Weil manche Worte einen Ort brauchen, an dem sie aufgehoben werden können... Und für manche ist dieser Ort hier.
© angelmagia
Zwischen Wirklichkeit und Illusion
Manchmal, wenn ich abends am
Fenster sitze und in den Nachthimmel schaue, kommen alle Erinnerungen wieder…
Erinnerungen, an ein ganz anderes
Leben. An früher, an damals…
Manchmal kommt es mir vor, als wäre
es eine Erinnerung aus ganz alter Zeit… Aus einem Leben, was nicht einmal mir
gehört.
Auch heute Abend saß ich dort und
habe in die Sterne geschaut. Es ist immer noch so unendlich schön, weil es mir
die Grenzenlosigkeit zeigt, die es auf dieser Welt nirgends gibt… Doch es war
auch anders. So wie es immer anders ist, seit ich gelernt habe
loszulassen… Seit ich gelernt habe, dass
man Vieles ändern kann, aber längst nicht alles… und die Vergangenheit schon
gar nicht.
Heute saß ich dort draußen auf der
Bank vor meinem Haus, völlig versunken in Gedanken, in einer Welt, die ganz mir
allein gehört und plötzlich war sie wieder da: die Erinnerung an diesen einen
ganz bestimmten Tag… Diesen Tag, der mein ganzes Leben auf den Kopf stellte und
es zugleich zum schönsten und auch schlimmsten der Welt machte.
Ich spüre es jetzt noch, als wäre
ich gerade erst aus diesem Traum aufgewacht…
Es war als würde ich fallen, ohne
jemals auf dem Boden anzukommen…. Es war, als hätte man mir die Luft zum Atmen
genommen, nur um mir die Augen zu öffnen…. Es war so unendlich grausam, dass
ich mich selbst jetzt noch manchmal frage, wie ich das ausgehalten habe….
Damals….
Als er gestorben ist, ist für mich
eine Welt untergegangen…. Er war der einzige Mensch, der die ganze Geschichte
kannte… Er hat mich niemals verurteilt für das, was ich bin und für das, was
ich erlebt habe…. Er war immer da …. Mein Lichtblick in einem Leben voller
Schatten. Er war der Mensch, der mich immer verstanden hat und der mir das
Gefühl gegeben hat, dass ich besonders bin…
Und auf einmal war er nicht mehr
da. Weg. Einfach weg.
Warum musste er nur an diesem Tag
zu mir kommen? Warum musste es so kalt sein und so glatt? ... Und warum musste
dieser Autofahrer es so eilig haben….? Unendlich viele Warum und keine einzige
Antwort…
Vielleicht wäre er auch heute noch
hier, wenn er mich nicht besucht hätte…. Wenn es mir besser gegangen wäre und
ich niemandem gebraucht hätte, der mir zuhört und mich in den Arm nimmt…
Vielleicht, vielleicht. Wer weiß
das schon….
An diesem Tag bin auch ich
gestorben. Innerlich. Wieder und wieder….
Ich saß einfach dort auf dem
Fensterbrett und habe meine alten Tagebücher gelesen… Erinnerungen an ihn. An
eine wunderbare Freundschaft, an eine Liebe, für die es keine Worte gibt… Wie
sehr wünschte ich mir, es wäre alles nur ein Traum…. Ich wollte nichts mehr als
aufwachen und wissen, er ist da…
Meine Augen flogen über die Zeilen…
Hier hin und dort hin und es war, als würde ich in genau diesem Moment gefangen
sein….
Es war so unendlich still um mich
herum… Das einzige Geräusch war das Rascheln der Seiten, wenn ich in einer
weiteren Erinnerung versank….Umblättern. Festhalten wollend…. Ich weiß nicht,
wie lange ich dort saß… Wie viele Stunden ich gelesen hatte… Wie viele Worte an
meinen Augen vorbeizogen, wie Vögel auf einer langen Reise…. Ich weiß es
wirklich nicht und ich glaube, ich möchte es auch gar nicht wissen….
Zeit war egal… Zeit war unwichtig…
Alles war unwichtig ohne ihn.
Ich konnte nicht aufhören zu lesen…
Es war wie ein Zwang, eine Sucht…
Etwas, was ich nicht steuern konnte… Ich musste lesen. Alles…. Jeden einzelnen
Moment meines Lebens, den ich dort verewigt hatte… So, als würde er wieder lebendig werden, wenn
ich die Geschichte rückwärts erzähle…
Meine. Denn er war sie komplett mit
mir in die andere Richtung gegangen.
Er war Teil eines jeden Moments…
Auch, wenn es nur aus der Erinnerung war…
Ich saß dort, vor den Scherben
meines Lebens und wusste nicht, was ich tun sollte… Wer würde jetzt mein Herz
zusammenflicken? Wer würde mich jetzt an die Hand nehmen und sagen: „Schau, das
Leben ist gar nicht so schlecht?“ …. Wer?
Niemand…
Ich war ganz alleine… So sehr
alleine, wie noch nie in meinem Leben, obwohl ich immer alleine war… Obwohl ich
immer auf mich selbst gestellt war. Ich hatte niemals jemanden, der mir
geholfen hat… Noch nicht einmal versucht haben sie es…
Ich war egal. Ich war unwichtig.
Und ich durfte es jeden Tag spüren…. Eltern. Was ist das? Freunde. Was ist das?
Kindheit. Jugend.
All das durfte ich nie erleben…
Ich hatte es nie einfach, aber er
hat mir geholfen damit klarzukommen… Und
auf einmal war er weg.
Ich weiß noch, wie ich plötzlich
ganz ruhig wurde und im nächsten Moment lautlose Tränen über meine Wangen
liefen… Wenn ich die Augen schließe kann ich beinahe immer noch das Salz auf
den Lippen spüren und die unendliche Leere im Herzen, von der ich nie gedacht
hätte, dass sie jemals wieder gefüllt würde….
Ich merkte gar nicht, wie die Worte
plötzlich vor meinen Augen verschwammen… Wie sich alles drehte und ich weinend
zusammenbrach….
Denn auf einmal war er wieder da….
Auf einmal kniete er dort neben mir
und hielt mich einfach nur fest… Mein Kopf an seiner Schulter, seine Lippen auf
meinem Haar…
„Alles wird gut… Du hast nur
geträumt… Alles ist gut… Mach dir keine Sorgen…“
In diesem Moment war wirklich alles
gut… Er war wieder da… Er war niemals weg… Zum ersten Mal in meinem Leben
schien etwas richtig zu laufen… Zumindest fühlte es sich so an.
Und dann saßen wir dort auf dem
Boden und unterhielten uns… Planten, redeten, malten uns die Zukunft aus…
Überall um uns herum lagen Zettel
mit einzelnen Worten… Liebe. Glück. Freiheit. Unendlichkeit. Märchen.
Freundschaft. Hoffnung. Zauberei. Zirkus…. So viele Worte…. Und ich weiß bis
heute nicht, warum sie alle dort zwischen uns lagen…
Doch es spielte auch keine Rolle…
Es war egal. Denn er war da und mit
ihm Gedanken an eine Zukunft, die so wunderbar sein würde, wie nichts zuvor.
Es würde ein ganz neues Leben
beginnen…
Ein Leben, in dem alles anders
werden würde. Ein Leben voller Glücklichkeit, voller Vertrauen. …
Ein Leben ohne Albträume und ohne
Erinnerungen an eine Welt, in der ich niemals leben wollte….
Wir saßen dort die ganze Nacht und
den ganzen nächsten Tag und es war das erste Mal, in meinem Leben, dass ich mir
sicher war, dass ich ihn niemals mehr verlieren würde….
*
Die Zeit verging so schnell und mit
ihr die Augenblicke und die Gedanken… und die Momente, die sich tief in mein
Gedächtnis gebrannt hatten…
Plötzlich war das Jahr zu Ende und
ich weiß gar nicht, wo es geblieben ist. Wohin gehen die Sekunden, die man
gelebt hat? Und wohin gehen die, die man vergeudet hat?
Wenn ich könnte, würde ich sie
festhalten. Immer nur festhalten und sie ihm schenken… Denn er weiß am besten,
wie man die Augenblicke füllt.
Ich weiß gar nicht, warum ich mir
auf einmal über solche Dinge den Kopf zerbrach. Es war doch egal, wohin die
Zeit geht, solange man sie gemeinsam verbringen darf.
… Und das folgende Jahr wurde zum
schönsten meines Lebens. Manche Momente tanzten als Bilder in meinem Kopf
herum.
Nie vergessend. Da war der
Winterspaziergang im tiefsten Schnee und die Engel, die wir in die weiße
Wunderwelt setzten. Schneeengel. Oder vielleicht auch Schneeadler.
Ich glaube, das trifft es besser…
Ich war wie neugeboren. So frei. So
glücklich. So schwerelos….Ich war ein neuer Mensch in einem völlig neuen Leben.
Es war, als würde das alte gar
nicht existieren. Als wäre es ein Ausschnitt aus einem Buch, das sich
irgendjemand irgendwann ausgedacht hat…
Es war so weit weg alles.
Und ich war glücklich. Einfach nur
glücklich… Mit ihm an meiner Seite. Ich sah ihn nicht. Oft war er gar nicht da.
Doch irgendwie war er es trotzdem immer…
Manchmal sah er nicht einmal aus
wie er selbst. Aber meine Gefühle konnten sich nicht täuschen.
Er war es.
Er würde es immer sein…
Denn ich kenne niemanden so wie ihn…
Und manchmal in all der Zeit habe
ich mich gefragt, ob man nur einen Menschen in seinem Leben haben darf, der so
sehr besonders ist… Der einen versteht, der einem vertraut…
Ich habe nie eine Antwort darauf
bekommen.
Und vielleicht wollte ich auch gar
keine haben… Ich weiß es nicht. Denn vielleicht haben die wenigsten so einen
Menschen an ihrer Seite… Vielleicht war es gar nicht das Normale. Das
Selbstverständliche.
Manchmal ist es besser, wenn man
nicht alles weiß.
Und wieder waren da Bilder und noch
mehr Bilder in meinem Kopf…
Wir saßen in meinem Zimmer auf dem
Boden und haben unsere Weltreise geplant. „Immer den Sternen nach“, sagte er
während sein Blick die Unendlichkeit streifte….“Immer den Sternen nach“ … Ich
fand, es war eine schöne Idee…
Es war die Idee, die er durch Worte in mein Herz geschrieben
hatte, in dem Moment, als ich mir wünschte mein Leben mit ihm verbringen zu
dürfen….
Nicht nur für immer, sondern auch
für ewig…
*
Als ich dann wieder aufblickte, war
ich völlig alleine… Mein Tagebuch lag aufgeschlagen neben mir… Tränen hatten
die Worte verwischt, sodass sie nicht mehr lesbar waren… Nur eines noch, ganz
am Ende der Seite… Sehnsucht…
Und plötzlich musste ich wieder
weinen… Es war, als müsste ich ersticken…. Als würde die Traurigkeit niemals
mehr vergehen… Wie kann man träumen aufzuwachen und ganz normal weiter leben?
Wie kann man nur träumen, dass die Wirklichkeit bloß eine Illusion ist und der
Traum die Realität?....
Er würde niemals mehr wieder
kommen… Er ist für immer gegangen…. Und in diesem Moment ging meine Welt ein
weiteres Mal unter…
Als hätte das Schicksal aus meinem
Leben ein Kartenhaus gebaut und die unterste Karte herausgezogen... Ich war alleine…. Und es würde sich niemals
mehr ändern….
Allein…. Allein… Allein… Worte, die
mit der Zeit leiser wurden und irgendwann nur noch als Echo in meinen
Erinnerungen verhallten….
Allein…
Ich erinnere mich so gut an diesen
einen Moment, der mein Leben völlig auf den Kopf stellte… Dieser eine Moment…
Dieser eine Traum. Einschlafen und dabei aufwachen. Wirklich aufwachen und
endlich lernen loszulassen….
Und jetzt bin ich endlich frei….
Das Fundament meines Lebens hat
sich nicht geändert… Doch nun habe ich es akzeptiert… Ich kann damit leben, weil
ich damit leben muss… Könnte ich es ändern, würde ich es tun…
Doch manche Dinge sind unmöglich.
Und manche Dinge sollen nicht
geändert werden…
Man kann Vieles verstehen. Aber
niemals alles… Ab jetzt geht mein Leben den Sternen nach ohne das Wunder der Zeit.
Denn manchmal braucht man keine
Zeit, einfach weil man mehr als genug davon hat.
Einfach weil manche Momente ewig
sind.
Zumindest im Herzen…