Schatten sind viele

29.06.2013 um 00:15 Uhr

Edward Sharpe & The Magnetic Zeros

von: Alcide

23.06.2013 um 23:49 Uhr

Superhelden

von: Alcide

Ich war bislang eigentlich kein großer Freund des Genres Superhelden-Film. Irgendwie scheinen aber in den letzten Jahren immer mehr dieser Filme auf den Markt zu kommen, seien es Spiderman, Batman, Superman in ihrem sich mir nicht gänzlich erschließenden Gestrüpp aus Fortsetzungen Prequels oder Sequels. Dazu kommen die Comic- und Animationsverfilmungen mit humoristischem Einschlag… Auch gestern zappte ich mich noch so durch das Spätprogramm als ich bei einer neuen amerikanischen TV-Serie hängenblieb; sie hieß glaube ich ‚No ordinary family‘ und handelte von einer vierköpfigen Familie mit Superkräften… Habe leider die ersten Folgen verpasst und weiß daher nicht, warum sie diese Kräfte auf einmal besitzen, aber offensichtlich scheinen sich alle Beteiligten schnell daran gewöhnt zu haben, dass die Gesetze der Physik für sie nur mehr eingeschränkt Gültigkeit besitzen. Langsam finde ich Gefallen an diesen Superhelden-Erzählungen. Erinnerte mich auch ein bisschen an ‚Heroes‘.

Wahrscheinlich ist der Erfolg des Genres kein Zufall: Heute werden die wirkenden Kräfte von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft als undurchschaubar und kaum veränderbar wahrgenommen… Daraus entsteht die Sehnsucht nach Individuen, die dieser Starre noch etwas entgegenzusetzen haben…  Entwickelt der Schwache Superkräfte und behält er seine moralische Integrität, kann er als Akteur im Geschehen wieder ernst genommen werden. Es ist wahrscheinlich wirkungsvoller dem bösen Großkonzernmagnaten mit Hang zu Tötungsdelikten, einen Batman auf die Fersen zu heften, als zuzusehen wie Unterschriftsaktionen im Sande verlaufen oder seine Armada von Anwaltskanzleien ein paar mögliche Klagen aussitzen… Erst der Superheld konfrontiert die Bösewichter schonungslos mit ihrer eigenen Machtlosigkeit, die sie in ihrer Allmacht heute nicht mehr spüren können… Das verschafft dem Zuseher Erleichterung und tröstet das eigene Gerechtigkeitsempfinden… Denn weitgehender Standard ist nun ja doch die Superkraftlosigkeit, damit die Machtlosigkeit… Aber es braucht eben die Superkraft. Im ‚Herrn der Ringe‘ etwa sind es noch ganz ‚gewöhnliche‘ Hobbits, die den Kampf mit dem Bösen aufnehmen und über sich hinauswachsen, ja schließlich den Sieg davontragen. Das war noch sehr optimistisch gedacht von Herrn Tolkien. Heutzutage braucht es Superkräfte für Veränderungen, und sei es, dass sie durch einen bebrillten Jungzauberer wirksam werden. Das einzelne Individuum rückt dabei in den Hintergrund.

Die Kehrseite ist aber auch, dass die Filme den Menschen vermitteln, dass sie ohne Superkräfte ohnehin überhaupt keine Chance mehr haben. Die Superkraft erscheint geradezu als Eingangsvoraussetzung für gesellschaftliche Veränderung… also wenn man nicht von einer radioaktiven Spinne gebissen worden ist, oder als Kind in ein Fass mit Zaubertrank geplumpst ist, dann sollte man sich die Auseinandersetzung mit dem ‚Imperium‘ besser ersparen, so die Botschaft...

Das Aufkommen des Superhelden ist eine Reaktion auf die gefühlte Machtlosigkeit des Individuums. Vermutlich hatte jedes Zeitalter ihre Sprach- und Ausdrucksformen, durch die sie mit den Widrigkeiten des Lebens zumindest für Momente eine versöhnende Katharsis durchleben konnten… Es gab die antike Götterwelt mit ihren Göttern, durchaus zwielichtigen Gestalten darunter, und ihren Halbgöttern… Vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit, als das Vertrauen in ein Eingreifen göttlicher Kräfte im Volksglauben noch weit verankert war, da brauchte es keine Superhelden, denn es gab die Heiligen, die bei gefühlter Ohnmacht anzurufen waren. Zudem eröffnete das Gebet die Möglichkeit direkter Ansprache an Gott, die oberste Instanz im Weltgefüge. Es bestand zumindest eine Verbindung und die Ohnmacht war weniger schmerzend…

18.06.2013 um 21:09 Uhr

Sommerabende

von: Alcide

Das erste Wärmegewitter des Jahres braut sich zusammen… ich öffne die Türen und Fenster in Erwartung kühlender Luft… die letzten Nächte fiel das Einschlafen schwer, in dieser stehenden Wärme… und dennoch gefallen mir diese Tage…  In Martin Walsers ‚Ehen in Philippsburg‘, den ich neulich eher zufällig wieder durchblätterte, beschreibt die Hauptfigur Beumann sehr heißes Wetter als etwas Katastrophisches, das die Menschen auch irgendwie verbindet: „Er war allmählich in der Lage, seine Erschöpfung zu genießen. Er spürte, dass so ein heißer Tag viele Schranken wegschmilzt. Es ist wie bei einer Katastrophe, dachte Beumann. Die Leute kommen sich näher, weil sie alle unter dem gleichen Geschehen leiden.“

Bei mir hängt die Freude am heißen Wetter auch damit zusammen, dass es noch Juni ist… und Aussicht auf noch ganz viel Sommer… wohingegen Sommertage im August auf mich bisweilen wirken wie ein Sonntag, mit dem man nichts anzufangen weiß, weil auf ihm schon das Unheilvolle der nächsten Woche lastet…

So… im Kühlschrank harrt noch Reissalat seinem Gegessenwerden entgegen…

15.06.2013 um 13:31 Uhr

Hölderlin: Archipelagus II

von: Alcide

Griechenland war für Hölderlin mehr als nur ein kulturell-historischer Bezugsrahmen, wie er es etwa für Lessing, Schiller oder Klopstock gewesen war. Hölderlin fühlte das Hellenentum gleichsam sinnlich in sich. Die Natur, die Landschaft ist ihm zugleich Ausdruck des elementaren Lebens. Hier ist Hölderlin ganz Dichter, und weniger Christ. Ist dem Christentum die Natur doch in erster Linie deshalb von Wert, weil sie von Gott erschaffen wurde. Ansonsten ist das Verhältnis des Christentums zur Natur ambivalent: Denn sie ist auch Abfall von der Schöpfung und in Gottferne (Decay-Argument). Der Grieche hingegen erkennt in der Natur das Göttliche selbst. Das Leben selbst ist göttlich, vor allem auch der Leib. Stefan George sollte es sehr viel später auf die Formel bringen: „den Leib vergotten und den Gott verleiben.“ Darin sah Hölderlin seine Aufgabe als Dichter. Er musste dieser sinnlich-elementaren Vision eines vergangenen (aber wiederkehrenden) Griechentums Ausdruck verleihen.

Daraus erwächst auch eine Bedrohung: Wenn die Innenwelt so sehr angefüllt ist mit einer Vorstellung von einer idealen Seinsweise, dann muss zwangsläufig alles um ihn herum dürftig und kalt erscheinen. So ist der psychische Einbruch vorprogrammiert… Die verurteilenden Worte über die Deutschen im „Hyperion“ rühren aus dieser Geisteshaltung. Hölderlins tiefe Melancholie ergibt sich aus dieser beständigen Diskrepanz zwischen Idealität und Realität. So endet auch das Gedicht eher melancholisch-elegisch:

„[…]
Töne mir in die Seele noch oft, daß über den Wassern
Furchtlosrege der Geist, dem Schwimmer gleich, in der Starken
Frischem Glücke sich üb‘, und die Göttersprache, das Wechseln
Und das Werden versteh‘, und wenn die reißende Zeit mir
Zu gewaltig das Haupt ergreift und die Not und das Irrsal
Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben erschüttert,
Laß der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken.“

15.06.2013 um 12:55 Uhr

Blickwinkel

von: Alcide

„Und was tat er? Er trieb auf einer Eisscholle ins unergründliche Meer, das kalt und rätselhaft rundum aufschwappte. Die Mädchen aber machten Gesichter, als sei die ganze Welt ein süßes Speiseeis.“

(Aus: Martin Walser: Ehen in Philippsburg)

14.06.2013 um 09:15 Uhr

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben

von: Alcide

Schon vor einiger Zeit beendete ich Sibylle Bergs neuen Roman„Vielen Dank für das Leben“ (2012). Ich habe Sibylle Berg früher sehr gerne gelesen. Diese Mischung aus schwärzestem Pessimismus und Humor fand ich immer sehr gelungen… Vor einigen Jahren habe ich dann aber bewusst ihre neuesten Bücher nicht mehr gelesen. Sprich: alles, was sie nach „Der Fahrt“ geschrieben hat (ein sehr gutes Buch übrigens!)… Wahrscheinlich fühlte ich mich persönlich nicht stabil genug… Denn die Gefahr bei der Lektüre ihrer Bücher besteht durchaus, dass man danach ungeschützt in die Depression abgleitet… Durch Zufall (Jari-Gewinnspiel!) aber kam ich nun an dieses Buch und nahm es in mich auf.

Held des Buchs ist Toto. Er/Sie kommt ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale in der DDR von 1966 auf die Welt. Die ersten Jahre seines Lebens sind ein Alptraum: die Mutter, Alkoholikerin, stirbt früh. Es folgen Jahre im Erziehungsheim: dort erfährt er Demütigungen und psychische Verletzungen. Nur selten sind Momente des Glücks, die dann für den Rest des Lebens bewahrt bleiben, so etwa das Ankuscheln von Kasimir im Schlafsaal. Von der Heimleiterin  wird er in eine Pflegefamilie abgeschoben, wo er von morgens bis abends arbeiten muss. Die Beschreibung der Lebensumstände in der DDR ist eine niederschmetternde Schilderung kaputter, kranker Menschen. Ohne Perspektive. Leere. Alkohol und Sexualität. Durch Zufall kommt Toto in den Westen. Auch hier schlägt er sich mehr schlecht als recht durch. Die Hohlheit der Konsumwelt, Armut und Obdachlosigkeit werden hier thematisiert... Gegen Ende des Romans trifft Toto Kasimir wieder. Kasimir ist eine Gegenfigur zu Toto. Er hat Freude an der Zerstörung, dem Zugrunderichten von Menschen und aus diesem Bestreben verfolgte er schon lange das Leben Totos aus der Entfernung. Psychologisch interessant diese Figur, wenn auch erschreckend in seiner Bösartigkeit. Kasimirs Bestreben geht dahin das Gute in Toto zu vernichten… deshalb schlägt er ihn, demütigt ihn… Das Buch endet, wie nicht anders zu erwarten, tragisch…

Fazit: Toto wird vorgeführt als eine herzensgute Figur, die letztlich überall zwangsläufig scheitern muss. Er hat die Sympathie der Leser auf seiner Seite. Ist die Welt nicht ohnehin schlimm genug, warum also müssen sich die Menschen auch noch gegenseitig kaputt machen? „Ich möchte das nicht sehen, dies Elend, es gibt doch ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben. Ein großartiger, komplett idiotischer Satz. Es gibt kein Recht auf nichts in der real existierenden Evolution.“ Das Buch hat durchaus Ähnlichkeiten mit dem kürzlich besprochenen Houellebecq: auch hier greift die Erzählung zeitlich in die nächsten 10-20 Jahre voraus. Die nachindustrielle Zeit des Westens wird beschrieben. Heruntergewirtschaftete Städte. Jetzt sind es die Asiaten, die unsere Slums besuchen und fotografieren…

Es war nicht immer vergnüglich zu lesen. Die Darstellung von Elend und Schlechtigkeit zieht runter. Es ist schwer sich dem zu entziehen. Aber sprachlich souverän umgesetzt, mit vielen kurzen, aphoristischen Sprachbildern. Auch mitunter rührende melancholische Passagen: „Ein altes französisches Chanson aus dem Radio, Schmermut umhüllte die Frau und den Mann, sie saßen da, an Rollstühle gefesselte Passagiere im Tanzsaal eines untergehenden Schiffes.“

11.06.2013 um 16:07 Uhr

Hölderlin: Archipelagus I

von: Alcide

Ich begann Hölderlins langes Gedicht ‚Archipelagus‘. Schon die Form ist einzigartig, weil es nämlich das einzige Gedicht Hölderlins in Hexametern ist. Es entstand im Jahr 1800. Wohl im Frühling. Denn das Gedicht preist an vielen Stellen das Erwachen in der Natur…

„[…] denn immer im Frühling,
Wenn den Lebenden sich das Herz erneut und die erste
Liebe den Menschen erwacht und goldner Zeiten Erinnerung,
Komm ich zu dir und grüß in deiner Stille dich, […]“

Das Gedicht gibt vor allem Zeugnis von Hölderlins sentimentalischer Griechenlandliebe. Griechenland war für Hölderlin mehr als nur das Symbol für eine ästhetische und religiöse Erneuerung des Menschen. Griechenland war für ihn eine konkrete Idee, die er gerade in Deutschland (Germanien) verwirklicht sehen wollte. (Wohingegen heute ja viele den Griechen eine spezifische Art des Deutschtums angedeihen lassen möchten).

Neben gewaltigen Naturschilderungen (‚die gewittertrunkenen Wälder [r]auschen‘) überwiegt die Beschreibung der geschichtlichen Größe und Glorie des Landes. Es wird aufgefasst als Hort des Geistes gegen die Barbarei. Der Krieg gegen die Perser, die verlorene Schlacht bei Salamis 480 v. Chr., der Fall Athens, werden zugleich beklagt und heroisch besungen.

03.06.2013 um 19:33 Uhr

Sich selbst entwerfen

von: Alcide

So viele Möglichkeiten… auf dieser Bühne… ohne Handlung, ohne Text… keine Regieanweisungen, die uns sagen, wie wir unserem Wesen gemäß handeln… erst im Rückblick banges Erkennen… dass vermeintliche Pfade zur Wahrheit nur Sackgassen waren… wir füllen es nie ganz aus, die Summe der Möglichkeiten, die wir haben…  immer ist es Beschränkung… Quantität oder Qualität… Perfektion in einem Sektor, ist Scheitern und Aufgabe in einem anderen… das Thema leben, dass zu leben ansteht… dass nichts zurückbliebe… nicht diese Trauer um das Nichtgelebte…