Schatten sind viele

29.02.2012 um 01:24 Uhr

Sorge um das eigene Bild

von: Alcide

"Diese Sorge um das eigene Bild ist eine geradezu schicksalhafte Unreife des Menschen. Es ist sehr schwer, diesem Bild gegenüber gleichgültig zu bleiben. Eine solche Gleichgültigkeit übersteigt die menschlichen Kräfte."

(Aus: Milan Kundera: Die Unsterblichkeit)

24.02.2012 um 16:51 Uhr

Wunschloses Unglück

von: Alcide

Ich bin eigentlich kein Feuilleton-Leser (höchstens ein schneller Überflieger von Artikeln dieser Art). Umso mehr überraschte mich eine Rezension von Iris Radisch über Murakamis Romanprojekt '1Q84' vom vergangenen Dezember (Zeit, 29.12.2011, S. 51), die mir erst kürzlich in die Hände fiel. Sie findet darin wirklich ein paar tolle Beschreibungen der Charaktere, die Murakami nicht müde wird zu beschreiben. Sie spricht von einer 'kalt kalkulierenden Sentimentalität', von einem 'reptilienartigen Singledasein mit minimalen Ausschlägen', die Protagonisten lebten in einer 'Welt der Bewegungsstarre und klinischen Aufgeräumtheit' und fristen ihr Leben in 'meditativer Einzelhaft'. 'Murakami zeichnet die japanische Gesellschaft als ein gigantisches Kühlhaus, dessen tiefgefrorene Insassen ihr wunschloses Unglück kaum noch bemerken'.

15.02.2012 um 16:12 Uhr

Wozu?

von: Alcide

Wozu? Sich-Entzünden immer neu, Brennen für eine Sache, der Motor sein für eine Idee…? Wozu?... stattdessen: Fragwürdigkeiten, Weglosigkeiten… was einst mir  Symphonie des Universums war ist nun Geräusch… Triumph der Mechanik über den Zauber des Übermaßes… vergilbte Ekstasen säumen den Weg ins Ungebundene… atemlos und schwach… Dinge, die keine Boten mehr sind, sondern nur Dinge… Wer das Wollen nicht mehr will lebt schon in der Dämmerung des schwindenden Ichs.

10.02.2012 um 03:11 Uhr

Zumindest ein Beleg für den Mangel

von: Alcide

Und wenn ich manchmal lese, was ich schreibe dann merke ich, dass es nicht immer sehr erhellend ist, mitunter ist es dumm, ein Produkt eingefahrener Denkmuster. Und wieder fällt mir Proust ein, der über die geistigen Elaborate mittelmäßiger Schreiber leicht ironisierend urteilte, dass ihre Bücher zumindest ein Beleg, ein 'Spiegel der merkwürdigen Mängel des Geistes' seien.

10.02.2012 um 02:57 Uhr

Typus versus Individuum

von: Alcide

Es gibt eine Vorstellung, die tut sehr weh, nämlich die Vorstellung, das man selbst nur ein Typus ist, und kein Individuum. Wir gefallen uns in unseren Meinungen, die natürlich auch zufällig genau die richtigen sind, in unseren Vorlieben, unseren Wünschen und Sehnsüchten. Es ist die ewig alte Frage nach Subjektivität und Objektivität. Ich habe große Zweifel daran, dass es so etwas gibt wie das objektiv Richtige. Ich bin mir allerdings der Gefahren einer solchen Sichtweise sehr wohl bewusst (die ich hier als meine relativistischen Gespenster auch schon mal beschrieben habe). Alles eine Sache der Übereinkunft, des sozialen Interagierens. Und ob wir mit diesen Denkschablonen, die uns angeboten werden zurecht kommen, das ist wiederum eine psychologische Frage, letztlich auch Folge unserer Sozialisation, unserer frühkindlichen Prägungen. Ich denke wir sind weit weniger individuell als wir selbst annehmen, dass wir es sind. Die Anzahl an mentalen Vorgängen ist begrenzt (Wut, Trauer, Furcht...), die Handlungsoptionen sind begrenzt (meist Varianten von Angriff/Flucht-Reflexen). Mir ist bewusst, dass ich hier kein sehr idealistisches Menschenbild entwerfe. Aber glücklicherweise ist das ja auch nur die Eingabe eines momentanen subjektiven Empfindens, wie man es eben empfindet, wenn man meine Kindheit hatte, Entscheidungen getroffen hat, wie ich sie habe, Bücher gelesen hat, wie ich sie habe... meine subjektive Wahrheit, die Wahrheit eines bestimmten Typus Mensch.

10.02.2012 um 02:45 Uhr

Im Herzen der Einsamkeit

von: Alcide   Kategorie: Literatur

Ich stieß heute Abend mit der von mir vorgebrachten Meinung, dass es objektive Kriterien zur Beurteilung von guter Literatur nicht gäbe, doch auf heftigen Protest. Sie konnten meiner psychologischen Herangehensweise an Literatur einfach nichts abgewinnen. Dabei frage ich mich schon seit meiner Kindheit woran es liegt, dass einem etwas gefällt und etwas anderes in einem nur ein Gefühl der Gleichgültigkeit oder Ablehnung hervorbringt. Marcel Proust beschreibt in seinem Essay 'Tage des Lesens' seine ersten Lektüreerfahrungen in seiner Kindheit und Jugend. Er zitiert einige Sätze aus der französischen Romantik (Sainte-Beuve oder De Vigny), die ihm eine neue Sicht vermittelt hätten und die gleichsam wie eine Idealzündung gewirkt hätten. Die Sätze lösten in mir aber überhaupt nichts aus. Ich fand sie belanglos, alberne Weisheiten. Für den einen tut sich ein Universum auf, für den anderen tut sich gar nichts. Dennoch interessant die Zugangsweise von Proust: ein unglaublich hoher Anspruch, ein 'geistiger Adel' schwingt in jeder seiner Zeilen. Lesen, so schreibt er sinngemäß, sei für ihn Impulsgebung von außen, die im Schweigen empfangen wird, und ihn aus einer geistig-trägen Grundhaltung wieder zurückführt in die Geistigkeit, das Bewusstsein seiner Würde als geistig-schaffendes, kreatives Wesen, immer wieder neu herstellen kann. Und er beschreibt den Vorgang des Lesens mit den herrlichen Worten als ein 'furchtbares Wunder einer Kommunikation im Herzen der Einsamkeit'...

10.02.2012 um 01:59 Uhr

Die Leichtigkeit des Seins

von: Alcide

Mit großem Vergnügen habe ich Kunderas 'Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins' zu Ende gelesen. Zwar kannte ich die meiner Meinung nach sehr gute Verfilmung mit Juliette Binoche und Daniel Day-Lewis schon, die Lektüre aber betont doch noch einen ganz anderen Aspekt dieser Leichtigkeit und macht den Titel des Buches überhaupt erst verständlich: bislang habe ich die 'Leichtigkeit' immer sehr positiv aufgefasst: die Dinge eben nicht so schwer nehmen, nicht alles zerdenken, sich nicht der Schwere und der dadurch einhergehenden Lähmung der Spontaneität aussetzen. Vordergründig, und das betont der Film sehr stark, ist es die Leichtigkeit von Tomas im Umgang mit seinen Frauengeschichten, die seiner Freundin Tereza, zu schaffen macht. Tereza nimmt das Leben schwer und leidet. Sie leidet unter der Treulosigkeit von Tomas. Sie leidet unter der Liebe, die sie für ihn empfindet und sie abhängig macht.

Der Roman will etwas ganz anderes vermitteln: Kundera beschreibt eine Kindheitserfahrung wie wir sie alle schon in der einen oder anderen Form erlebt haben: Im Religionsunterricht wird den Kindern ein Gottesbild vermittelt, das Gott als einen gütigen, bärtigen, älteren Herrn zeichnet, der bedächtig zwischen seinen Wolken thront. Als Kind fragte er sich, wenn Gott einen Mund hat, dann muss er ja wohl auch essen. Und wenn er essen muss, dann muss er früher oder später doch auch auf die Toilette gehen. Als Kind war er sich der Blasphemie dieser Gedanken durchaus bewusst. Und auch ich erinnere mich gut daran, wie wir als Kinder auf dem Pausenhof darüber debattierten, ob Jesus auch mal Pipi machen musste oder nicht. Das klingt im ersten Moment sehr banal und infantil, doch will Kundera zeigen, was passiert, wenn wir in unserem Denken, Dinge nicht zulassen dürfen oder abspalten müssen, weil sie sittliches Empfinden oder die guten Sitten vermeintlich verletzen. Wenn der Mensch nach dem Ebenbild Gottes erschaffen worden ist, hat dann nicht auch ein Gott dieselben niederen Verrichtungen zu erledigen wie wir Menschen auch? Er wählt hier also diesen theologischen Zugang nur, um letztlich einen kunstästhetischen Sachverhalt zu veranschaulichen. Diese Herangehensweise an Realität, die bewusst die schweren ungewünschten Aspekte des Kreatürlichen, des Menschlichen auszublenden gedenkt, nennt Kundera 'Kitsch'. Kitsch liefert letztlich nur ein Zerrbild der Wirklichkeit, weil es einem Prozess der mentalen Säuberung unterworfen wurde. Vor diesem Hintergrund ist die Leichtigkeit unerträglich. Eine Leichtigkeit, die die Dinge in ihrer Schwere nicht mehr vermitteln kann. Und eine Gesellschaft, die sich liebend gerne dem Kitsch ergibt, und das zensierte Angebot mit Wahrheit verwechselt.

10.02.2012 um 01:42 Uhr

Meine Freunde

von: Alcide

Ich sitze mit meinen beiden Freunden zusammen. Seit 10 Jahren teilen wir dieselben Interessen und lassen einander am Leben des anderen teilhaben. In vielen Dingen sind wir unterschiedlicher Ansicht. Da wir aber auf eine sehr respektvolle Art miteinander umzugehen wissen (fast immer), ertragen wir einander sehr gut. Jetzt, nachdem sie gegangen sind, sehe ich auch wie sie sich verändert haben im Laufe der Zeit. Auch ich habe mich stark verändert, bin mir aber gar nicht so sicher, ob sie es bemerken; wie wir ja zumeist nur die Anteile am anderen herausfiltern, für die wir eine Resonanz haben. Es gibt natürlich immer einen Bereich des Ungesagten, des Abgründigen, des Verworrenen. Ich versuche aus der Art ihrer Veränderung einen Rückschluss auf meinen Einfluss auf sie zu ziehn. Denn andersherum ist es definitiv so, dass sie auf mich Einfluss genommen haben. Jeder Mensch mit dem ich Umgang habe und den ich in irgendeiner Form schätze, hat schnell Einfluss auf mein Denken, auf mein Agieren. Nicht in dem Sinne, das ich leicht zu manipulieren wäre, nein, mehr im Sinne eines vorurteilsfreien Wahrnehmens von Optionen. Dort liegt auch meine Liebe für die Literatur begründet. Literatur bietet einem ganze Steinbrüche voll mit Charakteren und Biografien mit ihrer jeweiligen Sicht auf die Welt und den daraus sich ergebenden Handlungsoptionen. Wahrscheinlich betrachte ich die Außenwelt tatsächlich als einen virtuellen Raum, in dessen Zentrum ich stehe, und der Handlungsoptionen an mich heranträgt. Ich sehe sie, werte sie, verwerfe sie, und in seltenen Fällen, übernehme ich und verändere ich mich...

03.02.2012 um 21:22 Uhr

Die einfachsten Fragen der Welt

von: Alcide

"Und dennoch konnte ich in keiner Tätigkeit meines Lebens einen vernünftigen Sinn sehen. Und ich war überrascht, dass ich dies nicht von Anfang an durchschaut hatte. Ich fühlte mich, als ob sich jemand mit mir einen dummen Witz erlaubte. Man kann nur so lange leben, wie man berauscht, trunken vom Leben ist; sobald man nüchtern wird, kann man sich nicht mehr darüber täuschen, dass alles ein dummer Betrug ist. Die volle Wahrheit ist, dass es überhaupt nichts enthält, was wenigstens spaßig oder albern wäre; es ist schlicht und einfach grausam und dumm. [...]

Was wird das Ergebnis von dem sein, was ich heute tue, was ich morgen tun werde? Was wird das Ergebnis meines ganzen Lebens sein? Warum soll ich leben? Warum soll ich überhaupt irgendetwas tun? Gibt es irgendein Ziel im Leben, das der unvermeidliche Tod, der meiner wartet, nicht zunichte machte? [...] Dies sind die einfachsten Fragen von der Welt. [...] Wenn man sie nicht beantwortet hat, das muss ich jetzt erfahren, kann man unmöglich weiterleben."

(Leo Tolstoj)