Erbsensündensuppe

29.08.2017 um 17:01 Uhr

un-verdaubar

Du hast mich gefragt, was ich nicht verdauen kann. Wir sprachen metaphorisch, und doch auch nicht. Wir beide, die da mit ihren chronischen Unterleibsschmerzen sitzen, bei beiden der Darm geschädigt. Krämpfe, wenn er versucht zu arbeiten. Ruhe, wenn der Darm leer ist und nichts mehr verdaut werden muss.
"Sie hat mich gefragt: 'Was ist es, was Sie nicht verdauen können? Was ist es, was sie nicht rauslassen können?' Es gibt ja ein Wechselspiel zwischen Körper und Psyche und in dem Moment dachte ich dann: 'Ich weiß, was ich nicht verdauen kann, aber das geht dich nichts an!'"
Ich lache und nicke. "Ich hätte ihr etwas Ähnliches geantwortet. Ich weiß genau, was ich nicht verdauen kann, aber das würde ich einem Fremden nicht erzählen."
Wir zogen an unseren Dampfen und ich habe deinen Blick bemerkt, während ich so tat, als wäre ich mit den Gedanken weit weg und würde dich gar nicht mehr bemerken.

Weißt du, das schätze ich so an dir. Deinen bedingungslosen Respekt. Keine Floskeln, kein "du kannst mir alles erzählen", nichts. Wenn ich von mir aus etwas sage, dann hörst du zu. Wenn du etwas genauer wissen möchtest oder nicht verstehst, dann frägst du nach. Aber da ist kein Pathos, kein Heititei, kein AchDuArme. Du respektierst mich und gehst bedingungslos davon aus, dass ich frei bin darüber zu sprechen, worüber ich sprechen möchte - oder eben auch nicht. Und dann schweigst du auch einfach, hältst das Schweigen aus und respektierst diese Grenze ohne sie auch nur anzuzweifeln.
Dafür schätze ich dich so sehr. Und vermutlich darum würde ich dir am liebsten alles erzählen. Weil ich weiß, dass du integer bist, nicht verurteilst, nicht interpretierst und dir kein Bild machst, keine  Schublade aufziehst und schlicht und ergreifend meine Grenzen respektierst. Nein, mehr. Immer mehr. Nichtmal in Frage stellst, dass ich Grenzen habe und dass du nicht mal auf den Gedanken kommst, sie vielleicht austesten zu wollen.

Du brauchst all das nicht mehr. Dass du Menschen kategorisierst, dir ein Bild von ihnen machst, sie interpretierst. Du tust es natürlich, aber du b r a u c h s t es nicht.
Es gibt Menschen, die tun dies mit einer Gewissen "Erhabenheit", einer "Arroganz", einer Grundstimmung von "Ich habe schon lange durchschaut, wer du bist, und mit gönnerhaftem Lächeln addiere ich weitere Informationen zu meinem Bild von dir." Ich bin wohl eine dieser Menschen, darum kenne ich diese Teufel so gut.
Und dann gibt es dich, die einfach wahrnimmt. Du hast vielleicht ein Bild, aber es ist wie ein Schmetterling. Fragil, zerbrechlich, wie der Rauch im Wind, den wir ausgeatmet haben. Und wenn du dir dieses Bild ansiehst, dann scheint es stets so, als würdest du einen Schmetterling auf der Hand halten, weil du um seine Zerbrechlichkeit, um seine Leichtigkeit weißt.
Du weißt, innere Bilder, die wir von Anderen haben, sind keine Steine, Tatsachen, Wahrheiten. Es sind nicht mehr als Schmetterlinge - wenn überhaupt so viel.


Ich würde dir das Unverdauliche so gerne erzählen. Würde es am Liebsten auskotzen, vor dir weinen, und während dessen meine Würde und meine Autonomie behalten, weil du die Kunst besitzt, sie mir zu lassen. Ich weiß, du würdest keine Ratschläge geben, nicht in meinem Leiden mitleiden und darin untergehen. Du wärst empathisch, da, mit einfachen Anregungen - aber ohne meine Grenzen zu übertrampeln. Du bliebest bei dir.


Und darum dreht sich das Unverdaubare - schien es bereits durch?
Meine Grenzen. Meine. Grenzen. G. R. E. N. Z. E. N.

Ich bin es leid, auf außergewöhnliche Menschen wie dich angewiesen zu sein - dass sie erst gar nicht angerührt werden - und dass ich es nicht aus eigener Kraft heraus schaffe, sie wie eine Löwin zu verteidigen. Ich schaffe es nicht, meine Niederlagen zu verdauen.

12.08.2017 um 12:59 Uhr

Das Gute im Schlechten

Es ist nie nur gut oder nur schlecht. Es ist eine zeitgemäße Illusion, dass nur Glücklichsein erstrebenswert wäre. Aber es ist nicht mehr als das: eine Illusion.

Würde ich nur das Gute wollen und das Schlechte wegschließen - was wäre ich dann? Ich bin nicht perfekt, ich mache Fehler, bin häufig ziemlich doof und dumm, arrogant und egozentrisch. Wie sollte ich das ausblenden? Warum sollte ich? Warum sollte ich jedes vermeintlich negative Gefühl, jede schlechte Erinnerung begraben wollen? Jedes Mal, wenn ich das tue, fühlt es sich so an, als würde ich ein Stück meiner selbst von mir losreißen und lebendig begraben. Als dürfte ein Mensch nur bestimmte Gefühle haben, bestimmte Empfindungen, weil ein gutes Leben nur jenes Leben ist, in dem möglichst viele positive Momente erlebt werden?
Das ist kein positives, erfüllendes Leben für mich. Es geht mir gut, wenn ich ehrlich auf mein Innenleben zugehe und bewusst Entscheidungen treffe, wie ich mit etwas umgehen möchte. Darum geht es letztlich: Bewusst Entscheidungen treffen. Und das geht nicht, wenn ich von vornherein auswähle, was sein darf und was nicht. Dann werde ich blind und die verschlossenen Gedanken und Gefühle brechen sich in Albträumen bahn, oder entladen sich auf ungerechte Weise in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Leben ist nicht nur schwarz oder weiß. Es ist nicht nur das Gute erstrebenswert, weil auch Schlechtes schlicht und ergreifend geschieht. Und das ist OK. Beides verdient gleichermaßen Aufmerksamkeit und Zuwendung. Es macht mich lebendig, es macht mich menschlich, es macht mich "ganz" - das Gute und das Schlechte. Jedes Gefühl gehört dazu und manchmal bin ich gerne traurig, bin ich gerne still. Denn erst wenn ich alles bin, alles wahrnehme und alles annehme, fühle und erlebe, bin ich lebendig. Dann bin ich "eins". Dann bin ich gelassen und auf eine paradoxe Weise glücklich und traurig zugleich. Weil beides OK ist und seine Berechtigung hat.


Ich sitze entspannt hier. Bin heute wieder ein wenig melancholisch, aber kein Drama. Meine Seele entspannt sich vom "Glücklichsein", nimmt sich eine Auszeit davon, gute Laune zu verbreiten. Und Himmel, das tut gut. Ganz entspannt melancholisch einen Tee trinken und die Reserven wieder aufladen, um kommende Woche wieder frei mit meinen Klienten zu arbeiten.

11.08.2017 um 15:47 Uhr

drown me in the water

Gedanken kreisen, unausgesprochen. Sie drehen sich im Laufe der Zeit, einem Rad gleich. Von oben nach rechts nach unten nach links. Die Zeit verrinnt, tickt vor sich hin. Tick, tack. Und Gedanken schweben. Drehen sich wieder und wieder, egozentrisch um sich selbst. Füttern sich gegenseitig, feuern sich an. Sie laufen im Hamsterrad, hämisch kichernd und stecken ihre faulenden Zungen heraus. Mieser Mundgeruch, den manche Gedanken haben.

Ist es eine Illusion, nichts weiter als eine Illusion? Machte ich mir etwas vor, belog ich mich, als ich diese E-Mail schrieb? Wie nah an der Wahrheit war sie wirklich?
Ein Stück weit, mehr denn je. Ist es dann nicht schon genug, dass es lebendig genug ist, um wahr zu sein, wenn auch nicht immer wach? Wann ist eine Wahrheit eine Wahrheit, und wann eine Lüge? Wann verschleiere ich, wann betrügt mich mein Verstand, wann bin ich auf der richtigen Fährte? Wann male ich mir alles schöner aus, als es ist. Wann schaue ich weg, wenn da etwas Ekliges ist? Wann biege ich mir dank ausgewählter Wahrnehmungen die Realität so zurecht, wie ich sie brauche?

War es Lüge, was ich Ihnen schrieb, oder war es die Wahrheit? Ist das Erlebte lebendig genug, um wahrhaftig und echt zu sein? Oder ist es nur ein schmückender Mantel, den ich mir um die Schultern werfe, um so zu erscheinen, wie ich gerne wäre?
Wenn wir durch unseren Leib unmittelbar Realität erfahren können - wie lebendig bin ich dann wirklich? Und wie undankbar? Wie selbstgerecht, wie verblendet? Wie soll ich meinen Sinnen trauen, wenn sie sich immer nur durch Nebel kämpfen, um "Realität" zu schmecken? Ist es überhaupt möglich, wenn das Erlebte nicht direkt interpretiert und dadurch erneut verschleiert wird?

Wer kam eigentlich auf die dämliche Idee der Realität, der Wahrheit?
Und wie kam ich auf die Idee, je Sicherheit zu erlangen?

Ich glaube, meine Worte waren partiell lebendig und wahr. Hin und wieder spüre ich die beschriebene Leichtigkeit und Gelassenheit.
Aber immer wieder verschwindet auch ein Stück von mir. Versteckt sich, weil es keinen Platz mehr hat. Ich teile mich weiterhin auf. Nur, dass ich mit dieser Teilung vermutlich besser klar komme, als mit der alten.

Und Sie? Lassen wir immer so viel Spielraum für Interpretationen. Ich habe beschlossen, dass es mich nicht interessiert. Denn am Ende bleiben es meine Interpretationen und "Wahrheit" gibt es nicht. Es gibt sie schlicht nicht. Wir re-interpretieren Erlebtes, Gesagtes, Gefühltes. Je nachdem, in welcher Stimmungslage wir gerade sind. Wir sind keine Felsbrocken in stürmischer See, auch wenn ich Sie gerne so gesehen habe. Wir sind alle nur Fähnchen im Wind, dem Irrglauben aufsitzend, wir wüssten je, was Wahrheit ist - wer wir sind - was wir wirklich fühlen oder denken. Es ist alles beliebig.


Ich verirre mich wieder im Garten. Die Frage ist aber viel mehr, ob es mir etwas ausmacht und ich dagegen ankämpfen möchte, oder ob ich es einfach annehme, dass ich in einem Irrgarten lebe. Wie viel Nahrung gebe ich einnem Thema, wie sehr feuer ich es an? Wie viel Mühe verwende ich darauf? Messe ich ihm überhaupt irgend einen Wert bei?

Es ist so beliebig, und noch irrwitziger, dass ich darüber überhaupt nachdenke und dabei traurig werde, wieder dazu neige darüber zu verzweifeln. Es gibt keine Antworten. Nur meine Entscheidung, wie ich damit umgehe.

27.08.2010 um 00:33 Uhr

ene mene muh

Ratzeputz!