Schatten sind viele

31.08.2012 um 21:55 Uhr

Deutungslos

von: Alcide

Ideale sind das poröse Gestein am Felsmassiv meiner Selbstwahrnehmung… jeder Niederschlag spült sie aus, und trägt sie fort… durch die Flüsse des Vergessens, hinaus ins goldene Meer versöhnender Deutungslosigkeit… zurück bleibt unbestimmbares Schweigen… die Stille eines Denkens ohne Gedanken...

30.08.2012 um 13:21 Uhr

Aufwühlend

von: Alcide

Vorgestern Abend bekam ich eine e-mail meines ehemaligen Chefs. Er bietet mir für nächstes Jahr einen Vertrag an: Mitarbeiterschulung und –betreuung. Habe das immer sehr gerne gemacht und ertappe mich schon wieder dabei wie ich mir die schönen Zeiten in diesem Job vergegenwärtige… Aber ich habe das vor nun fast zwei Jahren auch nicht ohne Grund hingeschmissen. Es gab Intrigen, Rangeleien, Mauscheleien, und ich musste irgendwann feststellen, dass die lieben Kollegen in erster Linie eben doch karrieresüchtige, geldgierige, korrumpierbare Abnicker und Wegseher sind… das hat mich regelrecht krank gemacht, so dass ich kaum mehr arbeitsfähig war und mein Hirn vor allem bei kopfzentrierter, anstrengender Tätigkeit zu machte, weil alles überlagert war durch die Wut und die Entrüstung über die entstandene Ungerechtigkeit… Vor einem halben Jahr traf ich zufällig einen ehemaligen Mitarbeiter, der davon sprach, dass nach mir alles irgendwie den Bach runtergegangen sei, kaum mehr auf Qualität geachtet wurde, sondern nur mehr auf fadenscheinige Außendarstellung… das hörte ich natürlich nicht ungern… aber ich kann diese tiefe Beleidigung, die mein Gerechtigkeitsempfinden erfahren hat nicht vergessen… Habe jetzt auch erst mal abgesagt mit dem offenen Hinweis, dass sich in der Mitarbeiterzusammensetzung ja nicht viel verändert hätte… daraufhin wurde mir zugesagt, dass ich mich um einen bestimmten Mitarbeiter nicht zu kümmern bräuchte, alle anderen hätten ja auch Probleme mit ihm… wie in einer Zeitkapsel: dasselbe Gespräch wie vor fast zwei Jahren… ich kann nicht in einer Arbeitsatmosphäre arbeiten, in der ich tagtäglich damit konfrontiert werde wie sehr ich einen Menschen verachten muss… und es ärgert mich einfach, dass diese Frechheit und diese Verhaltensweisen eines Soziopathen geduldet werden… es tut nach wie vor weh… wurde jetzt eingeladen auf eine Tagung, die sie veranstalten, aber alleine schon die Vorstellung diesen Menschen, von denen mir mein Chef versicherte wie sehr sie mich schätzen würden (pahh!), wieder unter die Augen treten zu müssen, verursacht mir Übelkeit... und so kann es wohl nichts werden...

28.08.2012 um 13:30 Uhr

Der beste Freund des Menschen

von: Alcide

Auf dem Weg zu meinen Einkäufen begegne ich immer wieder mal einer Frau mittleren Alters, die ihre kleine Bulldogge ausführt. Dieser Hund ist mir, ich gebe es offen zu und bitte es zu verzeihen, abgrundtief unsympathisch, was übrigens auf Gegenseitigkeit beruht… der Hund ist dick, schwerfällig, die Zunge hängt ihm aus dem Maul, er hat offenkundig schlechte Laune, immer,  und vor allem macht er Geräusche: es Röcheln zu nennen wäre untertrieben, es klingt mehr wie der dumpfe Todeskampf eines rachitischen Sumoringers… Sobald mich dieser fleischgewordene Evolutionsunfall bemerkt, erhöht sich der Taktschlag seines agonistischen Röchelns um eine Oktave und er zeigt doch tatsächlich Bestrebungen nach mir zu schnappen, aber belässt es dann doch meistens bei angewidertem Vor-Sich-Hinschnauben, um seine Verachtung auszudrücken…

28.08.2012 um 13:02 Uhr

Zurückfinden

von: Alcide

Scheitern ist kein gänzliches Verfehlen des Seins. Nicht das Wesen ist völlig falsch. Es kommt nur zu einer vorübergehenden Disharmonie. Mehr ist es ein Verschobensein, ein Herausgefallensein aus der natürlichen Ordnung, ein Aus-der –Fassung-Geratensein… man ist noch ganz, aber eben neben den Dingen, in die man nicht mehr zurückfindet… wie ein Kieselstein im Schuh, so verkrümmt sich das ganze Wesen, um einem Schmerz auszuweichen, um den Anschein von Gehen und Vorwärtskommen aufrecht zu erhalten, doch irgendwann zwingt einen die Müdigkeit und die Ermattung, sich mit dem Offensichtlichen zu konfrontieren… Seligkeit und Unglück sind sich so nahe, es bedarf manchmal nur eines Rucks, eines Blickes oder eines Beweises der Güte, um das Gefühl zu verlieren ein Schatten zu sein…

25.08.2012 um 07:15 Uhr

I hate you, but i love you

von: Alcide

22.08.2012 um 10:05 Uhr

Das können wir so viel besser

von: Alcide

Der Teufel, so meint Leonardo Sciascia in seinem ‚Il cavaliere e la morte‘  hat sich schon vor langer Zeit gelangweilt von der Welt abgewandt, nachdem er gemerkt hat, dass die Menschen seine Arbeit so viel besser machen, als er selbst es je könnte…

17.08.2012 um 20:57 Uhr

Stillstand

von: Alcide

„Die Welt ist mir abhanden gekommen. Und auf dem Grund meiner Seele liegt – als einzige Wirklichkeit dieses Augenblicks – ein tiefer, unsichtbarer Kummer, traurig wie ein Weinen in einem dunklen Zimmer.“

(Aus: Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe)

10.08.2012 um 23:56 Uhr

Illusionsartistik

von: Alcide

Ich sehe sie mir an die glücklichen, unbekümmerten Menschen, auch die Erfolgreichen, diejenigen, die zielstrebig auf etwas hinarbeiten, Bewerbungen schreiben, Praktika hier und dort, sich immer wieder neu andocken an das Gebrauchtwerden, mitspielen voller Eifer, sich in Erinnerung rufen... noch brennt der Akku ihrer inneren Erwartung an das Leben, noch sehen sie sich auf dem Weg in Richtung Erfüllung; Leistung und konsequente Arbeit gelten als Garant... ich bewundere ihre Anläufe, die sie als Bewährung empfinden, nicht als Demütigung… ich bewundere ihre Natürlichkeit, die sie an den Tag legen, wo doch die Welt in der sie sich bewegen so voller Künstlichkeit, so voller genormter Bedürfnisse ist… ich bewundere ihre Anpassungsfähigkeit an diese sterile, klinisch-kalte Welt: nimm‘ ihnen den Sauerstoff und sie werden glücklich sein, auch ohne zu atmen… wie können sie leben ohne zu atmen, sie können es… vielleicht aber zeigen sich schon erste Risse, vage Zeichen der Unzufriedenheit… ich sehe sie und frage mich, ob sie nicht auch nur auf dem Weg sind zu diesem Punkt, an dem wie Ingeborg Bachmann einmal so schön schrieb, sie ‚in keinem Weg mehr einen Weg sehen können‘…

10.08.2012 um 23:33 Uhr

Fahrscheine bitte!

von: Alcide

In den letzten Monaten tauchte häufig das Motiv des Schwarzfahrens in meinen Träumen auf. Ich kenne das Symbol von früher, da war der Traum meistens angstbesetzt: ich war von Panik erfüllt wenn in der U-Bahn der Ruf erscholl: ‚Fahrscheine bitte!‘ oder ich die typischen Paare mit den Umhängetaschen einsteigen sah. Meist hatte ich keinen Fahrschein oder wusste nicht mehr wo ich ihn hingesteckt hatte… Ein typischer Angstraum… Nun hat sich das Bild verändert: zwar habe ich immer noch keinen Fahrschein, aber es ist mir mehr oder weniger egal… Neulich habe ich sogar laut losgelacht vor den anderen Fahrgästen und mit den Geldscheinen dem Kontrolleur zugewinkt, dann zahl' ich eben eine Strafe, was solls… Vordergründig wahrscheinlich positiv zu deuten, immerhin weniger Angst, aber vielleicht versteckt sich dahinter auch das Offenbarwerden eines Mangels... der Verlust an Anpassungspotential…

10.08.2012 um 20:32 Uhr

Missverständnis

von: Alcide

Das Leben war immer dann schön, wenn ich gefallen bin, tief hinein ins Leben gefallen bin, wenn etwas passiert ist, das mich vergessen ließ, dass ich ein Fremdkörper bin in dieser Welt. Seltsam, wie stark diese Vorstellung manchmal von mir Besitz ergreift, dass ich hier eigentlich nicht hingehöre, dass da irgendwo in der kosmischen Ordnung ein (zumindest für mich) verhängnisvoller Irrtum passiert sein muss.

10.08.2012 um 20:28 Uhr

Weltinsel

von: Alcide

Häufig denke ich an diese Insel-Metapher, die ich vor Jahren bei Carl du Prel gelesen habe: Es sei, als ob der Mensch mitten in der Nacht im Schlaf entführt, seines Gedächtnisses beraubt und auf einer einsamen Insel irgendwo im Meer ausgesetzt worden sei. Der Mensch weiß nicht wer er ist, noch was er dort soll, ja noch nicht mal ob es andere Inseln in diesem weiten, unüberschaubaren Meer gibt. Und da jede Aktion eine Ursache haben muss, so hängen wir uns (nachvollziehbarerweise) an die Idee, dass unser Hiersein auf dieser Insel eine Ursache haben muss und sind dankbar für metaphysische Erklärungen, die so ganz nebenbei unserer Eitelkeit nicht wenig schmeicheln…

06.08.2012 um 19:00 Uhr

In ein altes Stammbuch

von: Alcide

"Immer wieder kehrst du, Melancholie,
O Sanftmut der einsamen Seele.
Zu Ende glüht ein goldener Tag.

Demutsvoll beugt sich dem Schmerz der Geduldige
Tönend von Wohllaut und weichem Wahnsinn.
Siehe! es dämmert schon.

Wieder kehrt die Nacht und klagt ein Sterbliches,
Und es leidet ein anderes mit.

Schaudernd unter herbstlichen Sternen
Neigt sich jährlich tiefer das Haupt."

(Georg Trakl: In ein altes Stammbuch)

05.08.2012 um 20:25 Uhr

Ode auf meine Zahnschmerzen

von: Alcide

Du nistet sacht im Backenzahn,
und treibst dein Spiel, welch‘ Höllenqual,
ein kleines Löchlein, staubkornklein,
das kann doch nicht so schmerzvoll sein.

Komm Zahnarzt du, du weiser Mann,
errett‘ mich aus dem Höllental.
reiß raus die Plombe, weg die Hauer,
denn langsam werd‘ ich wirklich sauer.

Es pfeift das Ohr, es trieft das Auge,
noch mehr und ich trink‘ Seifenlauge…

04.08.2012 um 21:16 Uhr

In die Mulde meiner Stummheit

von: Alcide

„In die Mulde meiner Stummheit
leg ein Wort
und zieh Wälder groß zu beiden Seiten,
dass mein Mund
ganz im Schatten liegt.“

(Ingeborg Bachmann: Psalm,4. Aus: Die gestundete Zeit)

02.08.2012 um 07:14 Uhr

Kongruenz

von: Alcide

Tun und dieses Tun gutheißen… In diesem Tun sein, und nichts anderes wollen… Leben in Kongruenz mit sich… für die meisten ein selbstverständlicher Seinszustand, der natürliche Seelenzustand… für mich bisweilen so unerreichbar fern…