Schatten sind viele

30.12.2005 um 18:30 Uhr

Nachweihnachtliches

von: Alcide

Die Woche in M. war gar nicht einmal so unangenehm wie ich erwartet hatte. Weihnachten haben wir sogar annähernd würdevoll absolviert - immerhin gab es keine verbalen Ausbrüche oder Eingeschnapptheiten, wie das sonst alljährlich zum festen Repertoire gehört hat. Nützte ansonsten die Tage um so richtig auszuspannen. Besuchte auch meine Mutter, die mich mit dem philosophischen Satz "Mei, Bua, es kimmt eh' ois a so wia's kemma muass, wei sist dats ah eh ganz anders kemma" sehr beeindruckte.

Fuhr bei L. im Auto zurück. Wir machten einen kurzen Abstecher über I. zum Ikea, wo wir das Auto mit Möbel vollluden. Habe jetzt 3 neue Regale in der Wohnung und der Effekt ist großartig. Ich dachte immer zuviele Möbel würden mich erdrücken, aber im Gegenteil, jetzt bekommt das Zimmer erst eine Kontur und es hallt auch nicht mehr so, was mich gleich dazu veranlasste mal wieder richtig laut Gitarre zu spielen und mich dabei so ganz nebenbei heftigst zu betrinken... Mmm, entspannte Tage sind das...

30.12.2005 um 17:53 Uhr

Literatur 2005: Personal Best

von: Alcide

1. Thomas Mann: Der Zauberberg
2. Fjedor M. Dostojewskij: Die Dämonen
3. Haruki Murakami: Mister Aufziehvogel
4. Michel Houellebecq: Plattform
5. Siri Hustvedt: Was ich liebte
6. Ian McEwen: Der Zementgarten
7. Siegfried Lenz: Deutschstunde
8. Pitigrilli: Ein Mann jagt nach Liebe
9. Veronique Olmi: Meeresrand
10. Franz Kafka: Briefe an Milena

30.12.2005 um 17:23 Uhr

Musik 2005: Personal Best

von: Alcide

1. Verdi: Aida (Presago il core…)
2. Verdi: La Traviata (Parigi, o cara, noi lasceremo)
3. Verdi: Aida (Celeste Aida)
4. Mano Negra: Mala vida
5. ABBA: Knowing me, knowing you
6. Joan Armatrading: The weakness in me
7. Verdi: La Traviata (Addio del passato)
8. Tori Amos: Northern lad
9. Depeche Mode: Precious
10. Wir sind Helden: Darf ich das behalten

20.12.2005 um 15:19 Uhr

Weihnachten

von: Alcide

Übermorgen werde ich mich mal wieder nach M. aufmachen, um Weihnachten "im Kreise der Familie", wie es so schön heisst, zu "feiern". Das es wie in jedem Jahr schlimm sein wird steht außer Zweifel, die Frage ist nur wie schlimm es diesmal ausfallen wird?

Seitdem meine Mutter meinen Vater verlassen hat, vor vier Jahren, ist Weihnachten für ihn eine einzige Tortur - qualvolles Gewahrwerden, dass sein Lebenstraum zerstört ist. Für mich war die Zerstörung durch die ganzen 20 Jahre ihrer Ehe gegenwärtig, aber mein Vater hat das nie sehen wollen. Und welch' bemitleidenswerter Heroismus meiner Mutter, die 15 Jahre lange bei einem Mann ausgehalten hat, den sie nicht liebte, dem sie sich nur vordergründig unterwarf, um uns Kinder irgendwie "unzerrüttet" ins Leben zu bringen... Mein Vater Kraft ohne Sinn und Verstand, meine Mutter ganz Gefühl ohne Kraft...

Es stimmt, Weihnachten ist wirklich wie ein Vergrößerungslas, wo die glücklichen Familien noch glücklicher sind und das Unglück der unglücklichen Familien sich ins maßlos Traurige potenziert...

Immerhin begegnen wir Geschwister untereinander dem Geschehen schon mit der notwendigen Selbstironie, und vielleicht reicht die Kraft ja diesmal wenigstens zu einem gemütlichen Brettspiele-Abend...

16.12.2005 um 18:32 Uhr

Klausurnote ist da

von: Alcide

Ach, ja: heute bekam ich auch die Note meiner Barock-Klausur zurück: "gut (2,0)"... Also damit kann ich mehr als zufrieden sein. Na ja, ein Quentchen Vorweihnachtsmilde wird schon dabeigewesen sein. Der Korrektor schreibt etwa: "Zwar erkennt der Verfasser die zentralen Punkte, es gelingt ihm jedoch nur ansatzweise, zu einer Gesamtdeutung zu gelangen". Oder anders ausgedrückt: der Verfasser konnte zwar nicht ausdrücken was er meint, aber es ist irgendwie doch ersichtlich, dass er manche Dinge zumindest ansatzweise verstanden hat...

16.12.2005 um 18:01 Uhr

Der Teufel formt die Masken

von: Alcide

Wenn ich für etwas wirklich Begabung habe, dann ist es das Träumen. Für die [***]-Reihe "***" zu diesem Thema (lief vorgestern) haben sie mich sogar extra angeschrieben, ob ich nicht was dazu sagen möchte (kein Scherz!). Heute hatte ich dann wieder einen schönen (?) Traum und der ging so:

Ein befreundetes Paar ist maskiert und sie wollen auf einen Faschingsball gehen. Sie sind schon furchtbar ausgelassen. Nur ich bin furchtbar griesgrämig und habe natürlich auch keine Maskierung, was aber nicht sein darf. Da haben sie eine Idee und gehen mit mir in eine alte Kirche. Dort drehen sie an einem Stein und auf einem alten Fresko fängt es auf einmal an zu blitzen und heraus tritt... der Teufel in Person. Er ist etwa 2,50m groß und hat einen toten Hund über die rechte Schulter gelegt und trägt ihn wie eine Art Fell. Ansonsten eher der klassische Teufel mit 2 Hörnern am Kopf und Bocksbeinen und er schaut furchtbar gewieft und gerissen drein. Man schildert ihm mein Problem und er nickt vielwissend. Mir hingegen wird die Sache langsam mulmig und versuche mich hinter den anderen, die sich jetzt in Richtung Ballsaal bewegen, etwas abzusetzen und Land zu gewinnen. Dann werde ich richtig panisch und laufe weg, breche aber unvermittelt in ein Loch im Boden ein und falle in die Tiefe...

15.12.2005 um 13:26 Uhr

Die zwei Keulen des Lebens

von: Alcide

"Das Leben hat eine fürchterliche betäubende Fülle und eine fürchterliche demoralisierende Öde. Mit diesen zwei Keulen schlägt es abwechselnd auf die Köpfe derer, die ihm nicht dienen."

(Hugo von Hofmannsthal)

14.12.2005 um 13:51 Uhr

Rage, rage against the dying of the light

von: Alcide

"Wehr' dich, wehr' dich gegen das Sterben des Lichts" schreibt Dylan Thomas in einem seiner bekanntesten Gedichte... Das sollte ich mir zu meinem Leitspruch für das nächste Jahr machen, denn so ganz will ich mich nicht darein ergeben so langsam auszubrennen...

Das Leben war für mich immer wie eine steile Gerade nach oben; am höchsten Punkt wollte ich dann in irgendeiner Form heroisch-prächtig untergehen. In meiner Naivität habe ich mir gar nicht vorstellen können, dass mein Leben auch eine Kurve sein könnte, die irgendwann ihren Scheitelpunkt erreicht und wieder nach unten verläuft. Und in diesem Bewusstsein lebe ich im Moment, mich im Niedergang zu befinden, in einem zähen Verlöschen begleitet von Apathie und Gleichgültigkeit. Hinter einer Mauer, wo das Leben mich nicht mehr recht erreichen kann, suche ich nach Strategien diese Fülle zurückzugewinnen, schwankend zwischen neuen Aufbrüchen und jähem Fall...

09.12.2005 um 17:38 Uhr

Sehen

von: Alcide

Die Woche verlief eigentlich ganz gut. Habe wieder einen halbwegs kompatiblen Wach- und Schlafrhythmus, und das habe ich festgestellt ist eben doch so immens wichtig, um die Arbeitswelt bestehen zu können. Und wenn ich nicht total schlaftrunken und verstört durch den Tag torkele, dann entsteht er auch wieder der Raum in den Gedanken, und der Mut und die Freude daran Hinzusehen...

05.12.2005 um 11:43 Uhr

Silence is all the rest...

von: Alcide

Wie erschreckend schwer, fast unmöglich doch bisweilen das einfache Beantworten einer nettgemeinten e-mail ist. Das Vermögen des eigenen Ausdrucks hängt fundamental mit der Rolle des Adressaten für das eigene Ich zusammen. Wo sich bei einem Gefühl des Angenommenseins, des Sich-Nicht-Versteckenmüssens Worte wie von selbst formen, ist es bei anderen unmöglich überhaupt in einem Fluss zu schreiben, jeder Satz wirkt wie abgehakt, unnatürlich und fremd. Unsanft aus dem Schweigen gerissen werden Worte zu eisigen Epitaphen fehlgeschlagener Kommunikation.

01.12.2005 um 07:35 Uhr

Routine

von: Alcide

Ich schaffe es einfach nicht mehr Routine in mein Leben zu bekommen. Sobald ein gewählter Lebensrhythmus entfernt nach Routine schmeckt werde ich unruhig, breche aus in das Offene der Nacht; dort ohne Menschen, ohne Verpflichtungen, wenigstens von 22Uhr bis 6Uhr morgens, gelingt es mir ansatzweise wieder frei zu atmen. Wie schaffen das andere Menschen nur sich an vorgegebene Zeiten zu halten, wie schaffen sie es ihre innere Uhren an den Rhythmus der Moderne anzupassen? Wahrscheinlich, weil sie innerlich Ja sagen, ich hingegen bin seit Jahren in meine eigene kleinbürgerliche Revolte verstrickt - ich will freilich genauso wie jeder andere am Wohlstand partizipieren, will auch die Anerkennung und auch die schönen Momente des gemeinsam Errungenen nicht missen, aber in meinem Inneren erwacht dieser Dämon immer wieder von Neuem, der mir sagt, dass das alles nicht Ich bin, der mir zuflüstert, dass es himmelschreiend falsch ist, dass jeder für den anderen zum Geschäft wird... und dann werde ich es müde Tag für Tag Normalität zu imitieren, ich will dann nichts mehr hören von Kosten-Nutzen-Abwägungen, von Bürokratismen oder Gängeleien irgendwelcher Miniaturdespoten... ein paar Tage gönnt mir nur, der inneren Zerrissenheit, ein paar Tage für das Aufreißen der Narben und ihrer provisorischen Kittung, und dann rolle ich ihn ja wieder hoch den Stein...