Schatten sind viele

16.12.2009 um 13:21 Uhr

Gestern bei Maischberger

von: Alcide

Was für eine katastrophale Sendung: Selten wird einem das geistig-moralische Elend dieser Nation so bewusst.
Mir tat Hanna Poddig nur leid unter diesen Attrappen von Menschen. Am schlimmsten war dieser Köppel, dessen aalglatte Fassade leider keiner zerschlagen konnte. Für Leute wie Köppel gilt das alte Beatles-Zitat "Living is easy with eyes closed". Er sieht die strukturelle Gewalt nicht, die in unserer Lebensweise steckt. Poddig sieht sie sehr wohl und handelt und sucht nach Alternativen. Sie vertritt eine Aufrichtigkeit wie es die Millionenen von anderen angepassten, sich-selbst-versklavenden Schnösel nie zustande bringen werden. Leute wie Köppel geraten in Rage wenn der Ruf der Schweizer Bänker in Frage steht, fühlen sich durch eine junge Frau bedroht, die ihnen durch ihr bloßes Dasein ein Spiegel vorhält, aber erst wenn sich Leute wie Köppel über die Exportsubventionen der EU aufregen würde, über die sterbenden Kinder in der 3. Welt, über die Perspektivlosigkeit der an den Rand Gedrückten, an die Millionen Depressiven im Arbeitsprozess, dann würde ich ihn wieder ernst nehmen... Man hat das Gefühl nur mehr noch Interessenorgane im TV sehen zu müssen, keine Menschen mehr... Man muss sich selbst entfremden, um solche Sendungen überhaupt zu ertragen.

15.12.2009 um 16:29 Uhr

Projekt Leben

von: Alcide

Es gab in meinem Leben immer nur ein Projekt, eine Frage, um die sich mein Denken drehte und die lautete: Wie kann ich es hier nur auf Dauer aushalten? Und in der Tat gab es Phasen, da glaubte ich ernsthaft, ich könnte es mir hier wohnlich einrichten… Aber wenn ich eine Überschrift über mein Leben geben sollte, dann würde mir nur der Beginn von Rilkes 1. Elegie einfallen, dass das Schöne nichts anderes ist als der Anfang des Schrecklichen… Immer wieder hat sich das Schicksal einen Spaß daraus gemacht mir Schönes zu zeigen, für Momente hat es mich aufgenommen in den Palast aus Marmor, und immer wieder trat ein Engel heraus aus der materiellen Schwere des Seins und nahm mich bei der Hand, und er hat mir die wundervollen Gärten der großen Königin gezeigt, doch sie waren nicht für mich bestimmt und schon bald geleitete man mich freundlich hinaus, verschloss die Pforten und ließ mich zurück mit einer unbestimmten Ahnung von Glück im beschädigten Herzen, allein und gefangen in der unerträglichen Schwere meiner Finsternis.

15.12.2009 um 16:24 Uhr

Scheitern

von: Alcide

Die Tragik meines Lebens besteht nicht darin, dass ich langsam versiege wie ein Rinnsal Wasser in der Wüste, sie besteht, darin, dass es mir nicht vergönnt war „glorreich“ unterzugehen. Ich wünschte mir so sehr, eine Kunst besessen zu haben, ein Werk erschaffen zu haben, für das es sich lohnte unterzugehen… Tragisch empfinde ich nicht das Scheitern, tragisch empfinde ich das Ausbleiben eines Vorwandes für das Scheitern… kein Werk, nur Tränen und Abgrund…

14.12.2009 um 12:53 Uhr

Krankheit, Tod, Trauer

von: Alcide

Krankheit, Tod, Trauer, ich gebe es offen zu, sind Dinge, denen ich absolut hilflos gegenüberstehe. Sie konfrontieren mich erbarmungslos mit der kruden materialistischen Basis meines Welterlebens. Sie machen schonungslos deutlich, dass alle Zwischenwelten, alle mentalen Konstrukte, alle Beziehungen zu anderen Menschen, der Erosion preisgegeben sind. In diesem Nicht-Aushalten-Können des Offenkundigen liegt die Genesis aller Religion.

10.12.2009 um 16:48 Uhr

Glaube und Vernunft

von: Alcide

Mein Leiden ist eine Krise, in die mich mein Denken gestürzt hat. Hin und hergerissen zwischen den Polen des Glaubens und der Vernunft, streife ich als ein Heimatloser durch die kalten Gassen der Deutungen. Ich sehe hinein durch die Fenster, erahne die bergende Wärme des wohligen Nichtwissen-Wollens, und bleibe verstoßen. „Von den Hirngespinsten des Glaubens überzulaufen zu den Gespenstern der Vernunft ist nur ein Gefängnistausch“, schreibt Fernando Pessoa. Die fundamentale Tragik ist jedoch, dass Erkenntnis nicht nur den Horizont öffnen kann, sondern sie macht das Gefängnis, in dem wir uns befinden sichtbar.

10.12.2009 um 16:37 Uhr

Entscheidungen und Lebensweichen

von: Alcide

Ich habe vorhin meinen Kollegen mitgeteilt, dass ich die Arbeit zu Jahresende aufgeben werde. Es tut weh... Die Arbeit hat mir über Jahre hindurch Stabilität und Orientierung gegeben. Ich war stolz auf die Tätigkeit. Es war mir stets bewusst, dass meine Arbeit sehr begehrt ist, was die vielen Bewerbungen zeigen, die wir bekommen.

Es war damals unverhofft für mich überhaupt genommen worden zu sein; ich hatte dann für mich beschlossen, es noch einmal in der Bürgerlichkeit zu versuchen. Und es war auch großartig, es waren einige wunderbare Jahre, die mir viel Selbstvertrauen gegeben haben. Es war herrlich, das Gefühl zu haben, niemand auszubeuten und selbst nicht ausgebeutet zu werden. Es gab viel Anerkennung und Lob für mich. Das brauchen die Menschen. Und mein Scheitern hängt eng damit zusammen.

09.12.2009 um 12:54 Uhr

Warum nicht...?

von: Alcide

Warum sich nicht zufrieden geben, sich einrichten in der seichten Behaglichkeit der kurzbeinigen Rationalisten? Warum sich nicht einlullen lassen vom platten Vernünftigkeitsgefasel der Optimisten und Eliten? Es wäre einfacher...

07.12.2009 um 12:33 Uhr

Wollen

von: Alcide

Wollen... nur irgendetwas... ein Ziel haben, für das es sich lohnen würde sich anzustrengen... so ohne nichts... ohne Bindung, ohne Glauben, ohne Freude... welch' eine Hölle... Freiheit, zwar... und ein eiskalter Blick für die Illusionen anderer, für ihr niedlichen Lebenslügen... da wieder: von Zeit zu Zeit Zynismus... neurasthenische Zuckungen der Bitterkeit am leeren Firmament der Ausweglosigkeit... nur dumpf vorüberziehende grau-wattige Traumleichen... unrettbar... leer...

07.12.2009 um 11:25 Uhr

Formsuche

von: Alcide

Eine lange Schreibpause... fast drei Jahre... nun also wieder ein Tagebuch...  kein Enthusiasmus dabei... Grundstimmung eher traurig... verzweifeltes Aufbäumen gegen die eigene Sprachlosigkeit... und Versuch der Selbstdisziplinierung... Versuch sich, seinen Gedanken, wieder Bedeutung beizumessen... Versuch, die Scheu zu verlieren, vor den Bedrohungen des Evolutiven in der eigenen charakterlichen Disposition...