Schatten sind viele

21.02.2007 um 16:54 Uhr

Innenschau

von: Alcide

Austauschbare, unbedeutenden Tage... keine Höhepunkte, auch keine nennenswerten Abfälle oder Aufschwünge... bedächtiges Gleichmaß... Verwaltung, Bewegungen im Raum... vom eigenen Leid getrennt, beginnt man auch fremdes Leid nur mehr noch als bloßes Faktum zu registrieren... Wann ist es Entfremdung? Wann notwendiges Absterben?... Seltsame Innenschau: als ob Statuen sich wünschten, beweglich zu sein... beides haben wollen: das vorgefundene statische Ich, und das vorgestellte brennende (Nicht-)Ich... Problemlosigkeit wird zum Problem... irgendwie dekadent...

21.02.2007 um 16:34 Uhr

Bindungen

von: Alcide

Nicht mehr sein wollen, als man ist... die implantierten Leitbilder im Inneren verhungern lassen, sich neu konditionieren... keine Vergleiche mehr... einfaches Sein... welch' grauenhafte Vorstellung!

02.02.2007 um 15:00 Uhr

Distanz und Nähe

von: Alcide

Seltsame Begegnung beim Nachhausefahren gestern, vielleicht lags ja am Vollmond. Ich steige, wenn ich in L. arbeite, immer in einem ganz kleinen Provinzbahnhof zu, wo in der Regel kaum andere Leute anzutreffen sind. Gestern traf ich eine sehr eigenwillige, aber sympathische, wenn auch völlig überdrehte, junge Frau an, die mich sofort in ein Gespräch zog. Nebenbei kramte sie in ihrer Tasche herum, sagte sich Vokabeln vor; es war als ob es keine Trennlinie zwischen ihren Gedanken und ihrer Stimme gäbe... Was mich so an ihr irritierte war diese absolute Außenbezogenheit, sie starrte mich förmlich an, sie saß nicht gerade auf ihrer Bank, sondern immer mir zugewandt... Sie sagte auch, gleichsam entschuldigend, dass sie aus dem Süden käme und überhaupt eine eigenartige Mischung sei, und dass sie auf jeden Fall "different" sei... Ich denke nicht, dass sie an mir interessiert war, einmal läutete ihr Handy, und sie sprach mit einem "Beppe" über die Miete, die sie zu zahlen hätten... Aber welch' Gegensätzlichkeit da aufeinandergeprallt ist. Wenn ich mit ganz fremden Menschen ins Gespräch komme, was freilich selten geschieht, dann erzähle ich ohnehin von mir nie etwas, denn ich möchte den anderen ja nicht mit für ihn belanglosen Informationen belästigen; wenn der andere allerdings zu reden anfängt, dann frage ich der Höflichkeit halber nach, um ihm nicht das Gefühl zu geben seine Offenheit wäre mir lästig... Die junge Dame gestern funktionierte genau andersherum, sie interessierte sich nicht dafür was ich mache, oder wo ich herkomme, aber ich war ihr willkommener Vorwand, um reden zu können... Dachte noch viel über diese Begegnung nach: eigenartig, dass ich sie total reizvoll gefunden hätte, wenn sie nur ruhig dagesessen wäre, wenn sie denselben kühl-distanzierten Panzer aus Herablassung und Arroganz zur Schau gestellt hätte, wie das junge Damen heute so tun... Aber ihre offensive Art, machte mir wirklich Angst. Dermaßen, dass ich meine sozialpolitische Schrift von John Locke herauskramte, um oberflächlich darüber zu lesen. So war ich ihr nicht so ausgesetzt... Aber immer wenn ich zu ihr aufsah, starrte sie mich mit leuchtenden Augen an... Tat mir auch ein bisschen weh, dass ich nichts anderes vermochte als ihr die kalte Schulter zu zeigen, sie freundlich-kalt auf Entfernung zu halten... So wie ich mein Leben im Moment organisiert habe, ist da absolut kein Platz für andere Menschen... Aber diese Unruhe, die das in mir erweckt hat, sagt mir doch auch, dass diese neutral-arbeitsbezogene Betriebsamkeit der letzten Monate, brüchig ist...