Da stand ich nun am Bahnhof und konnte mich nicht entscheiden, aussteigen, oder im Auto sitzen bleiben, auf dem Bahnsteig warten oder vorm Auto? In mir war Chaos und ich rang mühsam um Fassung, als ich mich doch entschied, zum Bahnsteig zu gehen, so wie immer. Der Zug fuhr ein und mir war speiübel. Da war er, lächelnd, bepackt, nahm mich in die Arme und fing sofort an, mich mit Glückwünschen zu überschütten. "Ich wünsch dir ein paar Tage mehr Urlaub, ein liebes Katzenkind, einen F. der dir die Wünsche von den Augen abliest... Er sagte noch mehr, aber ab da hörte ich nichts mehr, weil die mühsam zurückgehaltenen Tränen mit aller Macht fließen wollten und ich stand da, schluchzend und zitternd, eng umschlungen von ihm. "Hey?" fragte er irritiert und erschrocken, "Was ist denn passiert?" Ich schüttelte nur den Kopf. Sprechen konnte ich nicht. Er wollte mich anschauen, schob mich ein Stück von sich weg, aber ich drehte den Kopf zur Seite, konnte ihm nicht in die Augen schauen. Ich schämte mich so. Stattdessen nahm ich seine Hand, nein, ich klammerte mich an seine Hand und ging mit gesenktem Blick neben ihm zum Auto. Immer wieder wollte er wissen, was los sei. Statt einer Antwort fragte ich ihn, ob er Hunger hätte und daß wir doch erstmal nach Hause fahren sollten. Die Fahrt verlief schweigend und als ich nach seiner neuen Wohnung fragte, antwortete er einsilbig, war furchtbar irritiert und besorgt.
"So, nun komm erstmal her.", sagte er, als wir drinnen waren und schaute mich mit sorgenvoll gerunzelter Stirn an. "Wollen wir nicht erstmal was essen?", schlug ich fast verzweifelt vor. In mir wiederholte es ständig, tu's nicht, das KANNST du nicht tun, tu's nicht, tu's nicht....
"Ich geh hier keinen Zentimeter weg, bis du mir nicht gesagt hast, was los ist!", er klang entschlossen, aber nicht weniger besorgt. Ich setzte mich zu ihm und das helle Licht störte mich auf einmal. Ja, ich schämte mich.. Das Licht runterdrehen wollte ich aber auch nicht, als ob ich eine heimelige Atmosphäre schaffen wollte, für das, was ich zu sagen hätte. In mir tobte es, ich war so durcheinander, was sollte ich sagen? WIE sollte ich ES nur sagen? Wie sagt man sowas, du, ich will nicht mehr mit dir zusammen sein?! Es ist so unfair, so verletzend, so zerstörerisch.
"Ich glaub, ich kann das nicht." begann ich. "Was denn?", "Das mit dem Glücklichsein..." Er sah mich nur an. "Ich hab das Gefühl, ich werd die Zweifel nie mehr los werden." Er sah mich weiter an, fragte dann, "Und was bedeutet das für uns?" Mir sackte das Blut aus dem Kopf, völlige Leere, aber jetzt...jetzt musste ich es sagen, "Daß es vielleicht besser kein Uns mehr gibt......." Ich sah das Begreifen in seinem Blick, ungläubig erst, dann fassungslos. Er drehte sich weg, stützte die Stirn in die Hand, sah mich wieder an, wieder weg, als müsse er sich vergewissern, daß das wirklich ich war, die das grad gesagt hatte. "Aber warum nur? Warum?" Seine Stimme belegt, bestürzt. Immer wieder schüttelte er den Kopf. Ich rettete mich in seine Arme, ja warum? Das wusste ich in dem Moment selbst nicht. Wir hielten und fest und er sprach beschwörend auf mich ein. Sprach davon, daß es doch soviel besser zu zweit sei und daß er zuvor noch niemals erlebt habe, daß es mit jemandem so perfekt gepasst hätte wie mit mir. "Und ich komm klar, mit deinen Zweifeln, mit deinen Höhen und Tiefen, du tust mir damit nicht weh.", "Aber ich komm nicht damit klar.", ich musste mir meine Worte mittlerweile wie in einem emotionalen Kraftakt abringen. "Aber......Nein," sagte er dann schon fast trotzig, "Ich lass mich nicht so einfach fort schicken. So leicht mach ich es dir nicht.", sein angehängtes leises, "verstehst du....?", drückte sein inneres Ringen aus. Seine wunderschöne, sonore Stimme, so zerbrochen hatte ich sie noch nie gehört. Und ich, ich wollte ihn gar nicht fort schicken, im Gegenteil, ich konnte nicht aufhören, ihn anzufassen, ihn festzuhalten, zu streicheln und ihm in seine Augen zu schauen, die mittlerweile rot gerändert waren. Er hatte mal gesagt, das sei sein Weinen, Tränen gäbe es eigentlich gar nicht. Als ich das letzte Mal diesen Blick gesehen hatte, war es ein Weinen vor lauter Glück gewesen.. Jetzt dachte ich, ich müsse daran sterben. "Ich werd nicht betteln," sagte er, "Weißt du, wenn du sagst, ich tu dir nicht gut, dann geh ich. Für alles andere kann man doch eine Lösung finden." Ich brachte es nicht über die Lippen. Da war so viel, das nur in meinem Kopf war und das von Anfang an diese Beziehung torpediert hatte. Meine Minderwertigkeitsgefühle, die sich immer wieder Bahn brachen und mich mit unbegründeter Eifersucht und Argwohn quälten - immer dann, wenn ich mein Herz an jemanden hänge. Bin ich allein, spüre ich sie nicht. "Lass uns drüber reden, was wir besser machen können", bat er, "Ich werd mich nicht mehr ändern, aber ich kann lernen und ich hab doch auch schon so viel gelernt."
Ich wusste schon lange nicht mehr, was richtig oder falsch war (hatte ich das vorher gewusst?) Also war der einzige Plan, den ich hatte, unter allen Umständen an meiner Entscheidung festzuhalten. Ich lag in seinem Arm, den Kopf an seine Schulter gelehnt, flüsterte ich in seinen Pullover, "Ich glaube trotzdem, daß ich besser wieder allein sein sollte." Aprupt stand er auf. An der Stubentür blieb er nochmal kurz stehen, sah sich um, ließ seinen Blick schweifen, als ob er die Eindrücke noch ein letztes Mal in sich aufnehmen wollte. Dann ging er in den Flur, um Schuhe und Jacke anzuziehen.
Derweil klappte ich auf dem Sofa völlig zusammen. Er würde gehen, er würde wirklich gehen. Und das, weil ich das so wollte! Wollte ich das denn wirklich?? Chaos. Ich ging zur Tür. "Willst du wirklich gehen?", fragte ich unsinnigerweise. Er sah mich an, "Was soll ich denn noch hier?!", fragte er mit soviel Schmerz in der Stimme. Es tat so weh, körperlich weh. Im Herzen, im Bauch, überall. "Mit mir reden..." brachte ich noch hervor, bevor die Tränen wieder gestürzt kamen und ich nur noch Schluchzen konnte. In dem Moment fühlte es sich an, als würde er mich verlassen und ich wollte nur noch eins, erreichen, daß er blieb. Wie ambivalent kann man sein??
"Ich will doch nicht fortgehen," sagte er, als wir wieder auf dem Sofa saßen, "keinen Millimeter will ich weg.", er klang ebenso erschöpft, wie ich mich fühlte. Wir redeten weiter und hielten uns an den Händen dabei, oder im Arm, weinten beide und waren beide fassungslos über das, was gerade passierte. "Hast du das geplant, es heute zu beenden?", fragte er. "Der Gedanke war da", antwortete ich, "aber daß es heute sein würde, das ist Zufall. Ich wollte doch einfach nur fair sein, dich nicht hinhalten..."
"Was heißt denn hinhalten?", wollte er wissen. "Na, zum Beispiel, daß ich dir sagen kann, ich hab dich lieb, aber nicht, ich liebe dich."
"Aber du hast es doch schon zu mir gesagt. Silvester."
"Aber Gefühle können sich doch ändern und ich glaub eben nicht, daß das wiederkommt bei mir." mit jedem Wort schnitt ich mir tiefer ins Herz, wie musste sich das erst für ihn anfühlen. Irgendwann sagte er, daß wir doch irgendeine Entscheidung treffen müssten, "Gehen oder Bleiben?" Ich konnte nichts sagen, ansehen konnte ich ihn noch viel weniger. Vor meinem inneren Auge zogen Bilder vorbei, so viele schöne Dinge, die wir zusammen erlebt, zusammen gefühlt hatten. Und auch die, die mich immer wieder zweifeln ließen. Nach einer gefühlten Ewigkeit flüsterte ich ohne ihn anzusehen, "Gehen......" Und im selben Moment schrie es in mir, NEIN, was hast du getan! Er stand wortlos auf, zog sich an. Ich fühlte mich so mies und so schuldig wie noch nie in meinem Leben.
Er schulterte seinen Rucksack, wollte grad zur Tür hinaus, da hob ich den Blick und sah ihn an. Tränen. Ich trat zwischen ihn und die Tür, er wehrte sich nur halbherzig und ich umarmte ihn und er weinte haltlos, schluchzte, das Gesicht in meinem Haar vergraben. Keiner kann ermessen, was in dem Moment in mir vorging, diesen Zwei Meter und Hundert Kilo-Mann so völlig in sich zusammenbrechen zu sehen.. Ich hielt ihn fest, bis er sich ein wenig beruhigt hatte, dann drängte er zur Tür. Doch gehen konnte er nicht. Er drehte sich nochmal um, musste sich an den Türrahmen lehnen. Er sagte etwas, doch weinte so sehr dabei, daß ich ihn nicht verstand. Es ging um das T-Shirt von ihm, an das ich mich gegen das Vermissen immer beim Schlafen gekuschelt hatte. Er hatte mir ein Neues mitgebracht, mit seinem Parfum eingesprüht. Wir waren beide am Heulen.
Ich wollte ihn bitten, doch wieder rein zu kommen, versuchte, ihn an der Hand zu fassen, doch er schüttelte mich ab, sagte noch etwas, das ich nicht verstand und war weg. Ich ging zum Fenster, sah, daß er noch ewig auf der Straße stand, ich glaube, er rauchte. Weiter unten an der Ecke blieb er wieder stehen. Ewig. Ich blieb genauso ewig am Fenster. Es war zu dunkel, ich konnte nicht sehen, in welche Richtung er blickte, sah er mich? Ich tippte eine sms, "Bleib noch über Nacht. Bitte." Keine Antwort. Ich versuchte einen Anruf, er drückte mich weg. Ich ging zurück ins Zimmer, wollte grade eine sms an meine Rabenmutter tippen, als es an der Tür läutete. "Ich" tönte es leise aus der Sprechanlage. Ich ließ ihn herein.
"Ich bin doch hier zu hause, verdammt." sagte er leise, als er wieder im Flur stand. Ich lächelte und war in diesem Moment einfach nur froh, daß er wieder da war. "Du willst wirklich noch bis morgen bleiben?", vergewisserte ich mich. Er wirkte plötzlich verunsichert. "Und morgen früh schickst du mich dann trotzdem weg?" Ich schaute ihn nur an, dachte nur, oh nein.... Er hatte sich in seiner Verzweiflung an einen Strohhalm geklammert, der keiner war.. Es tat mir so leid, so weh, hätte ich doch nur nicht nochmal geschrieben... Ich machte es uns doch beiden noch viel schwerer.
Als er begriff, wollte er im ersten Impuls wieder gehen, zum dritten Mal an diesem Abend.. Ich fühlte mich so.......schuldig... Ich schüttelte den Kopf, "Bleib doch..."
"Und dann?!", fragte er traurig, "Wir wollten uns doch einen schönen Abend machen, den Film gucken, eine Massage solltest du bekommen..."
"Wir können doch Film gucken..", antwortete ich.
"Und ich darf dich nicht in den Arm nehmen, nicht küssen, nicht anfassen.."
Ich umarmte ihn und sein Magen knurrte laut und vernehmlich, "Komm, ich mach dir was zu Essen.."
Ab dem Moment war das Eis irgendwie gebrochen. Wir standen zusammen in der Küche. Er bat mich, ihm beim Essen Gesellschaft zu leisten. Während er aß, machte ich meine Geburtstagspost auf und wir lachten gemeinsam über ein skurilles Buch, "Heimische Männerarten, ein Bestimmungsbuch". Wir machten es uns mit Wein auf dem Sofa gemütlich. Der Film den wir sehen wollten war "Eyes wide Shut". Ausgerechnet.. Nur die Massage, auf die verzichtete ich lieber, wenn auch schweren Herzens. Er war da und es war gut. Irgendwie war alles gut und ich dachte in dem Moment nicht an das Morgen.
Immer wieder suchte er Körperkontakt, nahm meine Hände, legte seinen Arm um mich, wollte mich auf den Mund küssen. Ich versuchte nur halbherzig mich dem zu entziehen. "Darf ich denn um dich kämpfen?", fragte er unvermittelt. Ich sah ihn an. "Lass mir noch ein paar Tage Zeit...", "Du hast alle Zeit, die du nur brauchst." Etwas später dann ein völlig widersinniges "Du musst mir aber versprechen, daß du mich dann auch wiedernimmst.", das seine Verzweiflung wohl sehr gut wiedergab. "Das kann ich nicht." flüsterte ich und er seufzte auf und nickte leicht.
"Wie fühlt es sich denn jetzt grad für dich an?", wollte ich wissen. "Melancholisch beschreibt es wohl am besten.", seufzte er. Wir redeten noch ein Wenig und er sagte, "Weißt du wie du mich glücklich machen kannst? Indem du dich glücklich machst!"
Irgendwann knockte der Wein mich ziemlich aus, oder der fehlende Schlaf verlangte sein Recht, oder beides, ich musste ins Bett. Ich zog mir im Bad mein Schlafzeug über. Es war komisch, ihm eine gute Nacht zu wünschen. Sonst hatte er mich immer ins Bett gebracht und mich im Arm gehalten und gestreichelt, bis ich schlief. Und irgendwie......wünschte ich mir das grade sehr. "Ich bring dich.", sagte er und lächelte. Er musste ja sowieso noch das Bettzeug holen, er würde wie immer, auf der Bettcouch im Wohnzimmer schlafen. Bevor er sich zu mir kuschelte, schob er mir noch mit einem schüchternen Lächeln sein für mich präpariertes T-Shirt hin und ich legte es neben mein Kissen. Wir küssten uns und seine Hand streifte meinen Busen. Und ich reagierte unvermittelt heftig darauf. Nunja, es kam, wie es kommen musste und was soll ich sagen, es war wunderschön. Sogar so wunderschön wie es noch nicht mal mit K. wunderschön gewesen ist....
ff