur um möglichst bald das Gefühl haben zu können, es hinter mir zu haben. Und dann werde ich erstmal ein paar Wochen wieder andere Dinge genussvoll lesen können, ohne innerlich in Unruhe versetzt zu werden, weil es nichts mit Barocklyrik zu tun hat. Dass ich durchfallen könnte, daran denke ich eigentlich gar nicht ernsthaft, hab' ja was getan und in diesen Prüfungssituationen schaffe ich es eigentlich immer auch sehr gut, die Konzentration über vier Stunden zu halten. Und zum Glück habe ich nie den Anspruch eine Eins schreiben zu wollen, irgendwie bestehen reicht mir vollkommen... Mir tun die Geisteswissenschaftler an den Universitäten ja beinahe leid, sie müssen so stark ins Detail gehen, dass sie darüber die Breite und den Überblick bisweilen verlieren. Für mich wäre das nichts, mich reizt immer das besonders, was mir gerade am wenigsten nützt.

04.11.2005 um 14:44 Uhr

Can you hear the drums...

von: Alcide

 

Die ganze Woche über war ich sehr hart zu mir selbst; ich habe mich da mal wieder in eine erbarmungslose Selbstdisziplinierung hineingesteigert. Habe viel für die Klausur gelernt, die in einer Woche stattfinden wird; nebenbei auch ausreichend gearbeitet, obwohl ich ja eigentlich vor der Klausur frei machen wollte. Noch dazu habe ich in dieser Woche mit einem beinharten Trainingsprogramm begonnen: war 2x morgens um 7Uhr Laufen, an Allerheiligen habe ich eine schöne Tour mit dem Rennrad gemacht und auch etwas Krafttraining will ich jetzt vermehrt machen...

Ach, das ist so ein grundsätzliches Dilemma meines praktischen Lebens: tue ich was, dann bin ich erschöpft, tue ich nichts, dann plagt mich das schlechte Gewissen. Ich glaube, wenn eine Fee käme und ich hätte einen Wunsch frei, dann würde ich mir wünschen richtig faul sein zu dürfen ohne ein schlechtes Gewissen, ohne ein Gefühl des Versäumens dabei zu haben... Aber, nein, immer muss was erreicht werden, nie ist Ruhe... alle Freude wird wohl mal in der Zukunft kommen, jetzt muss gearbeitet werden, und wenn's nicht richtig weh tut, dann ist es keine Arbeit... tja, das ist so was typisch Deutsches an mir, dass ich einfach nicht loswerde... widerlich...

Aber manchmal hält das Schicksal doch kleine Belohnungen für einen bereit. So entdeckte ich heute zufällig, dass die Studentinnen eine Cassette im Recorder vergessen haben, und siehe da: ABBA-Greatest Hits... Höre das jetzt schon 3 Stunden, und die Welt sieht schon wieder besser aus... (Meine persönlichen Top 3 im Moment: 1. Knowing me, knowing you, 2. Cicchitita (oder wie auch immer man das schreibt), 3. Fernando). Merken bei Niedergeschlagenheit: ein kühles Bier und der richtige ABBA-Song, wenn das nicht mehr hilft, dann wird's ernst...