Schatten sind viele

18.11.2013 um 22:11 Uhr

Wahrheit und Ausdruck

von: Alcide

Ist Empfindung angemessen mitteilbar? Wie oft bleibt etwas ungesagt, weil sich die Wahrheit der Empfindung hartnäckig weigert sich der Pose des Ausdrucks zu bemächtigen?

Im  Inneren ist Wahrheit, auch wenn sie bisweilen ungewusst und unbewusst bleibt. Auf dem langen Weg in das Außen, über den Ausdruck, die Sprache, die Mimik, geht die Wahrheit der Empfindung über in ein Anderes. Es mischt sich Fremdes ein, vielleicht ein (arrogantes) Lächeln, ein Brechen der Stimme, fahrige Nervosität, Kopfschmerz. Die Scheu vor dem Sich-Ausdrücken liegt hier begründet. Wie schön sind hingegen Phasen, in denen Wahrheit und Ausdruck eine Symbiose bilden: alles was gesagt werden will, kann dann gesagt werden. Vollkommene Natürlichkeit. Doch sie bleibt nie dauerhaft. Wird überlagert: als bestünde mein Wesen aus inneren geometrischen Figuren, die sich zumeist ineinander verhaken, schmerzen und Ausdruck verzerren, doch zuweilen auch in magischer Deckungsgleichheit übereinander liegen… Sternstunden der Seele…

15.11.2013 um 16:32 Uhr

Rausch

von: Alcide

"Die Aufgabe des Rausches ist es, den Kopf niederzukonkurrieren.“

(Aus: Roger Willemsen: Momentum)

11.11.2013 um 16:30 Uhr

Vorsatz: Disziplin

von: Alcide

Heute ist mal wieder einer dieser Disziplin-Montage: ein Wochenanfang, der im Hochgefühl guter Vorsätze beginnt, und (sehen wir der traurigen Wahrheit ins Auge) in der Regel an Dienstagnachmittagen in Kopfschmerz und Frustration endet…

Theoretisch weiß ich es ja, dass ich mich nur glücklich fühlen kann, wenn ich diszipliniert, konzentriert, gesammelt, emsig und fleißig bin. Das heißt vor allem auch, dass ich anfallende Dinge erledigen muss (auf die Gespenster zugehen muss), und nicht immer nur auf die geeignete Zeit dafür warten darf… Ich habe es beim Lernen für die Abschlussprüfung gemerkt: es hat nichts gebracht nur dann zu lernen, wenn Körper und Kopf dafür bereit waren… Das war zu wenig... Und dieses Wenige sorgt dafür, dass ich mich wie gehetzt fühle, weil ich ja weiß, dass ich es dann zeitlich nicht mehr rechtzeitig schaffe... Gleichzeitig will ich jetzt aber auch die Ernährung umstellen: weg von diesem ständigen Verlangen nach Aufputschendem, nach Süßem, Kaffee oder Energydrinks, die den Zweck der ‚mentalen Vertunnelung‘ eben auch nur für ein paar Stunden erfüllen, um mich dann aber doch wieder auszuspucken in ein Meer aus Kraftlosigkeit und Erschöpfung…

11.11.2013 um 16:06 Uhr

Sollen und Wollen

von: Alcide

„[I]ch vervollkommne mich selbst, wenn ich mir das, was ich soll, zum Gesetz dessen mache, was ich will.“

(Johann Heinrich Pestalozzi)

08.11.2013 um 18:13 Uhr

Nebel und Klarheit

von: Alcide

Komme soeben von einem Dauerlauf durch die herbstliche Landschaft zurück. Es war dringend notwendig sich den Kopf freizulaufen. Und es hat gut getan. Ich wünschte mir gerade noch mehr Herbst, so richtig mit Nebel, der die Töne schluckt und die Welt in den Zauber des Diffusen hüllt…

Houellebecq schrieb in seinem Aufsatz „Die schöpferische Absurdität“, dass bestimmte Wahrnehmungsweisen der Welt an sich schon poetisch sind: „Alles, was dazu beiträgt, Grenzen aufzulösen, aus der Welt ein homogenes und undifferenziertes Ganzes zu machen, ist von poetischer Kraft durchdrungen (so verhält es sich mit Nebel oder der Dämmerung).“ Bestimmte Dinge machen „einzig durch ihre Präsenz die Begrenzung des Raumes und der Zeit rissig“ und erlauben so einen anderen Blick auf die Welt der Dinge…

Ich erinnerte mich wieder an diese Zeilen, als ich heute in den späten Gedichten Hölderlins weiterlas und in der Fußnote eine Bemerkung Bettina von Arnims fand. Die tiefe Berührung, die ihr bestimmte Verse bereiten, rühre von „einer Wahrheit des Gefühls, einer Wahrheit der Poesie her, die den Nebel des Intellekts durchstößt wie die Sonne den Herbstnebel“.

Interessanterweise verwendet auch von Arnim das Bild vom Nebel, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen. Bei Houellebecq resultiert Poesie aus dem Sachverhalt des Verlustes an Klarheit, bei von Arnim schafft die Poesie eine andere Art von Klarheit. Klarheit des Gefühls. Einmal ist die Poesie es, die als diffus beschrieben und als solche gewürdigt wird, ein andermal ist es das Anti-Poetische, der Intellekt, der gegenüber der „Wahrheit des Gefühls“ als nebelhaft beschrieben wird.