Schatten sind viele

28.04.2012 um 22:31 Uhr

Verschwende dich

von: Alcide

Geschichte, schlummerloses Bergwerk, ewiges Sein,
verharrten wir nicht träge unter Massen von Stein,
bis endlich der Stollen der Zeit,
dem Ich sich naht, zu leben bereit.

... Und tanzend auf der Krume stillen Dauerns,
atmest du den Zauber der Erfüllung,
Verschwende dich, leere dich,
wandle in taumelnder Freude.

Denn bald schon senkt sich die Nacht,
in das Reich ew'ger Macht.
Es bleibt nur der Abglanz von Schatten,
bis er verlischt und die Glieder ermatten.

28.04.2012 um 21:34 Uhr

Sprache als Instrument der Manipulation

von: Alcide

Manchmal verliere ich das Vertrauen in Möglichkeiten von Sprache. Ist Sprache nicht vielleicht nur ein Instrument der Manipulation? Ein weiches Stück Ton in den Händen seines Schöpfers? Wie oft bemerke ich, dass ich Begriffe wie selbstverständlich verwende und merke dann eher zufällig, dass sie in den Ohren anderer völlig andere Bedeutung annehmen können. L. sprach heute von der Notwendigkeit sich ‚interkulturelle Kompetenz‘ anzueignen (er hat eine Vorliebe für solche Schlagworte, ich auch ein bisschen), und ich entgegnete, dass das in den Ohren von Migranten nach ‚Assimilation‘ oder  ‚Entwurzelung‘ klinge. Ein Sachverhalt, unterschiedliche Begrifflichkeiten, und schon entstehen vermeintliche antagonistische Hürden, wo vorher Einverständnis herrschte. Ein anderes Beispiel aus der Presse von letzter Woche: da wurde immer wieder vor den Gefahren einer ‚Renationalisierung‘ gewarnt. Brrr, wirklich ein abscheulicher Begriff. Wenn ich den Begriff allerdings durch den der ‚Autonomie‘ oder der ‚Entscheidungskompetenz‘ ersetze klingt er weit weniger abstoßend.

Sätze enthalten nicht nur Gesagtes, nicht nur Information, sie lassen eine Bühne erstehen vor unserem inneren Auge, auf dem ganze Stücke aufgeführt werden, mal sind sie in grelles Neonlicht getaucht, mal gehen sie nebelgleich in schwarzen Gewändern einher. Erst wenn wir den Begriffen ihre Ummantelungen rauben, stoßen wir zu den Spuren des Gemeinten vor.

27.04.2012 um 01:11 Uhr

Ausfahrt mit dem Rennrad

von: Alcide

Den ganzen April über bin ich sehr wenig Rennrad gefahren. War mir meistens einfach zu kalt. In den Bergen hat es sogar noch einmal runter bis auf 1200m geschneit. Heute machte ich meine 8. Ausfahrt in diesem Jahr und ich konnte endlich mit kurzer Hose und kurzen Ärmeln fahren. Hat lange gedauert. Will aber definitiv weniger machen als im letzten Jahr. Zweimal die Woche eine kleine Runde, nur so um fit zu bleiben, muss reichen: 

  
 
 
 
 
  

19.04.2012 um 09:25 Uhr

Stickluft der Konvention

von: Alcide

„Wie gebannt beuge ich mich über die latenten Möglichkeiten eines Wesens und bin traurig über jeden Keim, den die Stickluft der Konvention absterben lässt.“

(Aus: André Gide: Die Falschmünzer)

18.04.2012 um 14:30 Uhr

Risse im Selbstmodell

von: Alcide

Manchmal merkt man schon am späten Vormittag, dass heute nicht der Tag sein wird, der einem weiterhelfen wird bei dem Vorhaben, der zu sein, der man gerne sein möchte. Dabei hatte gerade erst das klägliche gestrige Scheitern scheinbar bewiesen, dass es dann ja wohl erst morgen losgehen wird mit der Erfüllung des lange schon anvisierten Zieles, der finalen Deckung des eigenen Seins mit dem Traum vom eigenen Sein.

03.04.2012 um 00:42 Uhr

Wer rettet mich vor dem Existieren?

von: Alcide

"Ach, wer rettet mich vor dem Existieren? Ich will nicht den Tod und auch nicht das Leben: Ich will das andere, das auf dem Grund meines Verlangens glitzert wie ein Diamant in einer Höhle zu der man nicht hinabsteigen kann. Es ist das ganze Gewicht und der ganze Kummer dieses wirklichen und unmöglichen Universums, dieses Himmels, Standarte eines unbekannten Heeres, dieser allmählich verblassenden Farben in der erdachten Luft, aus der starr und elektrisch weiß die imaginäre Sichel eines zunehmenden Mondes steigt, herausgeschnitten aus Ferne und Fühllosigkeit.

Dies alles zeigt die Abwesenheit eines wahren Gottes, eine Abwesenheit, die der leere Leichnam des hohen Himmels ist und der verschossenen Seele. Unendliche Gefangenschaft, und kein Entfliehen, da du unendlich bist!"

(Aus: Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe)

03.04.2012 um 00:29 Uhr

Falsches Erwachen

von: Alcide

Es gibt Nächte, um die fühlt man sich betrogen... Neulich schlief ich erst gegen 4Uhr morgens ein, musste aber schon um 7Uhr raus. Anstatt aber wenigstens 3h in angenehme Benommenheit zu verfallen, hat sich mein Unterbewusstsein einen ganz perfiden Traum für mich ersonnen: das Gemeine daran war, dass ich vermeinte aufgewacht zu sein; liege also im Dunkeln in meinem Bett und denke daran, dass ich ja nun wenig Schlaf bekommen werde, weil ich ja früh raus raus. Da plötzlich raschelt es hinter mir und auch die Bettdecke bewegt sich. Ich höre ein Stöhnen und bekomme Panik. Will mich umdrehen, aber mein Körper ist gelähmt. Ich verspüre einen leichten Druck auf meine Schulter (bin Bauchschläfer), der immer stärker wird und mich tief in meine Matratze drückt. Etwas flüstert mir ins Ohr: 'Ich werde dich töten' - ich versuche um mich zu schlagen und endlich gelingt es mir. Ich springe auf, schlage um mich, torkle richtig Balkon. Doch dort ist anstelle der Scheibe nur eine kahle Wand... bin total fertig... weiß jetzt, dass es nur ein Traum ist, aber will einfach nur raus... dann endlich Erwachen... es ist kurz vor 7Uhr...